1915-11-30-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14089
Zentraljournal: 1915-A-36213
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 12/15/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K. No. 110/No. 2725
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K. No. 110 / No. 2725
Aleppo, den 30. November 1915

Euer Exzellenz beehre ich mich, in der Anlage einen erst dieser Tage in meine Hände gelangten Brief und Aufsatz der deutschen Missionarin Magdalena Didszun aus Hadjin vom 15. September d.J. zu überreichen, der in besonders deutlicher Weise darauf hinweist, in wie weiten türkischen Kreisen die Verantwortung für die Armeniergreuel auf Deutschland abgewälzt wird und der zu den früher bekannt gewordenen Schilderungen den neuen Zug hinzufügt, dass Zwangsbekehrungen zum Islam versucht und herbeigeführt worden sind. Auch scheint mir der Aufsatz als Stimmungsausdruck bemerkenswert.

In einer weiteren Anlage lege ich gehorsamst die Schilderung eines Armeniers Sarkis Manukian über seine Erlebnisse auf der Wanderung von Erzerum nach Surudj (süd-westlich von Urfa) vor. Manukian hat von 1905 – 1908 in Berlin und von 1908 – 1910 in Leipzig Philosophie studiert und an letzterer Universität den Doktor der Philosophie gemacht. Er war mehrere Jahre Lehrer an einer armenischen Schule in Erzerum, zuletzt auf Anregung des Generals Posselt, dann des deutschen Konsuls von Scheubner Lehrer für deutsche Sprachkurse. Seinem Zug ist es ergangen, wie so vielen anderen: Männer und Frauen wurden getrennt und die Männer ermordet. Man hat keine Kugel für sie übrig gehabt, sondern sie mit Beil und Messer, zweitausend Männer an einem Tage geschlachtet. Gendarmen waren beteiligt, die Opfer zur Richtstätte zu führen und die Kurden haben behauptet, auf Befehl der Regierung zu handeln. Der Kaimakam von Adiaman hat den Zug vorher und nachher begleitet. Zugtiere, Hab und Gut, auch Kleidungsstücke sind den Frauen und Kindern von Beamten abgenommen worden. Mehrfach habe ich im Verlauf der letzten Monate von der grausamen Art solcher Umbringungen gehört, aber davon geschwiegen, weil ich keinen Augenzeugen hatte. Manukian der wohl als einwandfreier Zeuge gelten kann, hat solche Scene erlebt. Er selbst ist gerettet worden Dank guter Kenntnisse der kurdischen Sprache. Ich bin gegenwärtig bemüht, für ihn zu erreichen, dass ihm ein bewohnbarer Ort als Wohnsitz angewiesen wird oder dass er wenigstens von Surudj aus nicht weiter in die Wüste geschickt wird.

Kürzlich war eine bis zur Verschickung sehr reiche armenische Dame aus Trapezunt, Frau Gaidzak bei mir, welche erzählte, dass von 3000 bis 3500 Armeniern, die Trapezunt auf einmal verlassen mussten, nur sie mit 5 Angehörigen in Aleppo angekommen sei. Trotz zahlreicher Bemühungen hat sie nicht in Erfahrung bringen können, wo die übrigen sich befinden und fürchtet, dass sie mit Ausnahme der verschleppten Frauen und Mädchen umgekommen sind. Sie selbst konnte sich retten, weil sie unterwegs mehrmals türkische Beamte und Offiziere getroffen hat, die früher in ihrem gastfreien Hause verkehrt hatten und sich ihrer nun annahmen.

