1914-06-17-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14084
Zentraljournal: 1914-A-11962
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 06/17/1914
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


"Berliner Börsen Courier"

Gründung einer deutsch-armenischen Gesellschaft



Eine deutsch-armenische Gesellschaft wurde gestern abend in einer Versammlung gegründet, die unter dem Vorsitz von Dr. Lepsius im Museum für Völkerkunde abgehalten wurde. Dr. Lepsius begrüßte zunächst im Namen des vorbereitenden Komitees die Anwesenden, unter denen sich auch zahlreiche Armenier befanden. Er wies sodann auf die kulturelle Bedeutung hin, die die Armenier im Nahen Orient besitzen und begründete den Gedanken der Schaffung der neuen Gesellschaft. Nachdem sodann Dr. James Greenfield als Vertreter der armenischen Kolonie Berlins die Gründung des Verbandes willkommen geheißen hatte, ergriff Dr. Paul Rohrbach das Wort zu einem Vortrage über die Armenier als Kulturfaktor in der Geschichte.
Er betonte einleitend, daß die neue Gesellschaft durchaus unpolitische, also nur kulturelle und wirtschaftliche Ziele verfolge, und daß auch er deshalb einen unpolitischen Vortrag halten wolle. In seiner Charakteristik der Armenier unterschied er zwischen den geschlossenen Siedelungen des alten Stammlandes um den Ararat und den in der Diaspora lebenden Armeniern. Letztere sind überwiegend in Berufen tätig, die eine starke, geistige Regsamkeit, wirtschaftlichen Unternehmungsgeist und Fleiß erfordern, während die Mehrheitsrassen in den betreffenden Landstrichen solche Berufe bevorzugen, in denen ohne besonderen Aufwand von Tüchtigkeit und Streben ein ruhiger, regelmäßiger Gewinn erzielt werden kann. Dem gegenüber sind die Armenier im Gebiete ihres alten Stamm- und Kernlandes in allen Berufen zu treffen. Sie bebauen als Landbevölkerung die Aecker und üben in den Städten die andere Tätigkeit aus. Allen Armeniern aber eigentümlich ist eine starke Strebsamkeit und ein ausgesprochener Bildungshunger. In den Schulen sind nachlässige und uninteressierte armenische Schüler eine große Seltenheit. Diesem Umstande ist es zu danken, wenn die Armenier sich von den anderen Orientalen durch das Fehlen der sonst für diese Länder charakteristischen Indolenz unterscheiden, und wenn sie zu einer führenden Rolle in der wirtschaftlichen und kulturellen Erschließung des Orients berufen sein werden. Hierbei eine engere Beziehung zwischen deutschem und armenischem Geistesleben herzustellen, sei die Aufgabe der neuen Gesellschaft.

Die Satzungen wurden hierauf von Pfarrer E. Stier vorgelegt und angenommen. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Lepsius und zum stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Greenfield und Dr. Rohrbach gewählt. Das Amt des Schriftführers wurde Pfarrer E. Stier und dem Schriftsteller Avedik Issahakian übertragen. Den Schluß des Abends bildete ein Vortrag des Archimandriten Dr. G. Hovsepian über die armenische Kunst. Er ging von der früheren Idee aus, daß die armenische Kunst unter byzantinischem Einfluße stehe und wies demgegenüber nach, daß vielmehr enge Beziehungen zwischen der kleinasiatischen Kunst der Armenier, Syrer und Kopten sowie auch der Aegypter bestanden. In einzelnen Fällen konnte er darlegen, daß wichtige Motive sich in der armenischen Miniaturenmalerei und Architektur früher finden als in der byzantinischen und damit auch in der italienischen und abendländischen Kunst. Die von dem Redner vorgeführten Lichtbilder gaben ein erschütterndes Bild davon, wie in Armenien uralte, aus dem Beginn der christlichen Aera stammende Bauwerke mit Formen, die die romanische Architektur vorahnen lassen, durch die Ungunst der Umstände dem halben Verfall anheimgefallen sind und wie nur ein Bruchteil dieser Schätze vor Zerstörung bewahrt werden konnte. Dr. Hovsepian schloß mit einem Hinweis darauf, daß die Söhne sich ihrer künstlerisch-schöpferischen Väter würdig zeigen sollten, ein Gedanke, an den Dr. Lepsius in dem Schlußwort anknüpfte.



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