1909-04-26-DE-005
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Quelle: DE/PA-AA/R 13185
Zentraljournal: 1909-A-08118
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/08/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.No. 368/K.No. 46
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Generalkonsul in Aleppo (Tischendorf) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



J.No. 368 / K.No. 46
1 Anlage

Euerer Durchlaucht beehre ich mich in der Anlage ein Schreiben des Dr. Müllerleile vom „Deutschen Hülfsbund für christliches Liebeswerk im Orient“ betreffend der Unruhen in Marasch gehorsamst einzureichen.


Tischendorf
[Anlage]

Abschrift

Deutscher Hülfsbund für christl. Liebeswerk im Orient.


Marasch, den 21. April 1909.

Euer Hochwohlgeboren

haben bereits aus meinen Depeschen erfahren, daß Marasch und die Umgegend in großer Unruhe sind. Bereits am 15. und 16. ds. zirkulierten allerlei Gerüchte in der Stadt, Konstantinopel sei in Aufruhr, in Adana habe ein Gemetzel stattgefunden etc. Die Regierung wüßte davon, daß die hiesigen Muhammedaner auch in Marasch einen Putsch beabsichtigten. Trotzdem sie darauf aufmerksam gemacht wurde, Samstag 17. ds. in der Frühe Soldaten auf den Markt zu schicken, unterblieb es und so fielen zwischen 9 und 10 h. vormittags Muhammedaner plötzlich über die zufällig den Markt passierenden Christen her. Letztere waren nicht im Stande, Gegenwehr zu leisten, sie wurden in bestialischer Weise verwundet und abgeschlachtet. Um 10 h. Vormittags brachte man die ersten Verwundeten in unser deutsches Krankenhaus. Wir nahmen im Ganzen 14 auf mit größtenteils lebensgefährlichen Verletzungen. Ein Islam wurde in der Stadt weder getötet noch verwundet. Von unseren Verwundeten sind bereits 8 ihren Verletzungen erlegen. Die Regierung griff nach diesem Geschehnis gleich ein, der Mutessarif zwar immer noch säumig und nicht mit dem erforderlichen Nachdruck, während der Militärkommandant den besten Willen zeigte. Man hat einige Leute ins Gefängnis gesetzt, Patrouillen durchziehen die Stadt und die Regierung sucht die Christen zu beruhigen und zu veranlassen, die Läden auf dem Markt wieder zu öffnen. Wenn man in den Tagen durch die Stadt ging, sah man überall Islams in Gruppen von 20 - 30 Leuten herumstehen, zum Teil bewaffnet, von den Armeniern sah man höchstens einige Frauen über die Straßen eilen und diese wurden häufig von den Türken gestellt und durchsucht, ob sie kein Pulver bei sich führten. Das Schlimme ist, daß die ganze Bevölkerung bewaffnet ist. Auch die Armenier sollen viele Waffen und Pulver in den Häusern haben, was man ihnen gewiß nicht verdenken kann. Zum Glück haben sie indeß bisher noch keinen Gebrauch davon gemacht. Die Waffen einzusammeln und die an dem Gemetzel Schuldigen streng zu bestrafen, dazu fühlt sich die Regierung leider zu schwach. Der Kommandant sagte mir, er habe mehrmals um Truppenverstärkung telegraphiert, habe aber nichts erreicht. Die vorhandenen 500 Soldaten sind jedenfalls durchaus ungenügend für eine Stadt von mindestens 60000 Ein[wohnern]. Durch die Umstände veranlaßt und nach Rücksprache mit dem französischen Konsul sandte ich gestern eine Depesche an die Gesandtschaft, wovon ich Euer Hochwohlgeboren hiermit in Kenntnis setze. Gleichzeitig danke ich Euer Hochwohlgeboren verbindlichst für die Verwendung beim Wali. Die türkische Regierung kann wirklich nicht schnell und energisch genug Hülfe senden, somit steht hier noch das Schlimmste bevor. Denn es handelt sich nicht nur um Marasch, sondern um die umliegenden Dörfer. Am Montag 19. sahen wir von M. aus ein Christendorf Kischiftli brennen. Täglich kommen Flüchtlinge - alles Christen - aus der näheren und weiteren Umgebung und berichten vom Niederbrennen ihrer Dörfer und Untergang ihrer Familien. Das Herz blutet einem bei dem Jammer und Elend, das man nicht etwa aus Büchern liest, sondern mit eigenen Augen sieht. Gestern kamen 14 Flüchtlinge aus Hassan Bejli, einem großen armenischen Dorfe, das noch zum Wilajet Adana gehört. Ihr Dorf, das aus 400 Häusern bestand, ist gänzlich zerstört und verbrannt. Sie berichteten, daß am 15. ds. eine etwa 3000 köpfige Menge von Muhammedanern aus Bagtsche und Umgegend gegen ihr Dorf gezogen sei und es angegriffen habe. Sie hätten ca. 50 Stunden lang Widerstand geleistet und sich verteidigt, dann mußten sie weichen. Ca. 200 aus ihrem Dorfe flohen nach einem in der Nähe Marasch’s gelegenen großen Armenierdorf - Fundertschak -, 14 kamen nach Marasch. Auf dem Weg wurden sie noch des öfteren von muhammedanischen Dörfern aus beschossen, einige getötet, mehrere verwundet. 2 Stunden von M.[arasch] nahmen ihnen die Kurden noch Pferde, Geld und Schmucksachen. In unserem Krankenhaus erzählte mir heute einer der reichsten Aghas von Hassan Bejli den tragischen Untergang seines Dorfes. Er besaß ein Vermögen von 3000 Liras und ist nun ein obdachloser Bettler. Sohn und Enkel flüchteten mit ihm. Mit Thränen in den Augen bat er uns, etwas zu tun für die Kinder und Frauen, die in großer Anzahl zurückgeblieben seien und nun in den Bergen umherirrten. Er versicherte uns ferner, daß die Muhammedaner in Bagtsche von der Regierung Martinigewehre erhalten hätten; die deutschen Ingenieure in Bagtsche könnten das bezeugen. Eine empörende Tatsache! Ich könnte Euer Hochwohlgeboren noch weitere wohl verbürgte Details geben, begnüge mich indeß mit dem bisher Erzähltem. Wir Deutsche hier in M., besonders wir im Krankenhaus, wollen der Bevölkerung ohne Unterschied von Religion und Nation dienen. In den letzten Tagen sind unsere Häuser voll von geängstigten armenischen Flüchtlingen, und als Arzt hatte ich nur Armenier zu behandeln. Einen getöteten oder verwundeten Muhammedaner bekam ich bisher nicht zu Gesicht. Euer Hochwohlgeboren könne der armen Bevölkerung hier einen unschätzbaren Dienst tun, wenn Sie die Regierung zu einem sofortigen gerechten und energischen Handeln bestimmen wollen.


Mit vorzüglicher Hochachtung
[Dr. med R. Müllerleile]


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