1916-11-25-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R14094
Zentraljournal: 1916-A-34236
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 12/16/1916 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K.No. 108/B. 3173
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K.No. 108 / B. 3173
Aleppo, den 25. November 1916
Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage einen Brief der Hülfsbund-Schwester B. Rohner mit dem Anheimstellen, ihn durch die Kaiserliche Gesandtschaft in Bern oder auf sonst geeignet scheinende Art an den Adressaten Dr. E. Rippenbach, Basel, Starenstrasse 2 gelangen lassen zu wollen. Sein wesentlicher Inhalt ist auf dem zweiten Bogen enthalten, der die Schweizer Freunde bittet, in ihren schriftlichen Aeusserungen an die Schwester grössere Vorsicht walten zu lassen als bisher. Die Besorgnis der Schwester, dass ihre ganze Arbeit durch ein unvorsichtiges Wort unmöglich gemacht werden kann, ist nur zu begründet.

Rößler

Anlage

Deutscher Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E.V., Sitz Frankfurt a/M.

Station Aleppo, Asiatische Türkei, den 24. 11. 16

Herrn Dr. E. Rippenbach, Basel, Starenstraße 2.

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ihre werte Karte vom 31. Oktober habe ich erhalten und möchte Ihnen und Herrn Gisler, sowie den anderen Freunden unserer Notleidenden für Ihr warmes Interesse und Ihre tätige Hilfe aufs herzlichste danken. Die seit einem Jahr vom schweizerischen Hilfskomite gesandten Gelder wie auch die kürzlich von Ihnen übermittelten 1000 Franken haben viel Not gelindert, sowohl in den Waisenhäusern als auch draußen an verschiedenen Orten, wo Tausende hungern. Ich will nicht versuchen, Ihnen auch nur annähernd ein Bild der Lage zu zeichnen, dazu wäre eine andere Feder als die meine nötig. Aber einen kleinen Einblick gewinnen Sie doch vielleicht in die Arbeit, wenn ich Ihnen einiges über die Verwendung des Geldes erzähle. Die ersten 120 frs gab ich zur Miete eines stallartigen Gebäudes, um einer ganzen Reihe obdachloser Familien einen Unterschlupf bieten zu können. Ebenso viel brauchte ich für einige Flüchtlinge aus der Gegend von Derfor, die krank und zum Teil verwundet ohne Kleider hier angekommen waren. Sie wurden im Krankenhaus verpflegt, nachdem wir sie mit Kleidern versehen hatten. Mit andern 80 frs konnten wir einen armenischen Priester vor weiterer Verschickung und damit vom sichern Tode retten. Er war auf seiner Flucht dreizehnmal von räuberischen Arabern überfallen worden und man hatte ihm auch die letzten Kleider vom Leibe gerissen. Frau Geraunhi Nipoghossian, die Sie mir empfohlen hatten, bekommt eine monatliche Unterstützung von 3 Pfund türkisch = 60 frs; das wäre für gewöhnliche Zeiten etwas reichlich, aber bei der jetzigen Teuerung ist es knapp das tägliche Brot. Hundert Francs schickte ich nach Meskene, wo ein großes Lager von Deportierten ist; auch an andere Orte konnte ich etwas schicken. Tausende warten auf Hilfe. Fast in jedem Dankschreiben dieser Unglücklichen heißt es: „Ihre Gabe hat uns 2, 3 Wochen vor dem Hungertode bewahrt.“ Einem Priester, der aus Mitleid mit den Kleinen es sich zur Aufgabe macht, die heimatlosen Kinder auf den Straßen zu sammeln und zu uns zu bringen, gab ich 40 frs für seine persönlichen Bedürfnisse. Er ist selbst heimatlos. Rührend ist das Bild, wenn er in seinem langen schwarzen Gewand mit einem Gefolge von 4-30 Kinderchen ankommt. Wie gerne nehmen wir sie, wie gerne nähmen wir mehr, wenn es nicht an Häusern und Mitteln fehlte. Wie viele könnten noch gerettet werden. Aber vorläufig mußten wir bei 900 stehen bleiben. Zwei andere Heimstätten beherbergen noch ca 800. Für die Frauen konnten Arbeitsstätten eröffnet werden, wo Tausende für die Militärverwaltung spinnen und nähen. Sie bekommen dafür drei Brote täglich; für Betten, Kleider, warmes Essen etc. muß die Notstandskasse aufkommen. Daß all‘ diese Einrichtungen äußerst primitiv sein müssen, können Sie sich denken. Und doch wollen die Mittel nach keiner Seite ausreichen.

