1909-05-31-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13187
Zentraljournal: 1909-A-09583
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 06/04/1909 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 131
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in Konstantinopel (Marschall von Bieberstein) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



Nr. 131
1 Anlage.

Im Anschlusse beehre ich mich einen neuen Bericht des Kaiserlichen Konsuls Christmann in Mersina vorzulegen, welcher scharfe Kritik an der nach Adana gesandten militärischen Kommission ausübt. Ich muss zu meinem Bedauern erklären, dass ich die Christmann’schen Berichte, soweit sich dieselben auf die Vorgänge in Adana beziehen, für vollkommen wertlos erachte. Ob Herr Christmann - ausser bei dem offiziellen Besuch mit dem Kommandanten S.M.S. Hamburg - überhaupt in der letzten Zeit einmal in Adana war, weiss ich nicht. Zweifellos gründet sich seine Berichterstattung, da er während der entscheidenden Zeit zunächst noch von seinem Posten abwesend - seine erste eigene Meldung an mich datiert vom 26. April - und dann in Mersina, 60 Kilometer von Adana entfernt war, nicht auf eigene Wahrnehmungen, sondern auf Hörensagen. Nun weiss Jedermann, dass in erregten Zeiten überall der Klatsch und Tratsch üppig zu wuchern pflegt. Hält man damit zusammen, dass die Armenier zu den verlogensten Nationalitäten gehören, die es überhaupt giebt, so mag man sich ein Bild von allen den Lügen machen, mit denen sie harmlose Gemüter täuschen, um ihre eigene Schuld zu bemänteln. Die englischen Blaubücher über frühere Vorgänge in Kleinasien geben darüber Aufschluss. Nach Berichten englischer Konsuln, die der Antipathie gegen die Armenier sicherlich nicht verdächtig sind, ist es wiederholt vorgekommen, dass von „armenischen Notabeln“ schwere Exesse der Türken gegen Armenier dem Konsul gemeldet wurden, die Untersuchungen des Letzteren aber das Ergebnis hatten, dass Alles von Anfang bis zum Ende erlogen war.

Der englische Konsul in Mersina, ein höherer Offizier, ist während der ganzen Zeit in Adana gewesen und hat die Vorgänge aus nächster Nähe angesehen. Er giebt, wie ich es aus sicherster Quelle weiss, von den dortigen Vorgängen ein ganz anderes Bild, als dasjenige in den Christmann’schen Berichten. Derselbe stellt insbesondere bestimmt in Abrede, dass die rumelischen Bataillone, die aus Adrianopel kamen, sich der Brandstiftung und der Plünderung hingegeben haben. Dagegen berichtet er als Augenzeuge, dass in dem Augenblicke, da diese Bataillone die Stadt Adana betraten, die Armenier aus einem Hinterhalt auf sie schossen, vier Mann töteten und eine Anzahl verwundeten. Auch ist dieser englische Konsul nicht von einem Türken, sondern von einem Armenier verwundet worden. Der Konsul trug Militäruniform. Als er auf die Strasse trat, schoss ein Armenier, der ihn für einen türkischen Offizier hielt, ohne weiteres auf ihn.

Der Vorsitzende der Militärkommission in Adana ist, wie mir Mahmud Schefket selbst gesagt hat, ein vorzüglicher Offizier, der volles Vertrauen verdient. Dass bei einer so schwierigen Untersuchung angesichts der herrschenden Leidenschaften auch Irrtümer und Missgriffe vorkommen können, ist klar. Das allgemeine Urteil, das Herr Christmann über die Militärkommission fällt, entbehrt aber meines Erachtens jeder Begründung.


Marschall
[Anlage]
Mersina, den 22. Mai 1909.

Kaiserlich Deutsches Konsulat J.No. 354.

Die Militärkommission, auch Court martiale genannt, ist unter General Kenan Pascha am 13. d.M. hier eingetroffen. Ich begleitete den Kommandanten S.M.S. „Lübeck“ zu Kenan Pascha, auch der Kommandant vom englischen Kriegschiff „Swiftsure“ hatte sich uns angeschlossen. Der Zweck dieses Besuches war, Kenan Pascha an’s Herz zu legen, daran zu denken, die im Freien in der Sonne kampierenden Armenier aus Furcht vor eintretender Epidemien allmählich zu verteilen. Kenan Pascha versprach auch, sein Möglichstes zu tun, um Ordnung zu schaffen. Die Einwohner von Adana sind durch öffentliche Anschläge aufgefordert, ohne Unterschied der Religion der Kommission alle ihre Beschwerden vorzutragen; aber die Kommission scheint nicht gerade sehr energisch vorzugehen. Da das reaktionäre Element in Adana in grosser Ueberzahl ist, so hat es den Anschein, als wenn sie nicht den Mut hätte, gerecht vorzugehen, denn bis jetzt giebt sie sich nur mit den untersten Schichten der Mohammedaner ab, Armenier und Christen werden ohne Unterschied eingesteckt. Die Hauptanstifter aber lässt sie ruhig laufen. Ein solcher ist, wie allgemein behauptet wird, Abdelkader Effendi Bagdadi, der auch Mitglied der Kommission ist, deren Zweck es ist, die geraubten Sachen wieder herbeizuschaffen.

