1909-05-15-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 13185
Zentraljournal: 1909-A-08581
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/16/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.No. 2209
Letzte Änderung: 12/03/2013


Der Konsul in Basel (Wunderlich) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



J.No. 2209
1 Anlage

No. 129 der Basler Nachrichten enthält in der 2. Beilage einen Artikel „Aus dem Lande der Gemetzel“, welcher ein anschauliches Bild über die gegenwärtigen Zustände in Mersina und Adana gibt. Der Artikel stammt aus der Feder des mir von Ägypten her persönlich bekannten Ingenieurs Stoeffler, der in jenen Gegenden grösseren Landbesitz hat und Baumwollkultur treibt. Da der Artikel nach der Persönlichkeit des Herrn Stöffler Anspruch auf Zuverlässigkeit erheben kann, beehre ich mich denselben beifolgend zur geneigten Kenntnisnahme vorzulegen.


Der Kaiserliche Konsul
Wunderich
[Anlage]

Basler Nachrichten Beilage zu Nr. 129 vom 13. Mai 1909.

Aus dem Lande der Gemetzel.

Aus Mersina in der Provinz Adana (Kleinasien), die in letzter Zeit der Schauplatz so blutiger Gemetzel war, wird uns ein Brief zur Verfügung gestellt, den der zur Zeit sich dort aufhaltende Ingenieur Hr. Stöffler an einen Schweizerfreund gerichtet hat. Er enthält so viel des Interessanten über die Vorgänge in jenem Teile Kleinasiens, daß wir durch seine wörtliche Wiedergabe uns den Dank unserer Leser zu verdienen glauben.

Mersina (Provinz Adana) 28. April.
„Es lebe der Padischah, und lang soll er leben.“ So hört man heute hier. Die Stadt ist beflaggt. Heute Mittag war großer Empfang beim Muttesarif, dem Gouverneur von Mersina. Die Konsuln und die Kommandanten der hier vor Rehde liegenden Kriegsschiffe (je 1 deutsches, englisches, französisches und türkisches) erschienen in großer Uniform. Das türkische Boot gab 101 Kanonenschüsse zu Ehren des neuen Sultans ab. Die anderen Kriegsschiffe antworteten mit je 21. Um die Kriegsschiffe herum schwimmen die von Adana und Tarsus flußabwärts getriebenen Armenierleichen. Etwa 20000 Menschen sind getötet. Adana brennt noch, es riecht dort fürchterlich nach verwesenden und verbrannten Leichen. Die Hunde nagen daran herum. Die Truppen schießen Freudensalven zu Ehren des neuen Sultans. Die Stadt Mersina illuminiert soeben und die Kriegsschiffe, mit Ausnahme des deutschen, tun desgleichen. Wie Du siehst, ein manigfaltig-farbiges Bild, wie es eben nur im Orient und als Begleiterscheinung einer großen Umwälzung vorkommt. Wir wissen also, daß ein neuer Sultan ernannt ist und hören, daß die jungtürkische Partei den Sieg erkämpft hat. Sonst wissen wir fast nichts. Der Telegraph unterliegt zu starker Zensur. Gerüchte kursieren in Menge, sowohl über Konstantinopel als auch über Provinzen, in denen es drunter und drüber gehen soll.

Die Jungtürken werden wohl die mit Blut erkämpfte Regierungsgewalt diesmal besser hüten. Hier verbreiten die verschiedenen Parteien die verschiedensten Erklärungen über die Ereignisse. Nach meiner Auffassung hängen sie direkt mit dem Versuch der alten Sultanspartei, die Jungtürken zu stürzen, zusammen. Auch sollen die Armenier sich der Bewegung der alten Partei angeschlossen haben. Man sagt selbst, sie hätten sich im Falle des Gelingens besondere Vorteile gesichert. Daß die Armenier einen Plan des Wiederaufbaus ihres alten Reiches anstrebten, erscheint wahrscheinlich. Jedenfalls cirkulieren seit einiger Zeit im Publikum Karten, in denen ein armenisches Reich eingezeichnet war, mit Adana als Hauptstadt und Mersina als Ausgangshafen. Alle Armenier hatten sich modern bewaffnet, was leicht möglich war, da seit der Konstitution die Einführung der Waffen offen und in großem Maßstabe betrieben wurde. Der Vali (Generalgouverneur) der Provinz Adana war offenbar schon längst über die Zustände orientiert, nur wußte er nicht recht, auf welche Seite er sich schlagen sollte. Da er im Palais des Sultans auferzogen und nach der Konstitution von der jungtürkischen Partei aber beibehalten und mit dem Posten in Adana betraut worden war, fanden seine Ressentiments wohl soweit den Ausgleich, daß er es mit keiner Partei verderben wollte. Dies machte sich vor Ausbruch der Unruhen schon bemerkbar. Seit Monaten blieben alle wichtigeren Regierungsgeschäfte unerledigt, wenn die eine oder andere Partei dagegen war. Dadurch war eine allgemeine Unzufriedenheit hervorgerufen und die alte Sultanspartei fand einen guten Boden für die Aufwiegelung.

