1919-07-28-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14106
Zentraljournal: 1919-A-21605
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 08/05/1919
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/01/2014


"Berliner Tageblatt"





T.W. Die Vermittlungsaktion des Papstes, über die jetzt Erzberger und Michaelis so viel sagen, begann, was noch nicht gesagt worden ist, mit einem Besuche des apostolischen Nuntius in Berlin. Der Nuntius Pacelli weilte hier im Juni 1917, sprach mit dem Reichskanzler v. Bethmann Hollweg über die deutschen Kriegsziele und die Friedensmöglichkeiten und reiste dann auch zum Großen Hauptquartier. Seine Berliner Eindrücke scheinen nicht ganz ungünstig gewesen zu sein. Wären sie hoffnungslos schlecht gewesen, so hätten der Papst und der Nuntius ihre Friedensbemühungen wahrscheinlich nicht fortgesetzt. Das Schicksal wollte, daß dann Erzberger zu denen gehörte, die in die angesponnenen zarten Fäden rauh hineingegriffen, denn er nahm im letzten Augenblick an den Schritten, die zur Beseitigung des Herrn v. Bethmann führten, teil. Als auf den Rat des kanzlerstürzenden Ludendorff der Kronprinz Parlamentarier - die der Herr v. Maltzahn sorgfältig nur unter den Gegnern Bethmanns ausgesucht hatte - zu sich berief und befragte, erschien auch Erzberger bei ihm. So verhalf Erzberger, ohne wohl gerade das zu wollen, Herrn Michaelis zur Kanzlerschaft. Michaelis spendete ihm, wie wir jetzt aus der Erklärung dieses Exkanzlers erfahren haben, dafür keinen Dank. Denn als nun der Nuntius am 30. August seinen Brief mit dem Vermittlungsangebot, mit der beigefügten Depesche der britischen Regierung und mit den Fragen über Belgien nach Berlin schickte, kam Herrn Michaelis, wie er versichert, zunächst nur vor allem der Gedanke: wie müssen wir handeln, damit der indiskrete Erzberger, der mit dem Nuntius oder seinen Untergebenen intim ist, von unserem Unternehmen nichts merkt? Und Michaelis und Kühlmann beschlossen, statt den Weg über Rom zu wählen, über Madrid zu gehen. Es gab nun zwei Vermittlungsaktionen auf einmal, und das schuf gewiß eine nicht sehr nützliche Konfusion. Die englische Regierung hörte aus Madrid, daß Deutschland zum Verzicht auf die Annexion Belgiens bereit wäre, und dann las der britische Botschafter beim Vatikan das Antwortschreiben des Herrn Michaelis an den Nuntius, das jede klare Aeußerung ablehnte und von der ersten bis zur letzten Zeile hinterhältig und unwahrhaftig klang. Wie konnte die englische Regierung, selbst wenn sie zum Frieden bereit gewesen sein sollte, die Gründe dieser Zwiespältigkeit, die ihr seltsam scheinen mußte, durchschauen? Wie konnte sie ahnen, daß das alles nur des neugierigen Erzbergers wegen geschah? Und man bedenke: der Papst, der den Nuntius nach Berlin geschickt und sich redlich bemüht hatte, sah nun, daß man ihn mit einer nichtssagenden, zweideutigen Antwort abspeiste, während er natürlich durch seinen Gesandten in Madrid den Inhalt des dorthin gelangten deutschen Schreibens erfuhr! Ganz gleich, ob dieses Doppelverfahren von Michaelis oder von Kühlmann oder von einem anderen ausgetüftelt wurde - es war ein Meisterstück diplomatischer Verwirrungskunst. Man muß allerdings hinzufügen, daß die