1915-08-10-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14088
Zentraljournal: 1915-A-28584
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 10/02/1915 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J. Nr. 598
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Verweser in Erzerum (Scheubner-Richter) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



J. Nr. 598

Erserum, den 10. August 1915

Euerer Exzellenz

erlaube ich mir anbei ganz gehorsamst, eine kurze Denkschrift über die Armenier-Frage sowie die Abschrift eines Berichtes vom 5. August an die Kaiserliche Botschaft nebst dazu gehörenden fünf Anlagen zu übersenden.

Es dürfte sich mir vielleicht im Verlauf des Kaukasus-Unternehmens Gelegenheit bieten, mit Führern der armenischen Daschnakzagan-Partei in Verbindung zu treten. Dazu wäre eine geneigte Aeusserung Euerer Excellenz, ob ein Versuch in der zum Schluss meiner Denkschrift angedeuteten Richtung erwünscht, für mich von Wert.


Scheubner-Richter
Denkschrift über die Armenier-Frage.

J. Nr. 582, K.Nr. A10

Erserum, den 10. August 1915

Die armenische Frage, welche seit Jahrzehnten die Diplomatie Europas beschäftigt hat, soll nun im gegenwärtigen Kriege gelöst werden. Die türkische Regierung hat den Kriegszustand und die sich ihr durch die Armenier-Aufstände in Wan, Musch, Karahissar und anderen Orten bietende Gelegenheit benutzt, um die Armenier Anatoliens zwangsweise nach Mesopotamien auszusiedeln. Durch Unterdrückung der armenischen Schulen, Verbot der Korrespondenz in armenischer Sprache und ähnliche Massregeln hofft sie, die politischen und kulturellen Bestrebungen der Armenier endgültig zu unterdrücken. Sie hofft vielleicht weiter dabei, die Armenier wirtschaftlich so zu schädigen, dass es ihnen in Zukunft nicht mehr möglich sein wird, ein selbstständiges, kulturelles Leben zu führen. Ich will hier davon absehen, dass diese Regierungsmassnahmen in einer Form ausgeführt wurden, die einer absoluten Ausrottung der Armenier gleichkam. Ich glaube auch nicht, dass es auf andere Weise gelingen könnte, eine Kultur zu vernichten, die älter und viel höher ist, als die der Türken. Auch sonst scheinen mir die Armenier gleich den Juden als Rasse von grosser Widerstandskraft. Durch ihre Bildung, ihre meist bis zur Gewissenlosigkeit gehenden kommerziellen Fähigkeiten, ihr Anpassungsvermögen dürfte es ihnen gelingen, auch unter ungünstigsten Verhältnissen wirtschaftlich wieder zu erstarken. Nur eine gewaltsame Ausrottungspolitik, ein gewaltsames Vernichten des ganzen Volkes könnte die türkische Regierung auf diesem Wege zum ersehnten Ziel, zur "Lösung" der Armenier-Frage führen. Ob eine solche Lösung dieser Frage sowohl für die Türkei als für uns zweckmässig, möchte ich bezweifeln. Zur Begründung führe ich Folgendes an:

Die Bewohner Anatoliens setzen sich in der Hauptsache aus Türken, Armenier und Kurden zusammen. Die Kurden stehen kulturell am tiefsten, die Armenier am höchsten. In moralischer Hinsicht dürften unter den Landbewohnern die Türken am besten abschneiden, als wirtschaftlicher Faktor und als Arbeitskraft die Armenier. In den Städten dominieren in wirtschaftlicher Hinsicht gleichfalls die Armenier, fast der gesammte Handel liegt in ihren Händen. Durch ihren allzu rege ausgeprägten Erwerbssinn und ihre Geldgier machen sie keinen angenehmen Eindruck. Der türkische Händler gibt ihnen in letzter Hinsicht allerdings wenig nach, ist ihnen aber in Bezug auf kaufmännische Fähigkeiten weit unterlegen. Denn wer von den Türken nur einigermassen über Bildung verfügt, eventuell eine europäische Sprache spricht, wählt die Beamtenlaufbahn und hat, in der Provinz wenigstens, die Anwartschaft auf den Posten eines Wali. Der überraschend hohe Bildungsgrad der Armenier sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, den sie dem Wirken ihrer Geistlichkeit und ihren vorzüglichen Schulen zu verdanken haben, befähigt sie, sich mit europäischer Kultur und Technik bekannt zu machen und die Einführung derselben in ihrem Wohnsitz zu fördern. Hierbei sei bemerkt, dass der Einfluss französischer Kultur auf die Armenier ein sehr starker ist und ihre Sympathien wohl auch auf französischer Seite sind. Die vielen unter Leitung von französischen Geistlichen stehenden Schulen haben in dieser Hinsicht einen starken Einfluss ausgeübt.

