1914-01-29-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/ R 14083
Zentraljournal: 1914-A-02621
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 02/08/1914 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Bericht Nr 15/J.Nr.Geh. 3
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Konsul in Trapezunt (Bergfeld) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Bericht Nr. 15.
J.Nr. Geh. 3.

Trapezunt, den 29. Januar 1914

Der Beschluß der türkischen Griechen und der Armenier, an den Wahlen zum Parlament sich nicht zu beteiligen, hat auch in den muselmanischen Kreisen in Trapezunt und in den Nachbarhäfen eine verstärkte Animosität gegen die christlichen Untertanen der Türkei hervorgerufen, welche in einer Boykottbewegung gegen sie ihren Ausdruck findet. Die Läden der Christen werden von den Mohammedanern gemieden, und die dem Armenier Gümüschian gehörenden Dampfer werden von dem Hafenpersonal schlechter bedient, wie die übrigen Fahrzeuge.

Die Bewegung geht zweifellos von dem Komité "Union et Progrès" aus. Die Behörden stehen ihr sympathisch gegenüber, wenngleich sie amtlich das Bestehen der Boykottbewegung überhaupt in Abrede stellen.

Eine Animosität gegen die Fremden macht sich im allgemeinen nicht bemerkbar. Ihre Interessen leiden aber dort, wo sie mit den Rajahs zusammenfallen. So stossen die Dampfer der italienischen Schiffahrtsgesellschaft, deren hiesiger Agent ein Armenier ist, beim Löschen insofern auf den passiven Widerstand des Hafenpersonals, als ihnen nicht genügend Leichter zur Verfügung gestellt werden.

Bei dieser Gelegenheit macht sich der in Trapezunt bestehende Gegensatz zwischen der niederen Klasse der Bevölkerung und den besser situierten Kreisen bemerkbar. Das Hafenpersonal, die Lastträger, Kutscher usw., welche hier in Hauptsache die Mitglieder für das Komite stellen, sind erfreut, dass die Regierungskreise erneut an ihre Hilfe appellieren. Sie wissen, dass gelegentlich bei der Neugestaltung ihrer Tarife usw. ihre Gegenrechnung angenommen wird. Die besseren Kreise, welche dem Komite abgeneigt sind, fühlen sich in ihren Interessen verletzt, zumal die von ihnen bevorzugten besseren Läden, Restaurants usw. in den Händen von Armeniern und Griechen sind. Sie weisen darauf hin, dass in dem neuen Appell an den angeblichen Patriotismus der niederen Klassen der Bevölkerung deren jetzt schon schier unerträgliche Willkürherrschaft nur eine neue Stütze findet und dass durch die Boykottbewegung der Gegensatz zwischen Mohammedanern und Christen in unerwünschter Weise verschärft wird. Die Folgen machen sich jetzt bereits bemerkbar. Sie werden bleiben, auch wenn, wie ich annehmen möchte, die Bewegung bald abflauen sollte.

Die eingeborenen Christen sind stark beunruhigt, und Gerüchte von bevorstehenden Massakern durchlaufen die Stadt. Meines gehorsamsten Erachtens sind derartige Befürchtungen unbegründet. Die Bevölkerung der hiesigen Gegend neigt wohl stark zu Unbotmässigkeit. Aber sie wird sich beugen, wo sie sich einem energischen Willen gegenüber sieht. Die Regierung wird es an ihm im äussersten Falle nicht fehlen lassen. Denn ein Ausarten der Bewegung könnte vielleicht zu einem Einschreiten Russlands führen. Dieser Gefahr können sich die herrschenden Kreise unmöglich verschliessen.

Abschrift dieses Berichts habe ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel übersandt.


Dr. Bergfeld



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