Instruktionen, die nach Madrid geschickt wurden, sich gleichfalls nicht durch leuchtende Klarheit auszeichneten, und daß die Formel ”enger wirtschaftlicher Anschluß Belgiens an Deutschland”, auf die man sich, wie Herr Michaelis erzählt, im Kronrat geeinigt hatte, nicht nur die von Herrn Michaelis angenommene Friedensresolution des Reichstages gänzlich umwarf, sondern auch zugunsten der hungrigen Schwerindustriellen ein Hintertürchen weit offen ließ. Zu einem geraden, bestimmten, unzweideutigen Worte schwang man sich auch in der Korrespondenz mit Madrid nicht auf. Ein gerades Wort aber war nötig, die uneingeschränkte Erklärung, daß man ganz und gar auf Belgien verzichte, war die einzige Rettungsmöglichkeit in der schon verzweifelten Situation. Es konnte auch gar nicht erwartet werden, daß nun England und die ganze Entente gleich Herzlichkeit zeigen und all ihre Forderungen zurücknehmen würden, und nur auf die Anbahnung, auf die Einleitung einer Aussprache kam es an. Das kleine Verzichtswort wurde nicht gesprochen und schon darum führten alle Friedensschritte und Vermittlungsversuche zu nichts. Solche Schritte und Versuche hat es wiederholt, hat es noch 1918 in den Tagen der deutschen Offensive gegeben, mehrere sind ganz nachlässig behandelt worden, und wenn Herr Helfferich das alles bestreitet, so ist er vielleicht schlecht informiert. Im übrigen bleibt in der Affäre Erzberger-Michaelis noch manches dunkel und wir bitten um mehr Licht. Eines wissen wir genau: die furchtbare Schuld der Konservativen, Annexionisten und Tirpitzianer von einst und der Deutschnationalen von heute wird durch nichts hinweggewischt. Diese Leute wollen ja weder einen ”vorzeitigen Frieden” über Madrid, noch einen ”Hungerfrieden” über Rom. Sie wollten erst einmal England ”auf den Knien” und Amerika winzig klein sehen, und sie wollten vor allem die belgischen Industriewerke, die Gruben von Briey, die flandrische Küste und den Mond.
Man darf sich einem anderen Kapitel der Weltgeschichte zuwenden, während Erzberger nun in Weimar sich bereit zu neuem Schlage macht. Es scheint, daß wir am Beginn der Enthüllungsperiode stehen. Die diplomatischen Dokumente aus dem Juli und August 1914, die Kautsky im Auswärtigen Amte zusammengestellt hat, sind noch nicht veröffentlicht worden, und auch von den Aktenstücken, die in Wien zu einer umfangreichen Sammlung vereinigt wurden, sieht man noch nichts. Es ist begreiflich, daß man jetzt, vor der Entscheidung über die Gerichtspläne der Entente, mit der Herausgabe zögert, aber selbst denjenigen, die Schweigen immer für Gold halten, muß es nun als schwerer Fehler erscheinen, daß nicht rechtzeitig, in Berlin und in Wien, für volle Aufhellung und, wenn es nottat, für Sühne gesorgt worden ist. Indessen, wenigstens ein Band mit amtlichen Dokumenten, und ein sehr umfangreicher und inhaltreicher, ist jetzt, im Tempelverlag in Potsdam, erschienen, und auch diese erste Veröffentlichung, die nur eine Einleitung zu kommenden Dingen sein darf, hat einen außerordentlich historischen und moralischen Wert. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes hat Dr. Johannes Lepsius die diplomatischen Akten, die sich auf die Ereignisse in Armenien und auf die Beteiligung Deutschlands an diesen entsetzlichen Ereignissen beziehen, geprüft und aneinandergereiht, und er unterbreitet sie auf fünfhundert Seiten dem Urteil der zivilisierten Welt. Lepsius hatte schon im Jahre 1915 bei einem Aufenthalt in der Türkei Material über die ungeheuerliche Armeniertragödie, die damals noch nicht bis zur letzten Scheußlichkeit gediehen war, erhalten, und er hatte einen ”Bericht über die Lage des armenischen Volkes” verfaßt. Die in Deutschland streng die Ungetrübtheit der Seelen und die Unbefangenheit des Gemütes bewachende Zensur verbot die Verbreitung dieses Berichtes, und der Presse wurde, wie Lepsius im Vorwort seines Dokumentenbandes erwähnt, ”durch offizielle Instruktionen Schweigepflicht über die Armeniergreuel auferlegt”. Auch uns wurde damals jeder und selbst der zahmste Hinweis darauf, daß in Armenien nicht ganz Schickliches zugehe, unmöglich gemacht. Die Empfindlichkeit der türkischen Regierung sollte geschont werden, auf das reine Bild des Krieges sollte kein Schatten fallen. Als mit so viel anderem diese Kriegsideale zusammengebrochen waren, bat Johannes Lepsius den Staatssekretär Solf, ihm die Durchsicht der Akten zu gestatten, und Solf ersuchte ihn, selber auf Grund des Materials die Haltung Deutschlands in der armenischen Frage klarzustellen. Lepsius nahm den Auftrag an, forderte aber vollständige Freiheit in der Auswahl und in der Benutzung der Aktenstücke, und diese Freiheit wurde ihm gewährt. ”Für die hier veröffentlichte Auswahl von Aktenstücken und für die Zuverlässigkeit des Bildes, das sie von der Haltung der deutschen Regierung in der Behandlung der armenischen Frage geben, ruht,” erklärt er im Vorwort, ”die Verantwortung allein auf mir.” Hier ist ein Bürge oder ein Richter, der unbedingtes Vertrauen verdient.

Man könnte beim Lesen dieser endlos aufeinanderfolgenden Dokumente wie Karl Moor den dreimal schrecklichen Gott anrufen, der ”rächt und verdammt über den Sternen”, aber es gibt ein Maß von Jammer und Ruchlosigkeit, bei dem die großen Worte klein werden und jede Theatererinnerung abgeschmackt erscheint. Es gibt ein Grauen, das kein Pathos verträgt. Kurz zusammenfassend ist zu sagen, daß das ”Komitee für Einheit und Fortschritt”, aus dem alle jungtürkischen Regierungen hervorgegangen sind, in der ersten Kriegsperiode den Beschluß faßte, seine nationalen Ideen zu verwirklichen, der türkischen Rasse und dem reinen Islam die Alleinherrschaft zu sichern und zu diesem Zwecke zunächst die Armenier zu ”assimilieren” oder zu vernichten, von denen es damals in der Türkei nicht ganz eine Million achthundertundfünzigtausend und von denen es, wenn man die armenischen Bevölkerungsgruppen im Kaukasus, in Persien und im Auslande mitrechnet, alles in allem ungefähr drei Millionen sechsmalhunderttausend gab. Um die Operation einzuleiten und jeden lauten Protestschrei vorläufig unmöglich zu machen, wurden in der Nacht zum 25. April 1915 sechshundert führende Persönlichkeiten des armenischen Volkes, Abgeordnete, Schriftsteller, Advokaten, Geistliche und Aerzte, in Konstantinopel verhaftet, irgendwohin ins Land geschleppt und dann umgebracht. Vorher hatte in Wan ein sogenannter Armenieraufstand stattgefunden, der in Wahrheit gar kein Aufstand, sondern