1916-02-13-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 20050
Zentraljournal: 1916-A-04535
Erste Internetveröffentlichung: 2017 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1915.06-1916.12
Praesentatsdatum: 02/18/1916 a.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


"Morgenbladet" (Kristiania/Oslo) Nr 80 vom 13. Febraur 1916.

Der letzte Akt des Dardanellen-Feldzugs


Kristiania, den 15. Februar 1916

Die „Der letzte Akt des Dardanellenfeldzuges“ überschriebene und in „Morgenbladet“ veröffentlichte Kriegsbetrachtung wird seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg unter Bezugnahme auf anderweitige Berichterstattung im Ausschnitt nebst deutscher Uebersetzung gehorsamst vorgelegt.

Uebersetzung.

Morgenbladet Nr. 80, den 13. Februar 1916.


Der letzte Akt des Dardanellenfeldzuges

Wir schlossen unsere Uebersicht über die Ereignisse bei den Dardanellen und auf der Gallipoli-Halbinsel im 5. Vierteljahr des Kriegs mit folgenden Worten: „Es kommt uns deshalb als wahrscheinlich vor, dass das ganze Dardanellen-Unternehmen in Wirklichkeit aufgegeben ist, und dass die Truppen, die hier stehen, fortgebracht und an Stellen Verwendung finden werden, wo sie Aussicht haben können, etwas Besseres auszurichten, als bloß eine bedeutende Streitmacht der türkischen Armee festzuhalten.“ Die Ereignisse im 6. Vierteljahr des Krieges haben uns in unserer Annahme recht gegeben. Die Gallipoli-Halbinsel ist geräumt, der ganze Versuch, sich die Durchfahrt durch die Dardanellen nach Konstantinopel zu erzwingen, ist aufgegeben worden.

Am 18. Oktober 1915 wurde Sir Jan Hamilton, der bis zu dem Tage das Oberkommando zu Lande geführt hatte, durch General Monro abgelöst. Sir Jan war nach London berufen worden, um mündlichen Bericht über die Lage zu erstatten, die schon seit den unglücklichen und mit sehr grossen Verlusten verbundenen Kämpfen nach der Landung bei der Sulva-Bucht am 6. August sich in einer immer weniger befriedigenden Weise entwickelt hatte. Am 2. November, nachdem die Besprechung mit Sir Jan stattgefunden hatte, erklärte Asquith, dass „Die Lage an den Dardanellen Gegenstand unserer sorgfältigsten und ängstlichsten Aufmerksamkeit ist.“ Hierzu hatte unzweifelhaft beigetragen, dass General Monro kurz nach seiner Uebernahme des Kommandos als seine Ueberzeuggung ausgesprochen hatte, man sollte zusehen, dass man sich aus der Dardanellensache herauszöge, und nicht zu einem Winterfeldzug schreite, wobei alle die ohnehin grossen Schwierigkeiten noch in hohem Grad vermehrt werden würden.

Die Sache war indessen von so grosser Bedeutung und der Beschluss, der gefasst werden musste, von so grosser Tragweite, sowohl militärisch wie politisch, dass die britische Regierung, ehe sie ihre endgültige Entscheidung traf, es nötig fand, ihren, wie wohl anzunehmen, kundigsten Mann auf diesem Gebiete, Lord Kitchener, dort hinunter schickte, um an Ort und Stelle durch Augenschein sich von dem Erwünschtsein oder der Notwendigkeit, das grosse Unternehmen aufzugeben, selbst zu überzeugen. Der Bericht, den er bei seiner Rückkehr erstattete, ging offensichtlich in derselben Richtung wie der Moros, und die Regierung beschloss, dass die Räumung der Halbinsel bei der ersten sich bietenden günstigen Gelegenheit erfolgen sollte. Dass dies sich so verhält, geht aus Asquiths Rede im Unterhaus am 20. Dezember hervor, in der er mitteilte, dass die Truppen der Sulva-Bucht und Ari-Burnu (the Anzac Beach) zurückgezogen worden seien, und weiter noch äusserte, dass dieser Beschluss „vor einiger Zeit“ gefasst worden sei.

