1918-09-03-DE-001-V
DuA Dok. 435 (gk.)

Der Leiter der deutschen Delegation im Kaukasus (Kreß von Kressenstein) an den Reichskanzler (Hertling)
Tiflis, den 3. September 1918.

Euer Exzellenz berichte ich gehorsamst, daß ich am 30. 8. einer Einladung Halil Paschas und den dringenden Bitten der armenischen Regierung folgend, zusammen mit Baron Frankenstein Halil Pascha bei seinem Antrittsbesuch in Eriwan begleitet habe.

Ich habe die an mich gerichtete Einladung angenommen, weil ich hoffte, bei dieser Gelegenheit Halil Pascha davon überzeugen zu können, daß die Vorstellungen, die man sich in Konstantinopel von der sogenannten Armeniergefahr macht, unrichtig und unberechtigt sind. Ich hoffe, daß es den Berichten Halil Paschas gelingen wird, die türkische Oberste Heeresleitung davon zu überzeugen, daß all den Schlagworten, wie "militärische Notwendigkeiten", "Bedrohung der rückwärtigen Verbindungen" und dergleichen mehr, mit denen man den Mord an vielen Tausenden von Menschen zu rechtfertigen und die Bemühungen des deutschen Botschafters und der deutschen Obersten Heeresleitung zur Rettung der Armenier lahmzulegen versucht, jeder berechtigten Grundlage entbehren. Insbesondere erwarte ich mir einen Erfolg davon, daß dem Gen. v. Seeckt nunmehr auch durch den Bericht eines türkischen Heerführers, den die zahllosen Morde, die er an Armeniern begangen hat, von jedem Verdacht der Armenierfreundlichkeit freisprechen dürften, vor Augen geführt wird, in welch schamloser Weise er in allen mit den Armeniern zusammenhängenden Fragen von der Türkei angelogen wird.

Die türkischen Truppen im Kaukasus, mit den Armeeführern angefangen bis herunter zum letzten Leutnant, der auf Grenzwache steht, sind von der Bestie Wehib Pascha derart gegen die Armenier und Deutschen verhetzt, daß es voraussichtlich lange dauern wird, bis es Halil Pascha, der auf einem weit vernünftigeren Standpunkt steht, gelingen wird, sich durchzusetzen. Essad und Ali Ichsan Pascha, sowohl wie insbesondere Schewki Pascha machen ihm nach jeder Richtung hin Schwierigkeiten. Der letztere läßt kaum einen Tag vergehen, ohne sich eine ganz grobe Ungezogenheit und Disziplinwidrigkeit gegen Halil Pascha zu Schulden kommen zu lassen. Jüngst hat er [hat jüngst] Halil Pascha geschrieben, er könne sich mit seiner Politik in keiner Weise einverstanden erklären. Seitdem er, Halil Pascha, den Oberbefehl übernommen habe, mache sich schon wieder der Einfluß dieser Deutschen fühlbar. Die Befehle Halils werden einfach nicht befolgt, jeder Befehl wird mit Gegenvorstellungen beantwortet; an jeder Anordnung Halils wird Kritik geübt. Die von der obersten Kriegsleitung angeordnete Operation wird von den jüngsten Offizieren als Unsinn und als undurchführbar bezeichnet, und damit systematisch das Vertrauen in die obere Führung erschüttert. Halil scheut sich, – wenigstens bis jetzt – dem älteren General gegenüber mit der erforderlichen Energie aufzutreten.

Er selbst hat sich mir gegenüber bitter beklagt über die großen Schwierigkeiten, die ihm sowohl die unterstellten Oberbefehlshaber der 6. und 9. Armee machten, als auch sein Nachbar Essad. Von letzterem behauptet er, daß er völlig unter dem Einfluß seines Stabschefs Omer Lutfi, einer Kreatur Wehibs, stände. Er erhofft sehnlichst, daß Omer Lutfi bald durch einen deutschen Chef abgelöst wird. Ich darf der Erwägung anheimstellen, ob es sich im Interesse einer glatten Durchführung der von der obersten Kriegsleitung angeordneten Operationen in Persien nicht empfehlen wurde, den Gen. v. Seeckt anzuweisen, daß er auf eine möglichst baldige Entfernung Schewki Paschas, der ja seinerzeit auch dem Gnrlobst. Graf Bothmer große Schwierigkeiten gemacht haben soll, hinarbeitet.

Hinsichtlich der Einzelheiten unseres Besuches bitte ich auf mein Telegramm und auf die beiliegende Abschrift eines von Baron Frankenstein verfertigten Berichtes, dem ich in allen Punkten beitrete, Bezug nehmen zu dürfen.

Ich möchte mir nur erlauben, die folgenden Punkte als besonders charakteristisch für die türkische Politik unterstreichen zu dürfen.

