1913-06-08-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 14079
Zentraljournal: 1913-A-11503
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 06/08/1913 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


"Frankfurter Zeitung"

Armenien


Armenien

Von Dr. Paul Rohrbach (Berlin).


Bis zum Balkankrieg von 1912 war Mazedonien der "Wetterwinkel" der Türkei; jetzt ist es Armenien. Im Januar dieses Jahres war Rußland unmittelbar daran, in Armenien einzurücken. Nur die bestimmte Erklärung Deutschlands, daß es einer Verletzung der Grenzen der asiatischen Türkei nicht ruhig zusehen werde, hielt die russischen Truppen im Kaukasusgebiet zurück. Rußland hat aber keineswegs aufgehört in der armenischen Frage tätig zu sein. Es steht mit den beiden nichttürkischen Elementen in Armenien, den Armeniern und den Kurden, in Verbindung. Gegen Ende des vergangenen Winters waren elf kurdische Scheichs in Tiflis bei dem kaukasischen Statthalter, dem Fürsten WoronzowDaschkow, und kehrten mit Geschenken in ihre Heimat südlich des Sees von Wan zurück. Die einflußreichsten unter ihnen waren Mir Bihe und Abdul Resak, ein Nachkömmling des berühmten oder berüchtigten Bedre Chan, der während seiner Herrschaft im türkischen Kurdistan, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, etwa 10000 armenische Christen hat umbringen lassen. In dieser Tradition steckt sein Geschlecht bis auf den heutigen Tag. Auch außer den Tifliser Gästen von diesem Winter haben verschiedene Kurdenhäuptlinge seit der türkischen Revolution Jahrgelder von Rußland bezogen, und man weiß, daß sich eine auffallende Menge von Gewehren russischer Herkunft in den Händen der Kurden befindet. Bezeichnenderweise wurden die 11 Kurdenhäuptlinge, Untertanen des Sultans, in Tiflis nicht einmal im Geheimen, sondern mit großen Ehrenbezeugungen empfangen.

Das ist eine Seite des russischen Spiels in Armenien. Die andere Seite bilden ermutigende Verhandlungen mit den Armeniern. Die russische Regierung hat diesen durch sehr eine kompetente Persönlichkeit sagen lassen: 1) die Pforte ist davon verständigt, daß Rußland im Falle von Armeniermassakres einschreiten wird; 2) falls die Armenier zur Selbstverteidigung greifen müssen, so hat man in Petersburg nichts dagegen und stellt ihnen anheim, mit der Statthalterschaft des Kaukasus in Verbindung zu treten, bei der die Entscheidung über aktive Unterstützung durch Waffenlieferung oder in anderer Weise liege. Von sich aus aber dürften sie sich nicht erheben.

Man sieht, wie die Karten zu dem Spiel gemischt sind. Hand in Hand mit dieser Politik geht seit einiger Zeit eine auffallende Protektion der Armenier in Rußland. Nicht nur die russische Presse, sondern auch amtliche Stellen ermutigen die armenische Gesellschaft zur Annäherung an die russische. Der Katholikos oder oberste Patriarch der Armenier in Etschmiadzin im Kaukasus hat einen hohen russischen Orden erhalten. In den Kirchen und Schulfragen, wo es vorher auf die Entrechtung und Russifizierung der Armenier abgesehen war, wird jetzt Entgegenkommen geübt. Man will vor allen Dingen die armenische Intelligenz gewinnen und eine ähnliche geistige Disposition bei den türkischen Armeniern schaffen, wie in den siebziger Jahren vor dem letzten russischen Türkenkriege bei den Bulgaren. Der "Zar-Befreier" soll womöglich auch die lebendige Hoffnung der türkischen Armenier werden. Auf der anderen Seite gewährt die Verbindung mit den Kurden der russischen Politik jederzeit die Möglichkeit, den Fall eintreten zu lassen, daß die Armenier zur "Selbstverteidigung" greifen und den kaukasischen Statthalter gegen kurdische Angriffe und Massakres zu Hilfe rufen. Demgegenüber hat es natürlich nur ganz platonische Bedeutung, wenn die russische Regierung den Armeniern in der Türkei hat sagen lassen, sie beabsichtige "keine Okkupation". Wie soll denn das "Einschreiten" oder "Nichtzulassen" im Fall von Massakres anders aussehen? Wenn aber einmal Rußland die türkischen Armenier "befreit", so wird es nicht daran denken, einen mehr oder weniger autonomen Schutzstaat Armenien zu schaffen, sondern Gesamt Armenien würde unmittelbar russisches Gebiet werden, so gut wie Polen. Sobald es die Armenier alle beieinander hat, würde Rußland auch wahrscheinlich seine bis vor kurzem befolgte Russifizierungspolitik wieder aufnehmen.

