1919-02-06-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14105
Zentraljournal: 1919-A-04156
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/01/2014


"Allgemeine Missionszeitschrift"

Die deutschen evangelischen Missionskreise und das armenische Volk.
Von Julius Richter.


Seit wir in Erfahrung gebracht hatten, daß die Entente unsere Veröffentlichungen über die Not der deportierten Armenier (A.M.Z. 1915, 506 bis 508) in rücksichtsloser Weise zur Verhetzung unserer deutschen Truppen und zur Irreführung der öffentlichen Meinung mißbrauchte, haben wir uns in der Berichterstattung darüber große Zurückhaltung auferlegt. Jetzt ist es möglich, einigermaßen offen über diese tragischen Vorgänge, eines der vielen dunklen Blätter der Kriegsgeschichte, zu reden. Wir halten das umsomehr für angemessen, weil in dem Repertoire von Verhetzungszugstücken, mit denen die Entente die Weltkriegsagitation gespeist hat, die Anschuldigung eine der wirksamsten war, Deutschland trage an dem Untergang des unglücklichen armenischen Volkes die Schuld, und daß die deutsche Christenheit ein dumm gewordenes Salz sei, zeige sich besonders deutlich an ihrer Unwilligkeit oder Unfähigkeit, der türkischen Regierung und dem Deutschen Reiche bei ihrer barbarischen Gewaltpolitik gegen die Armenier in die Arme zu fallen. Beide Anschuldigungen sind ungerechtfertigt. Es liegt uns nicht ob, die Sache der deutschen Politik zu vertreten; hoffentlich kommt bald die Stunde, wo die amtlichen Archive aufgeschlossen werden. [Wie wir hören, sind drei Denkschriften über die armenische Frage in Vorbereitung und werden in den nächsten Wochen veröffentlicht werden. D. Axenfeld wird im Zusammenhang die Bemühungen der Orient- und Islamkommission darlegen; D. Dr. Joh. Lepsius wird seine Armenierbroschüre, erweitert und durch eine Auswahl von Aktenstücken des Auswärtigen Amtes vermehrt, neu herausgeben; und Dr. P. Rohrbach wird im Auftrag der Deutsch-armenischen Gesellschaft die Geschichte der furchtbaren Tragödie des Unterganges des armenischen Volkes in der Türkei schreiben.] Aber wenigstens über das Verhalten unserer evangelischen Missionskreise zu der Armenierfrage unterrichtet zu werden, wird unseren Freunden von Wichtigkeit sein und unsere Herzen erleichtern.
Es ist nicht möglich, genau die Zahlen der Armenier anzugeben. In Russisch-Armenien werden es ihrer 1 ½ Million, in der Nordwestprovinz von Persien Aserbeidschan 1 ¼ Million, und im Armenischen Reiche etwa 2 Millionen gewesen sein. Es wird für letztere die genaue Zahl von 1845450 angegeben; sie ist aber unsicher: die Armenier hatten ein Interesse daran, ihre Zahlen möglichst niedrig anzugeben, denn davon hing ihre Steuer ab; und die Türken hatten dasselbe Interesse; denn einen je kleineren Bevölkerungsteil die Armenier bildeten, um so entschuldbarer erschien die gegen sie eingeleitete Gewaltpolitik. Jedenfalls teilen die Armenier das Verhängnis jener unglücklichen Grenzvölker in diesem Kriege, welche unter der Herrschaft der miteinander um Sein oder Nichtsein ringenden Völker geteilt sind; sie werden von allen Seiten bemißtraut und von den vorwärts und rückwärts sich wälzenden Truppenbewegungen, in deren beiden Reihen die Brüder sich feindlich gegenüberstehen, zerrieben. Die Armenier sind während der 2500 Jahre, wo wir ihre Geschichte kennen, eines der unglücklichsten Völker gewesen. Von starkem, zähen nationalen Bewußtsein erfüllt, haben sie es im Laufe der Jahrhunderte einige Male zu selbständiger Staatenbildung gebracht; indessen auch die armenischen Reiche umfaßten meist nicht das ganze armenische Volk, sondern nur mehr oder weniger große Bruchstücke desselben in Groß- und Kleinarmenien, zugleich mit einer starken Beimischung fremder Völker; sie waren deshalb nicht lebensfähig und verfielen wieder nach kurzer Blüte. Weitaus die längste Zeit wurden die Armenier von übermächtigen Weltreichen hin- und hergeschoben, zerrieben und ausgesogen. Dabei ist seit den ältesten Zeiten ihr Verhängnis, daß die kulturunfähigen Räuberhorden der Kurden dem fleißigen, kulturproduzierenden Armeniervolke als Pfahl im Fleische wohnen. Die Türken haben seit der Aufrichtung des osmanischen Reiches auch ihnen wie den anderen christlichen Völkern einen geordneten Rechtsstand als Zimmi (Schutzbefohlene), gewährt, aber sie auch ebenso rücksichtslos unterdrückt wie die anderen christlichen Völker; ihr Los wurde dadurch nicht leichter, daß die Armenier wie die Griechen – nicht wie die Jacobiten, Syrier und Kopten – die arabische oder türkische Sprache vielfach nicht annahmen und mit ihrer Sprache und großen Kulturtradition die Sonderstellung deutlich hervortreten ließen. Kurdennot und türkische Bedrückung hatten die Folge, einmal, daß sich das armenische Volk über ganz Kleinasien bis Konstantinopel und in die europäische Türkei hinein, ja darüber hinaus in die ganze Welt zerstreute, also das geschlossene Wohnen in den eigentlich armenischen Provinzen aufgab. Sie bilden nur noch in einigen Vilajets Groß-Armeniens eine knappe