1918-08-05-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14104
Zentraljournal: 1918-A-34707
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Kaukasus Kampagne
Praesentatsdatum: 08/17/1918 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 353
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Leiter der deutschen Delegation im Kaukasus (Kreß von Kressenstein) an den Reichskanzler (Hertling)

Bericht



No. 353
Tiflis, den 5. August 1918

Am 30. v.Mts. abends fuhr ich mit Baron Frankenstein und einigen Herren meines Stabes von Tiflis über Alexandropol nach Eriwan, um mich der armenischen Regierung vorzustellen. Essad Pascha hatte sein Versprechen gehalten und dafür gesorgt, daß unser Zug ohne ernstliche Belästigung das von den Türken besetzte Gebiet passieren konnte. Die Fahrzeit betrug etwa 22 Stunden. Wir trafen um 9 Uhr abends in Eriwan ein und wurden noch zu einem vom Bürgermeister gegebenen Essen eingeladen. Am 31. vormittags machten wir den Ministern und dem Vorsitzenden des Nationalrats unseren Besuch und fuhren dann nach Etschmiadzin, um dem Katholikos unsere Aufwartung zu machen. Seine Heiligkeit lud uns zu Tisch. Nachmittags kamen der Ministerpräsident und der Präsident des Nationalrats zu einer langen vertraulichen Besprechung zu uns. Abends wurde uns zu Ehren ein Bankett gegeben, an dem alle Würdenträger der Republik Armenien teilnahmen.

Ich trat noch am gleichen Abend die Rückreise an, wahrend Baron Frankenstein die Einladung zur Teilnahme an der am nächsten Tage stattfindenden Parlamentseröffnung annahm. Ich konnte mich nicht dazu entschließen, meinen Aufenthalt in Eriwan zu verlängern, einesteils, weil die zurzeit bestehende Spannung zwischen Aserbeidschan und Georgien meine baldige Rückkehr nach Tiflis wünschenswert machte, und andererseits, weil ich befürchtete, daß meine Teilnahme an dem wichtigen Akte der Parlamentseröffnung bei den Armeniern nicht realisierbare Hoffnungen auf die deutsche Unterstützung erwecken würde. Wenn ich auch durch die von Berlin zurückgekehrten armenischen Unterhändler Einiges über die Stellung des Auswärtigen Amts zur Armenierfrage gehört hatte, so bin ich doch über die Absichten der deutschen Regierung so wenig unterrichtet, daß ich eine gewisse Zurückhaltung für notwendig hielt.1

Die Aufnahme, die uns von der Regierung und der Bevölkerung zuteil wurde, war warm und sympathisch. Im Vergleich zu Tiflis fiel besonders vorteilhaft die gute Haltung und Strassendisziplin der armenischen Offiziere und Soldaten auf. Der Oberkommandierende, General Nazarbekow macht einen sehr guten Eindruck; er soll auch in der russischen Armee den Ruf eines besonders tüchtigen Generals besessen haben. Den inneren Wert der ihm unterstellten Armee von etwa 20000 Mann beurteilt General Nazarbekow ziemlich skeptisch. Es sind zwar viel Offiziere vorhanden, aber die meisten sind erst während des Krieges zu Offizieren befördert worden und besitzen weder Kenntnisse noch Erfahrung - die gleiche Erscheinung wie in Georgien.

Der Bolschewismus scheint beim armenischen Volke und beim armenischen Soldaten nur wenig Anhänger gefunden zu haben.

Die nationale Notlage, der große Einfluß der Geistlichkeit und wohl auch der große Tiefstand der Durchschnittsbildung ließen, wie es scheint, bisher die Gegensätze politischer und wirtschaftlicher Natur noch stark in den Hintergrund treten. Parteigegensätze haben bisher in der Hauptsache nur hinsichtlich der gegenüber den Türken einzuschlagenden Politik bestanden. Während die radikalen Elemente eine aktive und aggressive Türkenpolitik befolgt wissen wollten, traten die in der Minderheit befindlichen Gemäßigten für eine abwartende und hinhaltende Türkenpolitik ein. Der letzteren Richtung sollen die Mitglieder der derzeitigen Regierung angehören.

