1913-06-26-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14079
Zentraljournal: 1913-A-12762
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 06/26/1913
Praesentatsdatum: 06/26/1913 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


"Der Reichsbote"

England und Armenien


England in Armenien

Von sehr geschätzter Seite werden wir um Aufnahme folgender Zuschrift gebeten:

In Nr. 105 des "Reichsboten" las ich einen interessanten Artikel "Die Zukunft Armeniens", der die längst auf Armenien gerichteten Absichten Rußlands beleuchtet. Nachstehend sei nun gezeigt, welche Rolle Rußlands Nebenbuhler in Armenien seit Jahrzehnten gespielt hat und noch spielt. Diese ist viel zu wenig beachtet worden, obwohl gerade die englischen Ränke viel Schuld an den berüchtigten "Armenian horrors" trugen, die für die englische Heuchelei ausschließlich die Türken verantwortlich machte.

Auf Englands Betreiben nahm der Berliner Kongreß in den Berliner Friedensvertrag den auf Armenien bezüglichen Artikel 61 auf. Dieser lautet: " Die Hohe Pforte verpflichtet sich, ohne Zeitverlust alle Ameliorationen und Reformen einzuführen, welche die lokalen Bedürfnisse in den von Armeniern bewohnten Provinzen erfordern, und ihre Sicherheit gegen die Tscherkessen und die Kurden zu garantieren. Sie wird in bestimmten Zwischenräumen den Mächten Kenntnis von den zu diesem Zweck getroffenen Maßregeln geben, und diese werden deren Ausführung überwachen." Nachdem England diese "armenische Klausel" geschaffen hatte, ging es in Armenien in aller Stille ganz systematisch vor. Es gewährt heute einen eigenen Reiz, zu verfolgen, auf welche Weise England dort eine Lage von langer Hand vorbereitete, die ihm jederzeit gestattete, unter Berufung auf den vorangeführten Artikel 61 der Türkei Schwierigkeiten zu bereiten und europäische Verwickelungen herbeizuführen. Wir erfahren viel aus den auf dem Kontinent wenig gelesenen Berichten englischer Armenien-Reisender. Insbesondere ließ mich Tozers "Turkish Armenia and Eastern Asia Minor" (London) einen Blick in diese Machenschaften tun.. England führte zunächst (Anfang der 70er Jahre) mit seinen militärischen Konsuln ein ganz neues Konsularsystem in Armenien und ganz Kleinasien ein. Diese Konsuln sind nicht, wie es die früheren waren, an eine bestimmte Stadt gebunden, sie reisen vielmehr innerhalb eines gewissen, ihnen zugewiesenen Bezirkes von Ort zu Ort, um Informationen zu sammeln und den von ihrem Amt unzertrennlichen Einfluß auszuüben. Es sind ausschließlich Offiziere, die aus den verschiedenen Zweigen des Dienstes sorgfältig ausgewählt werden, fähige und energische Männer, die "vorurteilslos (!) zu prüfen wissen, was ihnen vorkommt, und weder übertreiben, noch Mißstände verschleiern." "Solche Männer," fährt Tozer fort, "sind in einem Lande, wie es die Türkei ist, notwendig, weil schon die Furcht vor ihrer ehrlichen und raschen Meldung (die türkischen Behörden) von manchem Unrecht abhält. Das Einzige, was an dieser Einrichtung mißlich bleibt, entsprang den Verhältnissen, unter denen sie ins Leben gerufen wurde. Sie hat im Volk die Meinung geweckt, daß England nach einem Protektorat über die asiatischen Provinzen der Türkei strebe, und das mußte die übertriebensten Erwartungen wachrufen. Überall fanden wir die Meinung, diese militärischen Konsuln seien dazu bestimmt, die Verwaltung des Landes zu übernehmen." So schreibt, wohl zu merken, ein Engländer für Engländer, und bemerkt dazu, er wisse nicht, warum man gerade Offiziere für diese Posten wählte. Dies "warum" beantwortet sich aber sehr einfach. England wollte für gewisse Möglichkeiten dieses Land auch unter militärischen Gesichtspunkten genau kennen lernen und hat sich in diesen militärischen Konsuln eine Art Generalstab geschaffen. Heute ist nun England, falls es die Armenier mit Offizieren und Waffen gegen die Türken oder die Russen unterstützen will, in der Lage, das Bedürfnis sicher abzuwägen und die Operationen armenischer Insurgenten sachgemäß zu leiten, und es hält unter Umständen sogar in jenen mit dem Lande und der Bevölkerung wohlvertrauten militärischen Konsuln die Männer bereit, welche die Verwaltung der in Frage kommenden Bezirke zu übernehmen hätten. Das wäre also die englische Besitzergreifung von Armenien und großen Teilen Kleinasiens in optima forma. Den Russen könnten somit, wenn sie wirklich in Armenien einrücken wollten, recht unliebsame Überraschungen erblühen. Unter diesem Gesichtspunkt verstände man erst, warum das immer weit vorausschauende England damals die Insel Zypern erworben hat, von wo aus die Versorgung jener Gebiete mit Kriegsmaterial und Lebensmitteln bestens ins Werk gesetzt und zugleich eine französische Besitznahme von Syrien gestört werden könnte. Charakteristisch ist die Instruktion für die militärischen Konsuln, wie ein englischer Reisender sie aus dem Munde eines von ihnen erfahren hat: "In erster Linie sollen sie das britische Interesse commercial and otherwise (!) im Auge haben und sich zugleich über den Zustand des Landes genau unterrichten." Der Nachdruck liegt auf otherwise (anderweitig). Das militärisch-politische Interesse überwiegt das in diesem unentwickelten Lande an sich nur geringe kommerzielle Interesse so sehr, daß man Militärs als Konsuln vorzieht.