Mehrheit; sonst überall in Kleinasien und Nordsyrien eine Minderheit der Bevölkerung. Andererseits durch die Türken von einer größeren, militärischen und kulturellen Arbeit ausgeschlossen, hat das hochbegabte Volk teils in dem mühseligen Ackerbau und Handwerk und in der zähen Ueberlieferung eines versteinerten Kirchentums seine geistigen Kräfte brach liegen und verrosten lassen, teils sie mit aller Energie auf den Großhandel, die Bankgeschäfte und den Wucher konzentriert und es darin zur Meisterschaft gebracht, eine Entwicklung ähnlich derjenigen der osteuropäischen Juden. Seit der kulturellen Renaissance unter Peschtimaldjians und in wachsendem Maße durch die Arbeiten römischer (Mechitaristen) und protestantischer (AB) Missionen entwickelten zumal die städtischen Armenier eine hohe Intelligenz und eine bedeutende literarische Kultur, die ihnen die Eifersucht der ihnen nicht gewachsenen moslemischen Herrenvölker eintrug. Die Lage wurde noch schwieriger, seitdem Rußland in den Kriegen des 18. und 19. Jahrhunderts einen Teil der überwiegend von Armeniern bewohnten Gebiete nach dem anderen seinem Reiche angliederte, so daß nun die Hälfte der Armenier in Rußland wohnt. Da der innere Zusammenhang zwischen den Armeniern trotzdem großenteils gewahrt blieb, ergab sich dadurch eine Schaukelpolitik der Interessen, die je nachdem die Bedrückung oder Erleichterung der Lebensverhältnisse in der Türkei oder in Rußland größer war, was zeitweilig stark schwankte, nach dem einen oder dem anderen Lande neigte, jedenfalls aber die Armenier beiden Regierungen als unzuverlässiges Grenzvolk erscheinen ließ. Seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ist die Aufteilung des osmanischen Reiches nach dem vermeintlich hoffnungslosen Siechtum des kranken Mannes am Bospurus einer der Leitsterne der europäischen Politik gewesen; es galt deswegen als eine wichtige Aufgabe der verschiedenen europäischen Länder, Interessen für ihr eigenes Land zu schaffen; die orientalischen Kirchen wurden der Angelpunkt dieser selbstsüchtigen Raubbaupolitik und die Kapitulationen mit den Protektoratrechten über jene Kirchen die Hebel, um bald diesen, bald jenen Teil des osmanischen Reiches aus den Angeln zu heben. Diese Hebel sind wirksam auch bei den Armeniern eingesetzt; teils, daß man ihnen die Hoffnung auf die Erfüllung ihres nationalen Sehnsuchtstraumes auf ein selbständiges Großfürstentum Armenien vorgaukelte - eine Hoffnung, die durch die Erstarkung der christlichen Balkanstaaten und die Schaffung selbst so politisch unmögliche Gebilde wie Montenegro neue Nahrung erhielt - , teils, daß man ihnen eine rosige Zukunft unter den Fittichen des russischen Doppeladlers in Aussicht stellte. Natürlich verfolgte die osmanische Regierung diese Bestrebungen mit wachsendem Argwohn, zumal, wenn sie obendrein von den europäischen Mächten mit scheinheiliger Miene zu Reformen in den osmanischen Provinzen gedrängt wurde. Die von dem Sultan Abdul Hamid angeordneten furchtbaren Blutbäder 1895/96 waren die gewaltsame Reaktion dagegen; die letzere erschöpfte sich aber damit nicht, weil die armenische Gefahr für das osmanische Reich bestehen blieb. Im Freiheitsrausche der jungtürkischen Revolution vom Juli 1908 mit der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit für alle Bürger des osmanischen Reiches“, „wir sind nicht mehr Türken, Griechen, Armenier, sondern alle nur noch Osmanen“ - schien eine neue Zeit anzubrechen; auf dieser Grundlage schien eine Aussöhnung von Türken und Armeniern möglich; die Armenier gingen mit Begeisterung auf den Geist der neuen Zeit ein, sie wurden gute Freunde der jungtürkischen Machthaber. Aber der Balkankrieg von 1912/13 zeigte den letzteren, daß die christlichen Völker die erste sich bietende Gelegenheit zur Erlangung ihrer politischen Selbständigkeit und zur Zerstückelung der Türkei ausnutzten, und daß die europäischen Großmächte an ihrem Programm der Aufteilung auch der asiatischen Türkei festhielten. Dagegen sah die jungtürkische Regierung nur einen sicheren, Erfolg versprechenden Ausweg: die Schaffung einer bewußt islamischen Großmacht auf türkischer Nationalgrundlage unter planmäßiger Ausmerzung aller Fremdvölker, d.h. vor allem unter Beseitigung des armenischen Volkes. Bei dem Ausbruch des gegenwärtigen Krieges gehörte es seit dem Eintritt der Türkei in den Kreis der Mittelmächte zu den mit Sicherheit vorgetragenen Voraussagen der Entente, daß die Aufteilung der Türkei nunmehr unabwendbar sei. Und diese Erwartung auf Befreiung vom Türkenjoch, Aufteilung unter die Ententegroßmächte, christliches Regiment und Lebensordnung, wurden bei allen orientalischen Kirchen und sogar in der ganzen arabischen Südhälfte der Türkei mit allen Mitteln einer skrupellosen Presse genährt. Vorbereitungen zu Aufständen zur Abschüttelung des ohnehin ins Wanken geratenen Türkenjoches schienen unter diesem Gesichtspunkt als gute Politik und werden von Rußland, England und Frankreich durch Geld, Waffen und Munition in freigebiger Weise unterstützt.

