1909-05-24-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 13187
Zentraljournal: 1909-A-09659
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 06/05/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.No. 493/K.No. 60
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Generalkonsul in Aleppo (Tischendorf) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



J.No. 493 / K.No. 60
1 Anlage

Im Anschluß an den gehorsamen Bericht vom 10. ds.Mts. (K.No. 56) betreffend die Lage im Vilajet Aleppo, beehre ich mich, Euerer Durchlaucht gehorsamst zu berichten, daß die Stimmung der Bevölkerung nach wie vor im allgemeinen eine gedrückte und wenig zufriedene ist und ein richtiges Vertrauen in die Rückkehr geordneter Verhältnisse noch fehlt. Unter der muhammedanischen Bevölkerung dauert die den neuen Verhältnissen nicht günstige Stimmung an und die Gegensätze zwischen der christlichen und muhammedanischen Bevölkerung scheinen eher zuzunehmen als sich auszugleichen.

Zu einem energischen Vorgehen gegen die Teilnehmer und Anstifter der Metzeleien und Plünderungen scheint es den Behörden bisher noch an den nötigen Machtmitteln oder an ernstem Willen zu fehlen. Gegenstände, die zweifellos bei den Plünderungen geraubt worden sind, werden offen auf dem Bazar verkauft unter stillschweigender Duldung der Polizeiorgane trotz strenger Befehle ihrer Vorgesetzten derartige Sachen zu beschlagnahmen. Die allgemeine Geschäftslage ist unter diesen Umständen noch immer eine recht fehlerhafte. Kredit wird fast nicht mehr gewährt und die allgemeine Geschäftsstockung hält an, wozu noch kommt, daß die Ernte an vielen Plätzen der Provinz wieder durch Heuschrecken gefährdet erscheint.

Seitens der christlichen Bevölkerung hat sich dazu in letzter Zeit eine mehr und mehr steigende Neigung zum endgültigen Verlassen des Landes durch Auswanderung bemerkbar gemacht.

Auch von Alexandrette berichtet der Kaiserliche Vizekonsul über eine Fortdauer des Mangels an Vertrauen und eine Verschärfung der Gegensätze zwischen Christen und Muhammedanern. Das häufige und wiederholte Erscheinen der fremden Kriegschiffe - darunter am 19. d.Mts des Kreuzers „Lübeck“ - scheint auf letztere wenig Eindruck gemacht zu haben.

Die Nachrichten aus den anderen Teilen der Provinz melden zwar keine neuen Unruhen, aber auch dort scheint die Haltung der Bevölkerung noch eine zuwartende und die Lage eine ziemlich gedrückte zu sein.

Einen Bericht aus Urfa vom 14. d.Mts., den der dortige Leiter der Teppichfabrik der „Deutschen Orient-Handels- und Industriegesellschaft“, Herr Franz Eckart, über die Zustände in Urfa seiner Zentrale in Potsdam eingesandt und mir abschriftlich mitgeteilt hat, füge ich in der Anlage abschriftlich bei.


Tischendorf
[Anlage]

Abschrift

Ourfa, den 14. Mai 1909.

Die unruhigen Zeiten, welche die Türkei bewegen, machen sich auch hier bemerklich, ohne daß es bisher dank der Wachsamkeit und Tüchtigkeit des Gouverneurs zu Ausschreitungen gekommen ist.

Die erste Erregung fand statt an dem Abend, an welchem aus Konstantinopel das Telegramm eintraf, es habe künftig ausschliesslich das Scher’i scherif zu gelten (das heilige Gesetz, nämlich Muhammeds). Die Reaktionäre jubelten. Man verkündete das Ereignis von allen Moscheetürmen. Bedenklich war, wie man der Verordnung eine Spitze gegen die Christen zu geben suchte und allerhand vorgebliche Gesetze des Scher’i scherif auftischte, welche sich gegen die Christen wandten, so das eine: das hl. Gesetz verbiete den Christen, wie die Muselmanen zu Pferd zu steigen. Man wollte damit verblümt ausdrücken, daß von einer Gleichstellung von Muhammedanern und Christen nicht die Rede sein könne. Die Freude der alten Fanatiker war kurz: am nächsten Tag schon wurde die Nachricht dementiert. Die beiden Abgeordneten von Urfa telegraphierten, daß das Staatsgrundgesetzt (die Konstitution) zu Recht bestehe.