Dieser Tage hatte ich Ursache, aus Anlass der von der 4. Armee unternommenen Seuchenbekämpfung, die Aufmerksamkeit des Generalstabschefs dieser Armee, des Freiherrn von Kress auf ein sogenanntes “Waisenhaus” in der Stadt zu lenken, das von türkischer Seite unterhalten wird, und in dem täglich mehrere Todesfälle vorkommen. Oberst von Kress besichtigte es und sagte mir, dass die Zustände darin jeder Beschreibung spotteten. Er fügte etwa hinzu: “Wenn die Türken auf den Wanderungen die Männer umbringen lassen, so können sie den Vorwand gebrauchen, dass sie sich gegen Empörung schützen müssen; wenn Frauen und Kinder vergewaltigt und entführt werden, so können die Türken den Vorwand gebrauchen, dass sie die Kurden und Gendarmen nicht in der Hand hatten; wenn sie die Wandernden verhungern lassen, so können sie den Vorwand gebrauchen, dass die Verpflegungsschwierigkeiten auf dem Marsche so gross sind, dass sie ihrer nicht Herr werden; wenn sie aber inmitten der Stadt Aleppo die Kinder in Hunger, Kälte und Schmutz verkommen lassen, so ist das unentschuldbar.” Zum Schutze gegen die Wintertemperatur war den Kindern auf den Steinfliesen nur eine Strohmatte gebreitet und zu mehreren, auch zu mehreren Kranken waren sie, ungenügend bekleidet, mit einer Strohmatte zugedeckt. Die hiesigen Armenier hatten Geld aufgebracht und davon Decken beschafft. Als sie aber an das “Waisenhaus” kamen und baten, die Decken verteilen zu dürfen, da wurde es ihnen verwehrt mit der Begründung des Beamten, die Regierung würde selbst für die Kinder sorgen!

Mit der neuerdings wieder angeordneten Bahnbeförderung von 50000 Armeniern von Radju und Katma nach Ras ul Ain ist vor einigen Tagen begonnen worden – täglich werden tausend befördert. Auch schwerkranke werden mitverladen. Die Gestorbenen werden auf den Stationen einfach ausgeladen, ja es ist vorgekommen, dass Leichen auch zwischen den Stationen am Bahndamm gefunden worden sind. Die Bahnverwaltung hat Mühe, dieser Zustände Herr zu werden. Dabei ist ihr dieser Tage für den normalen Reisendenverkehr von der Regierung zugemutet worden, sie solle bei jedem Reisenden der von Aleppo abfahre, durch ihren Arzt die Temperatur feststellen und ihm die Abreise verweigern, wenn er mehr als 38° habe! Sie hat erwiedert, die Regierung möge zunächst dafür sorgen, dass keine kranken Armenier mehr in Katma und Radju verladen werden.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.


Rößler

Anlage 1

Abschrift.

Hadjin, den 15. November 1915

Hoch geehrter Herr Konsul!

Einliegend ueberreiche ich Ihnen einen den wahren Tatsachen entsprechenden Aufsatz, den sie guetigst nach Belieben verwenden wollen, um endlich die Wahrheit an den Tag zu bringen und den auf Deutschlands Namen gefallenen Flecken durch feste Tat zu reinigen.

Zu noch naeheren Auskuenften bin ich jederzeit bereit, denn ich bin Augen- und Ohrenzeuge aller Geschehnisse.

Was in dem Aufsatz geschildert wird, sind alles persoenliche Erfahrungen, die ich hier als einzige alleinstehende deutsche Missionarin mache und darunter ich koerperlich geradezu zu Grunde gehe.

Alles unserem deutschen Namen zugefuegte empoert und schmerzt jeden Deutschen - gibt es da wirklich keine Rettung?

Was ich hier sehe ist, dass die meisten Schlechtigkeiten, die ueber die Armenier berichtet werden tausendfach vergroessert werden durch Fanatismus, oder gar voellige Erfindung.

Jeder, der die meisterhafte Heuchelei der Tuerken kennt, wird mir recht geben - ich habe im letzten Monat reiche Erfahrungen darin gemacht, deshalb wage ich es zu behaupten.

Moege Gott Deutschland die Augen oeffnen ueber seine unehrenhaften “Freunde”.

O hoch geehrter Herr Konsul, gibt es wirklich keine Rettung?

Wuerde unser Herrscherhaus zu allem schweigen, wenn es die volle Wahrheit wuesste? Jeder Deutsche zweifelt daran und so bitte ich herzlichst eine Abschrift meines Aufsatzes unserem geliebten Kaiser zu uebermitteln und bin gewiss, dass er ihn gnaedig ansehen wird, trotz schriftstellerischem Mangel.


Sehr ergebenst!
M. Didszun.

Anlage 2
Aleppo, den 25. November 1915
Meine Erlebnisse von Erzerum bis Surudj.

