1916-05-13-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14091
Zentraljournal: 1916-A-12635
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 05/13/1916 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Leiter der Pressestelle der "Zentralstelle für Auslandsdienst" (Paul Rohrbach) an den Staatssekretär des Auswärtigen Amts (Jagow)

Schreiben




Berlin W.8, den 13. Mai 1916
Wilhelmstr. 62

Euere Exzellenz

haben durch Herrn Dr. Lepsius dieser Tage einen französischen Bericht über die Rede des russischen Parlamentariers Miljukow in Sachen der Armenier vorgelegt erhalten. Wie mir Herr Dr. Lepsius mitteilte, fehlte in der französischen Wiedergabe der Miljukowschen Rede die Angabe des Datums und der näheren Umstände. Ich habe das Stück in dem Dumabericht der Zeitung "Rjetsch", Nr. 70 vom 25. März d.Js., aufsuchen und übersetzen lassen.

Dabei möchte ich mir gestatten, die Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz auf den ungemein wichtigen Schlusspassus bei Miljukow hinzulenken, wo deutlich gesagt ist, dass die russische Regierung die Besiedelung des eroberten Gebiets in Türkisch-Armenien mit Kosaken, also mit einer militärisch organisierten russischen Grenzerbevölkerung, beabsichtigt. Die gleichfalls von Miljukow erwähnten Bemühungen russischerseits, die Kurden ansässig zu machen, dürften so zu erklären sein, dass man daran denkt, das türkische System, nach dem die Kurdenstämme zu einer irregulären berittenen Miliz organisiert waren, zu übernehmen und in russischem Sinne auszubauen. Schon vor dem Kriege befolgte die russische Regierung die Praxis, die Kurden mit Waffen und Geld zu versehen und sie sowohl gegen die Türkei als auch gegen die Armenier aufzuhetzen, während umgekehrt den Armeniern Schutz vor den Kurden in Aussicht gestellt wurde, sobald sie für ihre Rettung auf Russland bauen würden.

Wieweit die Pläne der russischen Regierung bereits in der Ausführung begriffen sind, geht aus der Mitteilung Miljukows hervor, der von den Einwohnern (d.h. also auch von den geflüchteten Armeniern) hinterlassene Besitz - es ist damit natürlich der unbewegliche Besitz, der Grund und Boden gemeint - sei als russisches Staatseigentum erklärt worden.


Ganz gehorsamst Euerer Exzellenz ergebener

Dr. Paul Rohrbach.

Anlage

Rjetsch Nr. 70 v. 25. März.
Miljukow in der Reichsduma über die armenische Frage.

"Im Zusammenhang mit der Zerstörung des deutschen Planes, Russland mit einem eisernen Ring von Staaten zu umkreisen, die ihm feindlich sind, können wir ein christliches Volk nicht ohne Aufmerksamkeit betrachten, das wie eine Oase in ein grosses mohammedanisches Meer eingekeilt ist, ein christliches Volk, gegen das die Politik der Türkei immer gerichtet war. Ich spreche von den Armeniern. Das Ziel der türkischen Politik gegen dieses vielgeprüfte Volk war seit Abdul-Hamids Zeiten klar. Dieses Ziel ist - seine völlig physische Vernichtung. Nach vielen Versuchen, die durch die internationale Diplomatie abgewandt und verhütet wurden, schien den Türken der günstige Moment endlich gekommen zu sein. Im April 1915 erklärt Enver-Pascha dem deutschen Gesandten Wangenheim, in der Türkei herrsche die feste Überzeugung, der Misserfolg der Türken auf der Kaukasusfront müsse den Armeniern zugeschrieben werden, und dass der Weg der Türken nach Tiflis in bedeutendem Masse erleichtert wäre, wenn die Armenier die russische Sache im Kaukasus nicht so hartnäckig unterstützen würden. Die Türken können das den Armeniern nicht verzeihen und fallen darum mit solcher Heftigkeit über sie her. Als Resultat dieser Erklärung telegraphiert Wangenheim im April 1915 einen fertigen Plan nach Berlin, der auf diesen Stimmungen beruht. Enver-Pascha hatte ihm erklärt, dass die Staatsinteressen der Türkei eine allgemeine Aussiedelung der Armenier aus Armenien erfordere, und bat, Deutschland möge dem nicht hinderlich sein und Wangenheim möge von sich aus dieses Anliegen in Berlin unterstützen. Von deutschem Standpunkte aus war jedoch eine völlige Vernichtung dieses arbeitsamen und nützlichen Volkes nicht vorteilhaft, da die mesopotamischen Wüsten, die die Deutschen besiedeln möchten, eines solchen Elementes äusserst benötigen. Die Armenier gewinnen sogar, wenn sie in Mesopotamien angesiedelt werden und dort Ackerbau treiben, erwägten die Deutschen, da sie dort, dank dem reichen Boden, bald einen ökonomischen Aufschwung erzielen können. Auch das Reich und die Bagdadbahn gewinnen.

