1914-12-30-DE-005
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Quelle: DE/PA-AA/R 7356
Zentraljournal: 1915-A-705
Erste Internetveröffentlichung: 2012 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 01/07/1915 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 381
Zustand: A
Letzte Änderung: 06/17/2017


Der Gesandte in Athen (Quadt zu Wikradt und Isny) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 381.

Athen, den 30. Dezember 1914.

Von allen Seiten hoere ich Stimmen aus den von Griechenland neu besetzten Gebieten, welche bittere Klage ueber die griechische Verwaltung fuehren und teilweise sogar die tuerkische Herrschaft wieder herbeisehen. Besonders in Salonik, Samos und Kreta scheint die Sucht Griechenlands, die neuerworbenen Gebiete finanziell auszubeuten, von sehr unguenstigen Folgen fuer die Bewohner begleitet zu sein. Man weist nicht mit Unrecht darauf hin, dass unter griechischer Herrschaft alles zurueckgehe, anstatt sich weiterzuentwickeln. Es wird hierbei gesagt, Thessalien sei ein typisches Beispiel hierfuer. Dieses Land habe sich unter tuerkischer Herrschaft in einer viel besseren Lage befunden als jetzt. In Kreta sind Stimmen laut geworden, welche ganz offen sagen, frueher habe man in Kreta bekannt gegeben, man wolle die Vereinigung mit dem Mutterland oder den Tod. Jetzt habe man beides. Man sei mit Griechenland vereinigt, aber sonst sei man in jeder Beziehung zum Tode verurteilt. Auch in Corfu, das unter englischer Herrschaft sich sehr guenstig entfalten konnte, wo jetzt aber alles vollstaendig stagniert, wird als Beispiel fuer den unheilvollen Einfluss der griechischen Herrschaft angefuehrt. [Anmerkung Wilhelm II. (über seinen bevorzugten Ferienort): "Das kann ich nicht finden."]

Es duerfte keinem Zweifel unterliegen, dass die Griechen nicht imstande sind, die neuerworbenen Gebiete zu einer gedeihlichen Entwicklung zu bringen. Es ist dies teilweise auf Fehler im griechischen Charakter, teilweise auf die alles absorbierende Politik zurueckzufuehren, ganz besonders aber auch darauf, dass, wie ich von berufenster Seite hoere, Herr Venizelos von Dingen finanzieller Natur nicht die leiseste Ahnung hat, aber trotzdem, wie auf allen Gebieten, auch hier in autokratischster Weise vorgeht. Uebrigens ueberwiegt auch bei Venizelos das Interesse an der inneren Politik alles andere. Jede Buergermeisterwahl in einem kleinen Ort Griechenlands, sofern dieselbe auf seine Partei in irgendeiner Weise eine Rueckwirkung ausueben kann, interessiert ihn mehr, wie eine wichtige Frage zum Beispiel auf dem Gebiete der aeusseren Politik. Eine unglueckliche Hand hat Venizelos auch bei der Ernennung der Statthalter der neuen Provinzen gezeigt. Besonders ist dies in Mazedonien der Fall, wo er Sofoulis die Stelle eines Generalgouverneurs uebertragen hat. Sofoulis ist von der tuerkischen Regierung seinerzeit, soviel ich weiss, als Moerder verfolgt worden und soll einen ganz minderwertigen Charakter haben. Venizelos fuerchtet, dass Sofoulis ihm oder seiner Partei irgendwie unbequem werden koennte und hat ihn deshalb, um ihn zu befriedigen und fuer die Partei unschaedlich zu machen, zum Generalgouverneur von Mazedonien ernannt. Die Taetigkeit dieses Beamten ist eine geradezu verderbliche zu nennen. In seinem blinden Tuerkenhasse verfolgt er die mohamedanische Bevoelkerung in der neuen griechischen Provinz in der rohesten und ruecksichtslosesten Weise. Venizelos weiss dies auch ganz genau, er weiss ferner, dass die Taetigkeit des Herrn Sofoulis unheilvoll auf die Beziehungen zwischen Griechenland und der Tuerkei einwirken muss. Aber, da Sofoulis fuer die Partei des Herrn Venizelos in Salonik am unschaedlichsten ist, muss er dort bleiben. Schon frueher habe ich darauf hingewiesen, dass Seine Koenigliche Hoheit der Prinz Nikolaus von Griechenland, Bruder Seiner Majestaet des Koenigs, wuenscht, Generalgouverneur von Mazedonien zu werden. Prinz Nikolaus hat sich durch seinen Takt und seine Geschicklichkeit, als er an der Spitze der Verwaltung von Salonik waehrend des Kriegs stand, glaenzend bewaehrt. Der Prinz waere, wie kein anderer, dazu berufen, die Gegensaetze zwischen Mohamedanern und Griechen in Mazedonien auszugleichen und auf diese Weise auch zur Anbahnung eines besseren Verhaeltnisses mit der Tuerkei beizutragen. Seine Majestaet der Koenig wuerde, wie ich bestimmt weiss, die Entsendung seines Bruders nach Salonik gerne sehen. Aber der Prinz wird seine Absicht nicht durchsetzen koennen gegen den Willen von Venizelos, welcher unter keinen Umstaenden Sofoulis von Salonik entfernen will und auch die Absicht hat, in spaeteren Zeiten diesen Posten zur Besetzung mit besonders ehrgeizigen, ihn etwa unbequem werdenden Mitgliedern seiner Partei zu reservieren.


A. Quadt.


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