1917-03-24-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14096
Zentraljournal: 1917-A-10978
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 04/04/1917 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Direktor des Deutschen Hülfsbundes für christliches Liebeswerk im Orient Friedrich Schuchardt an den Legationsrat im Auswärtigen Amt Rosenberg

Schreiben



Frankfurt a. Main, den 24. März 1917.

Sehr geehrter Herr Geheimrat,

In der Anlage erlaube ich mir, Ihnen Abschrift eines Briefes unseres Herrn von Dobbeler in Harunije Vilajet Adana zu überreichen. Auch von unseren anderen Stationen kommt dieselbe Klage. Der Verlust auf das Papiergeld beträgt reichlich gleichmässig Zweidrittel des Wertes. Durch diesen Zustand gehen viele Zehntausende zwecklos verloren, ohne dass dem türkischen Staat dadurch irgend ein Gewinn erwachsen würde. Es scheint, dass die türkische Regierung nicht die Macht hat, Vollwertigkeit des Papiergeldes durchzusetzen. Für uns Deutsche, die wir dieses Geld auch heute noch reichlich teuer bezahlen müssen, ist diese Tatsache doppelt schmerzlich, weil doch das türkische Papiergeld durch das Deutsche Reich gedeckt ist.

Dass ich Ihnen diese Angelegenheit wiederholt unterbreite, geschieht in der stillen Hoffnung, dass es Ihnen vielleicht doch möglich wäre, eine Aenderung oder teilweise Verbesserung zu erreichen.

Vor kurzem ist mir ein Betrag von mehreren Hunderttausend Mark in Aussicht gestellt worden, wenn ich bereit wäre, eine Reise nach Aleppo zu machen, um nach Möglichkeit der furchtbaren Not, in der sich die deportieren Armenier befinden, abzuhelfen. Weitere grosse Beträge würden wahrscheinlich folgen. Wenn ich mir nun aber denke, dass Zweidrittel dieses Geldes durch den Minderwert des Papiergeldes für das Unterstützungswerk verloren gingen, um in die Taschen gewissenloser Gold- & Geldspekulanten zu fliessen, so fehlt mir jede Freudigkeit zu diesem Schritt.

Von privater Seite wurde mir mitgeteilt, dass Talaat Pascha eine Aenderung der Politik gegen die Armenier durchgesetzt hat. Ich befürchte, dass diese Massregel, wenn sie wirklich wahr ist, zu spät kommt und dass heute kaum noch ein Armenier von den Türken etwas zu seinen Gunsten erwartet.

Wenn ich es auch nicht hoffe und wünsche, so wäre es doch möglich, dass die Russen auf der sogenannten Kaukasusfront im Frühjahr wieder vorrücken würden, und möchte ich Ihnen schon heute dringend ans Herz legen, durch unsere Militärbehörde doch Herrn Prediger Ehmann in Mamouret-ul-Asis rechtzeitig Nachricht zukommen lassen zu wollen, wenn dieser Fall wider Erwarten eintreten würde.

Mit grosser Spannung sehe ich dem ausführlichen Bericht unserer Schwester Beatrice Rohner über den Verbleib der armenischen Waisenkinder entgegen, die dieser seitens der türkischen Regierung anvertraut gewesen sind. Nach den mir zugegangenen Mitteilungen scheint die türkische Regierung diese Kinder in türkischen Waisenhäusern untergebracht zu haben und liegt die Vermutung nahe, dass die Absicht besteht, diese Kinder zu Moslems zu machen.

Wenn Sie in letzter Zeit von mir auch nur wenig gehört haben, so dürfen Sie doch versichert sein, dass ich Ihrer und Ihrer verantwortlichen Aufgabe treu gedenke. Es ist ja für unser Vaterland von so überaus grosser Wichtigkeit, dass auch die Leitung unserer Politik sich in göttlichen Bahnen bewege.

Herzlich und dankbar ergeben, grüsst mit vorzüglicher Hochachtung


F. Schuchardt


Anlage

Abschrift.

Harunije, Vilajet Adana, den 3. März 1917

Hochverehrter Herr Schuchardt,

wir möchten Ihrem Rat, hochverehrter Herr Schuchardt in folgender Angelegenheit erbitten: Die hiesige Bevölkerung, und besonders die Landbevölkerung weigert sich je länger, je mehr das Papiergeld als Zahlungsmittel anzuerkennen. Nur in Ausnahmefällen lassen die Leute sich herbei, die Banknote zu einem Drittel ihres Wertes in Zahlung zu nehmen. Gewisse Lebensmittel, wie Eier, Butter und Käse werden grundsätzlich wie auf Verabredung hin, nicht gegen Papiergeld abgegeben. Nebenher geht, selbst wenn man Gold, oder Silber als Zahlungsmittel bieten kann eine ganz unnatürliche Teuerung aller Lebensmittel so, wie wir dies früher nie für möglich gehalten hätten.

