1915-06-25-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14086
Zentraljournal: 1915-A-20447
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/02/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 399
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 399
Pera, den 25. Juni 1915

Im Anschluß an Bericht vom 18. d.Mts. No. 376.

Der Hochverratsprozeß, der mit der Hinrichtung von 20 Armeniern am 15. d.Mts. seinen Abschluß gefunden hat, geht in seinem Grunde zurück auf die von dem bekannten Scherif Pascha in Paris in Verbindung mit dem Hintschakistenführer Sabahgülian gegen die jungtürkischen Machthaber, speziell gegen Talaat bey, geplanten Anschläge, auf die sich die vor einigen Wochen in Tanin erschienenen Enthüllungen beziehen.

Über die Art, wie der Bund zwischen den Hintschakisten bezw. Ihrem Führer Sabahgülian und Scherif Pascha zustande gekommen ist, wird von gut unterrichteter armenischer Seite folgende Darstellung gegeben:

Sabahgülian, ein ebenso gewandter Redner wie Schriftsteller, leitete vor Wiederherstellung der Konstitution das in Paris erscheinende Parteiorgan der Hintschakisten und galt als der geistige Führer der Partei.

Nach der Revolution kehrte er hierher zurück, hielt sich aber zurück von den Jungtürken, während die andere grosse Partei, die Daschnakzutiun, in enge Verbindung mit dem Comité Union et Progrès trat.

Dies hatte seinen Grund darin, dass Sabahgülian von jeher die Jungtürken bekämpft hatte; namentlich hatte er - noch vor der Revolution - eine Broschüre veröffentlicht, in der er die Jungtürken heftig angriff und sie für ebenso gefährliche Feinde von Freiheit und Fortschritt hinstellte wie Abdulhamid.

Als die Oppositionspartei Itilaf (Entente libérale) sich bildete, schlossen die Hintschakisten unter Sabahgülian ein Kartell mit ihr ab, um sich eine Anzahl Sitze im Parlament zu sichern. Aber noch vor Abschlussss der Wahlen verliess Sabahgülian Constantinopel und setzte in Paris, wo er wieder die Leitung des Parteiblattes übernahm, den Kampf gegen die Jungtürken fort.

Trotzdem die grosse Mehrzahl der hiesigen Hintschakisten die Haltung Sabahgülians missbilligten, vermochten sie doch nicht sich seiner zu entledigen.

Vor zwei Jahren berief er einen Parteitag nach Constantza, auf dem beschlossen wurde, den Kampf gegen die Regierung mit gewaltsamen und gesetzlich nicht erlaubten Mitteln zu führen.

An dieser Versammlung nahmen nur wenige Parteimitglieder aus der Türkei teil. Als die Beschlüsse von Constantza hier bekannt wurden, erhoben die türkischen Hintschakisten Protest gegen den Kongress und brachen alle Verbindungen mit Sabahgülian und dessen alter ego Varaslad ab.

Vor etwa einem Jahre verhaftete dann die Polizei zwei von auswärts zugereiste Armenier, die wie es hiess, von Scherif Pascha und Sabahgülian gedungen waren, um Talaat bey zu ermorden. Gleichzeitig erhielt die Regierung durch einen Geheimagenten Kenntnis von den Beschlüssen von Constantza und verhaftete die hiesigen Hintschakistenführer, die indes entlassen wurden, da sie nachweisen konnten, daß sie keine Gemeinschaft mit Sabahgülian und dessen Anhang hatten; auch verpflichteten sie sich damals in dieser Sache, die Regierung zu unterstützen. Tatsächlich gelang es ihnen, die von Sabahgülian ausgesandten Meuchelmörder zu bestimmen, von der Ausführung des Anschlages abzustehen; bevor diese aber abreisen konnten, fielen sie der Polizei in die Hände. Dies erfolgte nach Ausbruch des Krieges, und die eingeleitete Untersuchung führte dann zu weiteren Verhaftungen.

Nun klagen sich die Hintschakisten und die türkischen Behörden gegenseitig an, ihr Wort nicht gehalten zu haben. Erstere machen geltend, daß sie das geplante Attentat verhindert hätten; zur Denunzierung ihrer Parteigenossen seien sie nicht verpflichtet gewesen, das sei gegen die Grundsätze jeder Partei und würde von den anderen Parteien (die hier in der Türkei den Charakter von Geheimbünden tragen) ebenso gehalten. Die Behörde hingegen beschuldigt die Hintschakisten, dass sie, anstatt die Meuchelmörder auszuliefern, versucht hätten, sie durch die Flucht der Ergreifung zu entziehen.

