1917-05-31-DK-001
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Quelle: DK/RA-UM/Gruppeordnede sager 1909-1945. 139. N. 3., "Syrien"
Erste Internetveröffentlichung: 2010 August
Edition: Dänische diplomatische Quellen
Telegramm-Abgang: 05/31/1917
Telegramm-Ankunft: 06/15/1917
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 87
Übersetzung: Michael Willadsen
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Gesandte in Konstantinopel (Carl Ellis Wandel) an den Aussenminister (Erik Scavenius)

Bericht



Nr. 87

Konstantinopel den 31. Mai 1917.

Vertraulich.

Herr Außenminister,

Ich hatte heute Besuch von dem amerikanischen Generalkonsul in Beirut, Herrn W. Stanley Hollis, der mir einige interessante Informationen über die Verhältnisse in Syrien gab.

In der hiesigen amerikanischen Botschaft, die aufgrund der Krankheit des Botschafters erst am 29. dieses Monats aufgelöst worden ist, hieß es, nachdem Herr Stanley Hollis seine Reise von Beirut nach hier angetreten war, dass man befürchte, die türkischen Behörden wollten die Reise verhindern, weil er im Libanon Zeuge von vielen Zwischenfällen gewesen sei, die man hier wie auch in Europa und Amerika geheim halten wolle, und damit hatte die Botschaft wohl Recht, zumal es ihm erst gestern gelungen sei, hierher zu kommen, am Tag der Abreise des Botschaftspersonals und des Botschafters.

Mein Informant versichert mir, dass 55 Prozent der Bevölkerung des Libanons und Beiruts bereits verhungert ist, obwohl es in den angrenzenden Vilajets genug Lebensmittel gab um sie zu ernähren, und dass sie völlig aussterben werde, sollten die jetzigen Verhältnisse noch ein weiteres Jahr andauern.

Die türkischen Behörden haben, so sagt er, diese Zustände absichtlich herbeigeführt, indem sie den Getreidehandel unterbunden und Nachschub unmöglich gemacht haben, weil sie die Bevölkerung ausrotten wolle, die, wie sie meinen, französische Sympathien hegte und separatistischen Neigungen nachging, nachdem die Pforte ihr bei Kriegsbeginn den letzten Rest an Selbstverwaltung geraubt hatte.

Mit anderen Worten, er war der Meinung, dass die jungtürkische Regierung dabei ist, das libanesische Problem auf gleiche Weise zu lösen wie das armenische, wenn auch teils mit anderen Mitteln.

Durch die Beschlagnahme der Transportmittel haben die militärischen Behörden der Zufuhr von Lebensmitteln in den Libanon aus dessen Hinterland unüberwindbare Hindernisse in den Weg gelegt, und dadurch, dass man die Verhandlungen mit der amerikanischen und spanischen diplomatischen Vertretung in Konstantinopel in die Länge zog, hat die türkische Regierung, so sagt er, die amerikanischen und spanischen Pläne vereitelt, Lebensmittel über den Seeweg nach Beirut zu schicken, um die Bevölkerung zu retten.

Mein Informant erklärt den merkwürdigen Umstand, dass sich die Bevölkerung im Libanon ohne Gegenwehr damit abgefunden hat, so zugrunde zu gehen, indem er die Maroniten als jämmerliche Feiglinge beschreibt, denen es vollständig an Mut fehle, und denen nur ein Minimum an Selbsterhaltungstrieb geblieben sei.

Die in meinem Bericht Nr. XXII [21] vom 3. Februar dieses Jahres erwähnten Erklärungen, die die türkische Regierung rechtfertigen sollen, seien, so sagt er, dem maronitischen Patriarchen [Elias Hoyek Helta] von Ahmed Djemal Pacha durch Einschüchterung aufgezwungen worden, und er fügt hinzu, dass die Maroniten alles unterschreiben würden, um ihre Haut zu retten.

Die Auswanderung aus dem Libanon ist in den letzten Jahren groß gewesen, sowohl vor dem Krieg, als die Türken sie nicht hätten aufhalten können, als auch heimlich nach Kriegsausbruch.

Die Franzosen, die den Libanon viele Jahre hindurch als ein halbsouveränes Land behandelt und den Patriarchen fast wie einen Vizekönig geehrt haben, nahmen viele maronitische Flüchtlinge an Bord ihrer Kriegsschiffe, die vor der libanesischen Küste kreuzen.

Da Herr Stanley Hollis die letzten 6 Jahre amerikanischer Generalkonsul in Beirut war, vermutet ich, dass er alle die Personen kennt, die in diesem Zeitraum eine politische Rolle in Syrien gespielt haben, fragte ich ihn auch über Monsieur Picot aus, den in meinem Bericht Nr. LXXIX [79] des 14. dieses Monats erwähnten Entsandten, der die Entente-Armee begleitete, die von der Sinai-Front aus versucht nach Syrien vorzudringen.

Dieser Monsieur Picot ist, vermutet mein Informant, identisch mit M. George Picot [Francois George Picot], französischer Diplomat, der bei Ausbruch des Krieges französischer Generalkonsul in Beirut war, und der im damaligen französischen Konsulatsarchiv die vielen kompromittierenden Dokumente zurückließ, derer sich die Türken später bemächtigten, was zur Folge hatte, dass so viele hervorragende Araber ihr Leben lassen mussten, weil sie sich mit französischen Agenten eingelassen hatten, die eine separatistische arabische Bewegung schaffen wollten.

Bevor er seinen Posten verließ, hatte Herr Picot, sagt mein Informant, vom türkischen Vali in Beirut das förmliche Versprechen erhalten, dass die französischen Konsulatsarchive respektiert würden, und mit dieser Versicherung, die nicht eingehalten wurde, begnügte er sich stattdessen damit, alle Dokumente zu vernichten, die als Grundlage für einen Hochverrats-Prozess gegen Frankreichs arabische Freunde dienen könnten.

Kaum waren die französische Konsuln abgereist, ließ der Oberstkommandierende in Syrien trotz der gegebenen Versprechen alle Hinterlassenschaften und Archive beschlagnahmen und gründlich untersuchen, um Beweismaterial zu finden, das er für seinen weiteren politischen Weg brauchte und deren Zweitschriften ich mit meinem Bericht Nr. CLVI [156] vom 22. November 1916 eingesandt habe.

Wenn Herr Picot als französischer Gouverneur in Syrien nach Beirut zurückkehrt, wird er mit der maronitischen Geistlichkeit abrechnen, sagte Herr Hollis, und ihnen kaum ihren schamlosen Opportunismus und ihr Kriechertum vergeben, mit dem sie Djemal Pachas in die Hände gespielt haben, um sich selbst zu retten.

Durch Herrn Picots Erfahrungen klüger geworden, ist Herr Hollis vorsichtiger zu Werke gegangen. Bevor er Beirut verließ, hat er nachts sein Konsulatsarchiv eigenhändig verbrannt, damit die Türken keinen verdächtigen Rauch aus dem Schornstein aufsteigen sahen, und er hat die zurückgebliebene Asche fortgeschafft, um jeden Verdacht zu vermeiden, der sonst leicht auf Personen fallen könnte, mit denen er in Berührung gekommen war.

Herr Hollis schien auch überrascht zu sein von der Wahl des Herrn Picot zum eventuellen Verwalter von Syrien, falls es den Franzosen gelingen sollte, sich dieses Landes zu bemächtigen, zumal die Araber noch frisch in Erinnerung haben, was sie die Unvorsichtigkeit dieses Herren gekostet hat.

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich, Herr Minister, Ihr ergebenster


Wandel



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