1909-05-27-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13186
Zentraljournal: 1909-A-09205
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/27/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: B. 1873. I.
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Chef des Admiralstabs der Marine (Baudissin) an den Staatsekretär des Auswärtigen Amts (Schoen)

Notiz



B. 1873. I.
Euerer Exzellenz beehre ich mich Abschrift eines Berichtes S.M.S. „Hamburg“ über die Reise von Mersina über Alexandrette, Ladikje nach Beirut ergebenst zu übersenden. Gelegentlich des von mir am 26. d.M. über diesen und über den mit B. 1808 übersandten Bericht gehaltenen Imediatsvortrages haben sich Seine Majestät der Kaiser anerkennend über die Erledigung der S.M.S. “Hamburg“ übertragenen Aufgabe ausgesprochen, durch die eine große Anzahl von Menschen vor elendem Tode bewahrt worden ist.

Die Ordensvorschläge S.M.S. “Hamburg“ sind auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers zur Erledigung dem Chef des Marinekabinetts übersandt worden.


Gf. Baudissin
[Anlage 1]

Kommando der S.M.S. “Hamburg“ G.B. N. 304

Beirut, den 12. Mai 1909.


Abschrift zu B. 1873 I.

Militärpolitischer Bericht über die Reise S.M.S. „Hamburg“ von Mersina über Alexandrette, Ladikjie nach Beirut.

1) Reise.

Am 8. Mai Vormittags verließ das Schiff die Reede von Mersina, lag vom 8. nachmittags bis 9. abends vor Alexandrette, vom 10. morgens bis abends vor Ladikjie und vom 11. morgens bis 12. abends vor Beirut.

2) Augenblickliche Lage in den angelaufenen Häfen (einschließlich Adana).

Es ist an allen Orten ruhig, die Europäer sind sicher; überall da, wo die Ruhe durch die Ereignisse der letzten Wochen gestört war, fängt man an zu ordnen, unsichere Punkte werden durch Militär geschützt, die Arbeit beginnt wieder und das Bestreben der jetzigen Regierung ist offensichtlich, mit starker Hand die Spuren der Greueltaten zu verwischen und für die Zukunft vorzubeugen. In Adana hat der Vali das mir gegebene Versprechen gehalten und die Fabrik 4 Tage nach seinem Amtsantritt räumen lassen. In Alexandrette sind Ingenieure eingetroffen, die das Terrain für die Bahnstrecke studieren. Ihnen gibt man Gendarmen mit, die für ihre Sicherheit verantwortlich sind.

In den Gegenden südliche von Ladikije, die von den Unruhen verschont geblieben sind, insbesondere in dem für uns so wichtigen Beirut, ist, wie ich mich an verschiedenen Stellen eingehend unterrichtet habe, auch in nächster Zeit keine unangenehme Überraschung zu erwarten. Wohl würden die vielen Hafenarbeiter jede Unruhe mit Freuden begrüßen, bei der sie im Trüben fischen und sich bereichern können, aber die Behörden lassen keine Störung zu. Vorkommnisse wie in Adana würden hier in erster Linie die Türken selbst empfindlich schädigen, da die Muselmannen die Großhändler und Grundbesitzer - also die wohlhabenden Einwohner - sind; dazu kommt, daß der Vali ein Jungtürke ist.

3) Aussichten für die Zukunft.

Was die Zukunft bringt, kann man nicht ahnen. Schroff stehen sich die Parteien gegenüber, der Alttürke haßt die Neuordnung der Dinge im Reiche, und viele bedeutende Provinzen sind durchaus konservativ. Die Arbeit der fanatischen Geistlichkeit gegen die neue Richtung wird beginnen. Werden die Jungtürken stark, zahlreich und klug genug sein, um solche Widerstände ersticken zu können? Wie wird sich das Militär in den alttürkischen Provinzen stellen? Was werden die Armenier anfangen, werden sie auf Vergeltung sinnen, wie wird man ihren Freiheits- und Unabhängigkeitsbestrebungen begegnen? Das alles sind Fragen, die in den nächsten Monaten und Jahren ihrer Lösung harren. Dem Land können noch große Überraschungen blühen,

4) Stationierung eines Kreuzers im östlichen Mittelmeer: ..und deshalb halte ich die Stationierung eines Kreuzers im östlichen Mittelmeer der nicht zu sehr von den Panzer- und übrigen Kreuzern der Mittelmeermächte absticht, zum Schutze der Deutschen und ihrer Interessen für sehr erwünscht. Die ad hoc entsandten Kreuzer der Hochseeflotte dürften dafür nicht in Frage kommen.

5) Konsularische Vertretung.

Über die konsularische Vertretung im Vilayet Adana habe ich einen Sonderbericht eingereicht.

