1915-06-09-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14086
Zentraljournal: 1915-A-18714
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 06/13/1915 p.m.
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Direktor des Deutschen Hülfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient Friedrich Schuchardt an das Auswärtige Amt

Schreiben



Frankf. a. M., den 9. Juni 1915

Euer Hochwohlgeboren.

Bei einem kurzen Besuch in der Schweiz, las ich in einigen Schweizer Zeitungen, dass die russischen Heere vom Kaukasus her auf dem Wege gegen Wan vorrücken; in einer anderen Zeitung, dass das Wilajet Wan in Ostanatolien bereits besetzt wäre. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir mitteilen würden, ob etwas an diesen Gerüchten wahr ist, und vor allem, ob eine Möglichkeit des Schutzes für unsere dortige Missionsstation besteht.

Und dann möchte ich mir gestatten, Ihre Aufmerksamkeit auf die inneren Vorgänge der Türkei zu lenken. Da ich befürchte, dass in den vorkommenden Ungerechtigkeiten, die augenblicklich ein kleiner Teil der christlichen Bevölkerung unserer türkischen Bundesgenossen mit Unrecht zu erdulden hat, die in verschiedenen christlichen Kreisen herrschende gehässige Stimmung gegen Deutschland neue Nahrung erhält, möchte ich die sehr ergebene Bitte aussprechen, ob es nicht möglich wäre, dass seitens des Auswärtigen Amts in wohlwollender Weise Vorstellungen erhoben werden. Nach den mir zugegangenen zuverlässigen Berichten, wird ein Teil der armenischen Bevölkerung aus ihren seitherigen Wohnsitzen abtransportiert. Soweit es sich um Elemente handelt, die der bestehenden Staatsordnung entgegen sind, ist diese Massregel das gute Recht der türkischen Obrigkeit. Es erscheint aber unweise, diese Härte auf Frauen und Kinder und auf gänzlich harmlose, christliche Männer auszudehnen. Durch die englischen Konsuln wurde durch Jahre hindurch eine sehr geschickt geleitete Deutschenhetze veranstaltet, und es wäre im Interesse unseres Vaterlandes, es zu beklagen, wenn den genannten Instanzen nach Eintreten des Friedens wieder Gelegenheit zur weiteren erspriesslichen Hetzarbeit gegeben würde. Auf Ihren Wunsch bin ich gern bereit, noch weitere nähere Angaben schriftlich oder mündlich zu erteilen.

Allen Anschein nach ist die Zeit gekommen, dass nach dem Frieden, Deutschland in hervorragender Weise an dem inneren Aufbau der Türkei mitarbeiten wird, nicht mehr wie seither nur auf militärischem Gebiet, sondern auch auf dem Gebiet der Schule; und dieser Aufbau würde verzögert, wenn durch ungerechte Behandlung die christlichen Kreise ausgeschlossen wären. Viele Armenier, die im Jahre 1908 voll und ganz auf dem Boden der neuen Türkei standen, sind durch die entsetzlichen Metzeleien im April 1909, an denen sich türkisches Militär in hervorragender Weise beteiligte, in das antitürkische Fahrwasser hineingegangen.

Sowohl die Liebe zum armenischen als zum türkischen Volke veranlasst mich zu diesen Zeilen.

Euer Hochwohlgeboren ergebener


F. Schuchardt

[Auswärtiges Amt 18.6. an Pera (No. 480) und Schuchardt]


1. Pera

z. gfl. Kenntnisnahme und mit der Bitte erg. übersandt, den Direktor Schuchardt von dort aus bescheiden und den Bescheid durch meine Hand leiten zu wollen.

Das mit Ew. pp. Bericht 328 vom 27. v. Mts. hierher gelangte Schreiben des Missionars Blank aus Marasch ist von der Zensurbehörde zurückgehalten und Herrn Schuchardt nicht ausgehändigt worden.

2. (A 20791) An den Direktor des Deutschen Hülfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient E. V. Herrn Schuchardt Hochwohlgeboren :

Ew.pp. gfl. Schreiben vom 9. d.Mts., betr. die inneren Zustände in der Türkei und die Lage der dortigen Christen habe ich dem Kaiserlichen Botschafter in Constantinopel zur Äusserung übersandt. Weitere Mitteilung darf ich mir bis Eingang der Äusserung des Frhr. von Wangenheim erg. vorbehalten.



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