1915-04-16-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14085
Zentraljournal: 1915-A-13929; 18189; 36210
Botschaftsjournal: A53a/1915/0857; 2277
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 04/22/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 236
Zustand: Z1
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 236
Pera, den 16. April 1915.

1. Anlage.

Herr Dr. Liparit Nasariantz, der Abgesandte der dortigen Deutsch-Armenischen Gesellschaft, ist Anfang Januar hier eingetroffen und hat, nachdem er Ende Februar von hier nach Sofia gegangen und vor 14 Tagen hierher zurückgekehrt war, am 8. d.Mts. die Rückreise nach Berlin angetreten.

Dr. Nasariantz hat während seines hiesigen Aufenthalts in engeren Beziehungen zur Daschnakzutiun-Partei gestanden, daneben aber auch mit dem Armenischen Patriarchen, der persönlich der gemässigteren Partei Ramgavar angehört und dementsprechend eine versöhnliche Politik vertritt, nähere Fühlung genommen.

Der Kaiserlichen Botschaft hat er wiederholt, teils mündlich teils in schriftlichen Aufzeichnungen, seine Beobachtungen über die in den ”massgebenden” armenischen Kreise - das heisst wohl in den Kreisen der Daschnakisten, die nach seiner Auffassung die einflussreichste Partei bilden - herrschende Stimmung und über die Lage der türkischen Armenier vorgetragen. Die darin enthaltenen tatsächlichen Angaben konnten aus anderen Quellen (Berichte der Kaiserlichen Konsulate, Mitteilungen des Patriarchats) kontrolliert und ergänzt werden und sind in dem Berichte Nr. 228 1 zusammengefasst worden.

[Der ursprüngliche Entwurf von Mordtmann vom 27.2.1915 hatte folgenden abweichenden Wortlaut: Herr Dr. Liparit Nasariantz ist Anfang Januar hier eingetroffen und hat mir am 10. v. Mts. seine Aufwartung gemacht, nachdem er inzwischen die unter Rückerbittung beigeschlossene Aufzeichnung über seine hiesigen Beobachtungen hier übergeben hatte. Kurz bevor er mich aufsuchte, ließ der Armenischen Patriarch vertraulich mitteilen, daß seine Auffassung der Lage nicht mit den Ansichten des Dr. Nasariantz übereinstimme. Hieraus und aus anderen Einzelheiten schließe ich, daß Dr. Nasariants in keine nähere Fühlung mit dem Patriarchen getreten ist und einer extremeren Richtung angehört, während der Patriarch vielmehr eine gemäßigtere und versöhnlichere Politik vertritt. Diese Auffassung wird mir auch durch den Ton und Inhalt der Anlage bestätigt, obwohl diese nur die in den "maßgebenenden" Armenischen Kreisen wiedergeben will.]
Das beifolgende Schreiben an den Vorstand der Armenischen Gesellschaft bitte ich seiner Bestimmung zugehen lassen zu wollen.


Wangenheim


Anlage 1

An den Vorstand der Deutsch-Armenischen Gesellschaft

Herrn Dr. Johannes Lepsius, Potsdam, Gr. Weinmeisterstr. 45.

Ew. pp. gefälliges Schreiben vom 24. Dezember ist mir s.Z. durch Vermittlung des auswärtigen Amtes zugegangen. Ihrem Wunsche entsprechend habe ich die Anlage dem Armenischen Patriarchen persönlich übergeben lassen, der auch aus diesem Anlasse wieder seinen Sympathien für die von Ihrer Gesellschaft verfolgten Zwecke Ausdruck gegeben hat. Ebenso habe ich Gelegenheit gehabt Herrn Dr. Liparit zu sprechen, nachdem er sich über die hiesige Stimmung eingehend informiert hatte; ich nehme an, dass er Ihnen aber seine Eindrücke direkt berichtet hat.

Indem ich Ihnen noch für die freundlichen Wünsche, mit denen Sie Ihr Schreiben begleitet haben, meinen ergebensten Dank ausspreche und meine eigenen Wünsche für Sie persönlich und für Ihre Gesellschaft hinzufüge, bin ich Ew. pp.