Der zweite und größere Schrecken verbreitet sich unter den Christen, als die Nachricht kam, daß zwei Geistliche der Stadt, Badwelli Tschirtschi von der syrisch-protestantischen Gemeinde und Badwelli Sedrak von der armenischen Kirche, ebenso der Geistliche des nahen Dorfes Garmudsch, welche zu der alljährlichen Konferenz der Missionen des American Board gerufen waren, unterwegs mit noch mehreren Geistlichen und Lehrern ermordet worden seien. Eine blinde Lehrerin von Miss Shattuck, welche sich angeschlossen hatte, kam allein nach Adana, dem Ziel der Reise, und gab den ersten Bericht. Da die Botin blind war, sträubte man sich zuerst, das Ungeheuerliche zu glauben. Doch sind jedenfalls die Reisenden seit Wochen verschollen. Sie sollen von Tscherkessen in Osmanié, einem Ort in gebirgiger Lage zwischen Aintab und Adana, umgebracht worden sein. Dr. Shepherd [Dr. Fred Shepard] vom Hospital in Aintab hat sich in die Gegend begeben, um Aufklärung zu schaffen.

Bald darauf kamen die Nachrichten von den Metzeleien und Plünderungen in Adana und Tarsus und dann von den Verwüstungen im Gebiet von Antiochien. Auch hier in Urfa stieg die Erregung in bedenklichem Maße. Die Christen waren bis an die Zähne bewaffnet. Seit Monaten hatten sie jedem Türken, der eine Anspielung auf die Metzeleien vor 13 Jahren wagte, gesagt: „Das erste Mal habt ihr uns wie Schafe geschlachtet, diesmal soll zum mindesten jedes Leben von den unseren ein Leben von der euren kosten.“ Die Christen hatten geheime Zusammenkünfte. Für die zwölf Straßeneingänge des armenischen Viertels waren Verteidigungsmannschaften bereitgestellt. Geheime Aufpasser beobachteten und belauschten die Türken im Markt, in den Cafés, ja wohl sogar in den Moscheen. Beim Ausbruch von Unruhen sollten die Glocken geläutet werden und sollte jedermann an seinen Platz eilen. Es war zu fürchten, daß bei der wachsenden Spannung auf beiden Seiten das geringste Vorkommnis wie der Funke im Pulverfaß wirken könnte. Der Handel stockte. Der Bazar war tagelang unheimlich still, obgleich alle Läden geöffnet waren. Patrouillen durchzogen die Stadt. Man erzählte, daß der Gouverneur selbst zur Nachzeit an der Spitze der Patrouillen gesehen worden sei. Niemand wagte sich auf die Reise. Der Geldverkehr zwischen Aleppo und hier hörte auf. Die Post nahm keine Wertgegenstände zur Beförderung mehr an. An einzelnen Tagen wagte sich niemand von den Christen vor die Stadt. Mehrere Offiziere von der jungtürkischen Partei redeten in der großen Kirche zu den Armeniern und suchten sie zu beruhigen. Sie machten keinen Hehl daraus, daß Abdulhamid die Wirren der letzten Zeit in Szene gesetzt habe.

Abdulhamid’s Titel und Würde sank rapid. Die einen nannten ihn noch Padischah, die anderen bezeichneten ihn als „herif“ (der Kerl). In der Nacht zum 27. April kam die Nachricht von dem Thronwechsel. Vormittags 9 Uhr schoß man die Böller ab, der Gouverneur faßte in einer kurzen Ansprache die Ereignisse der letzten Zeit zusammen und las dann die letzten Depeschen über die einmütige Erwählung Muhammed V. vor. Der Müfti und ein Mollah hielten Gebete, wobei die Anwesenden, am lautesten die türkischen Schulknaben, jeden einzelne Satz mit Amen bekräftigten. Ein einzelner katholischer Priester drängte sich hervor und betete gleichfalls und länger als die andern, aber ohne das reschandierende Amen zu finden, denn Christen waren wenige unter der Menge und die wenigen hielten Schweigen. Der Vorfall verdient Erwähnung, da es bis dahin undenkbar schien, daß sich ein christlicher Priester in dieser Weise an einer türkischen Zeremonie beteiligte. Der armenische Vartabed wollte auch noch beten, kam aber nicht mehr zum Wort, denn es setzten die Hörner ein, die Soldaten präsentierten und brachten das dreimalige Padischa jasche (es lebe der König) aus. Merkwürdig erschien mir das Zwiegespräch zweier Offiziere während der Zeremonie. Der eine sagte: Ist wohl die Geschichte ernst? Darauf der andere: Ernst oder Spiel. So spielen wir eben im Spiel mit.

