1916-02-01-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 20046
Zentraljournal: 1916-A-2975
Erste Internetveröffentlichung: 2017 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1915.06-1916.12
Telegramm-Abgang: 02/01/1916 11:00 PM
Telegramm-Ankunft: 02/02/1916 01:05 AM
Praesentatsdatum: 02/02/1916 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 168
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht


Pera, den 1. Februar 1916

Unter Bezugnahme auf Tel. Nr. 150 {A 2722}.

Tufekdschief hat mich aufgesucht und Wünsche türkischer Regierung mit Bezug auf Albanien anders dargestellt als Enver Pascha mir gegenüber. Türkische Regierung wünsche osmanischen Prinzen für autonomes Albanien. Auch Halil Bey sprach sich mir gegenüber gestern in diesem Sinne aus. Nur unter osmanischem Prinzen werde große Majorität bildende mohamedanische Bevölkerung relativ ruhig und mohamedanische Interessen gewahrt bleiben. Türkische Regierung wolle aber nicht für albanische Zustände verantwortlich werden. Sie habe Albanien niemals vollkommen beherrscht, würde dies jetzt um so weniger können, da Bulgarien dazwischen liege. Sie wolle daher keine Kräfte an Albanien verschwenden, würde am liebsten Autonomie Albaniens unter osmanischem Fürsten unter dem Schutz Österreich-Ungarns, Deutschlands, Bulgariens und der Türkei errichtet sehen. Dadurch könnten am besten italienische Ansprüche fern gehalten werden.

Halil Bey war es unerwünscht daß Griechenland etwa Valona erhalten solle. Es bliebe dann zu wenig für Albanien übrig. Hieraus geht hervor, daß er sich doch mehr für Albanien interessiert als er sich den Anschein geben will.

Er dürfte durch osmanischen Prinzen Albanien für die Zukunft dem türkischen Einfluß sichern wollen, ohne daß es augenblicklich der Türkei Geld oder Soldaten kostet. Türkische Regierung mag auch hoffen, mit Hilfe Albaniens später Bulgarien unter zwei Feuer nehmen zu können. Bulgarische Regierung mag hoffen, daß durch Stammesfehden zerrüttetes Albanien unter ohnmächtigem osmanischen Prinzen später bulgarischen Ambitionen doch noch zum Opfer fällt. So kommen beide mit osmanischem Prinzen auf ihre Rechnung. Da Serbien vernichtet werden soll, scheint es mir für Österreich-Ungarn sicherer zu sein, ein autonomes Albanien unter österreich-ungarischen Beamten, nicht Fürsten, zu erstreben, für uns aber, die Finger davon zu lassen und auch nicht den Schutz über ein unklares politisches Gebilde mit zu übernehmen, wodurch wir in Zukunft jeden Augenblick von neuem ohne zwingendes Interesse in Balkanschicksale hineingezogen werden könnten.


[Metternich]



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