1916-06-17-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14092
Zentraljournal: 1916-A-17939
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/07/1916 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K. No. 61/No. 1703
Zustand: B
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K. No. 61 / No. 1703

Aleppo, den 17. Juni 1916

Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage Abschrift eines Berichtes der Schwester Beatrice Rohner an Mr. Peet in Konstantinopel, mit welchem sie ihre Abrechnung über 7435 Ltq. vom 1. Januar bis 1. Juni d.J. durch sie zur Verteilung gelangte amerikanische Notstandsgelder begleitet hat. Das Original ist bereits seit einigen Tagen an den Adressaten abgegangen.

Seit meinem Bericht vom 29. April d.J. sind die folgenden Tatsachen zu meiner Kenntnis gekommen:

1) in Marasch ist die Verschickung der 9000 Zurückgebliebenen in vollem Gange.

2) Das Konzentrationslager in Ras ul Ain, das Ende April noch etwa 2000 Insassen zählte, ist jetzt so gut wie leer. Die wenigsten dürften noch am Leben sein.

3) Das Schicksal der in Aleppo befindlichen Armenier von auswärts ist noch immer in der Schwebe. Vor etwa 14 Tagen deuteten klare Anzeichen wie die Einforderung der hier ausgestellten Aufenthaltserlaubnisscheine auf die bevorstehende Verschickung. Der Wali hat wiederholt erklärt, dass er an der Absicht, den grössten Teil der hiesigen Waisenkinder nach Konia, Eskischehr und Konstantinopel zu verschicken, festhalte, und sie nur mit Rücksicht auf die Ueberlastung der Bahn durch militärische Transporte noch nicht ausgeführt habe.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.


Rößler
Anlage

Bericht über Notstandsarbeit in Aleppo

1. Januar bis 1. Juni 1916.

Als ich Ende Dezember 1915 mit Schwester Paula Schäfer nach Aleppo kam, um wenn möglich eine Erlaubnis zu erwirken, weiter nach Süden den Vertriebenen nachziehen zu können, war die Notstandarbeit bereits im Gange. Die durch den amerikanischen Konsul eingehenden Gelder wurden in der Hauptsache von dem protestantischen Prediger Ohannes Eskidjian verwaltet. Es bestanden bereits mehrere Waisenhäuser und die verschiedenen Gemeinden versorgten ihre Armen soweit die eingehenden Mittel reichten. Natürlich dachten wir da zunächst nicht daran, hier die Arbeit zu übernehmen, bis Djemal Paschas abschlägige Antwort auf unsere Reisevorschläge und seine dringende Aufforderung uns des einen sehr vernachlässigten Waisenhauses anzunehmen, mich nötigte, einstweilen in Aleppo zu bleiben. Bis Ende März beschränkte ich meine Tätigkeit auf die mir übergebenen 350 Kinder und half persönlich, wo die Not an mich herantrat. Als aber Badwelli Eskidjian sowohl als auch der Hausvater seines Waisenhauses Ende März starben, übernahm ich nach seinem Wunsch die Notstandsarbeit ganz, sowie auch das Waisenhaus, das er mit Erlaubnis der Regierung eröffnet hatte. Wie aus der Abrechnung von April und Mai hervorgeht, habe ich Gelegenheit Gelder nach den verschiedensten Richtungen zu versenden. Mit der Post können natürlich nur kleine Beträge unauffällig gesandt werden, aber Geschäftsleute und Durchreisende, auch einzelne mutige junge Armenier, denen es gelingt, zwischen Aleppo und Der Zor zu reisen, vermitteln grössere Summen. Die Schwierigkeit in dieser Arbeit besteht hauptsächlich in der mangelnden Organisation, aber es ist unmöglich, jetzt Komitees etc. zu bilden, ohne sofort den Verdacht der Regierung auf sich zu laden. Auch Quittungen sind nicht zu bekommen, da sich die Leute aus Furcht weigern, ihre Unterschrift zu geben. Dass diese Art der Arbeit viel unzufriedene Gemüter aufregt, lässt sich denken; manches fühlt sich übergangen und andere vorgezogen - man kritisiert und verurteilt diejenigen welche die Gelder verwalten. Hoffentlich hat dies nicht noch schliesslich zur Folge, dass die Regierung doch aufmerksam wird und dass diese letzte Hülfsquelle durch eigene Schuld abgeschnitten wird.

Hier in Aleppo sind noch mehrere (4 - 5000) Armenier von ausserhalb, die beständig auf der Flucht vor der Polizei, ein jammervolles Dasein fristen. Sie wurden immer wieder aufgejagt, zum Teil ausserhalb der Stadt in das Deportationslager gebracht und entkamen immer wieder. Tausende sind natürlich verschickt worden. Was sie von den Zuständen weiter südlich berichten, macht es begreiflich, dass jeder einzelne alles versucht, um in Aleppo zu bleiben und nicht auf den Landstrassen zu verhungern. Fast ohne jegliche Ausnahme sind die auf diese Weise hier zurückgebliebenen unterstützungsbedürftig, sie haben längst ihr Geld verausgabt und alles verkauft, was sie an beweglicher Habe besitzen. Da die Lebensmittel alle sehr hoch im Preise stehen, können sie mit dem Unterstützungsgelde nur gerade das nackte Leben fristen. Den Waisenhäusern hat die türkische Regierung seit 1½ Monaten jegliche Unterstützung entzogen. So sind wir gezwungen auch sämtliche 1400 Waisen vom Nostandsgelde zu unterhalten. Das Waisenhaus von Herrn Zollinger, Dr. Altounyan und Badv. Shiradjian mit ca. 500 Kindern hat eigene Verwaltung, ebenso das 300 Kinder zählende der gregorianischen Kirche; die übrigen 600 sind meiner Obhut anvertraut. Natürlich kann auch die Verpflegung dieser Kinder nur eine den jetzigen Verhältnissen entsprechende notdürftige sein. Die protestantische Gemeinde mit ihrem Vertreter Kumrugan erhält wöchentlich eine bestimmte Summe, ebenso die gregor. Gemeinde soweit die Mittel vorhanden sind. Durch sie wird grösstenteils das Geld an die noch hier weilenden Armenier verteilt. Manche bessere Familien bekommen eine monatliche Unterstützung durch das amerikanische Konsulat oder durch meine Vermittlung.

