1918-07-02-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14102
Zentraljournal: 1918-A-28431
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Kaukasus Kampagne
Praesentatsdatum: 07/03/1918 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Bevollmächtigte der armenischen Regierung (Ohandjanian) an das Auswärtige Amt

Schreiben




Berlin, den 2. Juli 1918

Durch unsere Denkschrift vom 15. Juni und bei Gelegenheit der Unterredungen, die Sie uns zu gewähren die Güte hatten, durften wir die Aufmerksamkeit der Deutschen Regierung auf die äusserst Besorgnis erregende Lage der armenischen Flüchtlinge im Kaukasus lenken.

Fast aus allen Ortschaften Transkaukasiens, die von den Türken besetzt wurden, sind die Armenier mit Weib und Kind geflüchtet, Hab und Gut im Stiche lassend, und nur darauf bedacht, das nackte Leben zu retten. Die Zahl der so geflüchteten Armenier wird, niedrig geschätzt, mit 600000 berechnet (die Flüchtlinge türkischarmenischer Herkunft nicht einbegriffen). Viele dieser Unglücklichen haben in den Bergen Zuflucht gesucht, und fast alle leben unter freiem Himmel, da für Unterbringung und Verpflegung solcher Massen bei der Einschränkung des armenischen Territoriums und der allgemein herrschenden Not keinerlei Möglichkeit besteht.

Ist der Zustand der armenischen Flüchtlinge jetzt schon unerträglich, so verschlimmert er sich in steigendem Masse von Woche zu Woche. Das Wenige an Lebensmitteln, die sie vielleicht mitnehmen konnten, wird bald erschöpft sein, und sie dürfen angesichts des allgemeinen Mangels auf eine nennenswerte Hilfe von anderer Seite nicht rechnen. Andererseits naht der Herbst heran, und das Hausen im Freien wird in dem herben Klima der gebirgigen Gegend ohne ernste Gefahr für Leben und Gesundheit nicht möglich sein. Dazu kommt noch, dass ihre Felder und Äcker, herrenlos zurückgelassen, unbestellt bleiben und ihre Wirtschaften und Baulichkeiten gänzlich verfallen müssen, wenn sie nicht bald in ihre Heimatsorte zurückkehren. Das wäre ein Ruin für viele Hunderttausend Menschen, aber auch ein grosser Nachteil für die Lebensmittelversorgung und das wirtschaftliche Gedeihen von ganz Transkaukasien. Auch der Umstand, dass unter den armenischen Flüchtlingen bereits epidemische Krankheiten aufgetreten sind und sich ausbreiten, birgt Gefahren in sich, die für diese selbst verderblich, aber auch für die übrige Bevölkerung der Gegend verhängnisvoll werden können.

Nur durch eine sehr baldige Zurückführung der Flüchtlinge in ihre Heimstätten könnte allen diesen Gefahren vorgebeugt werden. Dank der schützenden Hand Deutschlands ist glücklicherweise der Schaden an Leben und Eigentum infolge des türkischen Einmarsches in Transkaukasien nicht in dem Masse eingetreten, wie wir es befürchtet hatten. Wird den Flüchtlingen die Möglichkeit der baldigen Rückkehr in ihre Wohnorte gegeben, so kann auch der durch ihre Flucht herbeigeführte Schaden in engeren Grenzen gehalten werden. Aber solange die Türken ihre Ortschaften besetzt halten, wird es nicht möglich sein, die Flüchtlinge zur Rückkehr zu bewegen. Sie befürchten, von den Türken festgenommen und verschleppt zu werden, wie das mit ihren zurückgebliebenen Volksgenossen an manchen Orten geschehen ist, wo die Männer über 16 Jahre eingezogen wurden und verschwanden.

Die Flüchtlinge werden erst dann zurückkehren, wenn die Türken die Gegend geräumt haben. Wir durften erfahren, dass die Deutsche Regierung entschlossen ist und Schritte getan hat, die türkischen Truppen zur Räumung des armenischen Gebiets bis zu der durch den Brester Vertrag gezogenen Grenze zu veranlassen. Dieser wirksame Schutz unserer nationalen Existenz im Kaukasus erfüllt uns mit tiefster Dankbarkeit und lässt uns vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Es bleibt uns zu bitten, dass die Räumung, da sie nunmehr beschlossen ist, mit Rücksicht auf die unhaltbare Lage der armenischen Flüchtlinge und die Dringlichkeit ihrer sehr baldigen Rückkehr rechtzeitig genug erfolgt, um die geflüchteten Armenier vor grössten Gefahren und Nachteilen zu bewahren.


Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.
Dr. H. Ohandjanian.


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