1909-05-02-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13185
Zentraljournal: 1909-A-08475
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/14/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.No. 396/K.No. 52
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Generalkonsul in Aleppo (Tischendorf) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



J.No. 396 / K.No. 52
2 Anlagen.

Euerer Durchlaucht beehre ich mich in der Anlage 1.) Abschrift eines mir soeben zugegangenen Berichts des Dr. Müllerleile aus Marasch vom 29. v.Mts. gehorsamst einzureichen, wonach die Lage in Marasch selbst jetzt verhältnismäßig ruhig zu sein scheint und die Behörden ihr Möglichstes tun, auch die umliegenden armenischen Dörfer gegen Angriffe seitens der Muhammedaner zu schützen. Die Zahl der reaktionär gesinnten Muhammedaner soll in dortiger Gegend noch eine sehr große sein. Auch in Alexandrette scheint sich nach dem in Anlage 2 beigefügten Bericht des Kaiserlichen Vicekonsuls in Alexandrette die Lage zu bessern.

In der Stadt Aleppo dauert die ruhigere Stimmung an; die in den Libanon geflüchteten christlichen Familien beginnen hierher zurückzukehren; eine Revolte der in dem hiesigen Gefängnisse untergebrachten Strafgefangenen, welche während zweier Tage durch ununterbrochenes Schreien und Lärmen, unterstützt durch zahlreiche ihrer in der Umgegend des Gefängnisses versammelten Verwandten ihre Freilassung zu erreichen suchten, konnte durch strenges Vorgehen der Behörden unterdrückt werden.

Bemerkenswert scheint noch das Eintreten der hiesigen Zeitung Sedai Schahba für die zahlreichen aus den armenischen Ortschaften bei der Niedermetzelung besonders der männlichen Bevölkerung geflüchteten bezw. von Muhammedanern geraubten und zurückgehaltenen Frauen und Mädchen, indem sie die Aufmerksamkeit der Behörden auf diese traurigen Zustände lenkt und die Regierung auffordert, entsprechend den Vorschriften der Religion sowohl als der Gesetze schleunigst Maßregeln zur Rettung dieser Unglücklichen und Bestrafung der Übeltäter zu treffen, bevor ein Einschreiten durch besondere Kommissionen erfolgen würde.


Tischendorf
[Anlage 1]

Abschrift
Deutsche Hülfsbund für christl. Liebeswerk im Orient.
Marasch, den 29. April 1909.

Euer Hochwohlgeboren

bestätige ich bestens dankend den Empfang der Schreiben vom 19. und 26. IV. Die letzte Woche verlief für Marasch ziemlich ruhig. Zwar versuchten die Muhammedaner noch am Freitag, 23. cr. loszuschlagen. In den Moscheen fanden lange Beratungen statt. Es hieß, sie wollten erst gegen die amerikanischen und deutschen Gebäude vorgehen. Indes die Behörde tat gerade an diesem Tage ihr möglichstes, indem sie fortwährend Militär und Zaptiehs durch die Stadt patrouillieren ließ. Dabei feuerte auf dem Markte ein Soldat auf einen jungen Türken, dem aus Unvorsichtigkeit oder Absicht eine Patrone explodiert war. Auch die Redifs im Bezirk Marasch wurden von der Regierung zahlreich ausgehoben und nach den umliegenden Ortschaften zum Schutz entsandt. Die Läden auf dem Markt wurden nach und nach wieder geöffnet, indes stockt der Geschäftsverkehr bis jetzt noch sehr. Auch die Umgebung Marasch’s blieb verhältnismäßig ruhig. Am 18. cr. wurden einige Armenier auf dem Wege nach Aintab nahe bei Marasch umgebracht. Ein am Kopf schwer verwundeter Armenier kam vor 8 Tagen in unser Krankenhaus und erzählte, daß er mit 19 Gefährten am 18. cr. in Eloghlu (5 Stunden von Marasch) im dortigen Khan überfallen worden wäre. Nur 4 konnten sich retten. Das verbrannte Dorf Kischiftli bemüht sich die Regierung wiederherzustellen. In dem Armenierdorf Fundertschak halten sich noch immer gegen 1000 Flüchtlinge auf. Viele kamen aus den zerstörten christlichen Dörfern im Wilajet Adana [unleserlich]das Militär machte sich um den Schutz dieses Dorfes verdient und wehrte am 23. cr. einen Angriff ab, der Seitens der Muhammedaner von Bagtsche und Osmanieh erfolgte. Leider wissen die Flüchtlinge immer noch nichts Gewisses über den Verbleib der hunderte von Frauen und Kindern, die sich sehr wahrscheinlich in den Händen der Türken von Islahie und Bagtsche befinden. Hoffentlich hat die Behörde von Adana inzwischen etwas für diese Ärmsten getan. Gestern kamen 2 Leute aus der Gegend von Anderun und berichteten uns von der gefährlichen Lage der dortigen christlichen Dörfer. Die Muhammedaner lassen dort nur die Wahl zwischen Tod oder Übertritt zum Islam. Von dem politischen [unleserlich]schwung haben wir hier auch Kenntnis genommen. Möchte das jungtürkische Element im Reich endgültig den Sieg behaupten. Hier in Marasch giebt es noch viele Reaktionäre des alten Regime. Sobald weitere zuverlässige Truppen hier angelangt sind, wird es die nötigste Aufgabe der Regierung sein, die Verbrecher vom 19.4. aufs strengste zu bestrafen. Das allein kann eine gewisse Garantie für die Zukunft geben.