1. Auf das Drängen der deutschen Regierung und Obersten Heeresleitung hin, sagt die türkische Regierung unserem Botschafter und den armenischen Bevollmächtigten in Kospoli zu, daß die Bezirke Lori und Pambak unter gewissen Bedingungen den Armeniern eingeräumt werden sollen. Ein diesbezügliches, von General v. Seeckt unterzeichnetes Telegramm trifft in Batum ein, mit dem Auftrag, auch mir hiervon Kenntnis zu geben. 2 Stunden später setzt ein Telegramm Envers den von General v. Seeckt gezeichneten Befehl außer Kraft. Ich erhalte keine Mitteilung.

2. Enver ordnet an, daß die armenischen Flüchtlinge, unter gewissen Bedingungen, nach gewissen Gegenden zurückkehren können. Essad Pascha sollte die nötigen Vollzugsbestimmungen erlassen. Da dieser grundsätzlich auf Briefe und Telegramme, die ihm nicht genehm sind, keine Antwort gibt, schicken Baron Frankenstein und ich den K. u. K. Oberstleutnant Pawlas nach Batum, um mit Essad Pascha über die Formalitäten der Rückkehr der Flüchtlinge zu verhandeln. Dieser schickt ihn wieder weg mit der Behauptung, die Kommandoverhältnisse hätten sich geändert, Halil Pascha sei nunmehr zuständig. Wir kommen zu Halil, um von ihm zu erfahren und durch Dokumente belegt zu erhalten, daß die Behauptung Essads glatt erlogen und erfunden ist.

3. Halil las uns einen Bericht vor, den er von Nuri Pascha zur Weitergabe nach Konstantinopel erhalten hatte. In diesem Bericht wird wider besseres Wissen behauptet, daß "die Armenier" im Bezirk von Karabag innerhalb 2 Tagen 30 tatarische Dörfer niedergebrannt hätten. Nuri weiß sehr wohl, daß es sich hier nicht um die Armenier, d. h. die armenische Republik, sondern nur um den Bandenführer Andranik handelt, mit dem die armenische Regierung nichts zu tun hat; er weiß sehr wohl, daß sich die armenische Regierung angeboten hat, den Andronik durch ihre eigenen Truppen gefangen nehmen und unschädlich machen zu lassen, daß aber Aserbeidschan den Armeniern den Eintritt auf das strittige Gebiet von Karabag verbietet. Nuri weiß ferner sehr wohl, daß höchstens 10 Dörfer zerstört sind, wenn ein Tatare ihm meldet, daß 30 vernichtet worden seien, er weiß auch sehr wohl, daß man sich in Kospoli nicht 4 oder 5 armselige Lehmbütten darunter vorstellt, wenn er von Tatarendörfern meldet. Dies ist nur ein Beispiel für viele, in welch gewissenlos tendenziöser Weise nach Kospoli berichtet wird, um dort völlig übertriebene und unrichtige Vorstellungen von der sogenannten Armeniergefahr zu erwecken. Nur aus dieser wissentlich falschen Berichterstattung läßt es sich erklären, daß Gen. v. Seeckt [man sich], ungeachtet unserer Berichte, noch immer auf dem [den] Standpunkt steht [stellt], daß die Rückkehr der armenischen Flüchtlinge in die Heimat eine Gefahr für die türkische Armee bedeute. "Man kann nicht zugeben, daß eine halbe Million bewaffneter Feinde im Rücken unserer Armee angesiedelt wird." Diese halbe Million bewaffneter Feinde sind Greise, Weiber und Kinder. Dafür, daß nahezu keine waffenfähigen Männer mehr zurückkehren können, haben die Türken und Tataren gründlich gesorgt. Es ist ein leichtes, die Flüchtlinge beim Überschreiten der Grenze völlig zu entwaffnen.

Auf ein weites Gebiet verstreut, bilden die verelendeten Flüchtlinge eine geringere Gefahr, als wenn sie auf einem engen Raum versammelt durch Hunger zu Verzweiflungstaten getrieben werden.

Wenn die Armenier wollten, so könnten sie heute tagtäglich in dem unübersichtlichen Gebirgsgelände ohne alle Schwierigkeit die rückwärtigen Verbindungen der Türken an einer der zahlreichen Kunstbauten der Gebirgsbahn Sanain-Karakilissa auf Wochen unterbrechen. Wenn die Türken sich gegen eine Bedrohung ihrer rückwärtigen Verbindungen sichern wollen, dann können sie dies nur dadurch tun, daß sie sich die Armenier zu Freunden machen. Treiben sie aber die Armenier zur Verzweiflung, so erreichen sie gerade das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigen.

Die diesjährige Ernte in den von den Türken besetzten armenischen Gebieten ist zum Teil von den Türken eingebracht worden. Zum weitaus dem größeren Teil aber haben die Türken die Ernte dadurch vernichtet, daß sie ihre Pferde und ihr Vieh auf die Felder trieben.