Unter diesen schwierigen Verhältnissen hielt es D. Axenfeld im Spätherbst 1914 für seine Pflicht, den Versuch zu machen, auf die orientalischen Kirchen im Sinne der Aufrechterhaltung der strengsten Neutralität einzuwirken, da Illoyalität bei dem wechselnden Kriegsgeschick unter allen Umständen ihren Untergang bedeute. Wir wandten uns an die beiden einflußreichsten Vertreter der Orientmission in dem damals noch neutralen Amerika, Dr. John Mott und D. Barton, den Direktor der A. B. Missionen und Vorsitzenden des amerikanischen Zweiges der internationalen Mohammedanermissions-Kommission. Axenfeld bat sie, ihren machtvollen Einfluß bei den Häuptern der verschiedenen orientalischen Kirchen im Sinne vorsichtigster Zurückhaltung von jeder antitürkischen Politik geltend zu machen. Es leite ihn bei diesem Wunsche keinerlei politisches Interesse, sondern nur der Wunsch, ein furchtbares Verhängnis von den unglücklichen Armeniern abzuwenden. Dr. Mott und D. Barton wiesen seine Bitte höflich, aber entschieden ab als ein Versuch, sie vor den Wagen der deutschen Politik zu spannen. Dabei gab sich D. Barton einer seltsamen Illusion über das gegenseitige Verhältnis der Türken und Armenier hin. „Alle Missionare im Innern berichten, daß bis heute die Beziehungen der Mosleme und Armenier sogar ungewöhnlich freundlich und herzlich sind, obgleich begreiflicher Weise die Armenier insgeheim mit den Alliierten gegen Deutschland sympathisieren.“ Nur deutsche Missionare in Urfa hätten den Armeniern „gedroht“, falls sie nicht zu Gunsten Deutschlands öffentlich aufträten, stehe ihnen ein neues Blutbad bevor. „Soweit meine Informationen reichen, haben die Türken dazu keinerlei Veranlassung gegeben.“ Das schrieb Barton vier Monate vor dem Beginn der entsetzlichen Massakres!