Dieser Ausdruck schien die Stimmung der nächsten Tage zu sein. Die Christen gerieten wieder in Unruhe. Diese steigerte sich am meisten an dem ersten Freitag nach dem Thronwechsel. Die Türken äußerten, sie wollten nicht in die Moschee gehen, um für den Sultan zu beten, da er ihnen noch nicht als Nachfolger des Kalifen angezeigt sei. Die Christen hielten das für einen Vorwand und glaubten die Stunde neuer Angriffe gekommen. Alle Maurer in der Neustadt warfen plötzlich die Arbeit weg und eilten in das armenische Viertel zurück. Da ließ der Gouverneur in den Straßen des Marktes ausrufen, es sei Befehl aus Konstantinopel gekommen, für das Leben des neuen Kalifen zu beten. Er selbst ging in die Uludschami, die größte Moschee, und redete zu der Versammlung.

Die Christen sind der Überzeugung, daß sie nur der Wachsamkeit und dem entschiedenem Eingreifen des Mutessarif (Gouverneurs) danken, daß neue Metzeleien vermieden worden sind. Einzelne verdächtige Subjekt wurden verhaftet, einige als Reaktionäre bekannte Offiziere nach Aleppo geschickt. Das unsinnige blinde Schießen wurde streng verboten, Wer eine Pistole oder Büchse zum Scherz abschoß, kam ins Loch. In den letzten Tagen Abdulhamid’s, so erzählt man offen, seien bezahlte Aufwiegler in der Stadt gewesen, die sich jedoch rechtzeitig geflüchtet hätten.

Seitdem beruhigt sich die Stadt langsam. Es hat aber noch länger als eine Woche gedauert, ehe sich die ersten Fuhrleute wieder auf die Reise trauten. Die letzten Kutscher, die hier aus Aleppo ankamen, erzählten, daß zwischen Aleppo und der Küste ihrer zweiundzwanzig verschwunden und ohne Zweifel umgebracht worden seien. Die Christen erkennen an, daß die Regierung auf Ordnung hält. Eine der ersten Depeschen seit dem Thronwechsel verkündet die allgemeine Wehrpflicht von Muhammedanern und Christen. Das rechnen sie hoch an. Sie sahen auch, wie man den Reaktionären zu Leibe geht. Briefe von Armeniern aus Diarbekir melden, es hätten dort mehrere Anhänger der altürkischen Partei, welche einflußreichen Familien angehörten, und als Aufwiegler bekannt waren, am Tage der Proklamation an der Zeremonie teilnehmen wollen, aber man habe sie durch Soldaten mit Kolbenstößen die Treppe hinunterwerfen lassen und ins Gefängnis gesperrt. So etwas scheint den Christen unglaublich und verfehlt nicht, ihnen Eindruck zu machen. In Sewerek, einer Stadt zwischen Urfa und Diarbekir, versuchte der Pöbel einen Angriff auf die Läden und Häuser der Christen, wurde aber durch die Soldaten zurückgetrieben. Der Vorfall soll durch ein rätselhaftes Telegramm aus Konstantinopel veranlaßt worden sein: „Die Wälder dürfen wohl ausgeschnitten aber nicht ausgerottet werden.“ Das türkische Wort für Wälder heißt armanlar. Dies hätten die Türken für armeniler (so nennen sie die Armenier) verstanden und hätten darin eine Aufforderung zu einem Angriff gesehen. Manche Armenier, welche übernervös sind (man muß das ihren schweren Erfahrungen zugute halten) halten dies Telegramm für ein beabsichtigtes Spiel mit dem Feuer und weisen daraufhin, daß es um Sewerek ja gar keine Wälder gäbe. Sie erinnern an das andere Telegramm, welches ihrer Meinung nach seiner Zeit das Massaker hier hervorrief: „Züchtigt die Armenier, aber mit Maß.“

Es ist zu hoffen, daß auf Seiten der Türken sowohl als der Christen die besonnenen Elemente das Übergewicht gewinnen. Viele von den ersteren erinnern daran, wieviel ihnen selbst die Katastrophe vor 13 Jahren wirtschaftlich geschadet hat.


[Eckart]



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