Von Erzerum brachen wir 500 Familien stark am 19. Juni d.J. auf und kamen am 2. Juli in Erzingian an. Der Weg war verhältnissmässig ruhiger, da dreihundert Soldaten und ein Hauptmann uns begleiteten obschon kleine Ueberfälle und Beraubungen seitens der Kurden häufig stattfanden. Ausserdem mussten wir den Soldaten und ihrem Befehlshaber Kiamil Effendi zahlen. So befahl man uns. Von Erzingian kamen wir in Kemach an. Dort, eine Liste in der Hand, hatten der Hauptmann Kiamil Effendi und mehrere Komitadjis (Tscheta) 200 Personen dem Namen nach abgesondert und ganz einfach erklärt, dass sie für den Tod bestimmt sind. Sie wurden abgeführt. Von Kemach kamen wir in Malatia an. Dort hat die Regierung 400 Zelte von uns weggenommen - unsere eigenen. “Sie sind uns nötig”- So kurz erklärte der Mutesarrif der Stadt dieses Benehmen. 4 Zelte blieben uns. Von Malatia bis Surudj hat die Regierung den Zivil-Kaimmakam Nuri Bey von Hüsnimansur (Adiaman) als Führer uns gegeben und die Kurdenchefs Hadji Bedr Bey und sein Bruder Seynal Bey mussten mit ihm zusammen sein, begleitet von ihren zahlreichen Leuten. Kaum waren wir zwei Tage unsern Weg von Malatia aus weiter gegangen, auf unbegangenen Bergen, jeden Tag etwa nur zwei oder drei Stunden weit, haben wir erst verstanden, warum diese Kurden auf Befehl der Regierung uns begleiteten. Man hat alle Männer in einem engen Tale gesammelt, wir waren da 2115 männliche Personen (Wir mussten unseren kurdischen und türkischen Führern nach der Kopfzahl unserer Leute Geld geben, wir führten daher eine Liste, sodass ich die Zahl genau weiss.) Frauen und Kinder waren bereits fort. Die Kurden und Gendarmen erklärten uns “Sie werden jetzt sterben, aber wir sind nicht schuldig, die Regierung verlangt es”. Wir wurden gebunden. Widerstand haben wir mit Rücksicht auf unsere Frauen und Kinder nicht versucht. Seynal Bey war tätig, er hat alle einzeln durch Kurden und Gendarmen vor sich bringen lassen, jedem wurde was er hatte weggenommen um kaum zehn Schritte weit hingerichtet zu werden. Es wurde mit Messer und Beil der Kopf abgeschnitten und die Leichen in einen Abgrund geworfen. Neben Seynal Bey sass Ali Pascha, der Bruder von Nuri Bey, während Nuri Bey selbst eine halbe Stunde weitergegangen war. 2000 Personen haben hier ihren Tod gefunden. Nur 115 Mann haben sich durch Wunder gerettet. Es waren solche, die etwas kurdisch konnten und durch Geldversprechungen bewirkten, dass sie nicht vor Seynal Bey geführt wurden, auch ich befand mich unter diesen, da ich kurdisch spreche. Am nächsten Tag, als wir Erretteten die Frauen und Kinder wiedergefunden hatten die zwei Stunden von dem Hinrichtungsplatz entfernt waren, kamen zwei Beamte aus Malatia, um was wir hatten, in Beschlag zu nehmen. Wir mussten alle unsere Sachen: Kleidung, Bett, Goldsachen, Geld, ferner Ochsen, (über 800) Pferde, Esel usw. weggeben, um unser Leben von neuem zu erretten. Nach zwei Tagen verlangten der Kaimmakam und Seynal Bey 3000 Pfund. Wir mussten entweder diese Summe verschaffen oder sterben. Die Frauen hatten noch etwas Goldsachen und Geld bei sich, das haben wir auch weggegeben – es war 1000 Ltq. zusammengebracht.