Es waren deutsche Offiziere, welche den Türken bei dem Vormarsche der türkischen Armee nach Transkaukasien und noch mehr bei ihrem Rückzuge in die großarmenischen Vilajets den Rat gaben, die unzuverlässige armenische Bevölkerung der Grenzgebiete zu evakuieren. Derartige Translokationen illoyaler Grenzbevölkerungen sind im Kriege unvermeidlich und haben fast überall in den Grenzbezirken stattgefunden. Aber allerdings jene wohlmeinenden Ratgeber bedachten wohl nicht, daß zu einer derartigen Verpflanzung umfassende Vorkehrungen, Aufgebot von Transportmitteln und zuverlässige Begleitmannschaften, Sicherung der Wege, Unterkunftsstätten und ausreichende Verpflegung erforderlich sind, was alles die Türkei bei dem Versagen ihres unzureichenden Verwaltungsapparates weder leisten konnte noch wollte. Vor allem aber ahnten jene Deutschen nicht, daß die Türken nur zu gern den ihnen gegebenen „guten Rat“ dazu mißbrauchten, um mit dem armenischen Volke ein für allemal abzurechnen und es als Volk zu vernichten. Sie hielten im Frühjahr 1915 die Gelegenheit für einzig günstig. Das Deutsche Reich hatte der Türkei bei dem Eintritt in den Krieg eine weitgehende militärische Unterstützung in Aussicht gestellt; sie war aber damals, wo Bulgarien sich den Mittelmächten noch nicht angeschlossen hatte und deshalb die Balkanbahn noch nicht zur Verfügung stand, gar nicht in der Lage, diese Versprechungen einzulösen. Und doch leistete gerade damals die Türkei der Sache der Mittelmächte weitaus den wichtigsten, ja entscheidenden Dienst, von welchem damals der ganze Verlauf des Krieges abzuhängen schien; sie verteidigte die Dardanellen mit einem Heere von 400000 Mann gegen die vereinigte Land- und Seemacht der Entente. Während dieser Zeit, wo das Deutsche Reich der Türkei zum größten Danke verpflichtet und deshalb gar nicht in der Lage war, in deren Politik einzugreifen, wo zugleich die Türkei auf der Höhe ihrer militärischen Macht und ihres Ruhmes stand, wurde die Deportation sämtlicher Armenier - außer denen in Konstantinopel und den anatolischen Küstenstädten - angeordnet und rücksichtslos durchgeführt; aus allen anatolischen Vilajets und aus Zilizien sollten die Massen in die arabischen Steppen südlich der Bagdadbahn überführt werden. Die wehrhaften Männer waren schon vorher zur Armee eingezogen und unbewaffnet auf den Etappenstraßen des Innern als Lastträger und Wasserarbeiter beschäftigt; die meisten verschwanden bald irgendwo in den Bergwildnissen, erschossen in die reißenden Flüsse geworfen, durch Hunger und Krankheiten hingerafft. Die des männlichen Schutzes beraubten Frauen, Kinder, Kranke und Greise wurden aus ihren Wohnsitzen vertrieben, ihrer Habe beraubt und ohne Reiseausrüstung und Proviant, barfüßig, hungernd, verschmachtend und fortgesetzten Mißhandlungen und Schändungen ausgesetzt, in Haufen von Hunderten und Tausenden gleich Viehherden durch rohe Saptiehs mehr als hundert Meilen weit in die Verbannung getrieben. Weniger als die Hälfte kam an ihrem Bestimmungsorte an. Mädchen und junge Frauen wurden in die türkischen Harems und kurdischen Dörfer verschleppt, wo ihnen keine andere Wahl blieb als den Islam anzunehmen. Zahllose Kinder wurden ihren christlichen Eltern abgenommen, um als Mosleme aufgezogen zu werden. Von der Deportation verschont wurden nur Hunderte von christlichen Familien, die sich entschlossen, den Islam anzunehmen; selbst dieser trostlose Ausweg zur Rettung des Lebens wurde aber oft nicht gestattet. Bisweilen artete die Deportation geradezu in ein Blutbad allergrößten Stiles aus; an bestimmten Stellen des Weges wurden ganze Scharen abgeschlachtet; oder die räuberischen Kurden stiegen von ihren Bergen herunter, raubten die Wehrlosen aus und mordeten wahllos, was ihnen vor die Gewehre kam. Die Gesamtverluste der Armenier zahlenmäßig anzugeben ist schon deshalb unmöglich, weil keine zuverlässigen Angaben über die armenische Bevölkerung vor dem Kriege vorliegen; wichtiger als die Gesamtziffer, die sich schwer kontrollieren läßt, ist die prozentuale Feststellung in den einzelnen Gebieten. In den östlichen Provinzen, also mit Anschluß von Konstantinopel, Smyrna und anderen Plätzen in der westlichen Türkei, sind von der armenischen Gesamtbevölkerung 80-90 Prozent, von der männlichen Bevölkerung 98 Prozent nicht mehr am Leben. Man begegnet vielen Knaben und etlichen Greisen; Männer in der Vollkraft der Jahre trifft man selten, sie fallen durch ihr Dasein auf. Jedenfalls ist wenigstens eine Million armenischer Christen von der Deportation und den Schlächtereien betroffen, und zwar ohne Unterschied der Konfession, Gregorianer, römische Katholiken und Protestanten. Die diplomatischen Bemühungen des Papstes und seines Delegaten in Konstantinopel setzten allerdings bei der Pforte den Erlaß eines Dekretes durch, daß die Katholiken und Protestanten geschont werden sollten; aber seine Veröffentlichung an vielen Orten im Innern wie in Malatia wurde solange hinausgeschoben, bis die Armenier beseitigt waren. Die Ausführung von Regierungsdekreten im Innern ist ja völlig der Willkür und der Gewissenlosigkeit der Beamten preisgegeben; eine spätere Kontrolle ist unmöglich. Die Zahl der Märtyrer war groß; die Geistlichen wurden fast gänzlich ausgerottet. Persönliche Nachforschungen ergaben, daß in Malatia noch ein armenischer Geistlicher, zwei untergeordnete gregorianische Priester und ein armenischer Franziskaner sich befanden, in Diabeker, Arabinien, und an anderen wichtigen Orten niemand. Die wenigen Überlebenden sind zermürbt, eingeschüchtert, zum Teil ihrer geistigen und geistlichen Kraft beraubt, so daß sie für die Leitung des Volkes kaum noch in Frage kamen. Um das Unglück voll zu machen, gingen auch nach dem offiziellen Ende der Deportation die Drangsalierungen und Hinrichtungen fort. Die Gefängnisse waren gefüllt; auf dem Prozeßwege wurden mit Recht oder Unrecht viele zum Tode gebracht. Unendlich viele verhungerten. In jeder Stadt wiederholten sich die unerträglichen Bilder des Elends auf der Straße; die furchtbare Notzeit hatte eine entsetzliche Stumpfheit zur Folge, die kaum noch Fatalismus zu nennen war und der Verblödung nahe kam. Die Lage der übrig gebliebenen Armenier war die denkbar traurigste. Sie haben alle Rechte verloren. Sie sind versklavt und werden Sklaven bleiben. Es wurde einfach Menschenhandel mit ihnen getrieben. Mädchen und Kinder wurden verkauft. Eine Änderung dieses trostlosen Zustandes ist nicht abzusehen. Sie sind auch selbst zu mürbe, zu stumpf und zu feige dazu. So steht es in politischer Hinsicht; nicht besser ist es in kirchlicher; auch hier ist aller geschichtlicher Zusammenhang haltlos zerrissen. Der armenische Patriarch, der sämtliche osmanische Armenier in öffentlichen Fragen bei der türkischen Regierung vertrat, wurde in der Verfolgungszeit nach Bagdad verschickt; sein Sitz wurde offiziell durch Verfügung nach Jerusalem verlegt. Damit ist er zur Ohnmacht verurteilt. Die Verhältnisse in den Deportationslagern selbst bezw. in den Landstrichen und Städten, wohin die Armenier verschleppt waren, scheinen verschieden gewesen zu sein. In manchen gestatteten oder begünstigten die einheimischen Araber die Ansiedlung der heimatlosen Flüchtlinge, um von ihrer rastlosen Arbeitskraft und von ihrem Geschick in Handwerken Gewinn zu ziehen. An den meisten Orten aber spotteten die Lager aller Beschreibung. Hunger, Verwahrlosung und Flecktyphus richteten greuliche Verwüstungen an; zur kümmerlichen Erhaltung des Lebens wären Riesensummen erforderlich gewesen; aber selbst die praktische Verwendung der bescheidenen Summen, die zu Gebote standen, verhinderten die Türken geflissentlich. Die exponierten Lager in Ostarmenien waren uns überhaupt unerreichbar; keine Kunde von ihren Martyrien drang in die Außenwelt. Der Plan der Aussendung einer deutschen Expedition dorthin, die mit armenischen und amerikanischen Mitteln reich ausgerüstet werden sollten, scheiterte an der Widerwilligkeit der armenischen und amerikanischen Kreise, ein deutsches Hilfsunternehmen zu Gunsten ihrer Landsleute zu unterstützen.