Mit vorzüglicher Hochachtung
[Dr. med. R. Müllerleile]


[Anlage 2]

Kaiserlich Deutsches Vice-Konsulat Alexandrette No. 27

Alexandrette, le 30 avril 1909.

Faisant suite à mes reports relativements à la situation de cette région, j’ai l’honneur de porter à votre connaissance que le commandant Militaire à Alexandrette est rentré de Dortyol où il affirme d’avoir fait rétablir l’ordre en réconciliant les Musulmans avec les chrétiens assiégés.

Suivant les rapports des particuliers et des pasteurs anglais d’Alexandrette, resté à Dortyol, il ressort, que les soldats réguliers débarqué par le „Hodeida“, ont occupé la caserne de la localité et ont dispersé les assiégeants, mais que les hordes des Kurdes et des circassiens, se trouvent toujours campées sur les montagnes dominant le village qu’ils ont cessé d’attaquer.

La nuit dernière le commandant du cuirassé anglais „Triumph“ arrivé ici de Suedieh à bord de sa chaloupe à vapeur, est partie pour Dortyol en compagnie du Gérant du Vice-Consulat d’Angleterre. Je suppose que son but est de se rendre compte de la véritable situation des choses.

Ici la ville est plus calme mais aucune sécurité ne règne dans les environs.

Hier soir deux torpilleurs Italiens sont arrivés ici. Le „Granatien“ et le „Artiglien“, le premier est reparti ce matin me dit on pour Mersina.


Veuillez agréer.
Le Vice Consul Impérial
[Th. Belfante]

La canonnière Russe „Uraletz“ est arrivé ici le mercredi 24 courant.

[Eigene Übersetzung]

Alexandrette, den 30. April 1909.

In Fortsetzung meiner Berichterstattung über die Lage in dieser Region habe ich die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß der Militär-Kommandant von Alexandrette nach Dörtjol gegagen ist, wo er behauptet, die Ordnung wiederhergestellt zu haben, indem er die Muslime mit den belagerten Christen aussöhnte.

Nach den Berichten von einzelnen Personen und dem englischen Geistlichen in Alexandrette, der in Dörtjol geblieben ist, haben die mit der „Hodeida“ dorthin transportierten regulären Truppen die Kasernen des Ortes besetzt und die Belagerer vertrieben. Jedoch sollen die Kurden und Tscherkessen lagern noch immer in den Bergen um das Dorf herum lagern, das sie aber nicht mehr angreifen.

In der letzten Nacht ist der Kommandant des englischen Kreuzers „Triumph“, der von Suedieh mit seiner Barkasse hier angekommen war, zusammen mit dem Geschäftsführer des englischen Vize-Konsulats nach Dörtjol abgereist. Ich vermute, daß er sich über die wirkliche Lage dort unterrichten will.

Hier ist die Stadt ruhiger, aber in der Umgebung herrscht noch keine Sicherheit.

Gestern Abend sind hier zwei italienische Torpedoboote angekommen, die „Granatien“ und die „Artiglien“, die erstere ist heute vormittags nach Mersina abgefahren, wie man sagt.

Mit vorzüglicher Hochachtung


Der kaiserliche Vize-Konsul
[Th. Belfante]

Das russische Kanonenboot „Uraletz“ ist hier am 24, des Monats eingelaufen.



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