Welches Interesse haben Europa und insbesondere Deutschland an diesen armenischen Dingen? Liegen Gründe von Belang vor, um gegen den Uebergang Armeniens aus türkischen in russische Hände Widerspruch zu erheben? Zunächst sicher der Grund, daß die Okkupation Armeniens durch Rußland ohne Frage das Signal zur weiteren Zerstückelung der asiatischen Türkei abgeben würde. Kommt es dazu, dann ist die große europäische Krisis kaum noch zu beschwören. Außerdem aber sind in der eigentümlichen geographischen Lage und Gestaltung Türkisch-Armeniens gewichtige Gründe dafür enthalten, daß gerade diese Provinz dem türkischen Reiche verbleiben muß, wenn es nicht der russischen Uebermacht so gut wie preisgegeben daliegen soll.

Der Besitzer Armeniens beherrscht unmittelbar sowohl das östliche Kleinasien als auch das obere Mesopotamien. Armenien ist ein ausgesprochenes Passageland. Zwei große natürliche Straßen führen von Osten nach Westen hindurch. Die nördliche kommt aus Persien, übersteigt das Iranisch-Armenische Grenzgebirge im Kasd-iGöl-Paß, geht über Bajasid und Karakilissa nach Erzerum, dem Schlüssel von ganz Armenien, und dann weiter durch das Tal des westlichen Euphrat nach Ersingian. Von dort öffnet sich der Zugang zu den nördlichen Teilen des anatolischen Hochlandes. Die zweite Straße kommt aus dem Becken des Sees von Wan, das durch verschiedene Uebergänge mit dem Iranischen Hochlande in Verbindung steht, und geht durch das Tal des östlichen Euphrat, über Musch Palu, nach Charput und Malatia. Diese letzteren Plätze beherrschen ihrerseits in ähnlicher Weise die Wege nach dem mittleren und südlichen Anatolien, wie Erzerum und Ersingian die Passage nach dem nördlichen. Womöglich noch überwältigender ist die Lage Armeniens nach Süden gegen Mesopotamien zu. Durch die tief eingesenkte Scharte von Bitlis öffnet sich der Weg in das Tigristal und weiter flußabwärts nach Mosul; durch den Paß von Arghana-Madén ein zweiter Taurus Uebergang von Charput aus nach Diarbekir, das seinerseits diese Route südostwärts über Mardin und Nesibin nach Mosul, südwestwärts über Sewerik und Urfa nach dem mittleren Euphrat und Aleppo dominiert.

Armenien im russischen Besitz würde sofort eine Eisenbahnlinie von Kars über Erzerum nach Ersingian und eine zweite von Eriwan am Westufer des Sees von Wan entlang nach Bitlis, vielleicht mit Abzweigung nach Charput und Malatia, erhalten. Von dem Augenblicke an ist Rußland Herr der Wege nach Anatolien und Mesopotamien, ohne selbst innerhalb der natürlichen Festung des Hochlandes von Armenien angreifbar zu sein. Es ist ganz ausgeschlossen, mit einer Armee von Westen und von Süden her anders nach Armenien hineinzukommen, als indem man eine der genannten Pforten aufsprengt. Eine Flankierung oder Umgehung der russischen Position in Armenien ist durch die für reguläre Truppenteile unpassierbaren Hochgebirge des Taurus und der pontischen Randketten ausgeschlossen. Rußland ist in Armenien selbst unangreifbar, kann aber jeden, ihm günstig erscheinenden Augenblick benutzen, um seinerseits hervorzubrechen. Für eine um Armenien verkleinerte Türkei ist es ausgeschlossen, den nach Westen wie nach Süden gerichteten Ausfalltoren Rußlands militärische Defensivstellungen von ausreichender Stärke entgegenzusetzen. An die Offensive gegen ein russisch gewordenes, mit Festungen und Eisenbahnen ausgestattetes Armenien ist für sie überhaupt nicht zu denken. Wollte man den nicht wünschenswerten und hoffentlich niemals eintretenden Fall setzen, daß etwa einmal die anatolische Halbinsel als türkisches Reststück verbliebe, Mesopotamien bis an den Fuß des Taurus aber englisch würde, so bliebe die russische Stellung natürlich auch diesen beiden Nachbarn gegenüber die gefährlichste, die überhaupt gedacht werden kann. Das ganze Vorderasien vom Persischen Golf bis zum Mittelländischen und bis zum Aegäischen Meer läge vor der russischen Macht da wie ein von den Kanonen des Hauptwalls beherrschtes Festungsglacis. Man kann sich keine Stellung ausdenken, die formidabler gegenüber ganz Westasien wäre, als die Vereinigung von Armenien, Transkaukasien und Nordpersien in der Hand Rußlands. Aus diesem Grunde ist es im Interesse des europäischen Gleichgewichts eine Notwendigkeit, daß Armenien im türkischen Besitz bleibt.