Es handelt sich nun um die Frage, ob es möglich ist das Papiergeld in Gold umzuwechseln und dabei einen geringeren Verlust zu haben, als wenn wir hier die Banknote zu einem Drittel und bald zu einem Viertel ihres Wertes in Zahlung geben müssen.

Für einen Teil der hiesigen Monatsquote müsste dies unbedingt geschehen, da wie ich schon erwähnte, gewisse Lebensmittel überhaupt nur für Gold oder sogen. Hartgeld zu haben sind.

Wie begründet diese Forderung ist, mag daraus erhellen, dass die Militärbehörde allen Offizieren und Soldaten einen Teil ihrer Bezüge in Gold oder Silbergeld auszahlen lässt. Jeder Kenner dieses Landes und jedes Bankinstitut wird die Richtigkeit obiger Ausführungen bezeugen können. Die Umwechslung des Papiergeldes in Gold könnte nach meinem Dafürhalten nur in Konstantinopel durch ein grösseres Bankinstitut (also nicht durch Wechsler und Kleinhändler, die masslosen Wucher damit treiben) geschehen. Es müssten darüber in Konstantinopel an Ort und Stelle Erkundigungen eingezogen werden, eventuell auch mit den Behörden darüber Beratungen abgehalten werden.

Die türkische Regierung ist nicht in der Lage ihrem Papiergeld Anerkennung zu verschaffen.

Bis zur Beendigung des Krieges ist unter den obwaltenden Verhältnissen eine Erhöhung unserer Monatsquote unvermeidlich. Für uns hier, die wir in der Nähe der Bagdadbahn wohnen, liegen die Verhältnisse noch besonders schwierig, da die Bahnbau-Gesellschaft mit ihren 10000 Arbeitern, die hier beschäftigt werden, alle Lebensmittel aufsaugt und die Teuerung ständig vermehrt.

In der Hoffnung, dass es Ihren geschätzten Bemühungen gelingen wird uns in dieser ausserordentlich schwierigen Zeit zu helfen, zeichne ich mit vielen Grüssen von uns allen hier als Ihr ganz ergebener


[B. von Dobbeler]


[Zimmermann an Botschaft Konstantinopel (No. 339) 4.4.]

Der Deutsche Hülfsbund für christliches Liebeswerk im Orient befürchtet, dass seine Niederlassung in Mamouret-ul-Asis im Falle einer russischen Frühjahrsoffensive an der Kaukasusfront gefährdet werden könnte. Er hat die Bitte ausgesprochen, dass der Leiter der Niederlassung Pastor Ehmann eintretendenfalls rechtzeitig gewarnt werden möchte.

Ew. pp. wollen die in Betracht kommenden deutschen Stellen auf die Niederlassung des Hilfsbundes aufmerksam machen


[Rosenberg an Schuchardt 4.4.]


Sehr geehrter Herr Schuchardt,

mit verbindlichem Dank bestätige ich Ihnen den Empfang ihres freundlichen Schreibens vom 24. v.Mts.

Wenn ich auch ebenso wie Sie, Besorgnisse für die Station Mamouret-ul-Asis und Herrn Pastor Ehmann vorläufig nicht für begründet halte, so ist doch der Kaiserliche Botschafter in Constantinopel vorsichtshalber beauftragt worden, die zuständigen militärischen Stellen auf die Niederlassung aufmerksam zu machen und ihnen eine rechtzeitige Warnung nahezulegen.

Herr von Dobbelers Klagen über die Entwertung des Papiergeldes sind leider nur zu berechtigt. Die grössten Finanzkapazitäten haben sich vergeblich bemüht, ein Mittel gegen diesen Misstand zu finden. Wir werden uns wohl oder über damit abfinden müssen wie mit vielen anderen lästigen Begleiterscheinungen des Krieges.

Die auch Ihnen zugegangene Nachricht über die Aenderung der Politik des neuen Grosswesiers in der Armenierfrage wird uns bestätigt. Viel ist ja leider schon unwiederbringlich verloren. Trotzdem sollten wir uns, glaube ich, dieser Wandlung der Ansichten freuen.

Indem ich Ihnen, sehr verehrter Herr Schuchardt, noch besonders für Ihre freundlichen Wünsche und Grüsse danke, bin ich mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr sehr ergebener


[Rosenberg]



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