Der Schlag, der das arbeitsamste und strebsamste Volk des Orients betroffen hat, muß in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Beziehung die verhängnisvollsten Folgen für die betroffenen Gebiete des osmanischen Reiches haben. Der Handel und das Handwerk im Innern, die fast ausschließlich in der Händen der Armenier lagen, sind vernichtet worden. Nach dem Urteil von Kennern des Landes ist nicht darauf zu rechnen, daß selbst in Jahrzehnten das türkische und jüdische Element in der Lage sein werden, für den Ausfall des armenischen einzutreten.

Dabei fiel schwer ins Gewicht und belastete unsere Gewissen, daß nicht nur die Ententepresse, sondern auch die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern Deutschland als mitverantwortlich für die inneren Vorgänge in der Türkei ansah. Deutschland war eben nach Ausschaltung der Ententemächte die einzige Macht am Bosporus, die für die Verhinderung von Christenschlächtereien in Frage kam. Wenn nun auch die Pforte die Maßregeln, welche das armenische Volk mit dem Untergang bedrohten, mit den revolutionären Umtrieben in der armenischen Bevölkerung und mit strategischen Maßnahmen in den Grenzbezirken begründete, so läßt sich das brutale Vorgehen nicht rechtfertigen. Islamischer Fanatismus, Christenhaß, der zynische Wunsch, bei dieser Gelegenheit die armenische Frage ein für allemal durch Ausrottung des armenischen Volkes zu erledigen, wirkten verhängnisvoll mit. Konnte es jemand im Ausland glauben, daß der deutsche Einfluß bei den türkischen Gewalthabern zu gering war, um diese furchtbaren Dinge zu verhüten, daß etwa notwendige Maßnahmen auf das strategisch Gebotene eingeschränkt wurden? Der Glaube an Deutschlands Schuld sitzt auch bei den Armeniern unausrottbar fest und die Türkei selbst verbreitete diese Anschauung geflissentlich, um sich dadurch zu decken. Als der Abgeordnete von Malatia im Winter 1915/1916 von seiner Sitzungsperiode in Konstantinopel in seine Heimat zurückkehrte versammelte er die Notabelen der Stadt, um ihnen mitzuteilen, er sei selber dabei gewesen, wie eines Tages der deutsche Botschafter auf der Hohen Pforte erschienen sei, um offiziell im Namen seiner Regierung der osmanischen Regierung seine Glückwünsche auszusprechen zu der umfassend durchgeführten und glänzend gelungenen Ausrottung des armenischen Volkes. Man muß bedenken, wie abgeschnitten von der Welt die Städte des Ostens sind. Eine solche Schamlosigkeit übersteigt alle Grenzen.

Wie man Deutschland für den Eintritt der Türkei in den Krieg und für die Erklärung des „Heiligen Krieges“ verantwortlich machte, so maß man ihm die Schuld an der Vernichtung dieses christlichen Volkes bei. Die Wirkung ging noch tiefer, als bei der Agitation wegen der angeblichen belgischen Greuel. Unter diesen Umständen richteten wir damals eine Denkschrift an den Reichskanzler und trugen ihm unter Darlegung der Verhältnisse, wie wir sie damals sahen, folgende Bitten vor:

1. Daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel, Smyrna, Adana und anderen, noch nicht betroffenen Städten und Distrikten ein Riegel vorgeschoben werde;

2. daß nicht nur angebliche und scheinbare, sondern wirkliche und wirksame Maßregeln getroffen werden, um die Hunderttausende von deportierten Frauen und Kindern in den mesopotamischen Steppen am Leben zu erhalten und weitere Grausamkeiten an den noch übrigen Armeniern zu verhindern;

3. daß Christen anderer Länder es ermöglicht werde, vielleicht unter der Mitwirkung deutscher und neutraler Vertrauensleute, den notleidenden Deportierten Hilfsdienste zu erweisen und Unterstützungen zukommen zu lassen.

Beim Friedensschluß baten wir, darauf Bedacht zu nehmen, daß den jetzt zwangsweise islamisierten Christen die Rückkehr zum Christentum ermöglicht und für eine künftige friedliche und loyale Weiterentwickelung der christlichen Minderheiten in der Türkei und für die ungehinderte Fortführung der christlichen Liebes- und Kulturarbeit im Orient die nötige Bürgschaft gegeben werde.

Der Reichskanzler antwortete:

„Die Kaiserliche Regierung wird, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden. Die deutschen Christen können darauf vertrauen, daß ich, von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in meiner Macht steht, tun werde, um den mir von Ihnen vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen.“

In der Tat gewannen wir in den Besprechungen mit dem Auswärtigen Amte die Überzeugung, daß man in den maßgebenden deutschen Kreisen unablässig bemüht war, zu gunsten der schwer bedrohten orientalischen Christen, in erster Linie der Armenier, allen verfügbaren politischen Einfluß geltend zu machen, aber auch, daß es gegenüber der brutalen türkischen Politik, die günstige Gelegenheit zur Vernichtung des unbequemen armenischen Volkes auszunutzen, fast wirkungslos war.

Der christlichen Mission blieb nur übrig, im einzelnen soviel von der furchtbaren Not zu lindern, als in ihren Kräften lag. Wir haben gelegentlich einiges von dieser selbstverleugnungsvollen Hilfsarbeit erzählt (1918, 269-274); besonders einige Personen wie Diakon Künzler, Prediger Christoffel in Malatia und Schwester Beatrice Rohner in Aleppo haben sich dabei verdient gemacht, und der deutsche Konsul Rösler in Aleppo hat ihnen treulich zur Seite gestanden. Aber auch dies Hilfswerk war auf allen Seiten gehemmt. Die Türken hatten bei ihrem Vernichtungswillen gegen das armenische Volk geringes Interesse an der Erhaltung und Durchfütterung der Frauen und Kinder; sie legten den Reisen der Missionsgeschwister im Lande und noch mehr den Reisen nach und von der Türkei in die Heimat fast unüberwindliche Hindernisse in den Weg. Und da es in Deutschland bei der strengen Zensur und der argwöhnischen Beobachtung unserer Presse durch die Türkei weder anging, den entsetzlichen Umfang des Elends darzulegen noch über die geleistete Hilfe zu berichten, war es auch nicht möglich, eine Sammeltätigkeit größeren Stils einzurichten. Dr. Joh. Lepsius umging die betreffenden Bestimmungen in seinem Drange, den Armeniern zu helfen, indem er seine bekannte Broschüre als geschlossenen Brief an etwa 10000 Anschriften versandte; er erweckte dadurch allerdings eine weitgreifende Hilfswilligkeit; aber er sprengte auch die von ihm gegründete und bisher geleitete deutsche Orientmission und erregte in den türkischen Regierungskreisen eine lebhafte Entrüstung, welche das Los der Armenier noch verschlimmerte. Einige Mitglieder der Orient- und Islamkommission benutzten die Anwesenheit des mächtigen Dschemal Pascha in Berlin, um ihn um Hilfe für die Hungernden und Sterbenden anzurufen; Dschemal hat nach seiner Rückkehr in der Tat wenigstens einige christliche Anstalten längere Zeit mit Weizen versorgt.