Auch politisch ist in Ost-Anatolien unter den Armeniern von französischer und englischer, besonders aber von russischer Seite eine starke Propaganda-Tätigkeit ausgeübt worden. England und Russland hatten ein politisches Interesse daran, dass die der Türkei aus der Armenier-Frage erwachsenden Schwierigkeiten nicht aus der Welt geschafft würden. Sie spielten sich als Beschützer der Armenier auf und veranlassten sie, nicht nur durch die Sachlage gerechtfertigte Forderungen zu stellen, um ihr Los zu erleichtern, sondern auch solche utopistisch-politischer Natur. Insbesondere möchte ich dabei auf die unheilvolle Tätigkeit der russischen Konsuln hier und in Wan hinweisen. Ihrem durch grosse Geldmittel verstärkten Einflusse ist meiner Meinung nach auch die Haltung der Armenier in Wan zuzuschreiben. Auch die sich durch politische Kurzsichtigkeit auszeichnenden Führer der Daschnakzagan stehen ganz unter russischem Einfluss.

Wir haben dieser Tätigkeit bis jetzt leider wenig entgegenarbeiten können. Das junge deutsche Konsulat in Erserum konnte seinen Einfluss naturgemäss noch nicht weit erstrecken, soviel mir bekannt, standen ihm auch keinerlei Mittel für Propaganda-Zwecke zur Verfügung. Die wenigen Konsuln, die das Deutsche Reich in diesen Teil der Türkei entsandt hat, reichen für ein so grosses Arbeitsfeld, besonders was ihre politische Tätigkeit anbetrifft, und eine solche kommt hier hauptsächlich in Betracht, bei weitem nicht aus. Dazu wollte es das Unglück, dass der hiesige wichtige Posten durch die Gefangennahme des die Verhältnisse gut kennenden und politisch sehr versierten Konsul Anders zu Beginn des Krieges unbesetzt war.

Alle diese Umstände und die Unkenntnis Deutschlands und seiner Stärke haben es wohl mit sich gebracht, dass die Armenier an einen Sieg Russlands und seiner Verbündeten glaubten und alles Heil von dort erwarteten. Die deutschen Siege zu Beginn des Feldzuges und die russischen schweren Niederlagen fanden keinen Glauben, da sie ihnen durch Vermittlung der Türken mitgeteilt wurden. Das Vorrücken der Russen im Kaukasus galt ihnen als Zeichen russischer Ueberlegenheit. Erst im Dezember, als der hiesige Posten neu besetzt wurde, konnte die deutsche Aufklärungsarbeit beginnen, und glaube ich, dass die ruhige Haltung der Armenier hier ein Erfolg derselben war. Es ist leider nicht möglich gewesen, diese Aufklärungsarbeit auch in entferntere Gebiete - nach Wan u.s.w. - hinüberzutragen. Die Anfänge meiner Tätigkeit in diesem Sinne wurden durch die Ereignisse überholt. Auf Grund meiner Erfahrungen hier muss ich annehmen, dass es möglich gewesen wäre, durch eine ausgedehnte, rechtzeitige und zweckmässige Aufklärungsarbeit die Armenier vor unüberlegten Schritten abzuhalten und ihnen klar zu machen, dass ihr Wohl und ihre Zukunft allein in einer durch die Verbindung mit Deutschland starken und aufblühenden Türkei zu suchen sei.