Von hier nach sieben Tagen kamen wir in Surudj an, die ganze Wanderung hatte 3 Monate gedauert. Von 600 Familien sind jetzt 110 Familien übrig geblieben (wir waren beim Aufbruch 500 Familien stark gewesen. Unterwegs waren in verschiedenen Dörfern noch etwa 100 Familien zu uns gestossen.) Unter den Hingerichteten befanden sich auch zwei Freunde von mir, die auch in Leipzig studiert hatten: Issahakian und Terlemesian. Letzterer war in Wan gewesen, befand sich aber in Erzerum, als wir verschickt wurden.

Wer sich von Seynal Bey gerettet hatte, den hat die Seuche weggerissen. Es werden jetzt kaum noch 50 Männer sein. Auch Frauen und Kinder sterben vielfach. Viele Frauen und Mädchen sind unterwegs weggeführt worden.


[Sarkis Manukian Dr. phil.]
Anlage 3

Jeder Deutsche, der sein Land, seinen geliebten milden Herrscher und seine gerechte Regierung kennt und liebt, gerät in bittere Entrüstung über die sogenannten “Freunde Deutschlands”, die mit dem ehrenhaften deutschen Namen Gemeinheiten zudecken. So z.B. wird von hohen Offizieren sowohl als Soldaten, von hohen Beamten sowohl als Laien, von mohammedanischen Priestern sowohl als Dörflern, von Erwachsenen sowohl als Kindern ohne Scheu verbreitet, dass die jetzigen Verfolgungen und unmenschlichen Behandlungen der Armenier lediglich auf deutsches “Anraten”, ja durch “deutschen Befehl” stattfänden. Schreiber dieses kann Besagtes durch nahen Verkehr von Offizieren & Beamten sowohl als mit dem Volke bezeugen - ja wenn man durch die Strassen der schwergeprüften Christenstädte zu gehen hat, wird man angehalten durch ähnliche Rufe wie: O dieses Deutschland, es ist die Schuld all unseres Jammers, oder die Türken sagen offen: Ja auch unser Herz blutet ob all dieses Elends, doch was können wir tun, unsere “deutschen Waffenbrüder” haben den Plan gemacht!! O Schmach und Schande!! Hat unser deutscher Ehrenname es verdient, so in den Kot gezogen zu werden?

Welcher Deutsche hat es je erlebt, dass in seinem Vaterlande Unschuldige auf dem Schaffot starben, weil es eben Krieg war - hat jemals eine unschuldige Mutter mit ihrem Säugling leiden, ja unmenschlich leiden müssen, weil der Vater und Mann einen revolutionären Gedanken äusserte, oder hat die Schwester in die Verbannung gemusst, weil der Bruder sich eines politischen Vergehens schuldig machte - ist je eine ganze Stadt unter Zurücklassung von Hab und Gut, nackt, hungrig und barfuss wie Tiere davongetrieben worden, weil in ihrer Mitte vielleicht fünfzig Schuldige waren?! Welcher deutsche Offizier hat wohl je den Befehl erteilt, hoch schwangere Frauen oder solche mit vor 10 Minuten geborenem Säugling mit der Peitsche davon zu treiben, oder Blinde, Lahme, Greise und Kinder unter Stockschlägen mit schwerer Last auf dem Rücken zu tagelangen Wanderungen in orientalischer Sonnenglut anzutreiben?! Ein deutsches Auge hat nie zuvor, ausser in der Türkei, solche Schreckentaten gesehen - wie kann da möglich sein, ohne Zorn und Verachtung der sogenannten “Freundesstimme” zu horchen: Das Alles geschieht auf Deutschlands Befehl!!! O gemeine Lügenfreundschaft! Wohl glaubt ein Deutscher, dass, um erneutes Blutvergiessen zu verhindern, Deutschland dazu geraten habe, nachdem hier und dort armenische Torheiten in Frage kamen, die Beteiligten, schuldigen Armenier, ja vielleicht nur die Männer, Schuldige sowohl als Zweifelhafte bis zur Beendigung des Krieges in Sicherheit und Gewahrsam zu bringen, damit keine Aufwiegelungen möglich würden.