[Wangenheim]

Anlage 2 2

[Aufzeichnung Liparit Nasariantz]

[6.] Februar 1915

A 53 a/857.

Über die gegenwärtige Lage und die Stimmung der türkischen Armenier.

An die Deutsche Botschaft zu Konstantinopel 3


Mir ist von der Deutsch-Armenischen Gesellschaft zu Berlin, zu deren Mitgliedern ich gehöre, der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden, hier in Konstantinopel das Material über die gegenwärtige in den massgebenden armenischen Kreisen herrschende politische Stimmung zu sammeln, dass ich in nachfolgendem Berichte niedergelegt habe und dem Wunsche der hiesigen Deutschen Botschaft gemäss, ihr ganz ergebenst vorzulegen mir hiermit gestatte.

Dem armenischen Volke ist deutscherseits in der Presse sowie von massgebenden deutschen Persönlichkeiten mehrfach der Vorwurf gemacht worden, dass es im gegenwärtigen Weltkriege mit seinen Sympathien nicht auf Seiten der Deutschen stehe. Diese Tatsache muss aber jedem natürlich erscheinen, der den grossen Einfluss kennt, den die anderen Mächte, wie z.B. England und besonders Frankreich schon seit Jahrhunderten, sei es durch ihre Handelspolitik oder durch ihre Kulturpolitischen Bestrebungen, bei allen Orientalen, also auch bei den Armeniern, hier im Lande ausgeübt haben. Das ganze lässt sich als ein sehr einfaches Rechenexempel darstellen, man vergleiche nur die Zahl der französischen und englischen Schulen mit denjenigen der deutschen in der Türkei und sofort wird man darüber im Klaren sein.

Was die orientpolitische Rolle Deutschlands anbetrifft, so hat das armenische Volk, ungeachtet der auf Kosten der Armenier betriebenen türkenfreundlichen Politik zur Zeit Abdul Hamids, in den letzten Jahren alle schlimmen Erinnerungen vergangener Zeiten vergessen und im klaren Bewusstsein seiner Interessengemeinschaft mit den Deutschen und Türken die ersten Anfänge der deutsch-armenischen Annäherung mit aufrichtiger Freude begrüsst. Und auch die freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen den Armeniern, insbesondere der Partei „Daschnakzutiun“, und dem jungtürkischen Komitee sich anbahnten, könnte man als eine mittelbare Freundschaftbezeigung der Armenier den Deutschen gegenüber ansehen. Und auch bei den Deutschen drang gleich nach der Niederlage der Türken im letzten Balkankriege die Erkenntnis durch, dass den bisher so vernachlässigten und verschmähten Armeniern die ihnen gebührende Beachtung geschenkt werden müsse. Das warnende Beispiel Makedoniens und die russischen Aspirationen auf Armenien hatten in erster Linie Deutschland, den an der Erhaltung und Stärkung der asiatischen Türkei am meisten interessierten Staat, dazu veranlasst, im Bunde mit Russland die armenische Reformfrage in die Hand zu nehmen und sie auf der Grundlage einer türkisch-armenischen Verständigung zu lösen, ein Gedanke, der den armenischen Intentionen vollkommen entsprach. Freilich waren die Armenier durch die alten Erfahrungen misstrauisch geworden und gewitzigt, anfangs für das deutsche Angebot nicht leicht zu haben, denn gerade die deutsche Bagdadbahn, zu deren Betrieb das armenische Element als Arbeitskräfte herangezogen werden sollte, war mit allzutraurigen und schauererregenden Erinnerungen aus den neunziger Jahren geknüpft. 4 Dessen ungeachtet gelang es den intellektuellen armenischen Kreisen doch von der Notwendigkeit eines Zusammengehens mit Deutschland zu überzeugen. Schon im Frühjahr 1913 begann man auf beiden Seiten energisch, für eine deutsch-armenische Annäherung zu arbeiten. Namhafte Männer, wie Dr. Lepsius, Dr. Rohrbach und andere, setzten ihre ganzen Kräfte für die kulturelle Unterstützung der Armenier ein, und auch im Auswärtigen Amte war es kein geringerer als der Herr Unterstaatssekretär von Zimmermann, der ein reges Verständnis den gerechten Forderungen der Armenier entgegenbrachte und mit dem ihm zu Gebote stehenden Mitteln das Reformwerk zur Ausführung zu bringen stets bestrebt gewesen ist. Hier in Konstantinopel fanden mehrfache Verhandlungen zwischen den massgebenden deutschen und armenischen Vertretern [statt] und unter anderem wurde ein Verein für die Unterstützung der armenischen Schulen ins Leben gerufen. Und nicht lange darauf wurde in Berlin die Deutsch-Armenische Gesellschaft gegründet, in deren Mitgliederliste die besten deutschen Namen zu lesen sind. Auch die hiesige deutsche Botschaft hat alles daran gesetzt, um dieser neuen politischen Richtung zum allgemeinen Wohl des Osmanenreiches gerecht zu werden. Das erfreuliche war aber dabei, das auch türkischerseits, in Anerkennung der Ehrlichkeit dieser Reformbestrebung oder auch im Bewusstsein der Nutzlosigkeit eines Widerstandes, zu Allem ja und Amen gesagt wurde, sodass nach Kurzem die von allen so heiss ersehnte deutsch-russische Einigung hinsichtlich der armenischen Reformen zustande kam.