Von aussen kommen andauernd die dringendsten Hülferufe. Prediger Tahmissian in Damaskus bekam schon einige Male eine grössere Summe durch das deutsche Konsulat, doch schien Djemal Pascha die Arbeit hindern zu wollen mit der Erklärung, Notstandsgeld müsse an ihn abgeliefert und durch seine Leute verteilt werden. Darauf hin wurde die Arbeit auf kurze Zeit eingestellt, kann aber jetzt wie es scheint unter der Hand wieder aufgenommen werden. Ein Waisenhaus ist dort bereits im Entstehen begriffen. Die dort weilenden Armenier und vor allem die von dort in die Dörfer des Hauran Distriktes verschickten sind alle dem bitteren Mangel preisgegeben. Eine grössere Summe monatlich könnte viele vor dem Hungertode schützen. Das gleiche ist der Fall in Hama, wo bereits 200 Kinder gesammelt sind. Das dorthin gesandte Geld reicht gegenwärtig nur für die Waisen. Prediger Haratuin Nochudian schreibt: Unter den hier weilenden 20000 Deportierten sind 15000 unterstützungsbedürftig; in Hama selbst sind 1000 und in den umliegenden Dörfern 6000, die keinen Bissen Brot haben. Viele sterben Hungers. Der verstorbene Badvelli Eskidjian schrieb mir, das Geld sei für die Waisen und bedürftige Lehrer und Prediger. Ach, haben Sie nichts für die vielen Hungernden? Bitte schreiben Sie, denn von Selimijé und von allen Seiten kommen dringende Bitten um Hülfe".

Nach Der Zor hatte ich wieder Gelegenheit, einige hundert Pfund zu senden. Dort und weiter nach Süden nach Meadin zu scheint die Not entsetzlich zu sein. Einer unserer Arbeiter schreibt: Die Feder sträubt sich, die Zustände zu beschreiben. Leider ist dort unten keiner der führenden Männer, alle Prediger und Lehrer sind irgendwie versteckt und zurückgeblieben. Das erschwert natürlich die Arbeit sehr. Ich bat Chatschadur effendi Dokuslian aus Aintab, mit zu helfen, ausserdem sind einige Leute aus Marasch und ein junger Mann aus Smyrna, die mit eigener Lebensgefahr die Reise hin und her machen, um die Gaben zu vermitteln. Jetzt ist leider der sehr milde und gerecht denkende Mutessarrif von Der Zor abberufen, ein schwerer Schlag für alle dort übrig gebliebenen Armenier. Er hatte sowohl die Waisen versorgt, als auch die Armen nach Kräften unterstützt. Aus einem Briefe entnehme ich die Nachricht, dass Tausende wieder von Der Zor nach Mossul verschickt wurden. Die Wege sollen mit Leichen besät sein. Die weiter herunter nach Ana Deportierten erliegen zu Hunderten dem Hunger.

Von Sepkha, Abuhrera, Haman, Raka, Meskene kommen dringende Bitten um Hülfe. Wenn es gelingt, eine kleine Summe hinzuschicken, schreiben die Leute: Ihre Gabe hat unser Leben wieder für einige Wochen verlängert. Prediger Wartan Yeramaie schreibt aus Haman: Alle auf dem Wege zurückgebliebenen Scharen von Deportierten werden nach Süden getrieben. Es ist wie ein flutender Menschenstrom. Der Jammer ist unbeschreiblich. Es kommt vor, dass die Hungernden das Fleisch von Leichen braten ... sie suchen die Gerstenkörner aus dem Pferdemist ... In Raka sind etwa 5000 Deportierte. In jedem Araberhaus sind armenische Mädchen und Frauen; bei dem alten Kaimmakam sind allein sieben Mädchen. In Abuhrera sind 2500 Zelte, aber alle müssen weiter ziehen, oft ohne einen Bissen Brot.

In Bab waren ca. 80 Waisen, in Meskene 100, sie sind alle weiter nach Süden verschickt worden.

In Killis und Dschisr Schughur konnte bis jetzt die Notstandsarbeit fortgesetzt werden, in ersterem sind hundert, in letzterem Orte vierzig Waisen, die von hier aus unterhalten werden. An beiden Orten sind mehrere hundert Deportierte, die nur von der von hier gesandten Unterstützung leben. Aus vielen solchen kleinen Orten kommen Hülferufe, überall ist es möglich, Menschenleben zu retten. Möge Gott es geben, dass sie bis zum Frieden hindurchgerettet werden können. Und möchte jedes von uns dabei seine Pflicht tun.


B. Rohner


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