1919-08-02-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14106
Zentraljournal: 1919-A-21604
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 08/05/1919 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/01/2014


"Kölnische Volkszeitung"

Der Massenmord am Armeniervolk



Nach und nach werden die Schleier gelüftet, die bisher vor manchen im Dunkel gebliebenen Vorgängen des Weltkrieges schwebten. Die Wahrheit muß nunmehr von der Presse um so rückhaltloser ausgesprochen werden, als eine selbstherrliche Kriegszensur die Presse auch an der offenen Aussprache über Dinge hinderte, die unseres Volkes Ehre betrafen.
Ein schweres Verbrechen des Weltkrieges ist zweifellos der grauenhafte Massenmord, der von der Türkei am unglückseligen Armeniervolke begangen wurde. Jahre hindurch erfuhr die Öffentlichkeit nur vereinzelte Bruchstücke von diesem schauerlichen Drama, bis jetzt endlich durch das soeben erschienene Buch Deutschland und Armenien, 1914-1918 von Dr. Johannes Lepsius (Potsdam, Tempelverlag M. 15), ein Überblick über die Geschehnisse möglich geworden ist. Lepsius, der Leiter der deutschen Orientmission, erhielt die Erlaubnis, die diplomatischen Aktenstücke des Auswärtigem Amtes für diesen Zweck benutzen zu dürfen, und er veröffentlichte daraus eine Auswahl, die einen ersten Einblick in diese furchtbaren Vorgänge bietet. Lepsius ist für die Art der Auswahl allein verantwortlich, aber die dargebotenen Dokumente genügen vollauf, um die wesentlichen Umrisse der traurigen Ereignisse kennen zu lernen. In einer gedrängten Einführung gibt er eine systematische Übersicht über den geschichtlichen Hergang, um darauf im Hauptteil des Buches die einzelnen Vorgänge durch die wichtigsten Aktenstücke zu beleuchten.

Wer diesen Band von über 500 Seiten eingehend studiert, wird das Urteil unterschreiben müssen, das einer der deutschen Augenzeugen fällte: “Es ist kein Zweifel, daß, was dem armenischen Volke angetan wurde und noch angetan wird, das größte Verbrechen der Weltgeschichte ist.” Von der Zahl von 1845000 Armeniern im türkischen Gebiete ist rund 1 Million umgekommen, 200000 wurden versprengt, 250000 flüchteten in den Kaukasus, 200000 blieben als ausgehungerte Bettler in den Konzentrationslagern übrig. Davon wurden gegen 300000 zum Übertritt zum Islam gezwungen. Dazu kommen noch nahezu 100000 Armenier, die im Laufe des Jahres 1918 im Kaukasus hingeschlachtet wurden. Eine Milliarde armenisches Nationalvermögen wurde von der Türkei geraubt. Die Zahl der Frauen und Mädchen, die in türkische Harems verschleppt wurden, geht in die vielen Tausende.

Die im Buche veröffentlichten Dokumente geben herzzerreißende Schilderungen der unsäglichen Leiden. In der Kamachschlucht schlachteten Regierungstruppen der 86. Kavalleriebrigade unter Führung ihrer Offiziere an vier Tagen über 20000 Frauen und Kinder ab. Namenlos war das Elend der Deportierten, die unter unbeschreiblichen Qualen, durch Hunger und Krankheit fast alle dem sicheren Tode entgegengingen. Wochen hindurch schwammen den Euphrat hinunter die verwesenden Leichen der armen Opfer, an den großen Straßen, die nach Mesopotamien führen, lagen die Toten haufenweise und verpesteten in solchem Maße die Verkehrswege, daß die militärischen Operationen der Türkei dadurch vielfach zum Mißlingen verurteilt wurden. Mit bitteren Tränen in den Augen liest man die Berichte der Augenzeugen, die schließlich keine Worte mehr finden können, um ihrem Jammer und auch ihrer Erbitterung Ausdruck zu verleihen.

Die türkische Regierung trägt die volle Verantwortung für diese Greuel; sie kann die schwere Schuld von sich und der maßgebenden führenden Mehrheit des Volkes nicht abschütteln. Die Aktenstücke erbringen hierfür einen vollgültigen, unwiderleglichen Beweis. Das ganze Komitee für Freiheit und Fortschritt billigte dieses unmenschliche Vorgehen, die türkische Beamtenschaft führte die Befehle mit größter Bereitwilligkeit aus. Die blutgierigen Stämme der Kurden und Tscherkessen, von Regierungstruppen unterstützt, vollbrachten das entsetzliche Morden in fanatischer Vernichtungswut.

Aus den Dokumenten ergibt sich mit aller Klarheit, daß die Angaben der Türken über Aufstände in Armenien große Täuschungen waren; die sogenannte Empörung von Wan, worauf die Türkei sich im April 1915 stützte, erscheint angesichts der Dokumente als ein geringfügiges Ereignis, das der Türkei auch nicht den geringsten Anlaß zu den unmenschlichen Anordnungen gab, die damals beschlossen wurden.

Die Aktenstücke erbringen aber auch den überzeugenden Beweis von der Schuldlosigkeit Deutschlands an diesen Schandtaten. Die deutschen Konsuln in Kleinasien, die deutsche Botschaft in Konstantinopel und die Regierung in Berlin haben während des ganzen Krieges sich unablässig bemüht, das armenische Volk zu retten und die Türkei zur Menschlichkeit zu bewegen. Die Organisationen der deutschen Katholiken und Protestanten haben sich in ausführlichen Darlegungen an die deutsche Regierung in gleichem Sinne gewandt. Die Bemühungen scheiterten aber vollständig an der Starrköpfigkeit der türkischen Regierung, die entweder die Zuständigkeit Deutschlands für diese Frage leugnete oder die deutschen Behörden schwer täuschte.

Einen schweren Fehler hat allerdings die Regierung dadurch begangen, daß sie trotz des Rates des Botschafters Graf Wolff-Metternich die deutsche Presse zum Schweigen verurteilte und damit den Ausbruch der Entrüstung des deutschen Volkes unterdrückte. Dafür aber konnte in Deutschland jene Verhimmelung der Türkei stattfinden, die von der KV [Kölnische Volkszeitung] in verschiedenen Aufsätzen aufs schärfste als nationale Schmach verurteilt wurde. Die blinde deutsche Zensur hatte es fertig gebracht, schließlich eine so lange Liste von Zensurvorschriften über türkische Dinge aufzustellen, daß die Presse nur noch Lobesartikel auf die Türkei und ihre Staatsmänner bringen durfte, wobei sie natürlich das Schweigen vorziehen mußte. Trotz dieser Hindernisse hat die KV es mehrmals versucht, auf diese entsetzlichen Dinge und ihre Tragweite hinzuweisen (z.B. Nr. 855, 18. Oktober 1915, 244, 27. März 1918), aber diese vereinzelten Stimmen mußten wirkungslos bleiben. Die politische Zensur im Weltkriege hat ungeheuren Schaden angerichtet, nicht nur in der armenischen Frage.

Die Hinmordung des armenischen Volkes ist eine der schwersten Anklagen gegen die Barbarei, die in diesem Kriege sich wieder einmal fürchterlich ausgelebt hat. Die letzten Reste der armenischen Nation sollten nun wenigstens in den Schutz der ganzen Menschheit gestellt werden, dieses arme edle Christenvolk verdient unser innigstes Mitgefühl, Armeniens Wiederaufbau ist eine Ehrenpflicht Europas, an dem Deutschland in hervorragender Weise sicher gerne nach Kräften teilnehmen wird.



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