Kurzum alles ging in bestem Fluss, als auf einmal die Wiedereinnahme Adrianopels durch die türkischen Truppen alles über den Haufen geworfen hat. Die Türken, die gestern noch so willig den Ratschlägen der Mächte gefolgt waren, fühlten sich mit einem Mal auf dem hohen Ross und im Vollgefühl ihrer Macht und Grösse wiesen sie das armenische Reformprogramm mit derselben Unerbittlichkeit zurück, mit der sie die Ratschläge der 6 Grossmächte hinsichtlich der Zurückgabe Adrianopels an die Bulgaren zurückgewiesen hatten.

Von diesem Zeitpunkte an hatte man armenischerseits die Hoffnung auf das Gelingen der Reformaktion fast aufgegeben, umso mehr als man allmählich auch zu der Überzeugung gelangte, dass deutscherseits abermals die weitgehendste Nachgiebigkeit gegenüber den Türken an den Tag gelegt wurde. Tatsache ist nur, dass von nun an den Armeniern der Stand der Verhandlungen verheimlicht wurde, bis schliesslich Anfang vorigen Jahres das Zustandekommen eines Reformplanes verkündet wurde, der niemals zur Veröffentlichung kam. Tatsache ist ferner, dass der eine der beiden für die armenischen Provinzen ernannten Generalinspekteure Hoff Bey, ohne die ihm von der Pforte zugesicherte Vollmacht, nach Armenien entsandt, aber schon nach Verlauf von zwei Monaten zurückberufen wurde, während der andere 5 kurze Zeit nach seiner Ankunft wieder heimkehrte. Und somit war es mit der Herrlichkeit der armenischen Reformen abermals vorbei.

Ist es da ein Wunder, wenn das armenische Volk, zum dritten Mal in seinen gerechten Hoffnungen getäuscht, das grosse Vertrauen, das es noch kurz zuvor auf Deutschland gesetzt hatte, nunmehr ganz und gar verlor? Dem deutschen Geschichtsschreiber sei diese Frage zur Beurteilung vorgelegt und nicht dem deutschen Politiker.


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Unter diesen Umständen konnten die Armenier ihre Sympathien für Deutschland nicht offen bekunden. Allein von dem Augenblicke an, wo die Türkei in den Weltkrieg eintrat, hat das armenische Volk nicht gezögert, im vollen Bewusstsein seiner patriotischen Pflichten, Hand in Hand mit den Türken zu gehen.