An ihrer Spitze steht als Ministerpräsident Herr Ruben Katschasnuni, ein etwa 60jähriger, verständiger, sympathischer Mann. Minister des Innern ist Herr Aram Marukian, Minister des Auswärtigen Herr Alexander Chatissian, Kriegsminister General Aschwerdian und Finanzminister Herr Chatschatur Kartschikian.

Die Herren machen keineswegs den Eindruck bedeutender Männer, aber sie scheinen ruhige besonnene und zielbewußte Arbeiter zu sein. Von den Georgiern unterscheiden sie sich vorteilhaft dadurch, daß sie Realpolitik treiben und sich der großen Worte enthalten.

Eine imponierende ganze Persönlichkeit ist der Katholikos. Ein schöner stattlicher Greis von etwa 70 Jahren, von der Würde seiner hohen Stellung und dem ganzen Gewicht der auf ihm lastenden Verantwortung durchdrungen, klug und zielbewußt, während der Verhandlungen von einer geradezu abweisenden Zurückhaltung und Kälte, bei Tisch der aufmerksamste und liebenswürdigste Hausherr.

Die Unterredung des Katholikos mit Baron Frankenstein und mir nahm einen geradezu dramatischen Verlauf. Wahrend von draußen das Summen und Brausen der tausendköpfigen Menge von Flüchtlingen, die in den weiten Höfen des Klosters biwakieren, in das klösterliche Gemach hereindrang, sprach sich der greise Katholikos bei der ergreifenden Schilderung des Elends seines Volkes, das der Vernichtung preisgegeben sei, und dem er als oberster geistlicher Hirte nicht helfen könne, in eine solche Erregung hinein, daß er am ganzen Körper zitterte. Er ist nach Aussage eines seiner Bischöfe russisch orientiert, und da mag es ihm besonders schwer gefallen sein, die Hilfe jener Mächte anzurufen, die er als die Schuldigen oder doch Mitschuldigen am Elend seines Volkes ansieht. Er beruhigte sich erst wieder, als ich zwar in sehr verbindlicher Form, aber doch sehr bestimmt die Rolle schilderte, die die Mittelmächte bei den Armeniergreueln 1915 gespielt haben und ihm auseinandersetzte, wie Deutschland, das mit einer Welt von Feinden um seine Existenz kämpfte, der Armenier halber nicht das Bündnis mit den Türken auf das Spiel setzen konnte, und deshalb gezwungen war, sich auf Proteste gegen das Vorgehen der Türken in der Armenierfrage zu beschränken. Im weiteren Verlauf der fast einstündigen Unterredung ließ sich Seine Heiligkeit in begreiflicher Erregung zu so heftigen Ausfällen gegen die Türken hinreißen, daß ich gezwungen war, auf die schwere Schuld hinzuweisen, die die türkischen Armenier durch ihr verräterisches Verhalten gegen die Türken auf sich geladen haben.

Im Folgenden erlaube ich mir, die augenblickliche Lage Armeniens zu skizzieren, wie sie sich mir auf Grund persönlicher Beobachtung und auf Grund der Besprechungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten darstellt.

Die Armenier sind zurzeit von den Türken auf einem ganz kleinen Gebiete eingekreist, das mit Ausnahme des Beckens von Eriwan vollkommen Hochgebirgscharakter trägt und nahezu völlig unproduktiv ist. Ebensowenig wie gegenüber Georgien haben die Türken Armenien gegenüber die Bestimmungen des von ihnen selbst diktierten Friedens von Batum eingehalten. Sie haben jenseits der von ihnen festgesetzten Grenze eine Reihe von Gebieten besetzt, deren Verlust für Armenien ganz besonders schmerzlich ist, weil ihnen dadurch auch noch die letzten Produktionsgebiete abgenommen wurden.

Zur Zeit scheinen die Türken von Aserbeidschan aus gegen die zu 90 % von Armeniern besiedelte Provinz Karabach vorgehen und die dortige Bevölkerung entwaffnen zu wollen, unter dem Vorwand, daß dort neuerdings die Armenier gegen die Muselmanen aggressiv geworden seien.

