1916-11-23-DK-001
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Quelle: DK/RA-UM/Gruppeordnede sager 1909-1945. 139. D. 1., "Tyrkiet-Indre Forhold", pakke 1, til 31 Dec. 1916
Erste Internetveröffentlichung: 2010 August
Edition: Dänische diplomatische Quellen
Telegramm-Abgang: 11/23/1916
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 157
Übersetzung: Michael Willadsen
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/28/2012


Der Gesandte in Konstantinopel (Carl Ellis Wandel) an den Außenminister (Erik Scavenius)

Bericht



Nr. 157

Konstantinopel, 23. November 1916.

Herr Außenminister,

die osmanische Abgeordnetenkammer, die am 14. dieses Monats zusammentrat, hat Schwierigkeiten, die notwendige beschlussfähige Mitgliederzahl zu erreichen, da sich nur 140 von ihren 250 Mitgliedern zurzeit hier in Konstantinopel befinden. Ein Teil der Abgeordneten macht Dienst im Heer, einige befinden sich in ihrem Wahlkreis oder in Europa, und andere sind zurückgetreten oder scheinen völlig verschwunden zu sein (Araber, Armenier). Genaue Informationen darüber, welche Mitglieder der Kammer fehlen, sind noch nicht zu bekommen, und dieses wird sich erst nach und nach zeigen, wenn die Nachwahlen von der Kammer anerkannt werden. Im Augenblick haben insgesamt nur 4 Neuwahlen stattgefunden, wobei der getötete armenische Abgeordnete Zohrab durch den früheren Präfekten in Konstantinopel, Ismet Bey, ersetzt worden ist. Die Mandate der übrigen verschwundenen Abgeordneten sind noch vakant.

Die Sitzungen der Kammer, von denen noch keine offiziellen Protokolle vorliegen, sind jedoch eröffnet worden mit einer Rede des Vorsitzenden Hadji Adil Bey, der sich lange aufhielt beim „wunderbaren Erwachen des türkischen Volkes, woran die Regierung lange gearbeitet hat und das früher oder später kommen musste, aber durch den Krieg jetzt schneller voran gebracht wurde.“

Das Wiedererwachen der türkischen Seele, des nationalen Bewusstseins in der Türkei hat zu den glänzenden Siegen beigetragen, sagte der Vorsitzende, und die ganze Welt sieht jetzt, dass das türkische Volk die Eigenschaften und Tugenden der Vorväter immer noch besitzt.

Nicht allein Hadji Adil Bey spricht vom Wiedererwachen der türkischen Nation: Überall in Zeitungen und Zeitschriften stößt man auf dieselbe Anschauung. Etliche Neuheiten innerhalb der türkischen Gesellschaft scheinen ebenfalls die Behauptungen zu bestätigen.

Wie ich schon früher häufig erwähnt habe, wurde die jungtürkische Partei gebildet und zur Macht geführt unter dem Banner des „Osmanismus“. Das Komitee hatte allein zum Ziel, dem Land eine freie Verfassung zu geben, und es arbeitete nach der Devise: Gleiches Recht für alle Osmanen. Die führenden Jungtürken, unter denen viele Christen und Juden waren, hatten keine Verbindung zu der gleichzeitig entstehenden panislamischen Bewegung, und nur ein kleiner Kreis junger Dichter und Literaten hatte schon damals anstelle eines Osmanismus eine nationale türkische Bewegung im Auge.

Der Osmanismus erlitt jedoch schon bald Schiffbruch, und der Balkankrieg war in Wirklichkeit ein letztes Aufbäumen. Es hatte sich gezeigt, dass der Gegensatz zwischen den unterschiedlichen in der Türkei lebenden Volksgruppen zu groß war, und die meisten nicht-türkischen Osmanen waren zum kritischsten Zeitpunkt der Tchataldjatage tatsächlich bereit, sich an der Abwicklung der Türkei zu beteiligen.

