1909-04-23-DE-005
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Quelle: DE/PA-AA/R 13184
Zentraljournal: 1909-A-07814
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/04/1909 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.No. 355/K.No. 42
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Generalkonsul in Aleppo (Tischendorf) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



J.No. 355 / K.No. 42
Euerer Durchlaucht beehre ich mich in der Anlage einen gestern eingegangenen Bericht [befindet sich in Dokument 1909-04-24-DE-002] des Kaiserlichen Vizekonsuls in Alexandrette betreffend die Unruhen in der Umgegend von Alexandrette gehorsamst einzureichen, wonach angeblich die dortigen Behörden die Bewegung gegen die Armenier begünstigt und selbst Truppen sich den Volksmassen angeschlossen haben sollen. Ich gestatte mir hierzu zu bemerken, daß diese Annahme des Herrn Belfante doch sehr der Bestätigung bedarf und ich von anderer Seite gleiches nicht gehört habe. Nach den letzten Nachrichten von Alexandrette soll es dort insbesondere nach Ankunft des englischen Kreuzers „Diana“ bedeutend ruhiger geworden sein. Der türkische Militärkommandant sollte sich mit einer Deputation von Notabeln an Bord der Kreuzers nach Dörtyol begeben, um einen Versuch zu machen, die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen den mohammedanischen Belagerern und den im Ort verbarrikadierten Armeniern zu erlangen. Über den Erfolg liegen noch keine sicheren Nachrichten vor.

Seitens des hiesigen Wali wird im Allgemeinen ein bedeutendes Nachlassen wenn nicht Aufhören der Bewegung versichert und es soll sehr wohl in Marasch als in Antiochien wieder vollständige Ruhe herrschen. Die Zahl der Opfer In Antiochien wird auch von der Lokalregierung als sehr bedeutend angegeben. Besonders ernste Unruhen sollen in der Hafenstadt Suedié und in Enderun, Sandschak Marasch, stattgefunden haben.

In der Stadt Aleppo ruht seit einiger Zeit Handel und Wandel fast vollständig; weitaus die meisten Geschäfte sind geschlossen und nur auf dem Waffenbazar, wo in den letzten Tagen Tausende von Revolvern verkauft wurden, herrscht reges Leben. Christen und Muhammedaner versehen sich mit Waffen. Viele Einwohner, besonders Armenier und christliche Araber haben die Stadt verlassen und sind nach dem Libanon geflüchtet. Es herrscht ein allgemeines Gefühl der Unruhe, das noch durch die Ungewißheit über die Vorgänge in Konstantinopel bei dem fast gänzlichen Mangel an sicheren Nachrichten aus der Hauptstadt wie aus den Provinzen verstärkt wird. Die Anfangs der Woche fällig gewesene Post aus Konstantinopel über Konia, welche auch den größten Teil der meist auf dieser schnellsten Verbindungsstrecke beförderten Post aus Europa enthält, soll heute erst hier eintreffen.

Der geringste Zufall giebt so leicht Anlaß zur einer Panik, wie gestern gegen 1 Uhr Nachmittags ein Schuß im Bazar. Ohne jeden ernsten Grund pflanzte sich da die Panik bis in die Vorstädte fort und das Kaiserliche Konsulat füllte sich in kürzester Zeit mit zahlreichen Flüchtlingen aus der ganzen Nachbarschaft, hauptsächlich Frauen und Kinder, und erst nach und nach konnte im Verlauf von ca. 2 Stunden die aufgeregte Menge wieder beruhigt werden, nachdem ihr auch mitgeteilt worden, daß bei wirklicher Gefahr das Kaiserliche Konsulat als Zufluchtstätte Tag und Nacht offen stehen würde.

Die Zahl der in Aleppo befindlichen Truppen ist in den letzten Tagen nicht unbedeutend verstärkt worden. Infanterie- und Kavalleriepatrouillen zirkulieren ununterbrochen in der Stadt und den Vorstädten, sowie in der nächsten Umgebung der Stadt, und falls nicht unvorgesehene Zwischenfälle eintreten sollten, glaube ich trotz der bemerkbaren Erregung annehmen zu sollen, daß die Ruhe hier ernstlich nicht gestört werden wird.

Deutsche Reichsangehörige der Schutzgenossen scheinen, soweit bisher bekannt geworden ist, im Bezirk des Kaiserlichen Konsulats nicht direkt gefährdet worden zu sein. In der Gegend von Urfa ist es anscheinend ganz ruhig geblieben. Der Chef der 4. Brigade der Vorstudienkommission für die Bagdadbahn ist gestern aus der Umgegend von Urfa hier eingetroffen und hat bei seinem viertägigen Ritte unterwegs Verdächtiges nicht bemerkt.


Tischendorf



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