Die türkische Politik gegen die Armenier zeichnet sich klar ab. Die Türken haben ihre Absicht, die Armenier auszurotten, noch keineswegs aufgegeben, sie haben nur ihre Taktik gewechselt. Man reizt die Armenier, wo nur irgend möglich, man provoziert sie in der Hoffnung, dadurch einen Vorwand zu neuen Angriffen auf Armenien zu erhalten. Gelingt dies nicht, so will man sie aushungern und wirtschaftlich völlig ruinieren. Zu diesem Zwecke wird das unter nichtigen Vorwänden entgegen dem Vertrag von Batum besetzte Gebiet systematisch und planmäßig ausgeplündert und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, abgeführt. Die Beute an Kriegsmaterial, die die Türken in und bei Alexandropol gefunden haben, ist außerordentlich groß. Daß sie entgegen den Bestimmungen des Aprilvertrages auch alle Baumwolle ausführen, deren sie habhaft werden können, habe ich bereits gemeldet. Baron Frankenstein, der im Kraftwagen über Akstafa hierher zurückreiste begegnete einer Kolonne von 3 - 400 schwer mit Baumwolle beladenen Bauernwagen, die aus Aserbeidschan nach Karakliss fuhren.

Der Widerstand, den die Türken allen Aufforderungen zum Räumen des widerrechtlich besetzten Gebietes entgegensetzen, ist meines Erachtens lediglich darauf zurückzuführen, daß es ihnen noch nicht gelungen ist, alle Beute aus diesen Gebieten wegzuführen.

Armenien befindet sich demgegenüber in einer sehr schwierigen Lage. Die Regierung ist fest entschlossen, alles zu vermeiden, was den Türken einen Vorwand zu neuen Angriffen geben könnte; aber sie besitzt nicht die Macht, zu verhindern, daß sich immer wieder neue Banden bilden. Es sind weniger politische Motive, aus denen heraus diese Banden entstehen - obwohl in dieser Beziehung die nach Armenien geflüchteten türkischen Armenier, die alles verloren haben, ein gefährliches Element sind - als der Hunger, der die Leute zwingt, auf Raub auszuziehen. Die Armenier in Karabach sind wilde Bergstämme, die niemals freiwillig ihre Waffen ausliefern werden. Wenn die Türken trotz meiner Warnungen die Entwaffnung durchführen wollen, so sind heftige Kämpfe mit allen den hier üblichen Begleiterscheinungen unvermeidlich. Der bekannte Bandenführer Andronikos sollte in Armeniern verhaftet werden. Man konnte aber nur eines Teiles seiner Bande habhaft werden, der Rest unter Andronikos Führung ist aus der Republik Armeniern geflohen und führt nun auf eigene Faust Krieg gegen die Türken. Die armenische Regierung ist sich der Gefahr, in der sich ihr Land dauernd befindet, wohl bewußt. Sie ist entschlossen, dem Kampf auszuweichen und ihn solange wie irgend möglich zu vermeiden. Sie ist aber ebenso fest entschlossen und weiß sich darin mit dem ganzen armenischen Volke eins, sich bis zum letzten Mann zu verteidigen, falls die Türken ihr Land nochmals angreifen sollten. Die Türken würden dann in einen Gebirgskampf verwickelt, der unter Umständen recht beträchtliche Kräfte auf längere Zeit bindet - falls die Armenier nicht durch den Hunger besiegt werden.

Die Behauptung Envers, die Türken müßten die Bezirke von Alexandropol, Karakliss u.s.w. besitzen, um Zusammenstöße zwischen Armeniern und Georgiern zu verhindern, ist eine Erfindung, die darauf berechnet ist, die mit den hiesigen Verhältnissen Unbekannten zu täuschen, und soviel Zeit zu gewinnen, daß die Ernte aus diesen Gebieten weggeführt und die Gebiete noch völlig ausgeraubt werden können.

Was die innere Lage Armeniens angeht, so wird sie außerordentlich erschwert durch die große Anzahl von Flüchtlingen, die sich gegenwärtig auf dem kleinen Gebiet Armeniens und insbesondere in der Gegend von Eriwan angesammelt haben.