ein Akt heroischer Verteidigung und durch die vom Wali Djevdet Bei, einem Schwager Enver Paschas, verübten Morde und offenkundig betriebenen Mordprojekte verursacht worden war. Nachdem die Enver-Bande sich durch diese provozierten Kämpfe den Vorwand zu angeblich militärisch notwendigen ”Sicherungsmaßnahmen” verschafft hatte, begann die ”Deportation”, begann die Abschlachtung, stießen die Würgeengel von allen Seiten her das unglückliche Volk unter tierisch ersonnenen Qualen ins Grab. Die armenischen Männer, Frauen und Kinder wurden überall, nachdem man ihnen den gesamten Besitz genommen hatte, aus ihren Wohnstätten herausgetrieben, von erbarmungslosen Henkern und Eskorten bis zum Wüstenrande, wo die ”Konzentrationslager” waren, gepeitscht. ”Die Männer wurden von Frauen und Kindern getrennt, abseits geführt und getötet, die jüngeren Frauen und Mädchen, auch Kinder, in türkische Harems und kurdische Dörfer verkauft und verschleppt.” Am 18. Juni meldet der Leiter des deutschen Konsulats in Erzerum der Botschaft in Konstantinopel mit den Worten: ”Vernichtung der ausgewiesenen Armenier auf dem Wege über Ersindjan nach Charput” die erste Metzelei. Kurden und Regierungstruppen der 86. Kavalleriebrigade hatten unter Führung ihrer Offiziere an vier Tagen zwanzig bis fünfundzwanzigtausend Frauen und Kinder in der Kamachschlucht, ganz nahe beim Kommando des 3. Armeekorps, erwürgt. Das war nur ein kleiner Anfang, die Ziffern stiegen zu noch ganz anderen Höhen an. Am 18. Oktober beispielsweise meldete das deutsche Konsulat aus Aleppo, daß bei Radju und Katma viezigtausend Vertriebene konzentriert, zur ”Ansiedlung” nach Süden dreimal hunderttausend weitergesandt worden seien, und das Konsulat fügte hinzu: ”Allgemeine Überzeugung ist, daß sämtliche Verschickten dem Tode verfallen.” In den Konzentrationslagern am Wüstenrande kamen diejenigen, die hingelangt waren, in Hungerkrämpfen um. ”Berittene Gendarmen machen die Runde, um alle, die zu entweichen versuchen, festzunehmen und mit der Knute zu bestrafen”, berichtet ein neutraler Augenzeuge, der bis zu dieser Hölle vorgedrungen war. Mitleidige türkische Beamte, die wenigstens mildern wollten, wurden abgesetzt. Deutschen, Amerikanern und Schweizern wurde jeder Versuch, Hilfe zu bringen, untersagt. ”Ich begegnete”, erzählt der neutrale Augenzeuge, ”in der Wüste, an verschiedenen Orten, sechs solcher Flüchtlinge, die im Sterben lagen. Sie waren ihren Wächtern entschlüpft. Nun waren sie von ausgehungerten Hunden umgeben, die auf die letzten Zuckungen ihres Todeskampfes warteten, um sich auf sie zu stürzen und sie zu verzehren. ”Ueberall findet man dieselbe unmenschliche Bestialität der Henker, dieselben Torturen, mit denen man die unglücklichen Opfer quält. Eine entsetzliche Dysenterie wütet und fordert besonders unter den Kindern schreckliche Opfer. Diese unglücklichen Kleinen fallen in ihrem Hunger über alles her, was sie finden, sie essen Gras, Erde und selbst Exkremente ...” Wenn man noch mehr will – die fünfhundert Seiten sind voll davon. Auf türkischem Boden wurden, nach den bisherigen Schätzungen, ungefähr eine Million Menschenwesen so in unsagbarer Scheußlichkeit vernichtet, und dazu noch hunderttausend im Kaukasus.