Über die den zwanzig Hingerichteten zur Last gelegten Verbrechen macht das Armenische Patriarchat folgende Angaben:

1) Paramaz, alias Matteos Sarkisian, 2) Agop Kazazian, 3) Minas Keschischian, 4) Sempad Kilindjian: Diese vier Individuen sind die von Sabahgülian ausgesandten Meuchelmörder; sie dürfen durch ihr eigenes Geständnis und anderes Belastungsmaterial für überführt gelten;

5) Vahan Bojadjian und 6) Dr. Benne Torossian: waren die Korrespondenten und Vertrauensmänner des Sabahgülian; Dr. Benne hatte auch am Kongress zu Constantza teilgenommen;

7) Armenak Hampartzum und 8) Abraham Muradian: waren aus Europa hierher gekommen, sonst hat sich ihnen nichts Bestimmtes nachweisen lassen;

9) Aram Atschikbaschian, 10) Hrant Eghavian und 11) Karekin Boghossian: waren angeklagt, dem armenischen Geheimagenten, der den Behörden die Pläne der Verschwörer enthüllt hatte, im Auftrage eines Vierten nach dem Leben getrachtet zu haben; es handelte sich um eine Weiberaffaire ohne politischen Hintergrund; der zuerst Genannte ist positiv unschuldig und die beiden Andern sind von dem Opfer, das sie nur verwundeten, nicht rekognosziert worden;

12) Boghos Boghossian aus Bafra (nicht Egin): hat an der Versammlung in Constantza teilgenommen;

13) Agop Basmadjian aus Killis und 14) Tomas Tomassian: haben vor zwei Jahren an ihre Parteigenossen einen Aufruf erlassen, in dem sie zum Ankauf von Waffen aufforderten und ”zum Schutze des Vaterlandes und ihrer Ehre”;

15) Eremija Mattossian: hatte den unter 9 - 11 aufgeführten Individuen einen Revolver verkauft;

16) Mighrditsch Abretzian aus Harput: sein Name war in dem bei Paramaz (oben 1) gefundenen Adressenbuche als der eines zuverlässigen Mannes verzeichnet; er war wohlhabend und zahlte Beiträge an alle Vereine, u.a. auch an die Hintschakisten; der Vali von Harput hat sich vergeblich für ihn verwendet;

17) Kegham Vanighian: aus einem Schreiben des Paramaz (oben 1) an den Dr. Benne (oben 6) ergab sich, dass er als Leiter des Pariser Hintschakistenblattes in Aussicht genommen war;

18) Jervant Topuzian: ein junger Mann von 18 Jahren; sein Verbrechen bestand darin, dass er in einem Briefe an Sabahgülian seine Zustimmung zu den in Constantza gefassten Beschlüssen ausgesprochen hatte;

19) Ohannes Jerghazarian aus Kaissarie: sollte, da die Untersuchung nichts Belastendes ergeben hatte, freigelassen werden, als ein Bericht des Mutessarrifs von Kaissarie einging, der ihn beschuldigte, Waffen, Bomben und aufreizende Aufrufe unter der dortigen armenischen Bevölkerung verteilt zu haben. Es lag eine Verwechslung mit einer anderen Persönlichkeit vor; aber der Angeklagte zog es vor, die Strafe für den eigentlichen Schuldigen auf sich zu nehmen;

20) Karnik Bojadjian: ist auf Grund eines Briefes an Jervant Topuzian (oben 18) verurteilt, in dem er die Absicht aussprach, Jemand umbringen zu wollen, der ihm Unrecht zugefügt hatte; nach Ansicht des Gerichts war damit Talaat bey gemeint.

Der Patriarch ist der Überzeugung, daß nur wenige der Hingerichteten im Sinne der Anklage schuldig bezw. der ihnen zur Last gelegten Handlungen überführt waren, und dass die Todesstrafe eine viel zu harte Ahndung der vorgekommenen leichteren Verfehlungen war; das Gericht habe aber auf Weisung von oben hin auf die höchste Strafe erkannt.

Diese Überzeugung herrscht auch in der armenischen Bevölkerung, die in dieser Massenhinrichtung eine terroristische Massregel der Regierung gegen die Armenier im allgemeinen und einen Racheakt der Jungtürken gegen die ihnen feindlich gesinnten Hintschakisten erblickt.Wangenheim



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