Die eingesessenen Bevölkerung des derzeitigen Gebietes der Republik Armenien wird auf 750000 Köpfe geschätzt. Auf dem Gebiet, das schon diese Leute nicht annähernd ernähren kann, befinden sich z.Zt. aber außerdem noch 300 - 500000 Flüchtlinge. Diese Leute sind Hals über Kopf vor den Türken geflüchtet und mußten vielfach ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen. Die geringen Vorräte, die sie mitgebracht haben, sind schon längst verzehrt. Sie schlachten nach und nach ihr Vieh und berauben sich damit der letzten Möglichkeit zu Gründung einer neuen Existenz. Im übrigen suchen sie ihren Unterhalt durch Raub und Diebstahl. Die Regierung schreitet energisch gegen die Marodeure ein, aber der Hunger ist stärker als die Furcht vor der Strafe. Auf diese Weise geht auch der eingesessenen Bevölkerung der grössere Teil ihrer Ernte verloren. Mit gebundenen Händen müssen inzwischen die Armenier zusehen, wie in den von Türken besetzten Gebieten die Ernte weggeführt wird oder zugrunde geht. Die armenische Regierung und den Katholikos bedrückt die doppelte Sorge wie die Bevölkerung im laufenden Jahre ernährt werden soll und wie sich die Ernährungsfrage in der Zukunft gestalten wird. Wenn es den Zentralmächten Ernst ist mit ihrer Absicht, die Armenier vor der Vernichtung zu schützen, so müssen sie ihnen auch so viel Grund und Boden verschaffen, daß wenigstens die Hauptmenge des Verpflegungsbedarfes aus dem Lande gedeckt werden kann. Ueber das laufende Jahr aber müssen wohl oder übel die Zentralmächte durch Getreidelieferungen hinweghelfen. Ich kann mir wenigstens nicht vorstellen, daß das Deutsche Reich ruhig zusehen kann, wie die Muhamedaner ein christliches Volk der Vernichtung durch Hunger preisgeben.

Nachdem die Türken trotz unserer Vorstellungen die armenische Ernte zugrunde gehen liessen, ist es wohl nicht mehr wie recht und billig, daß das zum Unterhalt des armenischen Volkes benötigte Getreide jenen Beständen entnommen wird, die die Türken sonst aus der Ukraine oder aus Rumänien erhalten würden.

Die armenischen Flüchtlinge leben im Freien. In kürzester Zeit werden die Nächte kalt. Dann wird sich zum Hunger der Frost gesellen, um die Flüchtlinge zu dezimieren, wenn sie nicht vorher in ihre Heimat zurückkehren durften. Unsere Hilfe muß bald wirksam werden, sonst kommt sie zu spät. Wenn die Konferenz von Konstantinopel noch lange auf sich warten läßt, sind viele Tausende von Menschen zum Tode verurteilt und nicht nur die öffentliche Meinung im Orient sondern auch die Geschichte wird Deutschland für die weitere Dezimierung des armenischen Volkes verantwortlich machen.

Der Glaube an die Hegemonie Deutschlands im Vierverbande ist - wie ich schon mehrfach zu berichten bereits die Pflicht hatte, bereits erschüttert; er wird völlig verloren gehen, wenn wir nicht imstande sind, die Armenier vor der Vernichtung zu schützen. Unser Ansehen und unser Einfluß im Orient wird in diesem Falle zugunsten der Türken beträchtliche Einbußen erleiden.

Die Frage, was zu geschehen hat, um Armenien lebensfähig zu machen und ihm zu ermöglichen, unter Anlehnung an eine der Mittelmächte ein selbständiges Dasein zu führen, möchte ich dahin beantworten, daß Armenien die Grenzen des Brest-Litowsker Vertrages erhalten muß, aber ohne daß den Türken die von ihnen angestrebten Grenzberichtigungen bewilligt werden. Gerade diese Grenzberichtigungen würden Armenien seiner besten Grenzgebiete berauben. Wir handeln dabei auch im eigenen Interesse; denn wenn diese Gebiete den Türken überlassen werden, so geht ihre Produktion infolge der geschäftlichen Untüchtigkeit der Türken sofort zurück und ist für den deutschen Markt verloren.

Bei entsprechendem Ausbau der Bewässerungsanlagen bei Einfuhr der nötigen Maschinen u.s.w. werden die Armenier, aber niemals die Türken, aus diesen fruchtbaren Gebieten eine reiche Ernte von Seide, Baumwolle, Reis, Wein, Cognac, Spiritus und Obst, wahrscheinlich auch an Montanprodukten herausholen.