Der kaufmännische Vizekonsul in Alexandrette, Th. Belfante, ist von Geburt Italiener, deutsches Wesen ist ihm fremd; er lebt seit vielen Jahren im Orient, das Konsulat ist für ihn wohl eine gute Geschäftsempfehlung. Es wohnt hier kein einziger Deutscher. Mit der Fertigstellung der Bahn wird das anders werden. Alexandrette wird der Haupthandelshafen für ganz Mesopotamien werden und dann auch eine andere Reichsvertretung nötig machen.

Der Konsularagent in Antiochia ist Armenier. Während der Metzeleien hat man ihn, wohl in seiner Eigenschaft als deutscher Schützling, geschont. Sein ältester Sohn fiel dem Massacre zum Opfer. Es mutet etwas eigentümlich an, daß das deutsche Reich an diesem Handelsplatz durch einen Armenier vertreten wird, der sich, wie mir der Generalkonsul in Beirut erzählte, nicht des besten Rufes erfreuen soll.

In Ladikije ist kein Konsul, deutsche Untertanen leben dort nicht, unsere Interessen sind nicht nennenswert. Meine Informationen habe ich mir beim französischen Konsul geholt, der sich mir auch für die Besuche bei den Behörden zur Verfügung gestellt hat.

Auszeichnungen.

Nach den Vorschriften sind Anträge um Auszeichnungen nur dann zu stellen, wenn es sich um besondere Dienste handelt, die den Schiffen Euerer Majestät erwiesen worden sind. Eine solche Vorschlagliste ist in der Anlage beigefügt.

Während der Massacres befanden sich in Adana jedoch zwei Personen, die sich zwar nicht um ein Schiff Euerer Majestät verdient gemacht haben, die aber durch ihr energisches Verhalten gegenüber dem Vali den türkischen Behörden die Achtung vor dem Leben und Eigentum der Europäer nicht haben schwinden lassen, und die durch ihre persönliche Tapferkeit viele Menschenleben gerettet haben.

Ich weiss nicht, ob von anderer Seite auf die Verdienste dieser beiden Personen, des englischen Konsuls, Majors Doughty Willie, und des Dragomans des deutschen Konsulats, Ulysse Tschivoglu hingewiesen und eine Auszeichnung für sie erbeten wird.

Über die Tätigkeit des englischen Konsuls habe ich bereits am 3. Mai berichtet. Nicht minder tapfer und unerschrocken hat sich der deutsche Dragoman gezeigt, der als türkischer Grieche nicht die Autorität besitzt wie ein Fremder. Er ist beim Vali energisch für die Schonung von deutschem Leben und Eigentum eingetreten; seinem Auftreten ist es zu verdanken, daß der Vali eine Eskorte nach Bagtsche entsandt, die die deutschen Ingenieure und Frauen sicher nach Adana brachten. Er hat persönlich, über Leichen hinweg, Armenier aus brennenden Teilen der Stadt angesichts der mordenden und plündernden Horden gerettet.

Auch eine Ordensauszeichnung für den jungtürkischen Mutessarif von Mersina und dem Kommandeur des Redief-Bataillons Major Lufti Chussid, befürworte ich. Ihre Verdienste um die Aufrechterhaltung der Ordnung in einer der gefährdetsten Gegenden bezw. das energische Eingreifen, das die Rettung der deutschen in Missis zur Folge hatte, ist im Bericht vom 3. Mai und in Anlage I zu diesem Bericht geschildert.

Die Tätigkeit des Marinestabsarztes Dr. Bockelberg, Schiffsarzt S.M.S. “Hamburg“ um die Schwerverletzten in Adana ist in der Anlage erläutert. Stabarzt Dr. Bockelberg hat sich mit großer Umsicht und mit fachmännischem Geschick unter den schwierigsten Verhältnissen der Aufgabe entledigt. Bei tropischer Hitze, von früh bis abend unermüdlich arbeitend, hat er in dem von ihm eingerichteten Hospital mit geringen Hilfsmitteln an Personal und Material Außergewöhnliches geleistet.

Ich erbitte für ihn eine Ordensauszeichnung.


[v. Mann]

[Anlage I der "Hamburg": Tätigkeit von Dr. Johann Friedrich Belart

Anlage II der "Hamburg": Bericht des Marine-Stabsarztes Dr. Bockelberg über das deutsche Lazarett in Adana. Darin eine Passage über Verletzungen durch Säbelhiebe:„Die durch Säbelhiebe entstandene Verletzungen waren alle stark verschmutzt und zeichneten sich durch breitklaffende Wundränder und großen Verlust an Haut aus. Auffallend groß war die Zahl kleiner Kinder mit solchen Verletzungen. Als interessant erwähnen möchte ich einen 13jährigen Jungen, dem durch zwei Säbelhiebe das Schädeldach völlig gespalten war, so daß die Hirnhaut offen zu Tage lag, ohne daß jedoch Reizungserscheinungen von Seiten des Gehirns bis jetzt eingetreten waren.“]



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