1914-07-25-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14085
Zentraljournal: 1914-A-19153
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 08/27/1914 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J. No. 192/Nr. 202
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Vizekonsul in Erzerum (Anders) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Bericht



J. No. 192 / Nr. 202
1Zeltlager am WanSee, den 25. Juli 1914

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, mit dem hier zur Feier des Nationalfestes anwesenden türkischen Konsulatsverweser in Urmia und dem mir vom Jahre 1906 her befreundeten Mutessarif von Hakkiari, Djevdet Bey, einem Schwager Enver Paschas, über die Verhältnisse im persischen Grenzgebiete zu sprechen. Beide stimmten darin überein, daß in der Provinz Azerbeidjan und besonders im Distrikt von Urmia völlige Anarchie herrsche. Die persischen Beamten seien vollkommen machtlos und bäten oft selbst die starke russische Okkupationsarmee um Hilfe. In Urmia befinden sich allein 1000 russische Soldaten. Der in russischem Solde stehende berüchtigte Simko Bey, ein Gefolgsmann des Scheichs von Maku, sei auf russischen Einfluß hin persischer Grenzkommandant geworden. Was den Scheich von Maku betrifft, so soll derselbe nach Djevdet's Aussage seit einiger Zeit seinen bisherigen Freunden, den Russen, Schwierigkeiten zu machen beginnen, da er einsieht, daß bald das Ende seiner Unabhängigkeit und seiner Macht gekommen sei. Djevdet Bey sagte mir, es sei unmöglich, das unbefugte Passieren der Grenze durch Räuber zu verhindern oder zu kontrollieren, da auf beiden Seiten keine ausreichend starke Gensdarmerie vorhanden sei. Um jedoch den häufigen Diebstählen seitens persischer Banden auf dem Gebiet seines Sandjaks einen Riegel vorzuschieben, habe er aus eigener Initiative, ohne dazu gesetzlich befugt zu sein, die Kurdenchefs, in deren Gebiet Übergriffe vorkommen, für den entstandenen Schaden haftbar gemacht. Seit dieser Maßnahme seien die nächtlichen Viehdiebstähle seltener geworden, woraus evident hervorginge, daß bei den früheren Diebstählen die türkischen Kurden mit den Räubern unter einer Decke steckten. In den letzten Monaten herrsche verhältnismäßig Ruhe, nur Mitte d.M. hätten Leute des Simko ein Dorf, dessen männliche Bewohner auf der Feldarbeit waren, angegriffen, fünf Frauen getötet und das Vieh weggetrieben. Im Interesse der bei solchen Anlässen Geschädigten bedürfe das Gesetz einer Vereinfachung. Bei Anzeigen von Diebstählen ist die Regierung zunächst nur gehalten, die Thäter zu strafen. Will der Geschädigte aber von der Regierung Zurückerstattung des geraubten Guts oder Schadensersatz, so muß er eine neue zeitraubende Eingabe machen. Inzwischen sind meist schon die Spuren des geraubten Viehs verwischt.

Was die Propaganda des jetzt in Täbris weilenden Abdul Rezak Bey unter den türkischen Kurden betrifft, so meint Djevdet, daß vorläufig die Hinrichtung von 14 kurdischen Notabeln in Bitlis noch abschreckend wirke. Er habe jedoch geheime Agenten an verschiedenen Plätzen seines Amtsbezirks etablirt, die ihn jeder Zeit von dem Eintreffen und der Thätigkeit russischer Emissäre in Kenntnis setzten. Das Verhältnis des russischen Konsuls in Wan, Akimowitsch, zu dem Vali ist ein gutes, im Gegensatz zu den ziemlich gespannten russischtürkischen Beziehungen im Vilajit Erserum.

Sehr interessant waren Djevdet Beys Ausführungen über die Tendenzen der russischen Politik im Gebiet östlich des Urmia Sees. Als im Jahre 1907 der Sultan Abdul Hamid die strategisch wichtigen Punkte im Lakidjan Gebiet bei Peswe und Wesne militärisch besetzen ließ, habe Rußland energisch protestiert. Die gemischte Grenzkommission, der seiner Zeit Djevdets Vater Tahir Pascha angehörte, habe kürzlich das bisher persische Gebiet von KasriSchirin mit seinen Ölquellen der Türkei zugesprochen, dafür aber werde man gewiß das Gebiet östlich des Urmia Sees bei SoudjBulak und Lakidjan den Persern d.h. den Russen überantworten. Sehr bald würden dann die Russen eine Bahn von Täbris an das Nordostufer des Urmia Sees bauen, einen regelmäßigen Dampferdienst auf dem Urmia See einrichten und damit sich eine neue Einfallpforte auf Mesopotamien schaffen. Bisher stand ihnen nur der Weg von Igdir-Bayezid nach Musch und damit auf Diarbekir und Mardin offen. Die Hauptstadt Wan würden die Russen bei einer Invasion auf Musch links liegen lassen, und am Nordrand des Wan-Sees entlang marschieren, sodaß infolge der Unpassierbarkeit der Gebirge am Südrand des Sees Wan sehr bald von jeglicher Zufuhr abgeschnitten sein würde. Dies sei wohl auch der Grund, weswegen im Frühjahr d.J. das Kommando des 11. Armee Korps von Wan nach Charput verlegt worden sei.


Anders.


1 Von Wangenheim urschriftlich (Nr. 202) am 11. August dem Reichskanzler vorgelegt.



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