1911-09-10-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 1913
Zentraljournal: 1911-A-14591
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Telegramm-Abgang: 09/10/1911
Telegramm-Ankunft: 09/14/1911
Praesentatsdatum: 09/14/1911 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 268
Zustand: A
Letzte Änderung: 06/17/2017


Der Geschäftsträger der Botschaft Konstantinopel (Miquel) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 268
Therapia, den 10. September 1911,

Abschrift.

Der Wechsel in der Leitung des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten bietet für die hiesigen politischen Kreise einen natürlichen Anlass für Betrachtungen über die von der Türkei zu befolgende auswärtige Politik. Von neuem taucht die Frage auf, ob die Hohe Pforte in ihrer splendid isolation weiter beharren soll oder ob es besser sei, nunmehr zwischen der Triple Entente und dem Dreibunde zu wählen [Hervorhebungen durch das Auswärtige Amt]. Dieses schon ziemlich abgenutzte Thema, welches bisher zu keinem greifbaren Ergebnis geführt hat, ist seit etwa einem Monat besonders stark in den Vordergrund gerückt, weil ein Umschwung der türkischen auswärtigen Beziehungen zugunsten Englands vermutet wurde. In der Tat wurden hierüber in der Presse Erörterungen angestellt, und u.a. brachte man damit die Vergebung der Hafenbauten von Trapezunt und Samsun an englische Unternehmer sowie den langen Aufenthalt des Marineministers Mahmut Muktar Pascha in England in Verbindung. Denn niemand wollte glauben, dass der Pascha nach London nur zum Abschluss eines Vertrages gereist sei, dessen Grundlinien schon längst feststanden und den ein weniger hoher Beamter ebenso gut hätte unterzeichnen können. Den England freundlichen Zug, welcher durch Constantinopel weht, führe ich auf das Bestreben der Hohen Pforte zurück, während der englisch-türkischen Verhandlungen über die Bagdadbahn eine möglichst gute Stimmung in London aufrecht zu erhalten. Die Türkei ist sich gewiss mit Recht dessen bewusst, dass sie am Gelingen des Vertrages bei weitem das grössere Interesse hat. Um vorwärts zu kommen, hat sie drei Wünsche aufgestellt: den Bahnbau südlich von Bagdad mit überwiegend türkischem Einfluss, Anerkennung ihrer Rechte auf Koweit und Gewährung der vierprozentigen Zollerhöhung. Es eilt ihr sehr, hierüber endlich Klarheit zu haben und das englische Damoklesschwert aus Mesopotamien zu entfernen. Grossbritannien ist dagegen in der günstigen Lage, in Ruhe abwarten zu können. Diese ungleichen Rollen zwingen nun die Türkei, in London ein liebenswürdiges Gesicht zu zeigen. Als eine Zeitung schrieb, die Türken wendeten sich von Deutschland zu England ab, erwiderte ein anderes Blatt, eine solche Schwenkung könne nicht festgestellt werden; hierzu wäre erforderlich, dass die Türkei zuvor mit Deutschland eng verbunden gewesen wäre, was jedoch nicht der Fall sei. Zum mindesten lässt sich von einem momentanen Nachlassen der seit längerer Zeit bestehenden gereizten Stimmung zwischen England und der Türkei reden. Ob dadurch, wie die Türken hoffen, der Gang der Bagdadbahnverhandlungen wesentlich gefördert wird, ist allerdings noch eine andere Frage.

Dass dieser Moment von anderen Nationen genutzt wird, um gegen uns in Constantinopel Stimmung zu machen, ist nicht zu verwundern. Man geht wohl nicht zu weit mit der Behauptung, dass auf diesem Gebiete Constantinopel heute mehr denn je ein Mittelpunkt von Intrigen ist. Es macht sich eine gewisse Dreibundverdrossenheit geltend, der ich aber nur einen vorübergehenden Charakter zuerkennen möchte.

Was zunächst Oesterreich-Ungarn angeht, so hinterlässt der Triumph des Grafen Aehrenthal in der Malissorenfrage keine angenehmen Gefühle auf der Hohen Pforte. Schneller würde man über diese ganze Episode hinweggekommen sein, hätte das Wiener Kabinett den Hinweis auf die verkehrte jungtürkische Chauvinistenpolitik weniger öffentlich gemacht. Geradezu schlecht sind dadurch die Beziehungen noch nicht geworden; man übersieht hier nicht, dass Oesterreich-Ungarn ein wirksames Bollwerk gegen die italienischen Tendenzen nach Albanien und Tripolis ist. Markgraf Pallavicini ist recht zufrieden mit dem günstig abgelaufenen Eingriff in die albanischen Wirren und der relativ geringen Missstimmung der Türkei auf Urlaub abgereist.