Bereits im November vorigen Jahres erliess der armenische Patriarch in Konstantinopel an alle Armenier der Türkei einen Aufruf, in dem er sie aufforderte, zu den Waffen zu greifen, um das bedrohte osmanische Reich vor dem Feinde zu schützen. Dieser Aufruf fand bei allen türkischen Armeniern einen starken Wiederhall, in allen armenischen Kirchen des Reiches wurden für den Sieg der osmanischen Waffen öffentliche Gebete abgehalten, an zahlreichen Orten fanden begeisterte Kundgebungen der armenischen Jugend für die Regierung ihres Landes statt. Armenische Vereine und Institutionen, zahlreiche Krankenhäuser, der armenische Ärzteverein, sowie der Wohltätigkeitsverein und noch andere mehr haben an der allgemeinen Sache den regsten Anteil genommen. Ungeheuer gross sind die Summen, die gerade von der armenischen Kaufmannschaft der Regierung zu Kriegs- und Verteidigungszwecken zuflossen und immer noch zufliessen. So sind beispielsweise von der armenischen Kaufmannschaft von Wan Waren im Werte von ca. 25000 tL. requiriert worden, hier in Konstantinopel wurde von einem armenischen Kaufmann nicht weniger als 15000 tL. an Waren requiriert. Auch die armenische Bauernschaft hat ihr Hab und Gut für Kriegszwecke hergeben müssen, sodass in allen armenischen Dörfern Frauen, Kinder und Greise den Transportdienst buchstäblich auf ihren Rücken versehen müssen, nicht zu reden von dem grossen Elend, das im ganzen Inneren herrscht, nachdem alle waffenfähigen Armenier eingezogen sind. Und was vollends den armenischen Soldaten anbetrifft, so haben selbst türkische Offiziere des öfteren versichert, dass die Armenier sich in den Kämpfen im Kaukasus sehr tapfer geschlagen hätten. Tragisch ist freilich der im Leben der Völker selten vorkommende Umstand, das Stammesbrüder zweier einander feindlicher Staaten, Stammesbrüder, die Jahrhunderte lang zusammen gehalten haben und für ein und dasselbe Ideal gearbeitet und gelitten, jetzt einander bekämpfen und einander töten, wie es bei den russischen und türkischen Armeniern gegenwärtig der Fall ist. Dessen ungeachtet hören wir nun aus sicherer Quelle, das ebendort Fälle vorgekommen sind, wo türkische Soldaten vom Hinterhalt an auf ihre in der Front kämpfenden armenischen Kameraden geschossen und mehrere von ihnen getötet haben.

Die Beschwerde der Armenier über diese Vorfälle wurde von der hiesigen Regierung damit abgetan, dass die auf diese meuchlerische Weise ermordeten armenischen Soldaten wahrscheinlich Spione gewesen sein müssten. Uns erscheint diese Art von „Hinrichtung“ von Spionen sehr verdächtig, und auch die Erklärung, wie es denn möglich sei, dass ganze Gruppen gegen die Russen kämpfender armenischer Soldaten ohne Weiteres als Spione verdächtigt und von ihren mohamedanischen Kameraden über den Haufen geschossen werden, ist uns die Regierung schuldig geblieben.

Aus diesen traurigen Vorfällen sowie aus zahlreichen anderen geht hervor, dass die Armenier trotz ihrer offen bekundeten Opferwilligkeit nicht allein von der türkischen Regierung, sondern auch von einigen deutschen Missionsoffizieren grundlos verdächtigt werden. Es ist fernerhin beobachtet worden, dass diese Verdächtigungen gegen die Armenier seit der Ankunft der deutschen Missionsoffiziere leider zugenommen haben, ohne dass damit armenischerseits behauptet werden soll, dass die deutschen Offiziere daran Schuld seien. Ferner hat der deutsche Konsul von Mossul auf seiner Durchfahrt durch Musch und Wan in Gegenwart zweier armenischer Abgeordneter die Bemerkung fallen lassen, er sei darüber sicher informiert, dass die Armenier im Geheimen einen Aufstand planen, und dass ihnen dafür eine gerechte Strafe bevorstehe. Und endlich steht fest, dass der von dem Grafen Kanitz als gerecht und unparteiisch bezeichnete ehemalige Konsul Anders in Erzerum, gleich nach seiner Ankunft in seinem Amtsort, sich als ein Armenierfeind entpuppt hat.

