1916-11-25-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14094; BoKon174
Zentraljournal: 1916-A-32227
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 11/28/1916 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 723
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Kühlmann) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



No. 723
Pera, den 25. November 1916
Mit Bezug auf den Erlaß vom 14. d.Mts. No. 12261 und im Anschluß an den Bericht vom 17. November No. 7102 sowie anderweitige Berichterstattung.

In meinem Auftrage hat der Geheime Legationsrat v. Radowitz Halil Bey Kenntnis von der amerikanischen Demarche in Berlin gegeben und dabei unter Hinweis auf die bekannte Asquith’sche Rede betont, daß wir uns in einer schwierigen Lage befänden, da unsere Feinde die Armenierfrage gegen uns ausnützten und uns mit für die Verfolgungen verantwortlich machten. Als christliche Macht könnten wir daran nicht stillschweigend vorübergehen. Im Anschluß daran wurden auch die jüngsten Vorgänge in Smyrna erwähnt und dem Minister dringend anheimgegeben, bei der Behandlung der Armenier möglichst vorsichtig zu sein und die Schwierigkeiten nicht zu übersehen, die der Türkei und uns daraus erwüchsen. Inzwischen ergeben die letzten Nachrichten aus Smyrna, daß die dortige Regierung auf Grund der Intervention des Marschalls Liman von Sanders von der Massenverschickung der Armenier Abstand genommen hat.

Bezüglich der amerikanischen Note vom 4. d.Mts. gestatte ich mir in der Anlage den Entwurf einer Antwort mit dem Bemerken vorzulegen, daß es mir zweckmäßig erscheint, den Amerikanern gegenüber das Vorgehen der türkischen Regierung zu rechtfertigen bezw. zu entschuldigen und unser Einschreiten auf das unpolitische Gebiet der Hilfsaktion für die notleidenden Armenier einzuschränken.


Kühlmann

Anlage


Abschrift.

Die Kaiserliche Regierung teilt die in der Note der Amerikanischen Botschaft vom 4. November vorgetragenen Erwägungen und bedauert mit ihr auf das lebhafteste das harte Los, das die türkischen Armenier infolge der Kriegsereignisse betroffen hat. Diese, von rein menschlichem Empfinden geleiteten Erwägungen werden noch durch den Umstand verstärkt, dass es sich um christliche Glaubensgenossen handelt, und sie darf in letzterer Beziehung auf den seiner Zeit auch in der Presse veröffentlichten Bescheid des Herrn Reichskanzlers an das Zentralkomitee der Katholiken Deutschlands vom November v.J. verweisen.3

Andererseits aber verkennt sie auch nicht, dass schwerwiegende Gründe militärischer und politischer Art die Türkische Regierung zu ihrem Vorgehen gegen ihre armenischen Untertanen bestimmt haben, sowie dass der herrschende Kriegszustand, die mangelhaften Wege und die allgemeine Unsicherheit in den von der Deportation hauptsächlich betroffenen anatolischen Provinzen es ihr vielfach unmöglich gemacht haben, für die Deportierten in wünschenswertem Masse zu sorgen; endlich verkennt sie nicht, dass die fragliche Massregel im Wesentlichen auch eine Frage der inneren Politik der Hohen Pforte bildet 4, in die, auch als verbündete Macht, einzugreifen die Deutsche Regierung Anstand nimmt.

Trotzdem hat die Kaiserliche Regierung wie es auch der Amerikanischen Regierung bekannt ist, immer und immer wieder Gelegenheit genommen die Hohe Pforte auf die wirtschaftlichen und politischen Folgen ihrer Massnahmen gegen die Armenier aufmerksam zu machen und namentlich darauf gedrungen, dass unnötige Härten vermieden würden; auch hat sie es sich angelegen sein lassen, die von deutscher und anderer, befreundeter Seite eingeleitete Hilfsaktion für die notleidenden Armenier nach Möglichkeit zu fördern und zu unterstützen.

In dieser Hinsicht hofft sie auch in Zukunft den Wünschen der Amerikanischen Regierung entgegenkommen zu können.


[Notiz Radowitz 21.16.]

Notiz zu 3390.5

Auftragsgemäß habe ich Halil Bey auf die Armenierfrage angesprochen und ihn von der amerikanischen Demarsche in Berlin erzählt. Auch habe ich auf die bekannte Asquithsche Rede hingewiesen und betont, daß wir uns in einer heiklen Lage befänden, da unsere Feinde die Armenierfrage natürlich gegen uns ausnützen und uns mit für die Verfolgungen verantwortlich machen. Als christliche Macht könnten wir daran nicht stillschweigend vorübergehen. Wir sprachen dann von den letzten Vorkommnissen in Smyrna und ich endigte damit, daß ich dem Minister warm ans Herz legte, bei der Behandlung der Armenier möglichst vorsichtig zu sein und an die Schwierigkeiten zu denken, die den Türken und uns daraus erwüchsen.


1 A 30011.[Dok. 1916-11-14-DE-001]
2 A 31505.
3 Anmerkung Rosenberg: Eventuell inhaltl[ich] aufnehmen. Die Ks. Reg. glaubt indes nicht, daß Glaubensverfolg[ung] das Motiv ist.
4Anmerkung Rosenberg: Sodaß die Einwirkungsmöglichkeiten auch hier [nicht entziffert] beschränkt sind.
5Dok. 1916-11-14-DE-001.



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