Wie wir sehen, haben sich diese beiden taktischen Pläne - einerseits der türkische, der die Aussiedelung der Armenier aus ihrer angestammten Heimat bezweckte und andererseits der deutsche, der auf ihre Übersiedelung in das zukünftige Gebiet deutscher Kolonisation hinarbeitete - mit so traurigem Erfolg im vergangenen Jahr vereinigt. Jetzt ist dieser Politik durch die Einnahme Erzerums und anderer armenischer Städte - wie sehr zu hoffen ist - ein Ende bereitet. Die russischen Truppen stehen jetzt bereits in jenem Teil des Gebietes, auf welchem die armenische Bevölkerung besonders dicht war. Was sollen wir nun tun?

Es scheint, dass hier kein Zweifel walten kann - die christliche Bevölkerung, welche für ihre Treue zu Russland gelitten hat, muss wiederhergestellt werden, und Russland, welches diesem Volke bereits während des türkischen Regimes die Autonomie versprochen hat, muss dieses Versprechen jetzt erfüllen, jetzt, wo das Land der armenischen Vilajets sich zum grössten Teil in seinen Händen befindet. Das Geschick Armeniens und der Armenier ist uns nicht weniger teuer und nah, als das Geschick anderer Völkerschaften, die uns freundschaftlich gesinnt und gemeinsam mit uns kämpfend im Kriege gelitten haben. ("Bravo" links)

Leider sind Anzeichen vorhanden, die dafür sprechen, dass sich auch hier wiederum Dinge wiederholen können, die die traurige Erinnerung an die galizische Epopöe wachrufen. Diese Anzeichen treten bereits in die Erscheinung: es ist das viel zu leichtfertige Verhalten zu dem von den Einwohnern hinterlassenem Besitz, welcher aus irgend welchen Gründen als Staatseigentum erklärt wurde (Stimme von links: "Januschkewitsch") ... Ja, das ist Januschkewitsch, das ist die Politik Januschkewitschs - das ungleichmässige Verhalten zu den Völkerschaften. Wir sind geneigt, die Kurden, diese unverbesserlichen Nomaden, zu unterstützen, und bemühen uns sogar, Ackerbauer aus ihnen zu machen - auf Kosten ihrer alten Opfer, - der Armenier. Vor noch nicht langer Zeit nahm der Kurde dem Armenier Land fort, entführte ihm Weib und Tochter, beraubte und erschlug ihn, - aber jetzt wird diesem Feinde von gestern aufgewartet, wie einem Freunde, und es wird ihm sichtlich der Vorzug vor dem alten und treuen Freunde, dem Armenier, gegeben. Erinnern wir uns, meine Herren, der Worte Doumergues an die Adresse der Armenier: Mögen die Opfer der Toten den Lebenden angerechnet werden. Wir wollen nicht die Früchte der Plünderung und des Landraubs sanktionieren was nur auf dem Boden der alten Türkei möglich war. Aber noch weniger dürfen wir an eine Umwandlung des angestammten armenischen Landes in irgend ein Territorium eines Neu-Euphratischen Kosakentums denken. Setzen wir nicht die Arbeit der Türken fort! Entsagen wir wenigstens hier - im feierlichen Moment der Wiederherstellung des verletzten Rechtes und der Gerechtigkeit - den engen Plänen des nationalistischen Egoismus.



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