Armenien wird solange ein "Wetterwinkel", eine Quelle unmittelbar drohender Gefahr für den Weiterbestand der Türkei in Asien bleiben, wie die gegenwärtige hilf- und rechtlose Lage der Armenier in ihrer Heimat andauert. Die offizielle türkische Statistik hat bisher das System befolgt, die Zahl der Armenier so niedrig wie möglich anzugeben, um die Bedeutung dieses Bevölkerungselements als möglichst gering hinzustellen. Nach dem russisch-türkischen Kriege von 1877/78 baten die Armenier bei den Russen um Hilfe gegen die türkisch-kurdische Bedrückung. Artikel 16 des Vertrages von San Stefano legt daher der Türkei die Verpflichtung auf, Reformen in den armenischen Provinzen einzuführen. Dasselbe bestimmt der Artikel 61 der Berliner Kongreßakte von 1878. Hiernach sagt die Pforte zu, nicht nur die verlangten Reformen zu verwirklichen, sondern auch den Großmächten über ihren Fortschritt Mitteilung zu machen. Es wurde also eine Art von Kontrollrecht für Europa in den armenischen Dingen anerkannt. Statt der Reformen erfolgte aber eine künstliche Verwaltungseinteilung von Armenien, Kurdistan, Ostkleinasien und Nord-Mesopotamien in sechs Wilajets, die durch Einbeziehung von Gebieten mit nichtarmenischer Bevölkerung die Armenier in jeder einzelnen Provinz in die Minderheit brachte. Noch kräftiger sollten dann die entsetzlichen Massakres in den neunziger Jahren wirken, denen das offizielle Europa so gut wie teilnahmslos zusah. Die Türkei behauptete, es gäbe innerhalb ihrer Grenzen kaum eine Million Armenier. Das bringt die offizielle türkische Statistik auf die Weise zuwege, daßsie z.B. für die Stadt Aintab 4000 "Armenier" und 17000 "Griechen und andere Christen" rechnet, für Marasch 1200 Armenier und 19000 andere, für Zeitun 3000 Armenier und 13000 andere. In Wirklichkeit gibt es, wie Untersuchungen von zuverlässiger Stelle ermittelt haben, in Aintab 24000, in Marasch 20000 und in Zeitun 23000 Armenier. Nach diesem Rezept wird auch anderwärts verfahren. Das armenische Patriarchat zählt im ganzen 3,6 Millionen Armenier, hiervon rund 1,9 Millionen in der Türkei, 1,6 Millionen in Rußland, 0,1 Million in anderen Ländern. Die Schätzung von rund 2 Million Armenier für die Türkei wurde auch dadurch bestätigt, daßdie Jungtürken vor den letzten Wahlen den Armeniern 20 Sitze im Parlament zusicherten auf der Grundlage, daß durchweg auf je 100000 Einwohner ein Abgeordneter entfallen soll. Tatsächlich bekamen die Armenier infolge des jungtürkischen Wahlterrorismus freilich nur 8 Mandate.

Eine kurze Zeit, 1909, hatte es den Anschein, als ob die jungtürkische Partei, das heißt das Komitee für Einheit und Fortschritt, einen ehrlichen Pakt auf gegenseitige Anerkennung und Hilfe mit den Armeniern schließen wollten. Gehalten haben die Jungtürken ihre Versprechungen nicht. Die Zustände in Armenien waren für die Armenier unerträglich. Sie blieben es, und es kann auch jetzt nicht von Besserung die Rede sein; eher im Gegenteil. Die Kurden hausen so schlimm wie nur je, Mord, Land und Viehraub, Plünderung, Frauenentführung, Zwangsbekehrungen zum Islam, Erpressung von Lösegeld, willkürliche Mißhandlungen, Ueberfälle gegen ganze Dörfer und Räubereien gegen einzelne wehrlose Armenier werden rücksichtslos weiter geübt. Die Einzelbelege dafür kann man in den armenischen Flugschriften und Aufsätzen, von denen eine reichliche Auswahl mir vorliegt, nachlesen. Daß es keine Uebertreibungen sind, wird durch das Zeugnis ruhiger europäischer Beobachter bekräftigt. Von türkischer Seite denkt man jetzt daran, den Kurden all das Acker und Weideland, das sie seit 20 Jahren den Armeniern geraubt haben, für eine große Summe abzukaufen und es den früheren Eigentümern zurückzugeben. Dieser Plan bestand, wie es heißt, schon vor dem Balkankriege. Ihn zu verwirklichen, wird jetzt außer dem guten Willen, der auch noch erst unzweideutig bewiesen werden müßte, schon der Geldfrage wegen schwieriger sein, als vorher, da die Finanzen der Türkei sich durch den Krieg verschlechtert haben. Wird aber in Armenien keine Ruhe geschaffen, das heißt, werden die Kurden nicht energisch gebändigt, so ist nichts wahrscheinlicher, als daß der große Orientbrand, den zu verhüten sich die Großmächte nun solange bemüht haben, doch noch in Armenien ausbricht.

Es läge also wahrhaftig nahe, daß die Mächte nunmehr endlich dafür sorgen, daß Reformen in Armenien verwirklicht werden, und daß die Türkei in die Notwendigkeit und in den Stand gesetzt wird, sie durchzuführen. An der Entwicklung der armenischen Frage aber bewahrheitet sich, daß moralische sowie politische Verschuldungen sich stets rächen. Hätten die europäischen Mächte nicht über dreißig Jahre lang gleichgültig den Scheußlichkeiten zugesehen, die in Armenien an einem so gut wie wehrlosen Volke begangen wurden, so hätten sie jetzt dort nicht den Brandherd, der den Weltfrieden zur Zeit gefährlicher als etwas anderes bedroht.



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