[Anm.: Die Chataldja/Tchataldja-Linie, ca. 30 km westlich von Konstantinopel, war während der Balkankriege 1912-13 die letzte osmanische Verteidigungslinie vor der Hauptstadt. Ende 1912 hatten bulgarische Streitkräfte das osmanische Heer hinter diese Linie zurückgedrängt und bedrohten somit Konstantinopel.]

Die Notsituation, in der sich das türkische Reich 1913 befand, trug dazu bei, alle Türken wachzurütteln (so wie es auch Hussein Djahid Bey, der jetzige Vizepräsident der Kammer und frühere Chefredakteur der „Tanin“, gesagt hat), und allmählich entwickelte sich aus der oben erwähnten literarisch-nationalen Clique eine Bewegung, die den „Osmanismus“ als Ideal der Jungtürken durch den „Türkismus“ oder „Turanismus“ ersetzte.

Als die besagte osmanische Idee schnell aufgegeben worden war – die nicht-türkischen Völker hatten von Anfang an versucht, die Verfassung zur [eigenen] nationalen Entfaltung zu benutzen – kam der Widerstand gegen den „Türkismus“ nicht aus den jungtürkischen Kreisen, sondern weit mehr von klerikalen, alttürkischen Bevölkerungsschichten.

Für diesen in keinster Weise unbedeutenden Teil der Bevölkerung war Nationalität ein unbekannter Begriff. Behauptet der Koran nicht, dass Allah nur Gläubige und Nichtgläubige kennt, und nicht verschiedene Nationalitäten? Für diese Kreise war eine türkische Bewegung, die aus nationalen Gründen sogar den Koran ins Türkische übersetzen lassen wollte, eine Abscheulichkeit.

Trotz allen direkten und indirekten Widerstands wurden die Jahre 1914 -16 für die führenden türkischen Kreise zu einem Sieg des „Türkismus“. Alle Jungtürken, die nun an der Macht waren, wurden eifrige Anhänger der nationalen Bewegung; die Universität wurde der Hauptsitz der „Turanbewegung“, wie die nationalistische Bewegung genannt wird, wenn die nationale Entwicklung nicht nur die Türken in der Türkei umfasst, sondern auch die Völker türkischer Abstammung, die in Südrußland, auf der Krim, in Turkestan, in Persien etc. leben.

Besonders zwei Gesellschafter (Vereine) wurden zu Organen der nationalen Entwicklung: Turk Odschagi, die 1912 gegründet wurde und die u.a. großes Gewicht auf das Eindringen neuer Ideen in breite Schichten legte, nicht zuletzt durch die geistlichen Schulen (Medresen), und Turk Bilgi Dirneï [Turk Bilgi Derneyi/Dernegi: "Vereinigung für türkisches Wissen"], die in ihrem Programm die nationale Sprach-Entwicklung durch Entfernen der vielen arabischen und persischen Wörter und Ausdrücke hat, die bisher die literarische Sprache geprägt haben.

Gleichzeitig nahm die nationale Bewegung auch die wirtschaftlichen Verbände in ihre Dienste. Die Handelszweige, in denen das türkische Element eine Rolle spielt, haben alle ihre festen Innungen. Die Innungen arbeiteten für die nationale Idee mittels Boykott-Versuche gegenüber nicht-türkischen Händlern, es war die rein praktische Variante des nationalen Programms, welches besonders auf diese Bevölkerungsschicht ausgerichtet war.

Und diese nationale Anstrengung hatte unleugbar viele sichtbare Ergebnisse. Man versteht, dass es Türken gibt, die diese Entwicklung mit dem nationalen Erwachen in Deutschland zu Anfang des 19ten Jahrhunderts verglichen haben. Nichtsdestoweniger sollte man vielleicht einen kritischeren Maßstab anzulegen, z.B. weil es noch nicht auszumachen ist, ob der nationalen Entwicklung von mehr als nur einem kleinen Kreis von Leuten ein Ehrenplatz zugestanden wird.

