1916-05-31-DE-004
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Quelle: DE/PA-AA/R 20075
Zentraljournal: 1916-A-14907
Erste Internetveröffentlichung: 2017 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1915.06-1916.12
Praesentatsdatum: 06/06/1916 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 269
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Telegraphischer Bericht


Pera, den 31. Mai 1916

Euerer Exzellenz beehre ich mich anliegend zwei Reiseberichte des Militärbevollmächtigten, Generals v. Lossow, abschriftlich vorzulegen.

P. Metternich
Anlage 1
29. Mai 1916

Von Konak Mossul (28. Mai 9,30 pm.)

An Etappe (entz. 29/5 5 pm.)

Für Deutschen Militärattaché und v. Haas, v. Falkenhayn, Admiralstab, Reichsmarineamt, Souchon, Botschafter.

I. Verhandlungen in Bagdad sind im Sinne Telegramms Nr. 23 (für Human setze Nr. 14) abgeschlossen worden. Mit Oberst v. Gleich und Herzog von Mecklenburg ist Einigung auf dieses Programm erzielt. Sie werden nach besten Kräften mitarbeiten. Da Vassel krank, wurde Militärattaché Willamowitz auch für Vassel eingehend orientiert. Kolonne Herzog von Mecklenburg wird an türkischen Truppen haben: 4 bis 5 Bataillone, eine Maschinengewehrkompagnie, eine Gebirgsartillerie-Batterie, wahrscheinlich eine Kavallerie-Brigade in Stärke von 8 Eskadrons, 3 Maschinengewehrkompagnien, 1 Gebirgsartillerie-Batterie. Herzog von Mecklenburg will in nächsten Tagen Mossul gehen.

II. Enver Pascha ist über Verhandlungen mit Nisam es Saltaneh befriedigt, hat diesem auf Wunsch ein Schriftstück - Inhalt eine Art Bündnisvertrag – unterschrieben. Nach Auskunft Ali Baschkampa ist Nisam mit provisorischer Regierung in ständigem Konnex mit Regierung Teheran. Diese müsse sich naturgemäß zur Zeit nach außen neutral bezw. russisch-freundlich zeigen, sei jedoch innerlich auf unserer Seite und unterstütze insgeheim Nisam. Sobald Regierung Teheran von Russenzwang befreit, wird verabredungsgemäß Nisam zurücktreten oder sich mit Regierung verschmelzen.

III. Enver hat den 3 großen arabischen Moscheen im Namen ----- wertvolle Geschenke überbracht. Im Anschluß einer feierlichen Übergabe haben Verhandlungen mit hohen arabischen politischen und religiösen Persönlichkeiten stattgefunden, desgleichen mit hohen Schehbade-Geistlichen, Ergebnis sehr günstig. Man erhofft gute Folgen auf politischem und religiösem Gebiet vielleicht sogar Beendigung aller Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten.

IV. In Kerbela und Nedschef herrschte seit längerer Zeit Aufstand. Bewegung war weniger Schiiten-Verschwörung als lokal und von Araberstämmen ausgehend. Aufständische schützen sich gegen türkische Truppen durch künstliche Überschwemmungen. Türken anwandten gleiche Mittel und setzten dadurch 18. Mai niedrig gelegene Teile von Kerbela unter Wasser dessen große Oberheiligtümer (?) jedoch durch Überschwemmungen nicht berührt sein sollen, was wegen seiner weittragenden Folgen sehr unerwünscht gewesen wäre. Enver mitteilte mir 25. Mai dass Aufständische durch Boten Unterwerfung angeboten haben. Friedliche Beilegung wahrscheinlich.

V. Wenn auch die militärische Lage der 6. Armee an englischer und russischer Front günstig ist und Halil Pascha hier seine Stellungen auszufüllen scheint so hatten doch die Reiseteilnehmer den Eindruck dass dem türkischen Südosten schon lange die starke Hand fehlt. In Verwaltung, Etappenwesen, Straßenbahn etc. ist Mangel an Organisation fast eine gewisse Anarchie zu erkennen. Schleunige Abhilfe sachlich (?) wie sie Djemal Pascha für Syrien geschaffen hat, wäre diesem Land dringend nötig. Ob Halil Pascha der geeignete Herr ist für vizekönigliche Zentralgewalt in Mesopotamien und Irak, ist zweifelhaft.

VI. Am 24. Mai besuchte Enver russische Front Tonker-Hanekin. Wegen Autoeinschränkung mit Rücksicht auf Benzin und Reifen fuhr er allein mit Bronsart v. Schellendorf und Halil. Lage an Front gut, Stellungen gut ausgebaut. Russische Kräfte westlich des Peitak-Passes als ganz schwache festgestellt. Verhalten Russen passiv. Bei und westlich Kermanschah höchstens eine russische Division mit einigen Kavallerieregimentern. Von englischer Front wird gemeldet, dass Engländer schwere Geschütze aus Fellache-Stellung nach Basra zurückbringen.

