1917-07-09-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14097
Zentraljournal: 1917-A-23000
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/13/1917 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 373
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Kühlmann) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 373
Pera, den 9. Juli 1917

Auf Erlaß vom 25. 6. 17 Nr. 589.

Auf Wunsch des Dr. David in Angora bin ich bereits im Monat Mai bei der Pforte in der Angelegenheit der katholischen Armenier vorstellig geworden.

Der Vertreter des Vereins vom heiligen Lande, Herr Dr. Schade, hat mir einen Auszug verschiedener Briefe Dr. Davids zur Verfügung gestellt; aus einem vom 13. Juni (also 10 Tage nach Abgang des Briefes an Herrn Erzberger) datierten Schreiben ist folgende Stelle zu entnehmen: "Vorige Woche kam mir eine telegraphische Weisung des Ministeriums zur Sicht, in der kategorisch dem hiesigen Wali untersagt wird, die Katholiken zu deportieren, selbst falls dafür Gründe vorlägen, und aufgegeben wird, weitere Weisungen abzuwarten. Ich denke, dass dies eine Wirkung der von der Botschaft unternommenen Schritte ist. Man beschränkt sich seither auf Massnahmen gegen solche, die früher einmal zum Islam übergetreten waren, und scheint sich damit zufrieden zu geben, wenn sie sich im Gefängnis bereit erklären, in Zukunft türkische Tracht zu tragen."

Aus weiteren Stellen der erwähnten Briefe geht hervor, dass in Angora unter den armenischen Katholiken grosse Beunruhigung besteht. Bei der nun einmal hier herrschenden Willkür ist es nicht ausgeschlossen, dass gewisse Übergriffe von Zeit zu Zeit erfolgen werden. Immerhin ist die Regierung zweifellos gewillt, ein schärferes Vorgehen gegen die armenischen Katholiken zu vermeiden. Dr. Schade erhält mich fortgesetzt auf dem Laufenden über die Verhältnisse in Angora. Ich werde nicht verfehlen, die Angelegenheit im Auge zu behalten und nötigenfalls die hiesige Regierung auf die Vorgänge in Angora aufmerksam zu machen. Bemerken möchte ich noch, dass die Angelegenheit mit Rücksicht darauf, dass es sich um türkische Untertanen handelt, besonders heikel ist und dass, da Dr. David die einzige Persönlichkeit ist, durch die wir Nachrichten über die Behandlung der armenischen Katholiken erhalten können, es äusserst schwierig ist, bei der Regierung Vorstellungen zu erheben, ohne dabei den Verdacht zu erwecken, dass der Genannte unsere Quelle ist.

Andererseits befürchte ich, dass Dr. David die Rückkehr der Zwangbekehrten zum Christentum anstrebt und bei seiner Missionstätigkeit in diesem Sinne vielleicht etwas zu weit geht. Wie ich unter dem 5. Januar d.J. mit Telegramm Nr. 17 die Ehre hatte zu berichten, ist die hiesige Regierung der Ansicht, dass eine solche Rückkehr von Zwangsbekehrten zum Christentum im gegebenen Augenblick nicht angebracht sei, dass sich die Angelegenheit jedoch nach dem Kriege befriedigend lösen lassen werde. Es würde sich daher wohl empfehlen, wenn Herr Abgeordneter Erzberger Dr. David in diesem Sinne beeinflussen würde.

Die Tätigkeit eines deutschen katholischen Geistlichen bei den katholischen Armeniern dürfte schon mit Rücksicht darauf gewissen Schwierigkeiten unterworfen sein, dass der armenische Ritus ein ganz anderer ist als der der römisch-katholischen Kirche. So ist beispielsweise der armenische Geistliche berechtigt, die Firmung zu spenden, während dies bei den römischen Katholiken nur der Bischof tun kann. Abgesehen davon wird auch bei der Messe ein ganz anderer Ritus beobachtet. Es muss daher die Frage aufgeworfen werden, ob es überhaupt zweckmässig erscheint, einen deutschen katholischen Geistlichen mit der Seelsorge der armenischen Katholiken zu beauftragen, und dies um so mehr, als es sich hierbei ja ausschliesslich um ottomanische Untertanen handelt. Sicherlich wird diese Tätigkeit eines deutschen Geistlichen beständige Schwierigkeiten mit der türkischen Regierung zur Folge haben.

Ich darf daher Euerer Exzellenz Erwägung gehorsamst anheimstellen, ob es sich nicht empfehlen würde, in diesem Sinne mit Herrn Erzberger und dem Kardinal von Köln in Verbindung zu treten. Die Angelegenheiten der armenischen Katholiken sind ja eigentlich Sache des heiligen Stuhles. Hierbei muss allerdings berücksichtigt werden, dass dessen Vertreter in Konstantinopel, der apostolische Delegat, von der türkischen Regierung als solcher nicht anerkannt ist. Die türkische Regierung zeigt ihm zwar ein gewisses Entgegenkommen, doch erschwert ihm der Umstand, dass er offiziell nicht als Vertreter des heiligen Stuhles auftreten kann, seine Tätigkeit in hohem Masse.


Kühlmann


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