1916-11-16-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14094
Zentraljournal: 1916-A-31694
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 11/23/1916 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Vorsitzende der Orient- und Islam-Kommission des Deutschen Evangelischen Missions-Ausschusses Karl Axenfeld an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Schreiben



Berlin, den 16. November 1916

Euer Exzellenz

bittet der unterzeichnete Vorsitzende der Orient- und Islam-Kommission des Deutsch-Evangelischen Missions-Ausschusses in Ehrerbietung zum Ausdruck bringen zu dürfen, wie schwer die an dem unglücklichen armenischen Volk arbeitenden Missions- und Liebeswerke und die weiten, hinter ihnen stehenden Kreise unseres Volkes die Fortdauer der entsetzlichen Zustände bedrückt, durch die dies altchristliche Volk der Ausrottung nahegebracht wird. Die Verhältnisse haben sich auch in den letzten Monaten eher noch verschlimmert als gebessert. Vornehmlich infolge des Mangels an jeglicher Fürsorge, vielfach aber auch durch rohe Gewalt, gehen noch immer Tausende und Tausende wehrloser, zweifellos unschuldiger Menschen, besonders Frauen und Kinder, elend zu Grunde und zwar meist in solchen Gebieten und Fällen, in denen jeglicher Verdacht möglicher Gefährdung öffentlicher Interessen durch die wehrlosen Opfer dieser Maßnahmen gänzlich ausgeschlossen war. Daneben finden in großer Zahl Konvertierungen zum Islam statt, die durch Gewalt oder Drohung erzwungen sind, wenn sie auch oft nach außen mit einem Schein der Freiwilligkeit umgeben werden. Diese Tatsachen, die Euer Exzellenz durch die amtlichen Berichte bekannt sind, werden uns durch die Meldungen unserer Arbeiter in vollem Umfang bestätigt.

Mit Rücksicht auf das Bundesverhältnis des Deutschen Reiches zur Türkei und angesichts der offenkundigen Tatsache, daß die Ententemächte die Vorgänge in Armenien unter dem Schein christlichen Erbarmens zur Hetze gegen Deutschland missbrauchen, haben wir, so schwer es uns fiel, die hinter uns stehenden Kreise von öffentlichen Äußerungen ihres Schmerzes und ihrer Empörung zurückzuhalten uns bemüht, in unserer christlichen Presse uns äußerste Vorsicht in der Berührung der Armenierfrage auferlegt und nur in der Stille um Liebesgaben gebeten, um durch sie dem furchtbaren Elend ein wenig steuern zu helfen. Solche Selbstbeschränkung aber bedrückt unser Gewissen hart, wenn, während wir schweigen sollen, in der Tagespresse ungehindert Berichte erscheinen dürfen, die mit der alleinigen Schuld an dem Geschehenen einseitig und wahrheitswidrig das armenische Volk belasten und die unbeschreiblichen, sinnlosen Greuel als militärisch und politisch notwendige Maßnahmen zu rechtfertigen suchen. Solche Veröffentlichungen können nur, zumal wenn sie, wie die in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 8. und 9. September enthaltene, vom Wolff'schen Büro verbreitet werden, die türkische Regierung in ihrer unseligen Armenierpolitik bestärken und dem feindlichen und neutralen Auslande als Beweise für die Beschuldigung dienen, daß Deutschland "diesem organisierten Feldzug von Vergewaltigung und Metzelei gegen ein christliches Volk" "unbewegt und ergeben", ja "vielleicht beifällig" zuschaue. Die unheilvolle Wirkung dieses falschen Scheins auf das Urteil der Neutralen, besonders auf Amerika, ist wohl kaum zu überschätzen. Sie zeigt, daß die Armenierfrage nicht lediglich eine interne Frage der Türkei ist, sondern auch die Lebensinteressen Deutschlands berührt. In Deutschland aber mindern solche Veröffentlichungen bei vielen, die mit den wirklichen Hergängen nicht vertraut sind, das hilfsbereite Erbarmen mit dem armenischen Volk und das Vertrauen zu unserer Arbeit, während diejenigen, die von dem wahren Sachverhalt unterrichtet sind, aber ihn nicht darlegen können, in einen schweren Gewissenskonflikt sich gebracht fühlen.