Eine weitere Schwierigkeit war die unglaubliche Entwertung des türkischen Papiergeldes und die Schwierigkeit, im Innern der Türkei Hartgeld zu beschaffen; wenn bei der unvermeidlichen, wiederholten Umwechselung des deutschen Geldes weniger als die Hälfte, ja vielleicht nur ein Viertel des Betrages in die Hände der Empfänger gelangte, war es dann überhaupt noch zu verantworten, das mühsam gesammelte Geld hinauszusenden?

Daneben galt es, die in Deutschland weilenden Armenier vor der Auslieferung an die Türkei und der Einreihung in deren Heer zu bewahren, was nach Lage der Verhältnisse ihren sicheren Untergang zur Folge gehabt hätte. In zahlreichen Fällen ist das geglückt, wenn auch zum Teil infolge der Unzuverlässigkeit der Armenier selbst diese Verhandlungen angreifend waren. Im allgemeinen ist es trotz den entgegenstehenden Vertragsbestimmungen gelungen, sie zu schützen. Nicht minder schwierig und aufreibend war die Aufgabe an der deutschen Presse. Die türkische Regierung hatte begreiflicherweise ein lebhaftes Interesse daran, ihr Verfahren gegen das armenische Volk in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen; die Armenier seien unzuverlässige Rebellen; wo immer sie die Oberhand erhielten, sei es durch aufrührerische Putsche oder durch den Vormarsch der Russen, richteten sie unter den unschuldigen Moslemen furchtbare Blutbäder an; die Türken seien fast schutzlos ihrer Grausamkeit preisgegeben; die strengen Maßregeln seien nur Notwehr der moslemischen Frauen und Kinder. Die alte Fabel vom Wolf und Lamm! Aber auch deutsche Federn kamen aus politischer Beflissenheit oder aus Unverstand der Türkei zu Hilfe, um Steine auf die Armenier zu werfen. Ging doch durch Deutschland ein seltsamer Rausch der Islamverherrlichung und des Türkenpreises; und hatten doch auch so glänzende Publizisten wie D. Naumann und D. Traub den Armeniern das schlechteste Zeugnis ausgestellt. War es da schon des Türkenbündnisses willen nicht patriotische Pflicht, alles Gute von den Türken, alles Schlechte von den Armeniern zu glauben und zu verbreiten. Und die rigorose Zensur wurde einseitig streng gegen jede Veröffentlichung, die etwa die Türkei verstimmen könnte, aber nachsichtig in der Aufbauschung angeblich von den Armeniern verübten Greuel gehandhabt. Allerdings gegen die Absicht unserer Zentralregierung, die beiden Seiten möglichste Zurückhaltung, ja Stillschweigen auferlegte. Immer von neuem mußten wir sie zur Kontrolle der Zensur ermahnen, wenn wieder eine turkophile Tatarennachricht durch die deutsche Presse lief.

Im Frühjahr 1918 verschob sich mit dem Zusammenbruch Rußlands das Bild. Nach dem Brester Vorfrieden sollten Rußland und die Türkei jede die in Ostanatolien innegehabten Linien militärisch bis zum endgültigen Friedensschlusse besetzt halten. Die russische Armee löste sich aber unaufhaltsam schnell auf; in den Vilajets des östlichen Armeniens gab es bald fast keine regulären russischen Truppenverbände mehr. Dagegen blieben die russischen Armenier aus dem Heeresverband meist zurück, und an sie gliederten sich kriegstüchtige Gregorier an, französische und englische Offiziere stellten sich an die Spitze dieser Freischaren. Ihr Bestreben war, den unklaren Zwischenzustand zu benutzen, um in dem durch die dreijährigen Kriegswirren durch Freund und Feind fast menschenleer gemachten Lande einen armenischen Freistaat aufzurichten. Die Türkei konnte und wollte das nicht dulden, sie erkannte auch, was man ihr kaum verargen kann, die unregulären Banden nicht als kriegführende Armee an, erklärte sich auch an die Brester Bedingungen nicht mehr gebunden, da die russische Armee sie nicht gehalten habe. Sie rückte also, ohne ernstlichen Widerstand zu finden, in Großarmenien bis an die russische Grenze hin vor; der Widerstand der Armenier war hoffnungsloser Selbstmord. Die Orient- und Islam-Kommission suchte in diesem Durchgangsstadium ihren Einfluß dahin geltend zu machen, einmal, daß die armenischen Banden die Waffen niederlegten und sich unterwarfen; andererseits, daß die Türken darauf verzichteten, die wilde Leidenschaft durch Schauerberichte der Agence Milli über wirkliche oder angebliche Blutbäder der Armenier an den in ihre Hände gefallenen Moslemen anzustacheln und sich zu einer allgemeinen Amnestie bereit finden ließen.

