1915-06-01-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14086
Zentraljournal: 1915-A-18189
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 06/08/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 329
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 329
Pera, den 1. Juni 1915

Vorbericht No. 236

2 Anlagen

Mit Bericht vom 24. v.Mts. hat der Kaiserliche Konsul in Sofia die in der Anlage abschriftlich beigefügte Anzeige des Konsulatssekretärs Nauert betreffend den Dr. Liparit hierher mitgeteilt und um Weisung wegen weiterer Beobachtung des Genannten gebeten; ferner ist in der Anlage die Frage angeregt worden, ob Liparit noch eine Berechtigung auf den ihm vom Auswärtigen Amte ausgestellten Paß hat.

Euerer Exzellenz überreiche ich in der Anlage Abschrift des diesseits dem Grafen Podewils durch Vermittelung der Kaiserlichen Gesandtschaft zugegangenen Bescheides mit dem Anheimstellen ergebenst, sofern keine Bedenken bestehen, auch der deutsch-armenischen Gesellschaft streng vertrauliche Kenntnis von den in Sofia gemachten Beobachtungen geben und wegen eventueller Einziehung der deutschen Reisepapiere des Dr. Liparit weitere Verfügung treffen zu wollen.


Wangenheim


Anlage 1

Bericht.

Am 11. März 1915 erschien in der Kanzlei des deutschen Konsulats ein Dr. Liparit aus Berlin und bat, seinen vom Auswärtigen Amt in Berlin unterm 9. 12. 1914 ausgestellten Reisepass (grosses Format, ohne Photographie) No. 2231 mit Visum nach der Türkei zu versehen. Liparit hatte ausserdem noch einen Reisepass der Kaiserlichen Botschaft in Constantinopel vom 23. 2. 1915 No. 30. Er erkundigte sich, ob es wahr sei, dass die Deutschen Constantinopel verliessen und meinte, falls dies der Fall wäre, könne er die ihm von Berlin aus gestellte Aufgabe nicht erfüllen. Ich erklärte ihm, dass hier von einer Flucht der Deutschen aus Cospoli nichts bekannt, dies wohl lediglich ein Gerücht sei, das jeder Grundlage entbehre.

Ungefähr 14 Tage später traf ich Liparit, der angegeben hatte, Rechtsanwalt in Berlin zu sein, in einem hies. Theater und dann in gewissen Zeitabständen immer wieder, sodass ich zur Frage kam, was er wohl in Sofia mache, wenn er zur Erledigung einer Aufgabe nach Constantinopel geschickt worden war.

Gestern sah ich Liparit wiederum und zwar im Restaurant des Grand Hotel in Begleitung eines Armeniers, der als russischer Spion bekannt ist, und einer Dame, die eine aus der Schweiz kürzlich hierhergekommene russische Spionin sein soll. Liparit selbst wurde mir von zwei verschiedenen Seiten ebenfalls als russischer Spion bezeichnet.

Wenn auch das Zusammensein Liparits mit den eben genannten Personen nicht ohne weiteres diesen in Verdacht bringen kann, so glaube ich doch nicht verfehlen zu sollen, die Angelegenheit vorzubringen, damit eventuell geprüft werden kann, ob Liparit noch eine Berechtigung auf den vom A.A. ausgestellten Pass hat.

Sofia, den 22, Mai 1915


[Nauert]
Konsulatssekretär

Anlage 2

[Wangenheim an das Konsulat Sofia 1.6.]


Abschrift.

No. 3262

Auf den Bericht vom 25. Mai No. 1593, dessen Anlage hier wieder beigefügt ist.

Dr. Liparit traf hier Anfang Januar d.Js. ein, um im Auftrage der Deutsch-Armenischen Gesellschaft zu Potsdam ”bei dem armenischen Patriarchat, der Parteileitung der Daschnakzutiun und den leitenden Kreisen der Armenier in Konstantinopel, dahin zu wirken, dass das armenische Volk ... seine Kraft für den Sieg der osmanischen Waffen einsetzte und ... die Türkische Regierung ... in den von Armeniern bewohnten Provinzen nach Kräften unterstützte.” In dem Einführungsschreiben der genannten Gesellschaft wird er als ”zuverlässiger, deutschfreundlich gesinnter, und angesehener armenischer Rechtsanwalt” und als Mitbegründer der Gesellschaft bezeichnet.

Das Auswärtige Amt war von der Mission des Dr. Liparit verständigt worden.

Dr. Liparit hielt sich hier bis Ende Februar auf, begab sich dann nach Sofia, kehrte in den ersten Tagen April hierher zurück, und ist am 8. April von hier wieder abgereist, angeblich nach Deutschland. Während seines hiesigen Aufenthalts hat er mit der Kaiserlichen Botschaft in Verbindung gestanden und ihr mündlich wie schriftlich eingehend über die armenischen Angelegenheiten berichtet. Aus gelegentlichen Äusserungen von ihm ist zu schliessen, dass er Russischer Untertan ist.

Sein vom Auswärtigen Amte ausgestellter Reisepass trug seine Photographie; er erhielt hier, ausser dem in dem dortigen Bürovermerk erwähnten Pass zur Reise nach Sofia, unter dem 3. April einen weiteren Pass zur Reise nach Deutschland und zurück, gültig auf 6 Monate. (No. 133). Seine Photographie, die sich ursprünglich auf dem ihm vom Auswärtigen Amt erteilten Passe befand, ist dann auf den einen der beiden hier ausgestellten Pässe übertragen worden.

Die vom Konsulatssekretär Nauert bekundeten Vorgänge mahnen zur Vorsicht und ich stelle anheim, ihn vorläufig weiter, jedoch in unauffälliger Weise, zu beobachten.

Hinsichtlich seiner deutschen Reisepapiere dürfte es sich empfehlen, zunächst diejenigen Pässe, deren er nicht mehr zu seinem Fortkommen bedarf, bezw. deren Frist abgelaufen ist, unter einem schicklichen Vorwande einzuziehen. Dem Herrn Reichskanzler habe ich gleichzeitig über den Vorfall berichtet.


[Wangenheim]



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