Die Entente-Presse hat behauptet, Deutschland habe dieses ungeheure Verbrechen begünstigt, deutsche Beamte hätten sogar zu solchen Schuftereien aufgereizt. Neulich ist gemeldet worden, der General Liman v. Sanders werde vor die Ententerichter gestellt werden, weil er an der Austilgung der Armenier beteiligt gewesen sei. Lepsius weist in jedem besonderen Falle die Unwahrheit solcher Anklagen nach. Gerade diejenigen, die mit den infamsten Beschuldigungen beworfen wurden, haben unermüdlich und unerschrocken alles, was Menschenpflicht ihnen gebieten mußte, getan. Die zahllosen Berichte der deutschen Konsuln, die Lepsius veröffentlicht, sind ein einziger Schrei nach Hilfe, eine einzige Anklage gegen die Mörder, und zeugen von dem unablässigen und fast immer erfolglosen Bemühen, den Verfolgten beizustehen. Liman v. Sanders zwingt den Wali von Smyrna im Ultimatumstone, einen Befehl zu Massenverhaftungen zurückzunehmen, und v.d. Goltz ersucht telegraphisch um seine Abberufung, weil auch aus Mossul, wo er weilt, die Armenier deportiert werden sollen. Während die deutschen Konsuln im Innern des Landes sofort die wahren Absichten der türkischen Behörden erkannten, glaubte die deutsche Botschaft in Konstantinopel zuerst den Versicherungen der türkischen Regierung, es sei nur die Verschickung ”nicht ganz einwandfreier Familien aus den insurgierten Zentren” geplant. Als die Konsulatsberichte über die Schandtaten eintrafen, wendete sich die Botschaft mit Vorstellungen, Protesten und Warnungen mündlich und schriftlich an das türkische Kabinett. Nacheinander versuchten der Botschafter v. Wangenheim und seine Nachfolger, die türkische Regierung davon zu überzeugen, daß die Armeniermorde aufhören müßten, daß sie von den Ententemächten auch gegen das angeblich schützende Deutschland ausgenützt würden, und daß sie in den Augen aller zivilisierten Menschen eine Schande seien. ”Die systematische Niedermetzelung der aus ihren Wohnsitzen vertriebenen armenischen Bevölkerung”, berichtet am 12. August 1915 der stellvertretende Botschafter Fürst Hohenlohe-Langenburg dem Reichskanzler, ”hatte in den letzten Wochen einen derartigen Umfang angenommen, daß eine erneute eindringliche Vorstellung unsererseits gegen dieses wüste Treiben, das die Regierung nicht nur duldete, sondern offensichtlich förderte, geboten schien”. Aber die Proteste und ”Memoranden”, die man den türkischen Ministern überreichte, wurden entweder gar nicht oder erst nach vielen Wochen beantwortet, und über alle mündlichen, schriftlichen und telegraphischen Vorwürfe halfen sich Talaat, Halil und Enver mit den dreistesten Lügen hinweg. Talaat, Halil und Enver logen das Blaue vom Himmel herunter und die Botschaft berichtete dann nach Berlin, sie halte zwar jedes, jedes Wort dieser Leute für Schwindel, glaube an keine Versprechungen, sei aber zur Ohnmacht verdammt. Als die Deportationen und Metzeleien begannen, hatte Bulgarien sich den Mittelmächten noch nicht angeschlossen, die Türkei war isoliert, Deutschland hatte auf türkischem Boden nur 75 Offiziere und 150 Mann. Die türkische Regierung sah bei dieser Lage der Dinge Deutschland als einen abhängigen Almosenempfänger an. Auch später noch verbitten sich die türkischen Regierenden die deutsche Einmischung in einer Sprache, durch die es fortwährend hindurchklingt: ”Wenn es euch nicht paßt, so geht!” Die wahre Liebe war es nicht. Hätte es trotz alledem ein Mittel gegeben, die jungtürkischen Raubmörder einzuschüchtern, oder doch wenigstens Deutschland rechtzeitig gegen den falschen Vorwurf zu schützen, daß es an der bestialischen Orgie nicht gänzlich unschuldig sei? Eines vielleicht. Am 7. Dezember 1915 berichtete der Botschafter Graf Wolff-Metternich dem Reichskanzler v. Bethmann Hollweg abermals: ”Ich habe eine äußerst scharfe Sprache geführt”, aber ”Proteste nützen nichts”. Er gab den klugen Rat, in der deutschen Presse solle ”der