Freilich, was sollte aus den wieder an die Türkei fallenden östlichen Vilajets werden? Konnten die deportierten Armenier in das fast ganz entvölkerte Gebiet zurückkehren, ohne ihr Leben der ärgsten Bedrohung durch die Türken und Kurden preiszugeben? War nicht zu befürchten, daß sich die angesammelte Wut der Türken zumal gegen die Hunderttausende von Armeniern wenden würde, die seit dem Anfang des Krieges nach dem russischen Armenien geflohen waren, und die nun mit der zähen angeborenen Liebe zur heimatlichen Scholle auf die erste Gelegenheit warteten, in ihre verwüsteten Heimstätten heimzukehren? War es etwa möglich, von Deutschland oder dem neutralen Auslande eine unparteiische Kommission zu senden, um die Wiederansiedelung der zurückkehrenden Armenier und die Neuschaffung wirtschaftlicher Lebensmöglichkeiten zu überwachen? D. Axenfeld richtete als Vorsitzender der Orient- und Islam-Kommission erneut eine Denkschrift an den Reichskanzler und machte folgende Vorschläge: a) Warnung an die türkische Regierung vor der Wirkung erneuter Armeniergreuel angesichts des künftigen Friedens; b) Verhinderung weiterer so stark aufreizender Berichte der Agence Milli, auch wenn armenische Ausschreitungen sich wiederholen sollten; c) Verhinderung türkischer Rache an der bisher in der Hauptsache verschonten armenischen Diaspora in Konstantinopel, Smyrna und der übrigen Levante; d) Forderung des Erlasses einer Amnestie für alle Armenier, die freiwillig die Waffen niederlegten; e) Forderung der Zusage, die Deportierten zurückzubringen und in ihr Eigentum wieder einzusetzen; f) Forderung rechtlicher Sicherheiten für künftige erträgliche Existenz loyaler armenischer Untertanen.

Während diese Verhandlungen und Erwägungen noch schwebten, wurde der Brester Frieden abgeschlossen. In ihm wurden nicht nur die alten Grenzen der Türkei wiederhergestellt, sondern es wurde auch den drei Grenzbezirken Kars, Ardahan und Batum die freie Wahl des Anschlusses auf Grund von Volksabstimmung eingeräumt und damit den Türken die Aussicht auf Wiedererlangung dieser ihnen nach dem Frieden von 1877 von den Russen als Pfand für die nie gezahlte Kriegskontributionen abgenommenen Provinzen eröffnet. Gleichzeitig hatten sich noch zwei andere Entwicklungen angebahnt. In Transkaukasien hatten die drei Hauptvölker die Greorgier [Georgier] im Westen, die Armenier in der Mitte, und die Tataren im Osten sich gemeinsam von dem in sich zerfallenden Rußland abgelöst und hatten sowohl eine gemeinsame, allerdings nicht lebensfähige und bald wieder aufgelöste Transkaukasische Republik gebildet, wie auch für die drei Hauptvölker gesonderte Nationalräte zur Einrichtung autonomer Provinzen eingerichtet. Und in der Türkei hatten nach der alten Erfahrung, daß der Appetit mit dem Essen kommt, die leichten Erfolge in Groß-Armenien und die noch größeren, jenseits der Grenze winkenden Aussichten einen großtürkischen Größenwahn erzeugt. Wenn sich das Deutsche Reich längs seiner Ostgrenze eine Reihe von Pufferstaaten in verschiedenem Abhängigkeitsverhältnis angliederte, sollte dann nicht auch die Türkei den Versuch machen, alle turkotatarischen Völker von der Krim über Transkaukasien bis nach Chiwa, Buchara und Chinesisch-Turkestan in einer großen „turanischen“ Liga mit sich zu verbinden. Die lange wie ein geheimnisvolles Schlagwort gehütete Losung „Turan“ schien sich nun mit einem glänzenden Inhalt zu füllen. Zumal in Transkaukasien galt es, rasch und entschlossen vorzugehen. Hier konnte man sich mit den Tataren in den östlichen Bezirken und den Türken in Aserbeidschan die Hand reichen. Es kam nur darauf an, durch gleichzeitigen Vormarsch von Südwesten und Nordosten die dazwischen liegenden armenischen Landschaften aufzurollen und auch hier die armenische Bevölkerung zu vernichten. Damit eröffnete sich für das armenische Volk ein furchtbarer Ausblick. Hier in Transkaukasien, zumal in den Bezirken von Eriwan, Etschmiazin und Ani war ihre zweite Hauptmacht, die einzige nun noch vorhandene; bei ihr hatte wohl 1/4 oder ½ Million aus dem türkischen Armenien ausgeflüchtete Volksgenossen Zuflucht gefunden. Sich gegen die immerhin wohldisziplinierte und siegesgewisse türkische Armee zu verteidigen war aussichtslos. Die Türken maskierten zudem mit gewöhnlichem Raffinement auch hier ihr Vorgehen durch die Agence Milli, deren Berichte in Deutschland nur allzu willigen Nachdruck fanden, mit Schauerberichten über Mordtaten und Überfälle der Armenier an harmlosen Moslems. Wer konnte da helfen? Die Armenier hatten sich zudem durch die bolschewistischen Veröffentlichungen der Geheimverträge davon überzeugt, daß sie von der Entente schnöde verraten waren. Während ihnen England und Frankreich weitgehende Zusicherungen gründlicher Reformen und nationaler Autonomie gemacht hatten, hatten sie sich nicht gescheut, gleichzeitig Groß-Armenien an Rußland als einen der Siegespreise anzubieten. Es blieb also nur eine Hilfe: Deutschland!