Viel schlimmer liegen die Verhältnisse mit Italien. Diese Grossmacht ist heute nächst Griechenland der in Constantinopel am meisten gehasste Staat. Ich sehe von den unzähligen Zwischenfällen, welche niemals eine richtige Lösung erfahren und die Stimmung zwischen Pforte und Botschaft immer gereizter gestalten, ganz ab. Mit solchen Vorgängen haben auch andere Staaten im ottomanischen Reich zu rechnen. Sie besitzen keine Bedeutung im Vergleich zu der Empörung, welche die italienischen Ansprüche auf Tripolitanien erweckt haben. Es vergeht kaum ein Tag, wo nicht die türkische öffentliche Meinung durch eine italienische Manifestation erregt wird, und die Wiener Presse bemüht sich auch nicht gerade, den Sturm zu beruhigen. Von hier aus gesehen, ist die Haltung Italiens geradezu unfasslich. Es liesse sich noch eher verstehen, wenn Italien von Tripolis ganz einfach Besitz ergriffe, denn ob die Türkei zur Zeit einem solchen Handstreich gegenüber ein anderes Abwehrmittel besitzt als den Boykott gegen italienische Waren und Schiffe, möchte ich sehr bezweifeln. Dass aber Italien, ohne zu handeln, dauernd von seinen Vorrechten in Tripolis spricht, dort wirtschaftlich die übrigen Mächte eingestandenermassen fernhalten und schliesslich gar selbst eine Stellung einnehmen will wie etwa Frankreich in Marokko, kann nur den Hass der Türkei reizen und sie zur Vorsicht mahnen. Wenn der hiesige italienische Geschäftsträger meint, seine Regierung sei gegen die Presse ohnmächtig, so glaube ich doch, dass eine Belehrung über die nachteiligen wirtschaftlichen Folgen einer derartigen Campagne in der italienischen Presse ihre Wirkung ausüben müsse. Bei dem heutigen Verfahren gewinnt Italien weiter nichts als die Feindschaft und das Misstrauen der Türkei, auf deren Gebiet es seinen Handel ausweiten möchte. Dass es dadurch auch uns schadet, lässt sich nicht bezweifeln Das Benehmen dieser Dreibundmacht bildet ein viel zu verlockendes Hetzmittel gegen uns, als dass es unsere Gegner unbenutzt liessen. »L’Italie secondées par l’Allemagne dans ses visées sur la Tripolitaine.»

Mit solchen Phrasen begnügen sich die hier in französischer Sprache erscheinenden Blätter nicht. Die Nachricht, Deutschland wünsche sich ebenso wie mit Frankreich so auch mit England über alle Streitfragen auseinanderzusetzen und verhandle deshalb über Mesopotamien, ist bereits dementiert worden. Von den in türkischer Sprache erscheinenden Zeitungen werden solche Auslassungen gewöhnlich nicht wiedergegeben. Nur ein kürzlich erschienenes, wenig bekanntes türkisches Blatt schrieb heute, Deutschland habe Marokko verraten und Persien verschachert, mit der Türkei werde es im gegebenem Augenblick nicht anders handeln. Auf der Hohen Pforte misst man diesen Artikeln keine Bedeutung bei. Hakki Pascha, der die Eifersucht Englands und Frankreichs gegen uns für sehr ausgeprägt hält, schenkt diesen Presstreibereien, wie er mir sagte, keinerlei Aufmerksamkeit. Viel bedenklicher dünkt ihm unser Ausgleich mit Russland, und darin scheinen alle Beamte der Hohen Pforte mit ihm einig zu sein. Umso erfreulicher ist es, dass der Herr Grossvezier hierüber mit der grössten Offenheit spricht und der Kaiserlichen Botschaft Gelegenheit gibt, die tendenziösen Erfindungen richtigzustellen. Wenn die türkische Presse trotz der Bemerkungen einiger französischer Zeitungen über den Artikel 2 des deutsch-russischen Abkommens nicht an dieses Thema gerührt hat, so führe ich dies auf die persönliche Einwirkung Hakki Paschas zurück.

Mitten in die Periode der antideutschen Stimmungsmache fällt die Reise Seiner Kaiserlichen Hoheit des Thronfolgers nach Berlin und die Verleihung des Schwarzen Adler Ordens am Seine Majestät den Sultan. Hierzu kommt noch der freundliche Empfang des Prinzen Jussuf Izzeddin am rumänischen Königshof. Diese Ereignisse haben hier den besten Erfolg gehabt und sind gebührend gewürdigt worden. Sie weisen der osmanischen Welt von neuem den Weg, an den sie sich zu halten hat. Doch auch ohnedem werden die Versuche, die Türkei zur Tripleentente hinüberzuziehen, an dem begreiflichen Widerstreben der Türken gegen eine gleichzeitige Annäherung an Russland und England scheitern. Die Hohe Pforte fühlt sich für ein solches Experiment zu schwach. Sie befolgt daher ihren früheren Grundsatz, es mit niemanden zu verderben und möglichst neutral zu sein. Es bleibt so, wie Seine Majestät der Sultan zu Herrn Stead gesagt haben soll: „Der Türke hat in seinem Harem eine Frau, der er vor den übrigen den Vorzug gibt, in seinen auswärtigen Beziehungen will er aber mit allen Mächten gleich gut stehen.“


[Miquel]


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