VII. Abreise Bagdad am 25. Mai nachmittags per Bahn bis Samarra Abschied sehr feierlich, starke Beteiligung von Bevölkerung und besonders Geistlichkeit. Am 26. früh ab Samarra per Auto abends 7 Uhr Ankunft Mossul. Diese ungewöhnliche Leistung 320 km war nur für wenige Automobile möglich, da auf dieser Strecke ein erkennbarer Weg nur teilweise besteht, fast sämtliche Brücken eingestürzt sind Passage von Flüssen und Sümpfen durch keinerlei Kunstbauten unterstützt wird. Unterwegs selbst hochgelegene Steppe teilweise bebaut, Steinkohlen, sehr viele Weiden, besonders auffallend reicher Pferdebestand. Auftreten der Heuschrecken zahlreich, sodass für nächstes Jahr mit Schaden gerechnet werden muss, falls Gegenmaßregeln nicht erfolgen. Haltung arabischer Bevölkerung überall sehr freundlich. Abreise Mossul am 28. Mai. Besichtigung Schartur Bauten in Scherablus am 29. Mai. Rückkehr nach Konstantinopel voraussichtlich 3. Juni.

Zusatz: Bopp und Leiche v.d.Goltz zur Zeit Mossul.


[Lossow 36] [Human 17]
Anlage 2
25. Mai 1916

Von Konak 6. Armee (25.5. 8,- am.)

An Etappe (entz. 6,oo pm.)

Für Militärattaché und von Haas.

An General von Falkenhayn, Admiralstab, Reichsmarineamt, Souchon, Botschafter.

Fahrt Mossul Bagdad wurde angetreten 17. Mai früh auf Tigris. Personen und Autos auf ortsüblichen Fahrzeugen, Flößen auf ledernen Luftsäcken mit Tragfähigkeit von 5 bis 10 Tons. Beförderungsweise funktioniert sicher, ist zweckmäßig für Personen und Lastenverkehr. Bau der Flöße und Schiffahrt werden ausgeführt durch große arabische Schiffergilde in Tekrit welche stets 70000 Luftschläuche verfügbar hält; Floss von über 5 Tonnen Tragfähigkeit benötigt 300 Schläuche. Holz Reisig und sonstiges Baumaterial sind ausreichend vorhanden. Hoher Wasserstand beschleunigte Reise auf 8 bis 10 Stunden Kilometer, helle Nächte ermöglichten Nachtfahrt. Ankunft Samarra 18. Mai abends, wo Führer 6. Armee Halil Pascha und Stabschef Oberst v. Gleich zum Empfang. Weiterfahrt am 19. Mai früh auf Teilstrecke Bagdadbahn in 3 ½ Stunden. Auf Bahnhof großer Empfang sowie Aufstellung von mehreren tausend Gefangenen aus Kut el Amara. Enver Pascha besichtigte eingehend, fragte persönlich nach Gesundheitszustand, Ernährung, Klagen. Zustand Gefangener überraschend gut nur sehr wenig Verwundete, Erkrankungen durchweg Dyssenterie. Wünsche der Leute nur nach mehr Fleisch. Transport schwierig weil Gefangene zu Marschleistung bei jetziger Temperatur unfähig. Auch Verpflegung auf Wüstenstrecke Bagdad - Ras el Ain und Bagdad – Aleppo wird sehr schwierig werden. Weiße Engländer sollen bei Bahnbau Angora – Siwas, farbige Engländer bei Bahnbau Ras ul Ain – Nisibin verwendet werden. Überfahrt nach Bagdad erfolgte auf erbeutetem englischen Kanonenboot, das in gutem Zustand. In Bagdad außer Gesandtschaft für Persien auch Nisam Saltane, der von Enver Pascha ungewöhnlich zuvorkommend behandelt wird.

Am 20. Mai Fahrt nach Kut el Amara auf Flussdampfer. Aufenthalt und Besichtigung Ktesifon. Am 21. Mai früh Ankunft in Kut. Da in Umgebung Artilleriekampf machte Dampfer oberhalb fest. Zu Pferde erfolgt Besichtigung Stadt, der geräumten Stellung, der jetzigen Stellung; an 2 Regimenter werden Fahnenbänder verliehen, Artilleriegefecht gegen feindliche Kavalleriebrigade wird beobachtet. Abends Rückreise nach Bagdad, Eintreffen dort 23. Mai vormittags.

Die Fahrten auf Tigris führten durch fruchtbare Stellen angebaute Steppen. Bevölkerung teils ansässige teils nomadisierende Araber überall bemerkenswert große Herden. Oberhalb Bagdad viele Ansiedlungen am Fluss, unterhalb sehr viele Bewässerungsanlagen meist primitiver Art mit denen fleißig gearbeitet wird. Nach Mitteilungen Eingeborener und Landeskundiger Steppe außerordentlich fruchtbar.

Etappenverhältnisse 6. Armee auf Strecke Mossul – Kut el Amara sehr schlecht. Enver rügte sehr viel giebt Anweisung für Neuorganisationen und will mit allen Mitteln Ausnutzung Wasserwege fördern. Energische Ausnützung vorhandener Petroleumquellen und Kohlenminen soll auch zu diesem Zweck gefördert werden.

Stellung östlich Kut el Amara unverändert, Skizze wird eingesandt. Enorme Hitze Insektenplage erschweren Lebensbedingungen der Truppen und machen jetzt größere Operationen fast unmöglich. Geräumte englische Stellungen zeigen wie auf Gallipoli mäßige Arbeit und viel Schmutz. Ein Teil der Stellung besonders im Norden war sehr stark ausgebaut im übrigen wurde offenbar mit Fehlen vom türkischen Steilfeuer gerechnet.....


[Lossow 24] [Human 16]



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