Allerdings hatten gerade diese russischen Armenier vor und während des Krieges unablässig gegen Deutschland gehetzt; die berüchtigte Schmähschrift, welche in England, Nordamerika und in den neutralen Ländern unter dem Namen von Lord Bryce in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet wurde, soll aus dem armenischen Agitationsquartier stammen und von ihrem einflußreichen Vertreter Boghos Nubor Pascha verfaßt sein. Immerhin, nur Deutschland konnte dem Größenwahn und Siegestaumel der Türken ein kräftiges: Bis hierher und nicht weiter! zurufen. So warfen sich die russischen Armenier dem deutschen Volk in die Arme und flehten mit rückhaltloser Verzweiflung um Rettung vor dem anscheinend sicher bevorstehenden Untergang. Sie baten um Gewährung eines ausreichend großen und genügend fruchtbaren Landes für die Reste ihres Volkes, um eine deutsche Schutztruppe von 2-3000 Mann gegen die übermütigen Türken, um eine Getreidezufuhr zur Rettung vor der Hungersnot in dem einbrechenden Winter, um die Hissung der deutschen Flagge als einer Sicherheit des Lebens und Eigentums. Die Orient- und Islam-Kommission hat mit den verschiedenen armenischen Delegationen wiederholt eingehend verhandelt, hat ihnen die Notwendigkeit eines wirklichen Vertrauens der maßgebenden Armenier zu den wohlgesinnten Absichten der deutschen Regierung unter Hinweis auf deren unablässige Bemühungen während der ganzen Kriegszeit zu ihren Gunsten an das Herz gelegt, und hat auch mit den Vertretern der Regierung überlegt, wie wirksam geholfen werden könne. Die Lage war aber schon damals äußerst schwierig. Die britischen Okkupationsarmeen in Palästina und Mesopotamien hatten die drückend heißen und darum kriegsfreien Sommermonate 1918 benutzt, um sich mit weit überlegenen Kräften zu einem vernichtenden Schlage gegen das türkische Heer zu rüsten. An der Westfront hatte bereits der furchtbare Anprall der Entente-Heere gegen die langhingezogene deutsche Schlachtfront begonnen, der an die militärische Leistungsfähigkeit des deutschen Heeres die größten Anforderungen stellte. Und im Kreise der Mittelmächte bröckelte und krachte es immer bedrohlicher und unheimlicher. Konnte man in diesem kritischen Stadium die Türkei durch strenge Forderungen vor den Kopf stoßen? Lockten sie nicht gerade damals wieder die Entente-Sirenenstimmen mit dem süßen Sang, die Türkei solle sich nur ruhig an den turanischen Gebieten des verfallenden Rußlands schadlos halten für die verlorengehenden arabischen Provinzen im Hidschas, Palästina und Mesopotamien! Am guten Willen unserer Regierung hat es auch damals nicht gefehlt, auch nicht an ernstlichen Vorstellungen bei der Türkei und an deren schönsten Versprechungen. Aber waren wir nicht schon zu oft geradezu schamlos von der türkischen Regierung belogen worden, die uns scheinbar in nachgiebiger Weise weitgehende Zugeständnisse machte, gleichzeitig aber durch Geheimbefehle vollendete Tatsachen an Ort und Stelle schuf, welche alle Zusagen illusorisch machten!

Dann kam im Oktober 1918 mit unerwarteter Plötzlichkeit und furchtbarer Gewalt der militärische Zusammenbruch der Türkei. Da gleichzeitig Bulgarien von den Mittelmächten abgefallen war und damit die Balkanbahn gesperrt wurde, fiel das türkische Waffenbündnis, mit ihm die seit zwei Jahrzehnten mit so glänzendem Erfolge durchgeführte deutsche Orientpolitik, der weitausschauende wirtschaftliche Traum eines kontinentalen Blocks von Hamburg bis zum Persischen Meerbusen, mit der Bagdadbahn als wirtschaftlichem Rückgrat, und vieles andere dahin. Deutschland konnte, selbst auf allen Seiten aufs schwerste bedroht, nicht anders als die Türkei ihrem Schicksal zu überlassen. Mit einem Schlage änderte sich damit das Gesicht der armenischen Frage. Kein Zweifel, daß die Entente ihr Programm einer großzügigen Aufteilung des Osmanischen Reiches durchführen wird. Ist auch das Vertrauen der Armenier zu den Engländern und Franzosen bis auf den Grund erschüttert, nun wird es sich geltend machen, daß seit achtzig Jahren die Amerikaner durch den Kongregationalisten Boarb (A.B.) und die Presbyterianer Mission in der europäischen und asiatischen Türkei eine großzügige Missionsarbeit durchgeführt haben und im Zusammenhang damit im ganzen Land mannigfaltige und tiefgreifende Interessen besitzen. Was Deutschland trotz alles guten Willens, immer wieder durch die Rücksicht auf das türkische Bündnis gehemmt, genötigt die türkischen Gewalthaber bei guter Laune zu erhalten, selbst wenn es offensichtlich von ihnen belogen und betrogen wurde, nicht durchzusetzen vermocht hatte, das wird Wilson jetzt mit Leichtigkeit zu Wege bringen: den Armeniern politische Freiheit, wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten, ein ausreichend großes Land und einen sicheren Rückhalt zu gewähren, und wogegen brauchen sie den letzteren jetzt noch, da alle Reiche umher zerbrochen oder im Zustand der Zersetzung am Boden liegen!

Die Geschichte der armenischen Frage im Weltkriege und des Verhältnisses der deutschen evangelischen Missionskreise zu ihr ist eine Kette wohlgemeinter, aber nicht sehr erfolgreicher Bemühungen, unablässigen Arbeitens und Überlegens, aber immer neuer Enttäuschungen. Das ist unser Trost, daß wir immer wieder die Überzeugung gewannen, wie eifrig unsere Regierung zu Gunsten der Armenier in jedem Stadium der politischen Entwicklung und Verwicklung eingetreten ist, und daß die Orient- und Islam-Kommission viel Zeit und Kraft an die Mitarbeit zur Rettung des armenischen Volkes vor dem Untergang gesetzt hat.



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