1917-01-04-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14095
Zentraljournal: 1917-A-03267
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/01/2014


"Kölnische Zeitung"

Widmungen für Herrn Wilson



Von der französischen Grenze, 1. Jan. Der Temps (vom 26. v.M.) widmet dem Präsidenten Wilson als Beitrag für seine internationalen Studien einen Leitartikel über den Bericht, den ein Deutscher namens Dr. Martin Niepage, Oberlehrer an der Deutschen Realschule in Aleppo, an „die deutschen Behörden“ über die an den Armeniern verübten Greuel gerichtet haben soll. Nach den Ausführungen des Temps selbst berichtet nun zwar der Verfasser als Zeuge von den Greueln, welche die Türken in Armenien verübten, nur nach dem Hörensagen aus dem Munde anderer. Der einfache Türke erkläre, versichert dabei der Verfasser, auf die Frage, wer die Anstifter dieser Greuel seien, das seien die Deutschen, und die gebildetern Türken gäben zum wenigsten zu, daß die deutsche Regierung nichts tue, um sie zu verhindern. Der türkische Vorsitzende des Ausschusses für die Verpflanzung der Armenier erklärte sogar: „Ebenso wie Deutschland nur Deutsche bestehen lassen will, wollen wir Türken nur Türken.“ Das nun ist die Lehre, worauf es dem Temps bei der Widmung seines Artikels an Herrn Wilson ankommt, und die er ihm als Schlußfolgerung aus dem Bericht des deutschen Oberlehrers von der Schule in Aleppo mit den Worten unterbreitet:
„Herr Wilson weiß auch – unser Gelbbuch hat es ihn gelehrt – daß Herr v. Jagow die Meinung aussprach, alle kleinen Nationalitäten seien zum Verschwinden verurteilt. Die Abschlachtungen in Armenien, die Metzeleien in Serbien, die Verschleppungen der Belgier, das ist der schon vor dem Kriege herrührende Plan, der ausgeführt wird. Und wenn deshalb die Regierung der Vereinigten Staaten noch versucht sein sollte, dem Glauben zu schenken, was er die allgemeinen Erklärungen Herrn v. Bethmann Hollwegs nennt, so bitten wir ihn, auf die Taten zu sehen und nicht auf die Werke.“

Was zunächst das hier vom Temps angeführte Wort des ehemaligen deutschen Staatssekretärs angeht, so hat Herr v. Jagow es als erfunden bezeichnet. Es ist nicht die einzige Lüge und Fälschung in französischen Gelbbüchern. Was im übrigen den angeblichen Bericht des Dr. Niepage betrifft, so kennzeichnet sich die Erbärmlichkeit des Verfahrens, ein solches Schriftstück eines vollständig unbekannten, die Glaubwürdigkeit seiner Greuelberichte durch das eigne Bekenntnis, daß sie auf Hörensagen beruhen, zur Genüge beleuchtenden Menschen zur Grundlage der Anklage zu machen, daß Deutschland der verantwortliche und weltgeschichtliche Anstifter der Armeniermorde sei, dermaßen von selbst, daß man dem Rechtsgelehrten Wilson selbst bei Anrechnung noch einer guten Dosis von Ententefreundlichkeit es überlassen kann, den Wert der an ihn gerichteten Widmung des Temps nach eignem Ermessen einzuschätzen. Der Frage selbst wegen, an welcher die Regierung der Vereinigten Staaten aus Gründen der Menschlichkeit ein besonderes Interesse nimmt, verlohnt es sich aber, diese Widmung des Temps für Herrn Wilson durch den Hinweis auf ein Werk und ein Zeugnis zu ergänzen, das für die Regierung der Vereinigten Staaten und alle, die an der armenischen Frage ein Interesse nehmen, ohne Zweifel von ganz anderm Werte ist als der mythische Bericht, den der Temps dafür als grundlegend entdeckt hat. Als hervorragendster Kenner der armenischen Verhältnisse ist allen englischen Politikern das Mitglied der Konservativen Partei Sir Mark Sykes bekannt. Er hat vor kurzem in seinem Werk „The Caliphs‘ last Heritage“ Macmilian & Co., London 1915) das Ergebnis seiner fünf Studienreisen veröffentlicht, die er von 1906 bis 1913 in der kleinasiatischen Türkei und namentlich in Armenien machte. Einer Besprechung, die seinem Werk der englische Orientalist Marmaduke Pickthall, zweifellos ebenfalls ein unverdächtiger Gewährsmann, im Juniheft der Revue Politique Internationale (1916) widmet, entnehmen wir folgende Urteile Sykes über die Armenier und die Ursachen ihrer Lage:

