1917-06-28-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14096
Zentraljournal: 1917-A-21086
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 06/28/1917
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/01/2014


"Weser-Zeitung"

Neues Licht auf die armenische Frage
Der Zarismus in Kleinasien.


Die armenische Frage gewinnt, je nachdem man von russischer oder türkischer Seite aus zu ihr Stellung nimmt, ein anderes Aussehen. Unter dem Titel „Der Zarismus in Kleinasien“ veröffentlichte Edgar Granville in der März-April-Nummer der in Lausanne erscheinenden neutralen Revue politique internationale über das armenische Problem eine längere Studie, der folgendes zu entnehmen ist.
„In der großen Tragödie des Weltkrieges hat der Zarismus unzweifelhaft die unheilvollste Rolle gespielt. Jetzt, da die Verbündeten Rußlands die Freiheit der Kritik über das gefallene System wieder erlangen, das drei Jahrhunderte lang die ganze europäische Atmosphäre vergiftet hat, darf man auch auf ein Kapitel der äußeren Politik des Zarentums zurückkommen, dessen Grundsätze weit davon entfernt sind, allgemein bekannt zu sein trotz des großen Lärmes, unter dem sich edelmütige, aber schlecht unterrichtete Geister mit ihnen beschäftigen. Die Geschicke des kleinen armenischen Volkes hängen mit den Geschicken der ganzen Menschheit dadurch aus engste zusammen, daß das Zarentum aus ihm einen Vorkämpfer der moskowitischen Politik in Kleinasien machte. Schon in der kurzen Zeitspanne zwischen dem letzten Balkankrieg und dem Ausbruch des Weltkriegs haben die Großmächte mit Angst die armenische Frage ins Auge gefaßt, und wohl gefühlt, welche Gefahr aus ihr für den Frieden der Welt entstehen konnte. Meist macht sich die öffentliche Meinung, die von der Presse irregeführt wird, ein ergreifendes aber kindliches Bild von den Dingen im Orient. Die europäische Lesart kennt nur einen einzigen Schuldigen, den Islam, während die orientalischen Christen fleckenlose Opfer sind und Rußland als eine von Zärtlichkeit überfließende Mutter für die unterdrückten Völker des Orients dargestellt wird. Und doch waren es die Absichten des Zarismus im Orient, die alle Intrigen der Fremden in Armenien verursachten, während die Mächte, die hinter dem Zaren nicht zurückstehen wollten, sich mit diesen Absichten verbanden, um ihren Anteil an der Beute zu erlangen. Nach dem englisch-französischen Abkommen vom Jahre 1907 glaubte der Zar den Augenblick gekommen, um an die Verwirklichung seines alten Programms zu gehen. Man muß mich nicht mißverstehen. Die Tragik des armenischen Volkes soll nicht geleugnet oder gemildert, ebensowenig sollen seine moralischen Eigenschaften verkleinert werden. Aber man darf sein Schicksal nicht aus dem Gegensatz zwischen Muselmanen und Christen ableiten, da diese beiden Elemente in manchen Gegenden seit Jahrhunderten friedlich nebeneinander wohnen. Man darf auch der Türkei nicht ohne weiteres Grausamkeiten vorwerfen. Jahrhunderte lang waren die türkisch-armenischen Beziehungen ausgezeichnet. Die Türken wurden seinerzeit von den Armeniern als die Befreier vom Joch des byzantinischen Klerus begrüßt, und die islamische Duldsamkeit gewährte den Armeniern die Erhaltung ihrer Religion und ihrer Kultur. Die Armenier haben selbst keine staatenbildende Kraft, spielten aber immer eine wichtige Rolle im staatlichen Leben der Türkei, solange sie der türkischen Regierung treu blieben. Oft hat die hohe Pforte armenische Sekten gegen die Verfolgungssucht des Patriarchats geschützt. Erst seit der verderblichen Regierung Abdul Hamids konnte sich unter dem Schutze gewisser Großmächte der Gegensatz zwischen Türken und Armenier herausbilden. Die Jungtürken konnten das eingewurzelte Übel nicht so schnell beseitigen, zumal der Balkankrieg und dann der Weltkrieg ihre Bestrebungen behinderte. Vor zwanzig Jahren hat Nikolaus II. von Rußland nicht weniger grausam in Russisch-Armenien geherrscht als Abdul Hamid in Türkisch-Armenien.

Über die politischen Verwicklungen, die eine Rolle in Armeniens Schicksal spielten, sagt Granville: „Rußland konnte immer wieder in Armeniern schüren, um sein Ziel zu erreichen, dies Land zu einer russischen Einflußsphäre umzugestalten. Das Ziel, das Rußland hierbei verfolgte, war das gleiche, wie bei seiner Balkanpolitik: den Ausgang zum freien Meer. Über Armenien wollte es den Busen von Alexandrette erreichen. Zumal nach dem Balkankrieg von 1912/13, der Rußland endgültig den Landweg nach Konstantinopel sperrte, hat es umso eifriger seine Pläne verfolgt, über Armenien an das Offene Meer zu gelangen. Es mußte also ein neues „Mazedonien“ in Kleinasien geschaffen werden, seitdem das europäische Mazedonien den Türken entrissen worden war. Mit russischer Unterstützung versuchte eine besoldete Kurdenbande im Frühjahr 1913 Massakers unter den Armeniern anzurichten und Minister Ssasonoff benutzte sie, um Europa gegenüber eine russische Intervention erzwingen zu können. Diese hätte bereits ein Jahr früher den europäischen Krieg entfacht. Zum Glück gelang es damals Machmed Schefket Pascha, den Aufstand niederzuwerfen; einige Wochen später wurde er ermordet. Kann man es der Türkei übelnehmen, daß sie sich nicht ohne Widerstand von Rußland zum Tode verurteilen lassen wollte? Deshalb kann man es ihr auch nicht verdenken, daß sie bei dem im Februar 1915 angefachten Aufstande der armenischen Revolutionäre, die ganz unter russischem Einfluß standen, energisch eingeschritten und ein blutiges Strafgericht hielt. Man kann es der Türkei ferner nicht verdenken, daß sie alle unsicheren Element aus dem Kriegsschauplatz wegbringen ließ. Und wenn diese Maßregel nicht ohne schreckliches Leiden für die Betroffenen durchgeführt werden konnte, so erklärt sich dies bei der Natur des Landes ohne weiteres. Hoffentlich bringt die Beseitigung des Zarentums auch dem Islam wie dem Orient überhaupt die Befreiung aus seiner Knechtschaft, die schon viel zu lange gedauert hat.“



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