Derselbe Abdelkader Effendi Bagdadi darf nicht bloß frei ausgehen, sondern man zwingt die Armenier sogar, Erklärungen zu unterschreiben, in denen sie diesen Mann als einen Benefaktor, der Armeniern das Leben gerettet habe, hinstellen. Alle Armenier aber, die Klagen vorbringen, werden einfach eingesteckt. Aus Adana meldet man, dass der armenisch-katholische Bischof, Mons. Terzian, vor der Kommission erschien und seine Erklärungen ebenfalls abgab und, weil dieselben für die Mohammedaner sehr erschwerend belastend sind, so antwortete man ihm einfach nach echt türkischer Manier, ob er sich denn nicht schäme, solche Lügen zu erzählen. Also anstatt nachzuforschen und der Sache auf den Grund zu gehen, stellten sie ihn einfach als einen Lügner hin. Daraus kann wohl nur der Schluss gezogen werden, dass die Kommission keinesfalls die Absicht hat, gründlich an’s Werk zu gehen, sondern die öffentliche Meinung und Europa zu täuschen. Die allgemeine Meinung ist, dass sie sich nicht stark genüg fühlt in diesem reaktionären Orte wie Adana energisch vorzugehen, weil sie jeglichen Konflikt vermeiden will. Wenn die Uranstifter und Hauptschuldigen dieses Mal wieder frei ausgehen und nicht exemplarisch bestraft werden, so ist das für die Zukunft der Europäer im höchsten Grade bedenklich. Welches Ansehen überdies jetzt die Europäer in den Augen der türkischen Behörden genießen, kann auch folgender Fall illustrieren:

Ein unter englischem Schutze stehender Angestellter der Tombakregie hatte den Wali Mustafa Zihni Pascha geschäftlich zu sprechen. Der Wali hielt den Mann, seines fließenden Türkisch wegen, für einen Türken und, als im Laufe der Unterhaltung auch auf Fremde zurückgegriffen wurde, sagte ihm der Wali, „was willst Du mit den Fremden, laß diese fremden Hunde beiseite“!!! Das ist der Generalgouverneur der Provinz! Ich garantiere die Wahrheit dieser Sache persönlich, wenn auch der betreffende Mann aus leicht verständlichen Gründen, nicht bereit sein wird, es vor Gericht auszusagen.

Raad, der Vertreter Stöffler’s kam gestern und sagte, dass die Banque Agricole 50 Mähmaschinen gebracht hätte, um sie zu verteilen. Man hatte ihm auch 2 versprochen, die man ihm aber nachher nicht geben wollte; er ging deshalb zum Wali und bat ihn, sich für ihn verwenden zu wollen, worauf ihm der Wali antwortete, dass erst die Mohammedaner berücksichtig werden sollten. Auf Raad’s Antwort, dass doch nicht ein einziges, Mohammedanern gehöriges Gut angegriffen oder zerstört worden sei, diese also nicht die Maschinen in gleich dringendem Masse wie die Christen brauchen, denen man alle Maschinen zerstört und verbrannt habe, ihm seien im Stöffler’schen Gute allein 8 Maschinen zerstört und verbrannt worden, erwiderte der Wali, dass er beweisen möge, dass die seinigen zerstört worden sind. Hieraus zieht die christliche Bevölkerung den Schluss, dass, wenn es den Türken überlassen bleibt, die Gerechtigkeit nicht die Oberhand bekommen wird. Wie ich soeben erfahre, wurde das von Griechen bewohnte Dorf Karsandi, 12 Stunden nördlich von Adana, von den Türken der umliegenden Dörfer gezwungen, den Islam anzunehmen. Den Leuten wurde erklärt, dass wenn sie sich weigern würden, sie einfach abgeschlachtet würden und der dort weilende Gendarm und der Mudir konnten die Leute nicht beschützen.


Christmann



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