Ebenfalls ist es einem Deutschen möglich zu glauben, dass Deutschland geraten haben kann, um Unruhen vorzubeugen, sämtliche Waffen in Beschlag zu nehmen - sollte aber dieses nur Vorsicht sein, so müssten aber auch, um unnötigen Verdacht der Armenier, die an blutigen Erfahrungen reich sind, zu vermeiden, nicht nur die Waffen der Armenier, die diese zum weitgrössten Teil nur zur Notwehr und Rettung des so oft gefährdeten Lebens aufbewahrten eingefordert werden, sondern gleichfalls die Waffen der Türken, Kurden und Tscherkessen - Tatsache aber ist, dass die Waffen der Armenier genommen wurden und freundlichst den Türken ausgeliefert wurden. Dieses klingt ähnlich wie das Lied von dem hilflosen Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird.

Wo ist da die Freiheit und Brüderlichkeit der Proklamation? Ist das wohl deutscher Rat, dass eine Stadt von etwa 20 - 25000 Einwohnern, in der vielleicht 100 - 120 Stück vorhandene Mausergewehre freiwillig, ohne Schwierigkeiten ausgeliefert wurden, ebenso alle harmlosen Jagdgewehre usw. - trotz Gehorsam, dennoch fast bis auf den letzten Menschen, unbarmherzig ausgetrieben wird, was für hunderte sicherer Tod ist?! Ein unparteiischer Beobachter ist gezwungen zu sagen, dass seit Ausbruch des Krieges in der Türkei von seiten der Armenier hier und dort grosse Torheiten und politische Verkehrtheiten vorgekommen sind, wenn es auch unbestrittene Tatsache bleibt, dass alles die Frucht jahrhunderte langer Unterdrückung ist - andererseits muss man sagen und klagen, dass innerhalb der letzten 6 Monate unglaubliche Ungerechtigkeiten, Greuel und Gemeinheiten von seiten der osmanischen Beamten ausgeübt wurden, und das alles unter deutschem Deckmantel. Dadurch ist der deutsche Heldenname schwer befleckt worden - möge die Zukunft eine wirksame Fleckenseife zu schaffen wissen!

War man bisher geneigt, die armenische gegenwärtige Trübsal auf politischem Boden zu suchen - so wird man in letzten Tagen eines weit schwerwiegenden belehrt und kommt einem unwillkürlich die Frage: Haben auch dieses die “christlichen deutschen Waffenbrüder” angeraten?!

Wenn in Deutschland eine Schaar auf politischen Fehlwegen ertappt wird, ist sie einer genauen gerechten Untersuchung und evtl. einem scharfen, aber nicht ungerechten, nicht grausamen Urteil unwandelbar verfallen - da gibt es keine weisswaschende Seife - Gott Lob - das ist deutscher Hohenzollernadel - der hier so befleckt wird!!! Was der Beobachter aber im osmanischen Reiche vor Augen hat ist etwas sehr zweifelhaftes. Wenn man schon vor etwa einem Jahre hier und dort Stimmen vernahm, dass die Türkei einer gemeinsamen Religion bedürfe und deswegen die armenischen Christen gewaltsam zu Muhammedanern gemacht werden sollten - so glaubte man es nicht, denn man hoffte durch den engen Verkehr mit dem christlichen Deutschland, in dem jeder Untertan “seines Glaubens” zu leben völlige Freiheit hat, würde auch auf die osmanische muhammedanische Regierung Religionsfreiheit und Gewissensfreiheit sich Bahn brechen.

Leider zeigen die letzten Tage, dass es im osmanischen Reiche keine Gewissensfreiheit gibt, und jeder Christ, (der deutsche Freund nicht ausgeschlossen) ein “Verbrecher” und “Ungläubiger”, ja “Hund” ist, in den Augen des Islams. Sobald es gelingt, einen christlichen Armenier zum Islam zu bekehren, fällt jede Schranke und der bisher von der Regierung gefürchtete Aufwiegler, dem die Waffe genommen, der in Bann und Kerker gelegt, der ausgewiesen zu werden verurteilt wurde, wird ein Bruder und Freund, sobald er bekennt: Es ist nur ein Gott und Mohammed ist sein Prophet. Es ist so natürlich, dass jeder Armenier, der gezwungen zum Islam übertritt, dennoch im Herzen Armenier ist und bleibt und als gewordener Muslim ebenso die türkische Regierung hasst wie vorher, ja viel mehr, weil sie ihn des Heiligsten, des Väterglaubens beraubte. Jeder der als christlicher Armenier der türkischen Unterjochung müde war, ist es auch fortdauernd als muhammendanischer Armenier – ein Mensch kann seine Religionsüberzeugung und je nach Charakterfehler, um aeusseren Gewinnswillen Mohamedaner werden - aber niemals kann und wird er seine Nationalitaet veraendern, ganz sicher kein Armenier Tuerke werden.