Hand in Hand mit dieser Einrichtung ging nun das Großziehen der Unzufriedenheit in der armenischen Bevölkerung. Dies in dem Hochland zwischen Kleinasien und Persien heimische christliche Volk ostarischen Stammes, das teils unter türkischer, teils unter russischer und persischer Oberhoheit steht, zählte ehemals acht Millionen. Jetzt gibt es nur noch zwei und einhalb Millionen in Großarmenien um den Ararat herum, eine halbe Million in Kleinasien und Syrien, und viele Tausend in der europäischen Türkei, besonders in Konstantinopel. Bei den umwohnenden Völkern sind die Armenier unbeliebt, warum, mag hier unerörtert bleiben. Ihre Gewandtheit ließ sie im Handwerk und Handel, selbst in der Verwaltung bis zu den höchsten Staatsämtern eine maßgebende Stellung erwerben. In Armenien gab es vor den englischen Machenschaften keine "armenische Frage". Die große Masse dachte nicht an Auflehnung gegen die türkische Herrschaft. Aber die neuen englischen Konsuln, in denen das Volk die Vorboten einer neuen Regierung erblickte, hatten nichts eiligeres zu tun, als Beschwerden über alle möglichen Mißstände vor ihr Forum zu ziehen. Dazu reisten sie in ihrem Bezirk umher und wurden natürlich bald von Unzufriedenen bestürmt. Wie dies dazu beitragen mußte, die allgemeine Gärung zu steigern, liegt auf der Hand. Dazu trugen auch diejenigen Engländer bei, die das Land - wohl nicht nur zu ihrem Vergnügen - bereisten und, wie aus ihren Schilderungen ersichtlich, die Leute darin bestärkten, daß die türkische Regierung nur darauf ausgehe, ihnen in Form von Steuern das Geld abzunehmen, aber nichts für das Land tue, daß dagegen alles besser würde, wenn England die Verwaltung des Landes in die Hand nähme, und daß dann jeder sein Recht finden und den Lohn seiner Arbeit genießen würde. Die Folge von alledem war, daß die Armenier ihr ganzes Hoffen, wie sie bei jeder Gelegenheit kundgaben, auf England setzten. Dabei verstanden sie es sehr gut, die ihnen wohlbekannte Eifersucht zwischen England und Rußland auszunutzen und durchblicken zu lassen, daß sie sich zu Rußland halten würden, wenn England ihnen nicht helfen sollte. So kamen die militärischen Konsuln, die dem Premierminister unmittelbar zu berichten haben, jederzeit in die Lage, zu erklären, die Unzufriedenheit über die türkische Mißwirtschaft sei allerdings so groß, daß die Bevölkerung, die türkische einbegriffen, es mit Freude begrüßen würde, wenn eine europäische Macht an die Stelle der türkischen träte; aber auch Rußland besitze viele Sympathien in Armenien, und es sei daher zu befürchten, daß die ganze Bevölkerung im Falle getäuschter Erwartungen zu Rußland übergehen werde.

Durch diese Organisation und durch die von den englischen Sendboten erstatteten tendenziösen Berichte ist die öffentliche Meinung Englands und ganz Europas jahraus jahrein gründlich irregeführt worden und wird dies noch heute. Die englisch-armenischen Vereine tun dazu das ihrige, allen voran der "Englische Armenierverein" in London, dessen Bestehen die enge Verbindung der Engländer mit den Armeniern vor Augen führt. Im Anstiften von Wirren ist England immer großgewesen. Auch die armenischen Wirren dienen den Zwecken der englischen Politik, die letzten Endes auf die Besitznahme des Landes hinausläuft.



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