Die Alliierten hatten, wie man weiss, festen Fuss auf der Halbinsel an drei Punkten gefasst, - an zwei Stellen an der Westküste, bei Ari Burnu und bei der Sulva-Bucht, wo bloss britische Truppen standen, und unten an der Südspitze, bei Sed-el Bahr, wo auch ein Teil französischer Truppen stand. Die Räumung dieser Punkte fand an zwei verschiedenen Tagen statt - oder Nächten, richtiger gesagt. An der Westküste wurden die Stellungen in der Nacht zum 19. Dezember, bei Sed-el-Bahr in der Nacht zum 8. Januar geräumt.

Der ganze Feldzug dort unten weist genug Fehler und unglückliche Massnahmen auf, schon von dem ersten übereilten und schlecht vorbereiteten Versuch, die Meeresstrasse durch eine maritime Unternehmung mit Gewalt zu nehmen, bis zu der letzten Landung an der Sulva-Bucht, wo derartige betrübende Wankelmütigkeit und Unentschlossenheit an den Tag gelegt wurde, dass die verhängnisvollsten Folgen nicht ausbleiben konnten. Wir haben in unseren früheren Vierteljahresübersichten diese Dinge genauer klargelegt, und werden deshalb hier nicht auf sie zurückkommen. Aber wenn die ganze Unternehmung demnach ein dunkles Blatt in der britischen Kriegsgeschichte immer bleiben wird, so gibt es doch zwei Dinge, die einen versöhnenden Schimmer über sie werfen. Das erste ist der persönlich Mut und die Opferwilligkeit, die die britischen „Tommies“ die ganze Zeit an den Tag gelegt haben - unter einer besseren Leitung ist es nicht undenkbar, dass sie das gigantische Unternehmen hätten durchführen können. Und das andere ist die glänzende Art und Weise, in der der Rückzug unter General Monros Leitung ausgeführt wurde. Das ist eine militärische Tat von sehr hohem Rang, kühn erdacht, ausgezeichnet geplant und rasch und mit vorzüglicher Tüchtigkeit ausgeführt, -„the biggest bluff in the history of war“, wie ein Berichterstatter eines englischen Blattes ihn genannt hat.

Als die Stellung an der Westküste geräumt war - ohne Verlust eines einzigen Manns, und ohne dass eigentlich in Wirklichkeit irgendwelche Vorräte zurückgelassen worden waren, die in die Hände der Türken fallen konnten - war es erst eine heftige Kanonade von den Kriegsschiffen ausserhalb, die die Hafendämme an den Landungsstellen kurz und klein schossen, was die Türken darauf aufmerksam machte, dass etwas Aussergewöhnliches los war. Und erst später am Tage, als die Sonne anfing, den Nebel, der geherrscht hatte, zu durchbrechen, und nachdem sie einige Zeit die feindlichen Stellungen beschossen hatten, wurde es ihnen klar, dass der Vogel weggeflogen, und sie ihr gutes Pulver nutzlos vergeudet hatten.

Die ganze Räumung der Westküste wurde nicht in einer Nacht ausgeführt; dazu war das eine allzu grosse Arbeit. Sie ging in Wirklichkeit allmählich während zehn Nächten hintereinander vor sich. In der ersten wurden alle die Vorräte, die aufgestapelt waren zum Gebrauch während des Winters, an Bord gebracht und fortgeschafft. In der zweiten Periode wurden alle übrigen Vorräte ausser dem allernotwendigsten, was man an Munition, Proviant und Fourage für die nächsten Tage brauchte, weggebracht. In den beiden letzten Nächten ging dann die Einschiffung von Geschützen, Wagen, Pferden, Mauleseln und allen Truppen vor sich. Alles war mit der grössten Genauigkeit geordnet. Jeder Mann wusste genau, wann er aufbrechen und wohin er sich begeben sollte, und wohin jedes einzelne Stück der riesenhaften Vorräte an Bord der Schiffe verstaut werden sollte. Man hatte erst beabsichtigt, die Truppen vor der letzten Periode nach der zweiten Verteidigungslinie zurückzuziehen, damit der Weg für sie kürzer und leichter für sie sein sollte, so rasch als möglich an Bord zu kommen. Aber dieser Plan wurde aufgegeben, da man meinte, dass derartige Veranstaltungen die Türken warnen könnten, dass etwa Ungewöhnliches los sei, und alles blieb deshalb bis zum letzten Augenblick, wie sonst.

