1919-06-24-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14106
Zentraljournal: 1919-A-19015
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Johannes Lepsius an den Staatskommissar für die Regelung der Kriegswohlfahrtspflege in Preußen (Jarotski)

Schreiben



Bern, den 19. Juni 1919.
Unter Bezugnahme auf den Erlass Nro. 129 vom 23.5.1919.

2 Anlagen.

Zur armenischen Frage liegt aus beiden beteiligten Lagern - dem armenischen und dem türkischen - je eine neue Streitschrift vor.

Der Armenier Boranian rückt in der seinen Pierre Loti und dessen armenierfeindlichen publizistischen Tätigkeit, auf die von hier verschiedentlich hingewiesen wurde, vorwiegend mit kleinen pikanten persönlichen Anwürfen auf den Leib. Kara Schemsi (Reschid Safvet Bey) führt in „ Turcs et Arméniens devant l’Histoire’’ das unfruchtbare Beginnen fort, die türkische Ausrottungspolitik durch Greueltaten von armenischer Seite auszubalanzieren. Was er daneben gelegentlich über die Rolle der europäisch-christlichen Politik und ihre Schuld an der Verschärfung der Gegensätze und über die Unmöglichkeit sagt, das Verbrechen an den Armeniern durch Umkehrung des bisherigen, aus dem Majoritätsprinzip gerechtfertigten Herschaftsverhältnisses wiedergutzumachen, ist wohl zu unterschreiben.

In beiden Schriften spielt der Lepsius’sche Geheimbericht eine gewisse Rolle, von Kara Schemsi übrigens an einer Stelle auch zur Verteidigung des türkischen „Volkes“ im Gegensatz zur schuldigen Jungtürken-Regierung herangezogen. Von deutscher Ingerenz oder Komplizität ist in beiden keine Rede.

Uebrigens könnten sich Türken wie Armenier die weiteren Plädoyers getrost sparen. Ihr Prozess wird wie alle sonstigen Schuldfragen, gänzlich ohne ihr Zutun in Paris nach „höheren“ Gesichtspunkten entschieden. Dabei hat sich gegenwärtig der Wind gedreht: Die heilige Entrüstung über die armenischen Greuel hat offenbar ihre Aufgabe im Rahmen der Kriegführung erfüllt und wird somit zu den Akten gelegt. Seitdem Montagu zur Rettung der schon unter dem Seziermesser liegenden Türkei nach Paris „flog“, ist auch in Frankreich plötzlich um den vorher vereinsamten Pierre Loti ein Chorus von begeisterten Türkenfreunden entstanden, die mit „nachträglichen“ Protesten gegen die Vergewaltigung und Zerstückelung des unglücklichen, nur verführten Landes offene Türen einrennen. Zu spät – England hat sich, von den Segenswünschen des vom Tode wiedererstandenen kranken Mannes überhäuft, „ drinnen“ bereits häuslich eingerichtet, und wird den übertölpelten Bundesgenossen höflich, aber bestimmt hinauskomplimentieren. Denn wenn die ordnungsmässigen Vertreter des türkischen Volkes selbst ein englisches „Mandat“ erbitten, so ist ja doch den erhabensten Wilson’schen Prinzipien Genüge getan.

In diesen Zusammenhang gewinnt auch die Deportation der 67 Unionisten nach Malta eine neue Beleuchtung: man wird darin richtiger nicht etwa einen „schwarzen Anschlag“, sondern eine „Schutzhaft“ erblicken. Es war nach den Erfahrungen der ersten Kriegsgerichtsverhandlungen in Konstantinopel zu befürchten, dass der Prozess nur Märtyrer aus ihnen machen und den nationalen Fanatismus im Volke aufstacheln würde. Daher musste England die Fortsetzung dieses Prozesses nicht zur unnötig, sondern sogar schädlich erscheinen. Durch die Entführung nach Malta ist nicht nur die Komiteepartei ihrer Führer beraubt, sondern diese werden eines schönen Tages von Englands Grossmut „begnadigt“ als englische Parteigänger heimkehren. Einmal im Besitze der Vormundschaft über die Türkei, wird England als „erste und schönste Aufgabe“ die Versöhnung zwischen Türken und Armeniern betreiben: denn wozu in aller Welt sollen innerhalb der pax britannica noch eine armenische Frage und die dazu gehörigen Massakers nütze sein?

Mit Rücksicht auf die dargelegte voraussichtliche Entwicklung scheint mir zur Zeit das politische Echo für eine weitere Verbreitung des Lepsius’schen Buches „Deutschland und Armenien“ zu fehlen. Wenn durch eine neue Wendung, die natürlich nicht ganz ausgeschlossen ist, die armenische Frage über die philantropischen Kreise hinaus, die in der Schweiz durch die eigenen Bemühungen von Dr. Lepsius hinreichend bedacht scheinen, wieder aktuell werden sollte, so behalte ich mir vor, auf die Nachlieferung eines grösseren Postens des genannten Buches zurückzukommen.


Adolf Müller



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