Was endlich die einzelnen Fälle von Fahnenflucht von Armeniern anbelangt, worauf nicht nur türkischerseits, sondern auch von den Offizieren der deutschen Mission immer wieder gewiesen wird, so ist darüber zu sagen, dass die weit grössere Anzahl solcher Fälle von den mohamedanischen Soldaten verübt, geflissentlich verschwiegen wird. Es ist nämlich statistisch nachgewiesen, dass beispielsweise im Kreise Musch der Prozentsatz der armenischen Deserteure 6-8, während derjenige der Mohamedaner 30-40 beträgt.

Die traurigen Folgen dieses allgemeinen gegen die Armenier gehegten Misstrauens konnten auch nicht ausbleiben. Mord und Totschlag, Plünderungen und Haussuchungen sind jetzt schon seit Beginn des Krieges an der Tagesordnung. Unter anderem wurde im Dezember vorigen Jahres der armenische Erzbischof Odabaschian am hellen lichten Tage auf dem Wege von Siwas nach Ersindjian ermordet. 6 Dass es sich hierbei nicht um einen räuberischen Überfall oder ein anderes einfaches Verbrechen, sondern um einen rein politischen Mord handelt, geht aus der Tatsache hervor, dass alle Wertgegenstände und das Geld des Ermordeten unberührt vorgefunden wurden, was im ausführlichen Berichte an das armenische Patriarchat zu lesen ist. Ebenso erging es dem armenischen Priester Aristages im Dorfe Odzni und dem bekannten politischen Führer Toros in Bayazid, nicht zu reden von den zahlreichen Verbrechen an unschuldigen armenischen Bauern verübt. Von den mohamedanischen Banden hervorgerufenen Unruhen werden auch aus der Umgebung von Erzerum gemeldet, und nur dank dem energischen Vorgehen des Walis Tahsin Bey wurde auch vor Kurzem eine Armeniermetzelei in der Stadt selbst rechtzeitig verhindert.

Der armenischen Presse wurde es von der Regierung streng verboten, von all diesen Fällen Erwähnung zu tun, dazu kommt noch, dass infolge der äusserst streng gehandhabten Zensur und der Unmöglichkeit des regelmässigen Nachrichtendienstes die spärlichsten Nachrichten aus dem Inneren hierher gelangen. In Wirklichkeit muss es dort weit schlimmer aussehen, als hier auch nur geahnt wird. Das armenische Volk beklagt alle diese Fälle von Verbrechen aufs Tiefste nicht sosehr als solche, als vielmehr als untrügliche Sympthome drohender Unruhen im Inneren des Reiches, für welche nicht allein die türkische Regierung von der ganzen neutralen Welt verantwortlich gemacht werden kann.


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Die gegenseitigen Beziehungen zwischen der Jungtürkischen Regierung und der armenischen Partei „Daschnakzutiun“ können als erneuter Beweis für die verfehlte Politik der Jungtürken gegenüber den Armeniern dienen.

Die „Daschnakzutiun“ ergriff, wie bekannt, noch vor der Konstitution die Initiative der türkisch-armenischen Annäherung und des politischen Zusammenwirkens mit den Jungtürkischen Elementen. Nach dem Sturze Abdul Hamids gewährte die armenische Partei dem jungtürkischen Komitee ihre Unterstützung zur Konsolidierung des neuen Regimes. Sogar nach den Metzeleien von Adana und trotz der allgemeinen Entrüstung der armenischen Bevölkerung hat die „Daschnakzutiun“ es für ihre Pflicht gehalten, für die Aufrechterhaltung der Konstitution einen Vertrag mit dem jungtürkischen Komitee zu schliessen.