Unmut über die Armenierverfolgung zum Ausdruck kommen”. Statt diesen Rat des Grafen Wolff-Metternich zu befolgen, verbot die stumpfsinnige, politisch ahnungslose Zensur auch die kleinste Andeutung über das, was in den türkischen Gefilden geschah. So verrannen die Bemühungen der Botschafter und Konsuln im stillen, wurden die Rettungsversuche nicht durch den Chor einer gut geleiteten öffentlichen Meinung unterstützt. Den Ententepolemisten wurde es leicht gemacht, zu verkünden, ganz Deutschland billige die Abwürgung der Armenier, denn aus ganz Deutschland höre man keinen entrüsteten Laut. Erst nach der großen Götzendämmerung, als Oberkommando und Kriegspresseamt verschwunden waren, konnten wir hier einen Bericht Armin T. Wegners veröffentlichen, der von den Ereignissen erschütternd Kunde gab. Auch diejenigen in Deutschland, die während des Krieges schon viel über diese Dinge erfahren hatten, wußten etwas recht Wesentliches nicht. Sie hatte glauben können, daß die Talaat, Halil und Enver eigentlich nur duldsame, machtlose Zuschauer gewesen seien, und sie sehen jetzt aus den Dokumenten, daß diese Personen die verantwortlichen Urheber der Scheußlichkeiten und die Oberbanditen gewesen sind. Besonders häufig trifft man in den Dokumenten die Familie Enver Paschas an. In Baku tafelt Nury Pascha, ein Bruder Envers, mit seinen Offizieren im Hotel Metropole, während die Stadt geplündert wird, Armenier und auch Deutsche ermordet und verschleppt werden, Entsetzensschreie durch die Straßen hallen, und der deutsche Oberstleutnant Paraquin, der ihm mutig die Wahrheit sagt, wird mit grobem Entlassungsbriefe von seinem Posten entfernt. Lepsius konstatiert, daß nicht etwa Fanatismus der türkischen Bevölkerung bei der Ausrottung der Armenier mitgewirkt habe, sondern daß die sogenannte Staatsraison und die Habgier des jungtürkischen Komitees und seiner Kreaturen die allein treibenden Kräfte gewesen seien. ”Der Wert des konfiszierten Nationalvermögens der türkischen Armenier wird auf eine Milliarde geschätzt.” Talaat, Halil, Enver und ihre Komplizen sind neulich in Konstantinopel zum Tode verurteilt worden - vorläufig ”in contumaciam”, da sie sämtlich flüchtig sind. Sollte das Schicksal, oder der Gendarm, sie eines Tages erreichen, so hätte man keinen Anlaß, diesen Tag als einen Trauertag zu begehen. Dem Grafen Wolff-Metternich, der wieder mit Protesten kam, entgegnete Talaat einmal, Deutschland würde in einem ähnlichen Falle ebenso handeln wie die Türkei. ”Ich fand immer wieder Verständnislosigkeit für den Gesichtspunkt, daß, um Schuldige zu treffen, nicht Unschuldige leiden dürfen,” setzt der Botschafter in seinem Bericht hinzu. Talaat hatte um so weniger ein Recht zu solchen Ideen, da damals die ”militärischen Notwendigkeiten” noch nicht zur Verschleppung zahlloser Frauen, Mädchen und Männer aus Nordfrankreich geführt hatten und auch noch nicht, der deutschen Schwerindustrie zuliebe, die Deportation der belgischen ”Arbeitslosen” verfügt worden war. Von den 56000 verschickten und wie Sklaven behandelten Belgiern sind, wie der Abgeordnete Wels vorgestern mitteilte, in zwei Monaten 1500 umgekommen, und das deutsche Publikum weiß noch zu wenig, wie sehr dieses militaristisch-schwerindustrielle Geschäft, das gerade während der deutschen Erklärungen über Belgien verbrochen wurde, alle Friedensschritte geschädigt und Deutschland geschändet hat. Was ”die hungrigen Wölfe des Komitees”, wie Graf Wolff-Metternich die jungtürkischen Herren nennt, den Armeniern angetan haben, ist beispiellos, voll asiatischer Bluttollheit, und hat in seiner Furchtbarkeit nirgends ein Gegenstück. Aber wir, die wir nicht in Asien leben, wollen auch die Belgierschande, und ähnliches, gesühnt sehen, und darum erhoffen wir nicht nur ein Weißbuch darüber, sondern auch eine für den Staatsgerichtshof bestimmte Anklageschrift.



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