Ich bin der Ansicht, dass jetzt die grosse Mehrzahl von der Unsinnigkeit eines Arbeitens für russische Interessen überzeugt ist und Russland, das sie so oft und auch jetzt betrog, verwünscht. Ich glaube ferner, dass, wenn es unserem Einfluss in der Türkei gelingen sollte, das armenische Volk von der Vernichtung zu bewahren, wir bei dem grösseren Teil desselben Dankbarkeit und wertvolle Mitarbeit bei der Erschliessung Anatoliens finden werden.

Andrerseits würde durch eine bleibende Aussiedelung der Armenier aus Anatolien dieses Land seiner wertvollsten Arbeitskräfte beraubt sein. Die an Zahl geringere türkische Bevölkerung, durch den Kriegsdienst dezimiert, kann keinen Ersatz dafür bieten. Bis die Kurden zur Arbeit erzogen, dürften noch Jahrzehnte vergehen. Ich glaube auch, dass das bildungsgierige armenische Volk durch deutsche Schulen in kurzer Zeit für uns gewonnen werden könnte. Zum Beweis führe ich an, dass, als hier eine deutsche Schule eröffnet werden sollte, 90 % der sich meldenden Schüler Armenier waren.

Ich bin somit der Ansicht, dass es für uns, abgesehen von ethischen auch aus praktischen Gründen, zweckmässig sein dürfte, dafür einzutreten, dass den die Aussiedelung überlebt habenden und loyalen Armenier nach dem Kriege gestattet wird, in ihre alten Wohnsitze zurückzukehren. Denn gerade die Liebe zu ihrer Heimat, zu der von ihnen seit Jahrhunderten bewohnten armenischen Hochebene, bildet einen Grundzug ihres Charakters, und wohl mit der sympathischste. Hätten sie diese Liebe nicht, so wäre ihnen als Volk viel Leid erspart geblieben. Die über den ganzen Osten verstreuten Armenier könnten Dank den ihnen innewohnenden kaufmännischen Fähigkeiten das gesammte Wirtschaftsleben an sich reissen und in demselben, gleich den Juden, eine oft nützliche aber nicht immer erwünschte Rolle spielen.

Ich glaube auch nicht, dass die Armenier-Frage in politischer Hinsicht durch die Zwangsaussiedelung nach Mesopotamien eine Lösung gefunden haben wird. Die dort angesiedelten Armenier und die nach Russland geflüchteten werden zurückkommen wollen und zusammen mit den Armeniern Amerikas die Unterstützung der europäischen Mächte erbitten. Die Massenaussiedelung dürfte somit in Verbindung mit den seitens der Türken dabei verübten Grausamkeiten nur einen Grund zur erneuten Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei geben. Gleich wie das Problem "Polen" in Europa ist hier im Kleinen das Problem der auf russischem, türkischem und persischem Gebiet lebenden Armenier ein schwieriges. Als günstigste Lösung hätte ich es angesehen, wenn es den Türken mit Unterstützung auch der russischen Armenier gelungen wäre, die von Armeniern bewohnten Grenzgebiete zu erobern und so die unter russischer wie türkischer Oberhoheit stehenden Teile Armeniens, dessen Mittelpunkt Etschmiasin bilden könnte, zu einem Ganzen zu vereinen. Bei Gewährung einer gewissen Selbstverwaltung hätte sich das armenische Volk unter gerechter türkischer Regierung wohl fühlen und sich seine kulturelle Eigenart, was ihm in Russland nicht möglich, bewahren können. Eine solche Lösung war auch das Ideal einer Gruppe einsichtsvoller armenischer Politiker. Die politische Kurzsichtigkeit sowohl der türkischen Regierung wie der Führer der Daschnakzagan-Partei haben diese Lösung unmöglich gemacht, ja in das Gegenteil verwandelt. Ob jetzt noch die Anbahnung einer Verständigung zwischen den beiderseitigen Komiteeführern möglich, lasse ich dahin gestellt. Die Schwierigkeit scheint mir dabei mehr auf türkischer, als auf armenischer Seite zu liegen.

Eine Aeusserung des Auswärtigen Amts, ob ein dahingehender Versuch, falls sich mir dazu im Verlauf des Kaukasus-Unternehmens Gelegenheit bieten sollte, wünschenswert, wäre für mich von Interesse.


Scheubner-Richter


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