Am 13./14. ds. Mts. ging der Putsch los. In Adana, in Tarsus und den meisten anderen Orten der Provinz genau zur selben Zeit wie in Konstantinopel. Die Armenier waren nicht genügend vorbereitet und wenig organisiert, sie hatten auch zuviel über ihre Absichten gesprochen und groß damit getan. Die Türken wurden durch einen geschickten Schachzug mit Hilfe der Religion schnell unter einen gemeinsamen Hut gebracht. Man hatte die Erklärung eines Mufti beigebracht, der die Armenier für „ihtilal“ erklärte, d.h. sie seien Verworfene, die vogelfrei sind, weil sie dem Muselman schaden wollen. Nicht der Mufti von Adana soll diese Erklärung gegeben haben; man nennt hier den Mufti von Bagdad. Jedenfalls war damit die Streitigkeiten auf Muselmanen im allgemeinen und Armenier im besonderen beschränkt und die Zersplitterung der muselmanischen Bevölkerung behoben. Für die Jungtürken war dies günstig, die Armenier wurden dadurch auf alle Fälle zur Strafe gezogen für ihre Anschließung an die alte Sultanspartei. Damit auch kein Zweifel darüber entstehe, wie die jungtürkische Regierung über eine weitere Opposition denke, schickte sie ihr ergebene Truppen aus Adrianopel hierher, die von jungtürkischen, zum Teil deutschsprechenden Offizieren befehligt waren. Diese hatten die strikte Ordre, rücksichtslos vollständige Ordnung und Unterwerfung unter jungtürkischer Herrschaft herzustellen. Diese Truppen kamen nach Beendigung der eigentlichen Adanaer Metzeleien an. Sie verlangten sofortige Auslieferung der Waffen von den Armeniern und griffen nach deren Verweigerung (man erzählt auch, nachdem auf die Truppen geschossen worden sei) so energisch ein, daß alle noch übriggebliebenen Armenierwohnungen und dazu noch der größere Teil der sonstigen Stadt niedergebrannt und vernichtet wurde. Gestern trafen neue Truppen ein und weitere sind unterwegs. Sie sollen die ganze Provinz in Ordnung bringen. Die muselmanische und auch die sonstige Bevölkerung denkt jetzt nicht mehr daran, zu opponieren.