Die größten Schwierigkeiten erwachsen aber aus der doppelten Tatsache, daß ich mit meiner Waisenarbeit nur geduldet bin und daß die Notstandsarbeit überhaupt offiziell nicht erlaubt ist. Sie muß ganz im Geheimen geschehen und wo sie an die Öffentlichkeit kommt, wird sie verboten und unterdrückt. Die Armenier sollen diesmal keine Hilfe von außen erwarten. Meine Wenigkeit konnte die Behörde bis jetzt nicht loswerden, weil sie selbst mir die Arbeit gegeben hat. Doch geschieht alles was möglich ist, um sie mir zu verleiden. Wie vorsichtig man sein muß, um bei der besten Absicht nicht zu schaden, das können unsere Freunde daheim nicht ahnen. Ein Satz in einem Brief kann genügen, die ganze Arbeit zu zerstören. Deshalb muß ich Sie, geehrter Herr Doktor und all meine Schweizerfreunde bitten, nicht wieder von „Armenien“, „Not der Armenier“, „Blatt für Armenien“, „Freunde werben“, etc. zu schreiben, weil all diese Ausdrücke in unserer lieben Türkei äußerst gefährlich sind. Auch möchten Sie bitte Herrn Dr. Gräter nicht erwähnen, da sein Namen wie ein rotes Tuch wirken könnte. Schreiben sie von meinen Kindern, meinen Armen, so wird niemand etwas dabei finden. Ferner möchten Sie keine Berichte mit meiner Unterschrift veröffentlichen. Darf ich nun, trotz der vielen Schwierigkeiten doch weiter mit Ihrer Hilfe rechnen? Oder habe ich Ihnen den Mut genommen? Ist es möglich, daß Sie für meine Arbeit mehr persönlich und unter der Hand werben? Ich bin immer gerne bereit, einzelnen Freunden durch Vermittlung von Herrn Schuchardt zu schreiben. Nur vor der Öffentlichkeit muß ich mich hüten

So lange ich hier als Missionärin einer deutschen Gesellschaft und gewissermaßen Angestellte der türkischen Regierung wirken darf, muß ich im Interesse der Kinder und der ganzen Arbeit alles vermeiden, was meine Stellung unmöglich machen könnte. Es wäre dem Rest des armenischen Volkes wenig gedient, wenn ich überall berichtete und für die Not selbst nichts mehr tun könnte. Dasselbe gilt für Ihre Aufgabe in der Heimat. Wenn mit scharfer Propaganda die türk. Regierung einmal gereizt, sich diese Hilfe verbitten würde, wäre alle Mühe umsonst.

Wenn durch die Güte des Auswärtigen Amtes und der Kaiserlich Deutschen Botschaft in Bern dieser Brief Sie erreicht, werden Sie – das hoffe ich zuversichtlich – meine Zurückhaltung verstehen und auch billigen. Wollen Sie mir bitte den Empfang per Postkarte bestätigen?

Mit nochmaligem warmen Dank und vielen Grüßen an Sie selbst und Herrn Gisler, wie an alle Freunde bleibe ich mit Hochachtung Ihre ergebene


[Beatrice Rohner]

[Auswärtiges Amt an die Gesandtschaft Bern (No. 848) 23.12.]


Abschriftlich nebst Anlage Gesandter Bern No. 848 zur gfl. Kenntnisnahme und mit der Bitte erg. übersandt, den anliegenden Brief auf geeignetem Wege seiner Bestimmung zuzuführen.

Der Inhalt des Briefs bestätigt unsere auf Grund vielfacher Erfahrungen gewonnene und wiederholt betonte Auffassung, dass alle Angriffe auf die armenische Politik der Türkei, sei es in der Presse oder in der Privatkorrespondenz, die praktische Hilfstätigkeit zu Gunsten der Armenier gefährden.



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