1915-12-14-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14089
Zentraljournal: 1915-A-37039
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 12/23/1915 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack an den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt (Zimmermann)

Schreiben



den 14. Dezember 1915.
Hochzuverehrender Herr Unterstaatssekretär!

Bei dem Ansehen des Schreibenden (Erzbischof und Primas von Schweden, Dr. D. Söderblom) gestatte ich mir, dieses Schriftstück Ew. Hochwohlgeboren zu unterbreiten.

In besonderer Hochschätzung u. Ergebenheit


v. Harnack

Anlage


Die folgenden Tatsachen wissen Sie schon, aber bei der teuflischen Kompliziertheit der gegenwärtigen politischen Lage verstehe ich wohl die Schwierigkeit etwas in dieser Beziehung auszurichten, obwohl ich weiss, dass die deutsche Regierung, ebensowohl wie Sie selbst, Excellenz, die türkisch-armenischen Greuel tiefer als irgend jemand sonst empfindet und bedauert. Die nach Bulgarien entkommenen Armenier teilen jetzt mit, dass sogar die 100000 in Konstantinopel selbst ansässigen Armenier vertilgt werden sollen, und da es in Konstantinopel nicht möglich ist auch wegen der deutschen Aufsicht, werden diese Leuten nach der Heimat methodisch gesandt um dort das Schicksal ihrer ermordeten Landsleuten zu teilen. Eine deutsch-armenische Familie, die vor einigen Wochen über Russland nach unglaublichen Errettung nach Upsala kam, sowohl als Dr. Paul Rohrbach und andere zuverlässige deutsche Gewährsmänner hatten mir schon im voraus die teilweise vollzogene Vernichtung des Christentums in Armenien bestätigt. Da ich jetzt jene Tatsache über die Armenier in Konstantinopel erfuhr, beschleunige ich mich sie Ihnen, Excellenz, mitzuteilen in die Hoffnung dass Sie etwas dagegen ausrichten können. Ich bin davon überzeugt, dass der weitreichende deutsche Einfluss im türkischen Imperium allmählich eine unübersehbare Errungenschaft für die Kultur heissen wird. Um so bedauerlicher ist es, dass während des Krieges unheilbares gegen die dortigen Christen geübt wird.

In der Hoffnung, dass der ersehnte und wenn irgend jemand in der Weltgeschichte wohlverdiente Frieden den deutschen Waffen bald vergönnt werden wird, verbleibe ich, Excellenz, Ihr sehr ergebener


Nathan Söderblom
[Antwort Zimmermann 30. Dezember 19151]

Ew. pp. darf ich den Empfang des mir freundlichst übersandten Schreibens des Erzbischoffs von Upsala wegen der Armenier in Constantinopel mit verbindlichstem Dank bestätigen. Der Kaiserliche Botschafter in Constantinopel ist, wie ich ganz vertraulich bemerke, dauernd bemüht, auf die türkische Regierung im Interesse der Schonung der Armenier einzuwirken und insbesondere weitere Austreibungen und Verfolgungen zu verhindern. In erster Linie dürfte es ihm zu danken sein, wenn es bisher gelungen ist, die Pforte von umfangreicheren Ausweisungsmassnahmen gegen die Armenier in der Hauptstadt abzuhalten. Nach den letzhin hier eingegangenen Nachrichten ist zu hoffen, dass die Bemühungen des Grafen Wolff Metternich auch weiter nicht ohne Erfolg sein werden.

Schluß m. pr.

Z[immermann]
1 zu A 37039, 37207.


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