Euer Exzellenz haben unter dem 12. November 1915 auf die aus unsern Kreisen unter dem 15. Oktober 19151 an Euer Exzellenz gerichtete Eingabe uns zu erwidern die Güte gehabt, "die Kaiserliche Regierung werde, wie bisher, so auch in Zukunft es stets als eine ihrer vornehmsten Pflichten ansehen, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß christliche Völker nicht ihres Glaubens wegen verfolgt werden, und die deutschen Christen könnten darauf vertrauen, daß Euer Exzellenz, von diesem Grundsatz geleitet, alles, was in Euer Exzellenz Macht steht, tun würden, um den von uns vorgetragenen Sorgen und Wünschen Rechnung zu tragen."

Euer Exzellenz wollen mir daher gestatten, in dankbarer Erinnerung an diese Zusage die ehrerbietige Bitte dringlich zu wiederholen, daß

a.) solange von uns eine weitgehende Zurückhaltung in öffentlicher Äußerung über unser Arbeitsfeld aus Rücksicht auf vaterländische Interessen verlangt wird, auch die Veröffentlichung armenierfeindlicher Berichte in der Presse nicht gestattet werde,

b.) der politische Einfluß Deutschlands so stark wie nur möglich dafür eingesetzt werde, daß die bisher seitens der Türkei beliebte Behandlung des armenischen Volkes endlich aufgegeben werde, da sie den politischen wie den wirtschaftlichen Interessen der Türkei nur abträglich ist, den Ententemächten, wie eben wieder die Rede des Ministerpräsidenten Asquith zeigt, eine willkommene und nur zu wirksame Handhabe bietet, um die Stimmung in den neutralen Ländern gegen die Zentralmächte, insbesondere gegen Deutschland, zu erregen, und dem christlichen Gewissen des deutschen Volkes schlechthin unerträgliche Zumutungen stellt,

c.) darüber uns Gewißheit zu verschaffen, daß den während des Krieges durch Zwang oder Drohung zum Islam konvertierten Christen nach dem Kriege eine wirkliche, nicht nur eine scheinbare Gelegenheit gegeben werde, zum christlichen Glauben zurückzukehren.

Euer Exzellenz gehorsamster


D. Karl Axenfeld
Missionsdirektor.
[Zimmermann an Axenfeld 14.12]

Streng Vertraulich!

Ew. pp. darf ich den Empfang der an den Herrn R. K. gerichteten gfl. Eingabe vom 16. v.Mts. ergebenst bestätigen.

Ew. pp. können versichert sein, dass die darin zum Ausdruck gebrachten Empfindungen und Besorgnisse bei der Kaiserlichen Regierung Verständnis finden. Das AA., das die Armenierfrage mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt und über ihre Entwicklung durch die Kaiserlichen Vertretungen in der Türkei fortlaufend unterrichtet wird, benutzt nach wie vor jede geeignete Gelegenheit, um mit den zu Gebote stehenden Mitteln und Argumenten auf schonendere Behandlung der armenischen Volksteile hinzuwirken. Im Einklange mit der Zusage des Herrn R. K. in seinem von Ew. pp. angeführten Schreiben vom 12. November v.J. wird die Kaiserliche Regierung auch weiterhin nach Kräften für Freiheit und Schutz des christlichen Glaubens eintreten.

Was die Verbreitung armenierfeindlicher Berichte in der deutschen Presse betrifft, so habe ich Vorsorge getroffen, dass derartige Veröffentlichungen möglichst vermieden werden. Voraussetzung ist hierbei, dass sich auch die armenierfreundlichen Kreise aller polemischen Aeusserungen in der Oeffentlichkeit enthalten.


[Notiz Auswärtiges Amt]


H. Axenfeld hat mündlich zugesagt, die ihm erteilte Antwort während des Krieges nicht zu veröffentlichen.


[Zimmermann an Botschaft Konstantinopel. (No. 1351) 14.12]

Abschrift des Eingangs und der Antwort zu 1. z. gfl. Orientierung erg. übersandt.


[Notiz Auswärtiges Amt]

Nach Abgang bei AN z. gfl. Kenntnis und mit der Bitte erg. vorgelegt, die in Betracht kommenden Stellen und die Pressevertreter erneut daraufhinzuweisen, dass die Erörterung der armenischen Frage – in welchem Sinne es auch sei – politisch unerwünscht ist. Auch wird erg. gebeten, das Wolff’sche Bureau anzuweisen, alle Meldungen in der Armenierfrage vor Weitergabe hier zur Genehmigung vorzulegen.

1 A 30148.



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