1915-10-04-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14088
Zentraljournal: 1915-A-29675
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amts (Zimmermann) an den Vorsitzender des Vereins deutscher Zeitungsverleger (Friedrich Faber)

Schreiben



Berlin, den 4. Oktober 1915.

Heute. Vertraulich.

Sehr verehrter Herr Doktor.

Für ihr freundliches Schreiben vom 30. v.M., dessen Anlagen ich wieder beifüge, darf ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank aussprechen.

Herr Dr. Lepsius ist in der Tat mit Wissen des Auswärtigen Amts nach Konstantinopel gereist. Wir hatten gegen diese Reise mancherlei Bedenken, die von der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel geteilt wurden, gaben aber schliesslich unsere Zustimmung, nachdem Dr. Lepsius versprochen hatte, sich in der Türkei streng nach den Direktiven der Botschaft zu richten und auch den Armeniern zur Ruhe und Vernunft zu raten.

Wie Sie mit richtigem politischen Gefühl erkannt haben, wäre es in höchstem Grade bedauerlich, wenn unsere Missionsvereinigungen und die deutsche Presse sich als Sturmbock in der Armenierfrage vorschieben liessen. Ich kann ihren Ausführungen und Absichten in dieser Beziehung nur beipflichten und unterschreibe durchaus die sehr verständige Schlußwarnung in der Magdeburgischen Zeitung vom 29. September.

Unser Verhältnis zur Türkei würde unter der Stimmungsmache für Armenien nur leiden, und den Armeniern selbst würde nicht genutzt, sondern geschadet werden. Das Auswärtige Amt und die Kaiserlichen Vertretungen in der Türkei haben schon aus eigenem Antriebe, ohne dass es einer Aufforderung kirchlicher Kreise bedurfte, alles mit diplomatischen Mitteln Mögliche getan, um das Los der Armenier zu mildern. Den Bruch mit der Türkei wegen der armenischen Frage herbeizuführen, hielten und halten wir nicht für richtig. Denn so bedauerlich es vom christlichen Standpunkt sein mag, dass unter dem türkischen Vorgehen mit den Schuldigen auch Unschuldige zu leiden haben, näher als die Armenier stehen uns schliesslich unsere eigenen Söhne und Brüder, deren opferreicher blutiger Kampf in Frankreich und Russland indirekt durch die türkische Waffenhilfe erleichtert wird.

Deutschlands Feinde liefern unseren geistlichen und philanthropischen Kreisen wahrhaftig genug anderen Stoff zur Weckung und Betätigung christlichen Solidaritätsgefühls. Ich brauche nur zu erinnern an die planmäßige Vertilgung des deutschen Elements in Marokko, an die Verschleppung und Vergewaltigung unserer braven Ostpreußen, an die hunderttausende russischer Untertanen, denen die russische Armee selbst bei unserem Vormarsch Haus und Hof niedergebrannt und mit Weib und Kind die Flucht ins Innere aufgezwungen hat. Ein Schlag ins Gesicht sollte es jedem christlich empfindenden Menschen sein, daß England und Frankreich Zurkas, Szahis, Senegalschützen und Kongoneger gegen das Volk ins Feld führt, das der Welt einen Kant geschenkt hat. Wenn diese Horden nicht Rheinland und Westfalen überschwemmt, deutsche Frauen und Töchter entehrt und Stätten tausendjähriger Kultur vernichtet haben, so verdanken wir das unserem guten Schwert, aber nicht dem hohen Sinn für Menschlichkeit und Christentum, den unsere Gegner jetzt in der armenischen Frage zur Schau zu tragen belieben.

Als die Türkei in den Krieg eintrat, hat das Auswärtige Amt nicht versäumt, die Armenier darauf hinweisen zu lassen, dass jetzt die Stunde gekommen sei, wo sie durch die Tat die oft beteuerte Loyalität gegen die Türkei beweisen und die Grundlage zu einer gesicherten Zukunft legen könnten. Das Gold und die Hetzarbeit unserer Feinde ist daran schuld, dass die Armenier diesen wohlgemeinten Rat in den Wind schlugen. Nach dem übereinstimmenden Urteil unserer Vertreter hat sich die türkische Regierung während der ersten Monate des Krieges dem armenischen Element gegenüber durchaus korrekt benommen. Gegenmassregeln wurden erst ergriffen, als im Rücken der gegen Aserbeidschan marschierenden türkischen Truppen der armenische Aufstand losbrach, dem in wenigen Tagen mehr als 150000 Muhammedaner zum Opfer fielen. Dieses Blutbad wird aus naheliegenden Gründen in der feindlichen und neutralen Presse mit dem christlichen Mantel verzeihenden Schweigens bedeckt. Dass bei der Durchführung der Umsiedelungsmassnahmen, die von der Türkei nunmehr im Interesse ihrer eigenen Sicherheit und Selbsterhaltung angeordnet wurden, Härten und Ausschreitungen vorgekommen sind, ist gewiss tief zu bedauern, aber begreiflich, wenn man einerseits die berechtigte Empörung der muhammedanischen Bevölkerung, andererseits die Primitivität der inneren türkischen Verhältnisse und den geringen Einfluss in Rechnung zieht, den die Zentralverwaltung in Konstantinopel in den Provinzen auszuüben vermag. Die moralische Schuld an den Vorkommnissen trifft neben den Armeniern selbst deren Anstifter in London, Petersburg und Paris. Bezeichnend ist ein Artikel des Daily Chronicle vom 23. September, der "Our seventh Ally" überschrieben ist und lobend anerkennt, dass das armenische Volk von Anfang an die Sache der Entente zu der seinen gemacht, von Anfang an ohne Markten noch Feilschen an der Seite der Entente gefochten und dadurch sich das Anrecht erworben hat, von England als siebenter Bundesgenosse betrachtet zu werden.

Ich hoffe Herrn Dr. Lepsius in diesen Tagen zu sehen und werde meinen Einfluss bei ihm dahin geltend machen, dass bei den Konferenzen am 7. und 9. Oktober kein allzugrosses Unheil angerichtet wird. Wenn Sie, sehr verehrter Herr Dr., sich entschliessen, den Konferenzen beizuwohnen, so würde ich das nur lebhaft begrüssen können. Gegebenenfalls wäre ich dankbar, wenn Sie mich vorher aufsuchen und mir Gelegenheit zu einer eingehenderen mündlichen Aussprache geben wollen.


Z[immermann]



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