Während der eigentlichen Adanaer Gemetzel vom 14. - 17. ds. Mts. ging es wild zu. Soldaten beteiligten sich genau so wie die übrige Bevölkerung an der Schlächterei, Brandlegung und Plünderung. Es wurde gegenseitig gemordet und auch viele Türken getötet. Die gegenseitig verübten Grausamkeiten lassen sich nicht schriftlich geben. Viele Privatkontis wurden bei dieser Gelegenheit durch einen Revolverschuß ausgeglichen und auch eine große Anzahl Griechen mußten daran glauben. Sonst war Parole ausgegeben worden, die Europäer ungeschoren zu lassen. In dem großen Trubel sind natürlich Ausnahmen vorgekommen. So wurden mehrere amerikanische Missionare getötet und der englische Konsul wurde durch den Arm geschossen. Wie viele Europäer umgekommen und verletzt wurden, läßt sich noch nicht feststellen. Wer von den Armeniern nicht im eigentlichen Armenierquartier wohnte und sich dort verbarrikadiert hatte, wurde niedergemacht; Frauen und Kinder gleicherweise. Sonst hielten sich die Armenier in ihrem Vierteln verhältnismäßig gut, sie wagten sogar einen Ausfall nach dem naheliegenden Waffendepot der türkischen Regierung und räumten dasselbe aus. Einen richtigen Angriff wagten sie aber nicht, obwohl es zu Anfang gut möglich gewesen wäre und ihnen die Oberhand hätte sichern können, denn es waren zu dieser Zeit nur wenig reguläre Truppen in der Stadt, und die Armenier waren fast so zahlreich wie die Türken. Kleinere Truppen Armenier ließen sich meist abschlachten wie Kanickel trotz ihrer guten Waffen, die sie nicht einmal im Anblick des sicheren Todes benutzten. Die in ihrem Viertel verschanzten Armenier verteidigten ihre Häuser einzeln, eine gemeinsame Aktion war so nicht möglich. Sie erreichten am 17. ds. Mts. auch einen Waffenstillstand, der so lange Stand hielt, bis die jungtürkischen Truppen aus Adrianopel eingetroffen waren und sie vernichteten. Die Eisenbahnverbindung zwischen Mersina und Adana war inzwischen unterbrochen worden. Man hatte die Züge beschossen und man wollte den Zuzug der Adaner Parteien nach Mersina verhindern. Der Mutessarif von Mersina, ein Jungtürke, hat die größten Anstrengungen zur Verhütung eines Ausbruchs der Metzeleien gemacht und mehrmals den kritischen Punkt überwunden. Oefters waren hier alle Magazine geschlossen und die Straßen mit bewaffneten Leuten gefüllt, die nur auf den Anstoß warteten, um die Massakres zu beginnen. Ein zufällig losgehender Pistolenschuß hätte in diesen Momenten alle Beschwichtigungsbestrebungen des unermüdlich in den Straßen umhergehenden Mutessarifs über den Haufen geworfen.

Am 18. des Mts. fuhren wir nach Adana und holten unsere Freunde und Bekannten hierher. Wir hatten von früh morgens bis mittags 2 Uhr mit den Behörden zu streiten, um die Erlaubnis zum Ablassen des Zuges zu erwirken. Der Bahndirektor Belart, ein Schweizer, verhalf uns schließlich durch sein energisches Eingreifen dazu, daß wir die nötige militärische Bedeckung erhielten, ohne die er den Zug nicht ablassen durfte. Dr. Peters aus Eberfeld, Direktor Ryffel aus Zürich, Oberingenieur der Bagdadbahn von Paulyni und ich waren im Zuge. Vor Adana waren alle Gehöfte abgebrannt, und die Leichen lagen neben dem Bahngeleise. In Adana nahmen wir die Freunde auf, sie hatten sich alle im Hause der Direktoren Lutz und Stöckel verbarrikadiert gehabt und waren schon wieder verhältnismäßig guter Stimmung, man glaubte die Unruhen beendigt und dachte nicht daran, daß die zweite Auflage folgen werde. Es folgte dann eine verhältnismäßig ruhige Woche, während der nur wenig gemordet, aber viel geplündert wurde. Die Ankunft der aus Adrianopel kommenden Regierungstruppen am 25. ds. Mts. brachte dann die Stürmung und Vernichtung des Armenierviertels und die Unterdrückung jeglichen Gedankens an Opposition. Dabei ging ein großer Teil der übrigen Stadt mit in Flammen auf, u.a. die französische und die amerikanische Mission, das Bureau der Deutsch-Levantinischen Baumwollgesellschaft, und jetzt brennt es immer noch, und es wird noch eifrig geplündert.