„Die Armenier teilen mit vielen andern Christen der Türkei eine übertriebene Meinung ihrer eigenen Fähigkeiten. Bei ihnen verbindet sich aber diese Meinung noch mit einem wenig nachdenkenden Geiste, der sie zu den verzweifeltsten politischen Verbrechen treibt. Sie rufen damit selbst die Vernichtung auf sich und ihre Nächsten herauf. Sie stürzen sich mit Übereifer in Verschwörungen mit Leuten, denen sie selbst nicht trauen, und gefährden ihre nationale Sache, um irgendeine persönliche Rachsucht zu befriedigen. Es erscheint mir unvermeidlich, daß die Armenier immer unglücklich bleiben, weil der größere Teil ihres Elends nicht von dem blöden Despotismus herrührt, dem sie unterliegen, sondern von ihrer eigenen Aufführung gegeneinander. Bei einer Hungersnot in Wan versuchten die armenischen Händler, alles Getreide an sich zu reißen. Die Revolutionäre plündern lieber noch ihre Glaubensgenossen aus, als daß sie gegen ihre Feinde kämpfen. Die armenischen Dörfer hadern gegeneinander. Die nationalistischen Gesellschaften verbünden sich, die einen gegen die andern. Die Priester verschwören sich zur Ermordung eines Bischofs. So spaltet sich die Kirche in ihren Grundpfeilern selbst.... Die Armenier der Ebene von Musch sind besonders schwer zu regieren. Sie sind so habgierig, daß sie selbst die kleinsten Steuern zu zahlen sich weigern. Sie sind äußerst verräterisch untereinander und verbinden sich oft mit den Revolutionären, nur um sich an Landsleuten zu rächen, von denen sie sich beleidigt glauben. Was das Verfahren dieser Revolutionäre angeht, so kann man sich nichts Teuflicheres denken. Es besteht in der Ermordung von Moslems zu dem Zweck, Unschuldige zu bestrafen, in der Erpressung gegen Dorfbewohner, die die Regierungssteuern bezahlen, in der Ermordung von Personen, die keine Unterstützungsgelder leisten wollten – und das ist nur ein Teil der Verbrechen, deren die Revolutionäre nicht nur von den Mohammedanern, sondern auch von den Katholiken und Gregorianern beschuldigt werden.“

So urteilt ein Stock-Engländer über die Armenier und nicht, wie gesagt, der erste beste und nicht auf Grund von Hörensagen, sondern eine Autorität ersten Ranges in orientalischen Angelegenheiten, indem er berichtet, was er während langjähriger Reisen an Ort und Stelle beobachtete, und sein Landsmann Marmaduke Pickthall bemerkt dazu: „Das ist das Urteil eines Beobachters, den niemand als einen Anhänger der amtlichen Türkei zu betrachten wagen wird.“ Wir widmen zu dem angeblichen Bericht des deutschen Oberlehrers von Aleppo unserseits diese englischen Urteile dem Präsidenten Wilson.


[Notiz des Auswärtigen Amts 28.1.]

Abschrift zu III a 1358.

Vermerk:

Die in dem Ausschnitt der „Kölnischen Zeitung“ vom 4. Januar behandelten Maßnahmen der Türkischen Regierung gegen die in strategisch wichtigen Gegenden Kleinasiens ansässigen Armenier sind im Prinzip als durch staatliche Notwehr gerechtfertigt anzuerkennen; wie wenig an den bei der Ausführung zweifellos vorgekommenen Grausamkeiten deutsche Mitschuld in Frage kommt, beweisen - ausser der Stellungnahme unberufener Privatpersönlichkeiten, wie Dr. Niepage in Aleppo -, die von deutscher verantwortlicher Stelle wiederholt erteilten freundschaftlichen Ratschläge an die Türkei; weitergehende Schritte wären als Einmischung in innertürkische Angelegenheiten unstatthaft gewesen.



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