Tatsache ist, dass in letzten Tagen von der osmanischen Regierung der fromme Vorschlag gemacht wird: jeder der Armenier, welcher Mohamedaner wird, ist aller Schuld enthoben und wird ihm Vergebung und heil zu Teil.

In welch schlauer Weise dieser Bekehrungsplan ausgefuehrt wurde zeigt folgende Tatsache.

Seit vielen Monaten werden die “sogenannten” “politischen gefaehrlichen” Armenier wie das Vieh von Haus und Hof getrieben, aller Habe beraubt und in geradezu wahnsinnig machende Verhaeltnisse hinein versetzt. Zum Beispiel nur ein Tropfen aus dem Jammer diene zur Betrachtung.

Wenn eine Familie von 4 bis 5 Personen in guten Verhaeltnissen, aber ploetzlich unter Zuruecklassung aller Habe, mit wenig Lasttieren, ja teilweise zu Fuss gehend zu monatelangen Wanderungen verurteilt wird, das ist genug Elend - Tatsache aber ist, dass die Armen, Elenden, Krueppel und Waisen, ohne jede Hilfe, aufgespart wurden bis zuletzt und nun in geradezu barbarischer Weise geradezu ohne Lasttier davon getrieben werden unter Stockschlaegen, z.B. da ist eine Witwe, ohne jede maennliche Hilfe, mit fuenf kleinen Kindern. Es wird von ihr verlangt, fuer zehn Tage Lebensmittel mitzunehmen, was fuer sechs Personen so gut wie fuer 60 Tage Lebensmittel bedeutet. Die Kinder sind klein, eins ist noch Saeugling - alle beduerfen auf der Wanderung Betten und Wechselwaesche - das alles soll die Frau auf den Ruecken tragen fuer viele Wochen - denn ein Lasttier gab man nicht - schliesslich auf flehentliches Bitten Schreiber dieses wurde ein nackter Esel gegeben. Vollkommen Blinde und Hochbetagte wurden beladen und unter Stockschlaegen davon getrieben u.s.w.. Um zur Annahme des Islams zu zwingen, werden die Aermsten 3 bis 5 Stunden weit aus der Stadt getrieben und dort haben sie tagelang zu hungern, nachdem der wenige Vorrat der mitgenommen werden konnte, verzehrt ist und nicht einmal Gras zu essen gefunden wird. Die Einflussreichsten wurden 3 bis 4 Mal zurueckgeholt, um zum Islam zu bewegen!!!

Das ist vom Schlechten das Beste, in anderen Orten geschehen die groessten Unmenschlichkeiten.

Und all dieses geschieht unter deutschem Deckmantel und angeblich zur Bestrafung politischer Vergehungen, ist denn wohl schon ein Kind bei der Geburt ein Verbrecher? Ja, wenn es ein Christenkind ist – aber der groesste Heuchler und Revolutionaer ist ein Freund, sobald er Mohamedaner wird.

Durch alle diese Unmenschlichkeiten und dadurch, dass die ganze armenische Bevoelkerung unter unsagbaren Leiden, die noch groesser werden, sobald das Ziel der Wanderung erreicht ist, da dann die Aermsten zu Wenigen in arabische Nomadendoerfer in ungesunde, gluehende Gegenden verteilt werden. Dadurch hat man die christliche Bevölkerung weich gemacht den Islam anzunehmen. Im Stillen wurde durch Mohamedaner vorgearbeitet, sodass viele welche die allzugrosse Truebsalshitze nicht laenger zu tragen faehig waren, dem sogenannten “Freundesrat” folgten und bei der Regierung Einreichung machten, um Mohamedaner zu werden. Mit weiser Heuchelei wurde es abgelehnt, dagegen aber das Leidensfeuer staerker geschuert. Schliesslich kam der Befehl: Jeder der Muhamedaner werden will (richtiger aber ist muss) wird angenommen und in Ruhe versetzt. Daraufhin gibt es natuerlich Viele, die der Qual des Daseins ein Ende machen durch Annahme des Islams, allerdings nur in Heuchelei!