Aus dem Innern der Provinz liegen gleich schlimme Bericht vor. Die in Missis stationierten Ingenieure der Bagdadbahn-Studiengesellschaft Wüst aus Luzern und Heubusch aus Schweinfurt hatten sich zufällig durch die Freundschaft mit dem in Missis stationierten türkischen Major und durch die Anwesenheit des türkischen Regierungs-Chefingenieurs Godard nach Mersina retten können. Bei der Ankunft in Adana wurde auf ihre Karawane geschossen. Die Brigade Bagtsche der Bagdadbahn-Studiengesellschaft rettete sich aus dem Massakre auf noch schwierigere Weise. Meine Farm in Hamidieh wurde niedergebrannt, gegen 100 Leute getötet und etwa 200 Stück Großvieh sowie das gesamte Inventar geraubt. Alle Ausländer melden durch ihre Konsulate die Entschädigungsansprüche an. Oesterreich hat bereits sein Konsulat telegraphisch angefragt, wie hoch sich etwa der Schaden österreichischer Untertanen beläuft. Die türkischen Untertanen werden leer ausgehen. Man hofft wenigstens auf Bezahlung der Feuerversicherungen, denn im Grunde genommen kann man den Vorfall nicht als force majeure betrachten, weil er von jeder normalen Regierung hätte verhindert werden können. Man sollte zu Gunsten der Beschädigten und namentlich der übrig gebliebenen Waisen eine internationale Kollekte veranstalten. Der deutsche Kaiser hat gestern dem Kommandanten des hier befindlichen Kriegsschiffes „Hamburg“ telegraphische Anweisung gegeben, auf seine Kosten die Ernährung der Armenier zu besorgen, die sich zu Deutschen geflüchtet hatten. Es kommt da hauptsächlich die Fabrik der deutschen Baumwollgesellschaft in Betracht, in die sich einige Tausend Armenier geflüchtet hatten. Es sind gegen 100 Verwundete darunter, und eine kleinere Anzahl ist inzwischen gestorben. Die Kommandanten des deutschen und englischen Kriegschiffes fuhren heute nach Adana, um mit einer Anzahl ihrer Leute ein Spital zu installieren und einen Verpflegungsdienst einzuleiten. Es fehlt an Nahrungsmitteln, und es sind in den verschiedenen Missionen und in der Fabrik Tripani noch eine Anzahl von mehreren Tausend Flüchtlingen zu versorgen.

Wie sich das Bild in Zukunft gestalten wird, hängt von der neuen Regierung ab und von den Mächten, die geeint daran festhalten sollten, daß die gesetzlich und staatsvertraglich zugesicherten Rechte der Ausländer endlich gewahrt werden.

Dann dürfte die Provinz Adana einer großen Zukunft entgegengehen. Alle Grundbedingungen dazu sind vorhanden. Der Boden an und für sich ist so wertvoll wie der ägyptische, die Bewässerungseinrichtungen sind hier viel leichter durchzuführen, das Land ist von Natur aus von vielen Flußläufen durchzogen, es ist fertig zur sofortigen Exploitierung in großem Stile. Das Land war schon im Altertum ebenso reich wie Ägypten. Baumwolle und Getreide gedeihen hier wie an wenig Orten. Die Nähe Europas und die Bagdadbahn, welche das Land mitten durchschneiden und mit zwei Ausgangshäfen in Mersina und im Meerbusen von Alexandrette mit dem Mittelmeer verbinden soll, bieten für den Verkehr große Vorteile. Das Land ist auch reich an Erzen und Wasserkräften. Die Bevölkerung ist größtenteils arbeits- und genügsam. Der Zuzug von Arbeitskräften ließe sich leichter bewerkstelligen als in entlegenen Staaten. Die Provinz exportiert jetzt schon 60000 Ballen Baumwolle jährlich, sowie 12000 Tonnen Sesam und produziert viel Getreide. Man kann diese Produktionen stark vervielfachen. Die Einfuhr landwirtschaftlicher Maschinen würde sich bei Aufschließung des Landes bedeutend erhöhen. Die Stadt Adana allein hatte ihre Einwohnerzahl in den letzten Jahren auf 70 bis 80000 Einwohner verdoppelt. In Adana sind zwei Baumwollspinnereien und -Webereien mit zusammen 25000 Spindeln und 500 Webstühlen, die Deutsche Baumwollpreßgesellschaft und eine Anzahl andrer Betriebe. In Tarsus ist eine Baumwollspinnerei und -Weberei mit 20000 Spindeln und 300 Webstühlen im Bau. Etwa 20 Baumwollegrainierungsanstalten sind in der Provinz verteilt.

Bleibt die alte türkische Wirtschaft auch in Zukunft bestehen, so wird damit ein Verbrechen an der Menschheit begangen. Werden aber geordnete Verhältnisse geschaffen und von der neuen Regierung den interessierten Mächten entsprechend garantiert, dann hat das unglückliche Ereignis einen gewissen Ausgleich gefunden. Dann: „Es lebe der Padischah, und lang soll er leben.“



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