Dagegen kann man mit Sicherheit sagen, dass die gesamte türkische Presse glühende Anhängerin der neuen Ideen ist, jedoch ist die Meinung der Presse im Moment die Meinung der Regierung – und ich habe gerade erwähnt, dass die Mitglieder der Regierung Anhänger der Bewegung sind.

Es kann keinen Zweifel geben, dass die Bewegung für bessere Ausbildung von oben kommt, von der Regierung und von regierungsnahen Kreisen. Fest steht, dass im ganzen Reich neue Schulen entstanden sind, und dass die früher so berüchtigten Medressen in großem Maßstab verbessert, die Universitäten reorganisiert worden sind u.s.w.

Das deutlichste Beispiel für die Art der Entwicklung ist vielleicht die türkische „Pfadfinderbewegung“. Hier gibt es keinen Raum für Freiwilligkeit. Alle Schulen haben den Befehl erhalten, körperlich und national erziehende Korps zu bilden, und es scheint, dass man auch überall dem Befehl gefolgt ist. Aber ob der Bewegung unter solchen Umständen Bedeutung zukommt, darüber scheint es geteilte Meinungen zu geben.

Überall erhebt die nationale Bewegung ihr Haupt. Nicht nur im Kampf um Reinheit der Sprache, im Verbot von Schildern in anderen Sprachen, im Versuch eine türkische Bühnenkunst wieder zu beleben, sondern auch in der Moschee selbst, wo das Gebet für den Kalifen nun auf Türkisch gelesen wird – noch vor wenigen Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Und wirtschaftlich gesehen wird ein nationales Unternehmen nach dem anderen gegründet – rein türkische Transport- und Handelsgesellschaften etc. Jetzt soll eine türkische Nationalbank gegründet werden, die höchstwahrscheinlich die Funktionen der internationalen „Banque Ottoman“ übernehmen soll.

Man darf aber nicht vergessen, dass die türkische Regierung im Augenblick leichtes Spiel hat. Nicht nur, dass sie für alle ihre Unternehmungen wirtschaftliche Hilfe von Deutschland bekommt, sie hat auch durch ihr regides Polizeiregiment jeglichen Widerstand ausgeschaltet, und die osmanischen nicht-türkischen Kreise, die früher zu den führenden gehörten, gezwungen, sich vom öffentlichen und wirtschaftlichen Leben zurückzuziehen, sofern sie nicht bereit waren, widerspruchslos am jungtürkischen Vormarsch teilzunehmen (so wie es gewisse jüdische Kreise vorgezogen haben).

Man muss in der Türkei immer daran denken, dass es schwierig ist, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ein Betrachter sieht z.B. gleich, dass die nationalen Gedenktage – anders als früher – jetzt mit großem Aufwand gefeiert werden, was in der Presse als Ausdruck des echten nationalen Geistes begrüßt wird. Aber derselbe Betrachter denkt vielleicht nicht an die Möglichkeit, dass die großen nationalen Feste von den gleichen 2 – 3 begeisterten Literaten arrangiert werden, die es in den Zeitschriften loben, und dass die Teilnehmer lediglich abkommandierte Hamal-(Arbeiter-)Vereinigungen – deren Mitglieder nichts von alldem verstehen – [sowie] Schulkinder und aufmarschierende Polizeieinheiten sind.

Es ist unter solchen Bedingungen zu früh, die türkisch-nationale Bewegung und ihre bleibende Bedeutung für Land und Leute zu beurteilen. Dass dieses „nationale Erwachen“ jedenfalls noch keine Moral enthält, scheint klar zu sein. Fortschritte in sittlicher Hinsicht sind nicht auszumachen, und der Sittenverfall innerhalb der türkischen Beamtenschaft hat eher zugenommen.

Viele der hiesigen hochstehenden Beamten, die früher sehr wenig Geld hatten, verfügen z.B. über große Geldmittel und verspielen jede Nacht hohe Summen in den Clubs von Pera.

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich, Herr Minister, Ihr ergebenster


Wandel



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