In der letzten Nacht, von 8 Uhr bis 11/2 Uhr wurden die Schützengräben in der vordersten Linie bloss mit 150 auserwählten Mann von jeder Brigade besetzt gehalten, während die übrigen Truppen an Bord gebracht wurden. Die „last ditchers“ sollten die Nachhut für sie bilden und wenn nötig, einen feindlichen Angriff während der Einschiffung aufhalten und abwehren. Um 31/2 Uhr morgens sprengten die Anzac-Leute eine gewaltige Mine in die Luft, die sie bis mitten zwischen ihren eigenen und die Linien der Türken vorgeschafft hatten. Die Türken glaubten, die Australier wollten zum Angriff vorgehen, und ganze 40 Minuten richteten sie ein rasendes Gewehrfeuer gegen das Sprengloch, aus dem sie jeden Augenblick erwarteten, den Feind hervorstürmen zu sehen. Während der Frist, die die Briten dadurch erhielten, wurde die Nachhut zurückgezogen. Als der Tag graute, war nicht ein einziger britischer Soldat mehr auf diesem Teil der Halbinsel zurück, und alle Transportschiffe und Leichter waren in Sicherheit, weit von der Küste entfernt. Nur eine Reihe gewaltiger Scheiterhaufen, wo die Vorräte, die man nicht die Gefahr wert gefunden hatte, wegzuschaffen, verbrannt wurden, loderten mit mächtigen roten Flammen gen Himmel - wie ein höhnischer Abschiedsgruss der wegziehenden Truppen an die Türken, die genarrt worden waren und um das gekommen, was sie als ihre sichere Beute angesehen hatten.

Darüber, wie die Räumung unten bei Sed-el-Bahr vor sich gegangen ist, haben wir keinen Bericht gesehen. Vermutlich ist sie ungefähr in derselben Weise ausgeführt worden, wie an der Westküste. Die Aufgabe war hier insofern noch schwieriger, als dort oben, weil die Türken jetzt darüber im reinen waren was bevorstand und deshalb doppelt gut aufpassten. Aber den Briten gelang es auch hier, sich praktisch genommen, ohne einen einzigen Mann zu verlieren, zurückzuziehen. Jedoch mussten sie hier etwas mehr von ihren Vorräten - ausser einigen Kanonen - zurücklassen, als an der Westküste.

Die letzten Szenen des Dardanellen-Dramas werfen durch die Tüchtigkeit, mit der sie ausgeführt wurden, einen versöhnlichen Schimmer über die grosse Tragödie, deren Charakter eines verhängnisvollen Fiaskos sie indessen nicht verändern können. Dazu waren die vielen Fehler allzu augenfällig, und die Opfer, die sie gekostet, allzu gross, sowohl an Blut wie Geld.

Was das Unternehmen gekostet hat? Unmöglich für uns, anzugeben. Aber auf mehrere Milliarden Kronen beläuft sich die Rechnung sicher - ungefähr an die fünf Milliarden würden wir sagen, bei einem oberflächlichen Vergleich mit den britischen Gesamtausgaben während des Krieges; wahrscheinlich mehr. Eine bessere Uebersicht haben wir über die Verluste an Menschenmaterial. Zwar besitzen wir keine Aufschlüsse über die Verluste der Franzosen hier unten, aber wir können wohl annehmen, dass diese prozentweise ungefähr die gleichen wie die der Briten gewesen sind. Für diese belaufen sich die Verluste bis zum 9. November auf etwa 23000 Gefallene, 73000 Verwundete, 1100 Vermisste und 90000 Kranke - zusammen also 189000 Mann. Rechnen wir nun, dass die täglichen Verluste in den beiden letzten Monaten nur ein Drittel von dem gewesen sind, was sie durchschnittlich während der übrigen Zeit waren, so sollte der Gesamtverlust der Briten sich auf wenigstens 200000 Mann belaufen. Die Franzosen hatten zwei Divisionen unten bei Sed-el-Bahr, während die Briten im ganzen vermutlich zwölf oder dreizehn hatten. Prozentweise gerechnet, sollte demnach der Verlust der Franzosen etwa 30000 Mann betragen. Das ganze Unternehmen sollte also den Alliierten zwischen 230000 und 240000 Mann gekosten haben.