Wenn die Flüchtlinge nicht zurückkehren dürfen, so werden diese reichen Gebiete - in erster Linie zum Schaden der Türken, - auch im nächsten Jahre keine Ernte tragen.

Die Eisenbahn befindet sich in dem von den Türken nun schon seit Monaten besetzten Gebiete noch immer in sehr schlechtem Zustand. Man hat noch nichts getan, um die zerstörten Brunnen in Stand zu setzten. Die Lokomotiven werden teils mit kleinen Handpumpen, teils mit Handeimern gespeist, das Bahntelefon ist noch nicht wiederhergestellt; jede Fahrt ist mit Lebensgefahr verbunden; die Stationen und Weichen sind nicht besetzt, sodaß Entgleisungen an der Tagesordnung sind. Halil Pascha hat auf Veranlassung Obstlt. Paraquins energisch eingegriffen, und eine Besserung ist in absehbarer Zeit zu erwarten. Ich glaube aber doch, die Tatsache erwähnen zu sollen als neuen Beweis dafür, wie wenig die Türken bisher daran dachten, die von der obersten Kriegsleitung befohlenen Operationen nach Persien auszuführen.

Über die beiden neuernannten türkischen diplomatischen Vertreter in Tiflis und Erivan, Abdul Kerim Pascha und Mehmed Ali Pascha wird die k. Botschaft in Konstantinopel Euer Exzellenz bereits berichtet haben. Beide sind mir wohl bekannt, besonders Abdul Kerim Pascha, mit dem ich in Palästina einige Zeit zusammen gearbeitet habe. Für ihre Auswahl dürfte lediglich der Gesichtspunkt maßgebend gewesen sein, daß beide altmodische, sehr fromme und fanatische Muhamedaner sind, von denen man sich gute Dienste für die panislamitische Propaganda erwarten kann. Mehmed Ali Pascha führt im Offizierskorps allgemein den Namen Mehmed Ali Tschausch (Tschausch = Sergeant), eine Bezeichnung, die die Ausdehnung seines Horizonts treffend charakterisiert, und Abdul Kerim gilt im Kameradenkreis für völlig verschroben. Er verlangt von seinen Offizieren, daß sie ihm die Hand küssen und speist sie bei allen dienstlichen Anträgen und Vorstellungen mit der Versicherung ab, daß er ihr Vater sei und sie ihm vertrauen müßten. Beide sitzen schon seit mehr als 14 Tagen in Batum, haben es aber noch nicht für nötig befunden, sich an ihre Posten zu begeben.


Frhr. von Kreß.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn Grafen von Hertling, Berlin.


Anlage.

Ergebnis der Eriwaner Verhandlungen Halil Paschas und der armenischer Regierung unter unserer Mitwirkung:

Im Gegensatz zu den tendenziös entstellten Meldungen Essad, Schefki und Nuri Paschas über die der Türkei seitens Armeniens drohende Gefahr, gewann Halil Pascha den Eindruck, daß Armenien keineswegs beabsichtigt, gegen die Türkei vorzugehen. Halil versprach, Enver darüber aufzuklären, es handle sich bei der Rückkehr der Flüchtlinge hauptsächlich um Frauen, Kinder, Greise, die wenigen übrig gebliebenen Männer könnten vorher leicht entwaffnet werden. Er bezeichnete selbst Envers Zugeständnis der Rückkehr der Armenier in Gebiet 20 km östlich Bahnlinie Alexandropol-Djulfa als wertlos.

Die Rückgabe der Gebiete von Lori und Pambak, die General v. Seeckt vor einiger Zeit durch Telegramm nach Batum anordnete, Enver Pascha aber durch ein zweites Telegramm widerrief, versprach Halil wärmstens zu befürworten.

Essad Paschas Hinterhältigkeit ist durch die Oberstleutnant Pawlas gegenüber abgegebene offensichtlich unwahre Erklärung erwiesen, die Feststellung der Gebiete in seinem Kommandobereiche, in welche die Flüchtlinge ohne Gefahr der Niedermetzelung zurückkehren könnten, falle infolge Kommandoveränderung in Halil Paschas Kompetenz, was dieser selbst als unrichtig bezeichnet.

Armenische Regierung erklärt sich bereit, um ihre Aufrichtigkeit zu beweisen, ein armenisches Bataillon zur Unschädlichmachung des Bandenführers Andronik nach Karabach zu entsenden und es sodann gleich zurückzuziehen.

Erbitten eheste Mitteilung, ob Halil in obigem Sinne Enver berichtete, und mit welchem Ergebnisse.

Sterblichkeit unter den Flüchtlingen zunehmend.


Kreß. Frankenstein.

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