Es draengt sich die Frage auf: Ist auch dieser fanatische Christenhass und dieser geheíme Begehrungsplan ein bruederlicher Rat der Deutschen, denen alles in die Schuhe geschoben wird?

Wir die wir unseren frommen Kaiser und sein Haus kennen, die wir unter dem Schutze seines gerechten Regiments in Religions und Gewissensfreiheit leben. Die wir wissen, dass in unseres geliebten Kaisers Augen das Recht eines Protestanten, Katholiken oder Juden ein Gleiches gilt, wir sind geradezu empoert, dass hier trotz der “Waffenbruederschaft” mit einem christlichen Deutschland die Religion und der Glaube unseres Herrschers und Volkes durch Grausamkeit, Gewalt und Luege bekaempft wird und mit grosser List auszurotten versucht wird, – dabei aber das Lied der deutschen Freundschaft gesungen wird und alle Gemeinheit in Deutschlands Schuhe geschoben wird.

Als ein Befehl bekannt wurde, dass die Protestanten und Katholiken nicht weiter ausgewiesen werden sollten, jubelten die Armenier Deutschland zu, denn sie nahmen an, dass es sein Werk sei - Weshalb wurde dieser Befehl nur an einigen Orten zur Ausfuehrung gebracht, und wie, dass die Protestanten dieser Stadt zum Islam ueberzutreten gezwungen wurden – oder aber wie das Vieh ausgetrieben wurden?

Wo bleibt die Logik wenn ein Buergermeister erklaert, dass es fuer ihn keine Religionsverschiedenheiten gaebe, aber der schlechten Armenier wegen so grausam handeln muesse - derselbe Herr geht jetzt in die Häuser und bewegt dieselben schlechten Armenier zur Annahme des Islams – ob wohl dadurch ein schlechter Armenier ein guter Tuerke wird?

In einer Nachbarstadt wurden in den Kirchen die Kreuze geschaendet und Christus verhoehnt – was ist da wohl der Unterschied eines armenischen Kreuzes und Christus, oder eines deutschen Kreuzes und Christus?? Moege die Zeit bald kommen, wo Deutschland eine klare Stellung dazu nehme und dem Unfug ein ewiges Ende bereite!!

Wenn die osmanische Regierung sich im Einklang mit der deutschen wissen will, muss sie wenigstens den deutschen Christenbruedern ihr “Heiliges” lassen – wenn sie es nicht tut, ist es eine der groessten Schanden fuer Deutschland, solche Bruederschaft zu pflegen, wo es nichts “Heiliges” gibt und wo mit edlen Namen der Menschheit unwuerdige Schandtaten zugedeckt werden.

Es gibt sicherlich keine groessere Ehre fuer Deutschland und keinen schoeneren Lorbeerkranz zu den vielen der letzten Zeit, als wenn es mit starkem gerechtem Arme und festem Donnerwort dieser Christenhetze ein schnelles Ende bereite. Die osmanische Bevoelkerung zittert vor Deutschlands Macht, ebenso die Beamten – wenn nicht, wuerden sie ja die Wahrheit sagende Bitttelegramme einer Deutschen nicht unterschlagen. Deshalb wird es ein unausloeschlicher Flecken in der Ruhmesgeschichte Deutschlands bleiben, wenn es diese gefuerchtete Macht nicht gebraucht, um dem armenischen Volke die christliche Freiheit, Recht, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu verschaffen, und somit den osmanischen “Bruedern der Waffen” zeigt, wo die Kraft und Groesse Deutschlands ihren Quell hat, naemlich in dem Kreuze Christi, wie zu bekennen sich unsere Herrscherhäuser nicht geschaemt haben und nicht schaemen.

Eine Stimme vieler deutscher Arbeiter des tuerkischen Reiches


M. Didszun.



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