Aber damit das Dardanellen-Konto völlig abgeschlossen werden kann, genügt es nicht, nur die unmittelbaren Verluste an Blut und Geld zu berücksichtigen. Wir müssen auch in Betracht ziehen, dass auf der Gallipoli-Halbinsel nach und nach eine halbe Million guter Truppen gebunden worden sind, für die man bei mehr als einer guten Gelegenheit sehr gute Verwendung an der Westfront gehabt hätte, wo es nicht undenkbar ist, dass ihre Gegenwart den Dingen ein anderes Aussehen hätte geben können und zu wichtigen Ergebnissen führen könnte - eine halbe Million mehr an dem entscheidenden Punkt und an dem entscheidenden Tage unten in der Champagne oder oben im Artois würde einen bedeutenden Unterschied gemacht haben.

Weiter muss man in Betracht ziehen, den grossen Verlust an Prestige, den das Aufgeben eines so grossen Unternehmens zur Folge gehabt hat - in der Levante, in der ganzen mohamedanischen Welt, ja, man kann getrost sagen, in der ganzen Welt überhaupt. Dass die Briten ein Bulldog-Unternehmen, dass sie einmal angefangen, aufgegeben haben, dass die Türken vermocht haben, der britischen Flotte selbst und einem grossen britisch-französischem Heer, das viele Male grösser war, als das, welches Sepasopol bezwang, den Weg zu versperren, das hat überall einen sehr grossen Eindruck gemacht, der bereits schlimme Verluste auf der Arena der Politik zur Folge gehabt hat, und der freilich mit der Zeit noch mehr und schlimmere bringen kann.

Aber natürlich hat die Abrechnung auch eine Creditseite, selbst wenn der Betrag, der hier aufgeführt werden kann, verhältnismässig bescheiden ist im Vergleich mit dem auf der Debetseite. Der Angriff auf die Dardanellen - und die Lage, die vorgelegen haben würde, wenn er gelungen wäre - hat die Türken gezwungen, alle ihre Kraft in Europa zu konzentrieren. Sie haben völlig den Feldzug gegen Aegypten, den sie begonnen hatten, aufgeben müssen. Sie haben die Offensive aufgeben müssen, die sie im Kaukasus bereits gut in Gang gesetzt hatten. Dadurch haben sie es den Russen ermöglicht, den grössten Teil der Streitmacht, die sie vorher gezwungen waren, dort zu verwenden, hinüber nach ihrer westlichen Front zu ziehen, wo deren Gegenwart bei mehr als einer Gelegenheit die schwierige Lage für sie gerettet hat - insbesondere bei Jaslo und während der Kämpfe an der Weichsel, als die Wagschale stand und schwankte, und es waren die kaukasischen Regimenter - zusammen mit einigen sibirischen - denen in erster Linie die Ehre dafür gebührt, dass die Wagschale zu ihren Gunsten wippte.

Aber wenn man das hervorgehoben hat, ist damit auch alles angeführt worden, was sich auf die Creditseite des Dardanellen-Unternehmens buchen lässt. Es wirkt nicht sehr stark auf die endgültige Bilanz ein, die ist und bleibt trostlos schlecht, gleichgültig unter welchem Gesichtwinkel man sie auch sieht.


[Interne Anfrage 26.2.]

Herrn L. R. Trautmann. Beifolgende Anlage ist von Abteilung A an den Generalstab, Admiralstab und Botschaft Konstantinopel gesandt worden. Bitte zu prüfen, ob sie für unsere Presse verwertbar ist.

[Antwort (Tr.): Das Thema ist nicht mehr aktuell.]



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