1909-05-18-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13186
Zentraljournal: 1909-A-08692
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/18/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: B. 1808. I.
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Chef des Admiralstabs der Marine (Baudissin) an den Staatsekretär des Auswärtigen Amts (Schoen)

Notiz



B. 1808. I.
Euerer Exzellenz beehrt sich der Admiralstab der Marine Abschrift eines militärpolitischen Berichts S.M.S. „Hamburg” über die Hilfsaktionen in Adana ergebenst zu übersenden. Seiner Majestät dem Kaiser wird Vortrag über diesen Bericht bei nächster Gelegenheit gehalten werden.

Im Auftrag
Sievers
[Anlage]

Abschrift zu B. 1808.I.. Kommando S.M.S. “Hamburg” . G.B. Nr. 294.

Militärpolitische Bericht über die Notwendigkeit sofortiger Maßnahmen zum Unterhalt von Flüchtlingen.

Geheim!

1) Vorgänge in Adana.

Nach den ersten Massacres in Adana, besonders aber während des zweiten, retten sich Tausende von armenischen und griechischen Flüchtlingen in die beiden mit hohen Mauern umgebenen Baumwollfabriken der Deutsch-Levantinischen Bauwoll-Gesellschaft und der Firma Trepani. Hunderte von Schwerverletzten wurden dorthin geschafft und so vor den Greueltaten der Mörder und Plünderer geschützt.

2) Notwendigkeit, daß S.M.S. „Hamburg“ unterstützend eingriff.

Der englische Konsul, dessen Dragoman einer der Bürder Trepani ist, und seine Frau nahmen sich der Flüchtlinge - meist Frauen, die Witwen und Kinder, die Waisen geworden waren - mit aller Energie an. Ihrem Vorbilde folgte der Kommandant des in Mersina liegenden englischen Linienschiffes „Swiftsure“. So wurden von ihnen in den ersten Tagen des allgemeinen Aufruhrs etwa 13000 Flüchtlinge mit Lebensmitteln versehen und den Verwundeten ärztliche Hilfe, Unterkunft und Ernährung zu teil. S.M.S. „Hamburg“ befand sich in Mersina; in der deutschen Fabrik waren etwa 3000 Flüchtlinge und 100 Schwerverletzte untergebracht. Die wenigen deutschen Angestellten der Fabrik hatten nur das Nötigste zu Leben, Geldmittel zum Ankauf von Mehl und Reis waren nicht vorhanden. - die Bureaus mit Barmitteln waren ausgeraubt - es fehlte an Ärzten, Verbandzeug, Pflegepersonal, an jeglichen sanitären Einrichtungen und an Lebensmitteln.

Deshalb erachtete ich ein rasches und genügendes Eingreifen zur Linderung des ersten Elends, bis sich die Wut der Massen gelegt hatte und die türkischen Behörden anfingen, ihre Schuldigkeit zu tun, nicht nur im Interesse des Deutschen Namens für dringend, sondern schon aus menschlichen Beweggründen für notwendig. Ich mochte gegen die Engländer nicht zurückstehen und konnte die in der deutschen Fabrik befindlichen Hilfsbedürftigen nicht dem Hungertod und Epidemien preisgeben.

3) Weitere Bestrebungen.

Sobald der neue Vali eingetroffen war, bat ich ihn persönlich, er möge die Fabrik räumen lasse und sich der Flüchtlinge annehmen, was er auch versprochen und innerhalb von 4 Tagen durchgeführt hat. Vorstellungen beim alten Vali waren vergeblich. Das in der Fabrik errichtete Lazarett bleibt noch bis auf Weiteres bestehen, da es den türkischen Behörden an Allem zur Pflege der Verwundeten mangelt.

4) Bezahlung der entstandenen Kosten.

Die Beschaffung von Lebensmitteln und die Fürsorge für die Verletzten durfte unter den obwaltenden Verhältnissen nicht abhängig gemacht werden davon, ob und wie de Ausgaben später gedeckt werden. Nur augenblickliche Hilfe konnte Linderung schaffen.

Meine Anordnungen sind auch am 3. Mai nachträglich genehmigt worden.

Am 4. Mai telegraphierte das Reichs-Marine-Amt folgendes: „Mittel für Hilfsaktionen für Armenier stehe nicht zur Verfügung. Marinefonds kommen nicht in Frage. Ausgaben auf das Allernotwendigste beschränken. Drahte Meldung, wie Deckung der vorschußweise gezahlten Ausgaben gedacht ist.“

Ich habe darauf geantwortet:

„Deckung des Vorschusses gedacht durch private Mildtätigkeit, Reichstag, private Stiftungen, deren Statuten es zulassen, was hier unbekannt.“

Es fehlt hier an Gelegenheit, um die Hilfsquellen zu kennen, die zur Bezahlung der Ausgaben heranzuziehen sind. Das Reichs-Marine Amt oder das Auswärtige Amt dürften dazu besser in der Lage sein. Nach Aussage des englischen und französischen Kommandanten haben sich in England, Frankreich und Amerika bereits Unterstützungskomitees gebildet für diesen Zweck. Ich glaube, daß auch das deutsche Volk die immer hilfsbereite Hand nicht verschließen wird. Verschiedentlich habe ich in Telegrammen auch an die Deutsche Botschaft in Konstantinopel, auf die Notwendigkeit zur Einleitung von Sammlungen hingewiesen. Einflußreiche Herren haben von hier aus bereits Schritte in Köln und Eberfeld getan, damit Sammlungen veranstaltet werden.

5) Bisher entstandene und fernere Kosten.

Die von S.M.S. „Hamburg“ bisher bezahlten Kosten betragen etwa 4500 Mark, genaue Abrechnung liegt noch nicht vor.

Unbedingt notwendige Ausgaben werden in nächster Zeit für das Schiff entstehen durch die genehmigte Belassung des Schiffsarztes und Pflegepersonal in Adana sowie für Verbandmittel und Verpflegung der Verwundeten.

6) Weitere Fürsorge für die Flüchtlinge.

Nachdem jetzt die Ruhe einigermaßen wiedergekehrt ist, wäre die Regelung des Nachlasses aus den Massacres Sache der türkischen Behörden. Die Flüchtlinge würden verhungern, wenn sie auf Hilfe von dieser Seite warten müßten. Da in Deutschland noch nichts geschehen ist, um zur Linderung des Elends beizutragen, liegt nahezu die ganze Fürsorge für die große Zahl der Obdachlosen in der Hand des englischen Konsuls von Adana, der im Vertrauen auf die Mildtätigkeit des englischen und amerikanischen Volkes und aus eigenen Mitteln alles Nötige beschafft.


[Werner]

D.S. d’Adana arrivée le 7/V/1909 à 3 heures 32 minutes à la turque

The Captain Hamburg Mersine

The relief committee Adana hope that the Captain of the Hamburg will accept their very warmest thanks on the departure of the ship for the enormous assistance rendered to the starving poor of Adana. The Captain of the Hamburg ably assisted by mr. Stöckel has for fifteen days fed about five thousand people who without him would probably died. The ships doctor herr Bockelberg have worked untiringly and very skillfully in the German hospital. The Relief committee cannot let the Hamburg leave without attempting to express their gratitude for the splendid work the ship has done.

Consul S. Doughty Willis, President.



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