Dessen ungeachtet fing die türkische Regierung im letzten Jahre an, statt die türkisch-armenische Annäherung weiter zu entwickeln und die wichtigsten Punkte des beiderseits unterschriebenen Vertrages zu verwirklichen (die Regelung der Agrarverhältnisse in den armenischen Provinzen, die Bezähmung der Kurden, die finanzielle Unterstützung der armenischen Schulen u.s.w.), die „Daschnakzutiun“ als eine verdächtige Partei zu betrachten, und ihre Einrichtungen und Mitglieder zu verfolgen. Die Verfolgungen wären wahrscheinlich viel weiter gegangen, wenn die Leitung des Ministeriums des Innern sich nicht in den Händen Talaat Bey’s befände, eines Mannes, der seit 6 Jahren den Ruf eines aufrichtigen Anhängers der türkisch-armenischen Freundschaft geniesst.

Die „Daschnakzutiun“ hat trotz alledem beschlossen, ihre frühere Richtung zu bewahren und ebenso wie während der Kriege der Türkei mit Italien und den Balkanstaaten, aus der schwierigen Lage, in der sich jetzt das Reich befindet, keinen Nutzen im separatistischen Sinne zu ziehen, sondern ihr zukommenden Pflichten genüge zu tun.


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Türkischerseits wird den Armeniern allgemein der Vorwurf gemacht, dass ihre Stammesbrüder in Russland eine türkenfeindliche Haltung an den Tag legen. Und dies offenbar unter dem Eindruck aus dem Kaukasus einlaufenden Nachrichten über die begeisterten Kundgebungen der dortigen Armenier für die russische Armee. Auch deutscherseits wird hier den Armeniern dasselbe vorgeworfen.

Erstens ist es schwer festzustellen, inwieweit die Kaukasischen Nachrichten richtig sind, weil es infolge der Unterbrechung des Verkehrs zwischen der Türkei und Russland unmöglich ist, allerlei Gerüchte zu kontrollieren. Ferner, wenn sie auch richtig wären, so fällt die ganze Verantwortung für derartige Haltung der Armenier auf die falsche Politik, die in den letzten 5 Jahren die Jungtürkische Partei und die Regierung verfolgen.

Wäre der Krieg zwischen der Türkei und Russland im Jahre 1908 ausgebrochen, wo die ganze armenische Bevölkerung durch die türkische Konstitution begeistert mit besten Hoffnungen ihrer Zukunft entgegensah, während dort im Kaukasus die armenierfeindliche Politik einen Abgrund zwischen der russischen Regierung und dem armenischen Volke geschaffen hatte, und alle Augen von jenseits des Ararats an das konstitutionelle Konstantinopel gerichtet waren, so wären die Kaukasischen Armenier nicht nur vollständig gleichgültig und neutral geblieben, sondern auch hätten alle ihre Sympathien der Türkei geschenkt.

Inzwischen hat aber die russische Regierung, offenbar in Voraussicht eines Krieges, vieles getan, um die Armenier zu veranlassen, ihre alten Wunden zu vergessen. Die türkische Regierung hat im Gegenteil alles getan, um die grossen Hoffnungen der Armenier zu zerschlagen und viele Armenier, insbesondere die, die in Europa wohnen, zu zwingen, ihre Blicke wieder an Russland zu richten. Die massgebenden armenischen Kreise hier in Konstantinopel und besonders die „Daschnakzutiun“ bemühten sich fortwährend, den Türken auf ihre Fehler und auf die drohende Gefahr der neuen Politik der Russen aufmerksam zu machen. Aber alle diese Bemühungen blieben erfolglos.

In Zusammenhang hiermit wäre es am Platze, eine Tatsache hervorzuheben. Als im August vorigen Jahres, das heisst drei Monate vor dem russisch-türkischen Kriege, zwei angesehenste Mitglieder des Jungtürkischen Komitees im Auftrage der Regierung nach Erzerum gingen, um mit den Vertretern der „Daschnakzutiun“ zu verhandeln und sich über die Haltung der Armenier zu orientieren, da verlangten die Vertreter der armenischen Partei nicht die Autonomie Armeniens, sondern die Verwirklichung der kurz zuvor verkündeten Reformen, damit endlich einmal die Beziehungen zwischen den Armeniern und den Türken geregelt würden und damit zugleich den russischen Armeniern klar vor Augen geführt werde, das zwischen ihren Stammesbrüdern in der Türkei und der türkischen Regierung das beste Einvernehmen bestehe. Bekanntlich blieb das ganze Reformprogramm sowie das Wilajetsgesetz über die Gleichstellung der Christen und Mohamedaner (in den Wilajets Wan und Bitlis) ein toter Buchstabe.