Ich werde mir in Bälde erlauben, Euerer Exzellenz einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Armenien vorzulegen und möchte mich heute darauf beschränken, durch die nachstehende Tabelle zu beleuchten, welche wirtschaftliche Bedeutung für Armenien und demnach auch für uns das Gebiet zwischen den Grenzen von Brest-Litowsk und den derzeitigen Grenzen Armeniens besitzt. Für die absolute Richtigkeit der Zahlen kann ich keine Gewähr übernehmen.

Ungefährer Betrag der jährlichen Produktion Armeniens

an
im derzeitigen Gebiet der Republik Armenien
in dem Armenien nach dem Brester Vertrag zustehenden Gebiet
Baumwolle
nahezu nichts
1 Million Pud
40% Spiritus
30000 Wedro
130000 Wedro
96% Spiritus
15000 Wedro
100000 Wedro
Cognac, sehr gute Qualität
15000 Wedro
90000 Wedro
Wein, im Frieden in der Preislage von ½ bis 8 Rubel
80000 Wedro
4 Millionen Wedro, von denen im Frieden etwa 75% exportiert werden.
Reis
nichts
500000 Pud, von denen im Frieden etwa 50% exportiert wurden
Seide
nichts
100000 Pud Cocons beste Qualität.

Es besteht kein Zweifel darüber, daß bei Ausführung der vorhandenen Projekte zur Ausnutzung des Goktschar-Sees für Bewässerungszwecke und Erzeugung elektrischer Kraft große Entwicklungsmöglichkeiten für Armenien bestehen, und ich bin sicher, daß die geschäftstüchtigen, unternehmungslustigen und kapitalkräftigen Armenier alle im Lande vorhandenen Kräfte entwickeln werden, wenn man ihnen dazu die politische und wirtschaftliche Möglichkeit schafft. Hierzu gehört in erster Linie, daß man ihnen die Bahn Karakliss-Alexandropol-Dschulfa-Täbris gibt, kommt diese Bahn in türkische Hände, so ist Armenien zum wirtschaftlichen Tode verurteilt. Nicht nur wird die Türkei nicht in der Lage sein, die Bahn so zu verwalten und zu unterhalten, daß sie genügende Leistungsfähigkeit besitzt, sondern die türkischen Behörden würden durch dauernde Schikanen den Armeniern die Ausnutzung der Bahn für wirtschaftliche Zwecke mehr oder minder unmöglich machen. Zum mindesten würde es zu dauernden Reibungen zwischen der Türkei und Armenien kommen.

Selbstverständlich muß den Türken das Recht zur Durchführung ihrer Militärtransporte durch Armenien in gleicher Weise zugestanden werden wie durch Georgien.

Bei der vertraulichen Besprechung am 1. August las uns der Ministerpräsident einen Brief des armenischen Vertreters in Konstantinopel vor, in dem ihm dieser auf Grund von Informationen, die er von Herrn Botschafter Graf Bernstorff erhalten haben will, mitteilt, daß der Herr Botschafter darauf hinarbeite, daß die Konferenz noch hinausgeschoben wird, daß Armenien Österreichisch-Ungarisches Interessengebiet und von austro-ungarischen Truppen besetzt werden solle. Unter der Voraussetzung, daß diese Informationen richtig sind und ohne die Gründe zu kennen, die den Herrn Botschafter zu seiner Stellung veranlassen, möchte ich von meinem Standpunkt aus betonen, daß die Lage im Kaukasus einen baldigen Zusammentritt der Konferenz und die baldigste Lösung der schwebenden Fragen, insbesonders der Grenzregulierung gebieterisch verlangt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Grenzzwischenfälle vorkommen, die darauf zurückzuführen sind, daß die Grenzen noch nicht festgelegt sind. Die Stimmung zwischen den Kaukasusstaaten wird durch diese Grenzzwischenfälle außerordentlich gereizt und vor allem beginnt man bereits daran zu zweifeln, ob es den Mittelmächten ernst ist mit den Versprechungen, die sie den Kaukasusstaaten gemacht haben.


Kreß


1 Absatz von "Wenn ich auch .. bis .. für notwendig hielt" von Bussche-Haddenhausen für den Verteiler gestrichen und mit der Randbemerkung versehen: Wir müssen ihn wohl eingehender unterrichten.
Anmerkung: Gen. v. Kress hat inzwischen telegr. Nachricht erhalten, daß Zurückhaltung geboten ist.



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