In der tiefsten Enttäuschung der Armenier auf beiden Seiten der Kaukasischen Grenze ist also die Erklärung der Zustände zu suchen, die sich während des gegenwärtigen Krieges entwickelten. Die russische Regierung, die vor Kurzem so feindlich gegen die Armenier gestimmt war, verstand es, das zu gewinnen, was die türkische Regierung so unvorsichtig aus der Hand liess.


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Welche Rolle hat Deutschland unter diesen Umständen zu spielen?

Vor dem Kriege, wo alle Grossmächte in der Türkei vertreten waren, war die Verantwortung Deutschlands für die Lage in den armenischen Provinzen nicht grösser, als diejenige der anderen Mächte. Jetzt aber, wo Deutschland vom Standpunkte der internationalen Intervention als der einzige Faktor betrachtet werden kann, fällt diese Verantwortung, wenigstens in moralischer Hinsicht, auf Deutschland allein, umsomehr als die Deutschen gegenwärtig die allgemeine Richtung der Politik der türkischen Regierung stark beeinflussen.

Das eigene Interesse Deutschlands verlangt es also, sich zu bemühen, die Sympathien des armenischen Volkes zu gewinnen. In dieser Hinsicht hat Deutschland viel bessere Aussichten als Russland. Unter den armenischen Kreisen ist die Meinung sehr stark vertreten, dass, obwohl die Armenier in Russland physisch und ökonomisch weit sicherer seien, als in der Türkei, vom national-politischen Standpunkte jedoch Russland mit seinen Russifizierungsbestrebungen viel gefährlicher sei. Daher könne die Eroberung Armeniens durch Russland alle Hoffnungen des armenischen Volkes auf seine ungehinderte nationale Entwicklung zu Nichte machen.

Das ist die Ursache, dass die armenischen nationalen Organe und politischen Parteien sowie die führenden Kreise immer gegen separatistische Tendenzen und gegen den Abfall Armeniens von der Türkei waren und nie das Prinzip einer fremden Eroberung, selbst nach dem grossen Verbrechen von Adana, unterstützt haben.

Unter den jetzt herrschenden Zuständen aber handelt es sich für das armenische Volk nicht nur um seine politischen Rechte, sondern im weit grösseren Masse um seine physische Existenz, eine Frage, die der ganzen armenischen Bevölkerung am Herzen liegt.

Und gerade darin können die Deutschen dem armenischen Volke den grössten Dienst erweisen, nicht nur im Interesse der Armenier, sondern auch der Türken und Deutschlands selbst. Die Deutschen könnten hier als Vermittler zwischen den Türken und Armeniern auftreten, um ihre unterbrochenen Beziehungen wieder herzustellen.


[Notiz Weber 6. 2. 1915]

Herrn Generalkonsul Dr. Mordtmann

Dr. Liparit war heute Abend bei mir und übergab die Anlage. Ich habe ihn auf Montag Vormittag geladen. Er will auch dann S. E. einen Besuch machen.


1Dok. 1915-04-15-DE-002.
2Im Bericht nicht als Anlage kenntlich gemacht.
3Anmerkung Mordtmann: D. L. ist von S. E. am 10. Januar empfangen worden. Wollte in den nächsten Tagen abreisen. Am 9. liess mir der Patriarch sagen, dass er mit L. nicht übereinstimme; gleichen Eindruck aus [unleserlich]. Dr. L. hat Patriarchen nur einmal aufgesucht.
4Anmerkung Mordtmann: weil man in armenischen Kreisen die Konzessionsverteilung als eine Belohnung der türkenfreundlichen Haltung Deutschlands in der armenischen Frage ansah.
5Anmerkung Mordtmann: Holländer Westenenk.
6Anmerkung Mordtmann: wie vom armenischen Patriarchen bestätigt. 16.2. Der Ermordete war von Brussa nach Erzindjan geschickt um die vakante Diözese zu verwalten.



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