1913-12-29-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 14083
Zentraljournal: 1913-A-00702
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 01/12/1914 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.Nr.Geh. 51
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Konsul in Trapezunt (Bergfeld) an die Botschaft in Konstantinopel

Bericht



J.Nr.Geh. 51

Trapezunt, den 20. Dezember 1913

Seitdem die Frage der Einführung von Reformen in Armenien neuerdings aufgerollt worden ist, suchen die Armenier in ihren Gesprächen mit den Europäern mit Vorliebe dieses Thema zu berühren. Auffallenderweise fragen sie dabei fast nie, welche Reformen in Aussicht genommen sind, sondern sie bemühen sich nur die Lage ihrer Nationalen im östlichen Anatolien in den schwärzesten Farben zu schildern und daraus die Notwendigkeit von Reformen herzuleiten. Über die Frage, welcher Art diese sein sollen, herrscht unter ihnen die größte Uneinigkeit, und man könnte sagen, so viele Köpfe so viele Meinungen. Immerhin lassen sich zwei Hauptrichtungen unterscheiden: Die Einen sehen eine Besserung der Lage nur in der Erschliessung des Landes durch Bahnen, vorausgesetzt, dass ihr örtliches Interessengebiet von ihnen berührt wird. Andre betonen, dass nur eine Reorganisation der Verwaltung Wandel schaffen könnte, vorausgesetzt, dass Armenier in grosser Zahl an ihr teilnehmen. Die Anstellung Fremder, gleichviel in welcher Stellung, ist ihnen nicht einmal sehr sympathisch.

Sucht man nach den inneren Gründen für die Stellung der verschiedenen Armenier zur Reformfrage, so vermag man sich des Eindrucks nicht zu verwehren, dass auch in dieser für die Armenier als Gesamtheit grundlegenden Frage der Einzelne sich lediglich durch die Rücksichten auf seine Sonderinteressen leiten lässt. Von dem Bau der Verkehrsstrassen erhofft er eine wirtschaftliche Entwicklung des Landes aus der er als Geschäftsmann Nutzen ziehen wird. Von der Anstellung von Armeniern als Beamten erhofft er entweder Zutritt zur Staatskrippe zu erlangen, oder wenigstens bei seinen in öffentlichen Ämtern befindlichen Glaubensgenossen eine bevorzugte Behandlung zu finden. Er dürfte in dieser Einschätzung des Charakters seiner Landsleute sich nicht täuschen. Denn während meiner Tätigkeit im Orient habe ich neben vielen muselmanischen Beamten, welche dem Bakschich zugänglich waren, immerhin auch manche kennengelernt, welche den besten Willen hatten, ihrem Lande nach Kräften in ehrlicher Weise zu dienen. Es ist mir aber kaum ein armenischer Beamter begegnet, welcher nicht den pekuniären Verlockungen der Interessenten erlegen wäre. Allerdings besitzen die Armenier in dieser Sache mehr Begabung als die Muselmanen. Sie wissen ihre Handlungsweise eher mit einem Mantel der Rechtmässigkeit zu umgeben, wodurch die aber nur gefährlicher werden. Ein türkisches Nationalgefühl geht dem Armenier vollkommen ab. Das Widerstreben der Türken gegen ihre Anstellung als Beamte erscheint daher erklärlich.

Fraglos hat die Hohe Pforte sich in den letzten Monaten bemüht, in Ostarmenien etwas Ordnung zu schaffen. Dauernd gehen neue Gendarmen nach dort ab, die fremden Gendarmerieoffiziere haben erweiterte Befugnisse erhalten, und einige Kurden, welche sich besondere Bedrückungen der Christen zu Schulden kommen liessen, sind zur Rechenschaft gezogen worden. Die Armenier allerdings behaupten, dass die neuen Gensdarmen nur gegen ihr eigenen Landleute verwandt würden. Der Hinweis, dass sich unter den neuen Sicherheitsmannschaften manche Armenier befinden, wird mit einem Achselzucken abgetan. Dass in Armenisch-Kurdistan ein dauernder Kampfzustand zwischen Armeniern und Kurden herrscht, bei dem auch die Letzteren ihre Opfer bringen müssen, wird von den Armeniern bestritten. Dafür wird jeder Übergriff eines Kurden gegen einen Christen mehr denn je aufgebauscht. Die Verhältnisse kommen ihnen hierbei zustatten. Sie haben durch ihre Geistlichen einen ausserordentlich gut organisierten Nachrichtendienst, sie besitzen eigene Zeitungen, und schliesslich tragen die europäischen Reisenden in der Mehrzahl, wenn auch unbewusst, dazu bei, die Armenier als unschuldige Dulder erscheinen zu lassen. Der Europäer, welcher Ostanatolien bereist, braucht einen Begleiter, der in den öffentlichen Hans Quartier macht, die Abrechnung mit den verschiedenen Wirten übernimmt usw. Ein Muselmane gibt sich zu diesen Diensten nicht her. Er besitzt auch in der Regel nicht die erforderlichen Sprachkenntnisse, um bei den der Landessprachen meist nicht mächtigen Ausländer die Stellung als Führer und Dolmetscher einzunehmen. Diese Rolle fällt daher meist einem Armenier zu. Unter seinem Einfluss steht der Fremde mehr oder weniger bis zu seiner Rückkehr. Dazu kommt, dass der Armenier auch im Innern gegenüber der Zurückhaltung der Muselmanen sich nach Kräften bemüht, mit dem Fremden Fühlung zu nehmen. Dem Kenner der Verhältnisse erscheint er aufdringlich, dem informationshungrigen Touristen dagegen als willkommene Quelle zur Sammlung von Material, das später in einem mehr oder weniger in feuilletonistisch gehaltenen Zeitungsartikel seine Verarbeitung und Verbreitung findet. Dass unter diesen Umständen in den Tageszeitungen die Armenier meist als die einzig Leidenden erscheinen, ist erklärlich. Rühmliche Ausnahmen unter den Reisenden bestätigen nur die Regel. Es soll den Reisenden auch kein Vorwurf gemacht werden. Die armenisch-kurdische Frage liegt eben derart kompliziert, dass nur eine auf jahrelanger Beobachtung beruhende Kenntnis des türkischen und armenischen Volkscharakters und aller einschlägigen Verhältnisse ein objektives Urteil ermöglicht. Immerhin muss bei der Wertung der von der Presse veröffentlichten Artikel zur armenisch-kurdischen Frage der oben berührte Faktor mit in Rechnung gestellt werden.

Den Armeniern ist die Stellung der Tageszeitungen naturgemäss nur angenehm. Ich möchte nochmals betonen, dass meines gehorsamen Erachtens die überwiegende Mehrheit von ihnen nur den eigenen Vorteil und nicht das Interesse der Gesamtheit im Auge hat. Von diesem Gesichtspunkt aus ist auch die Stellung der Armenier zu Russland zu bewerten. Sie können sich der Tatsache nicht verschliessen, dass ihre Glaubensgenossen jenseits der Grenze zurzeit ein besseres Dasein führen, als die Armenier in Ostanatolien. Aber sie verkennen nicht, dass in früheren Jahren die Regierung in Petersburg ihnen mit weniger Wohlwollen begegnet ist. Sie vergessen nicht die auch in Russland vorgekommenen Armeniermassaker. Ihr ausgesprochener Geschäftssinn lässt sie auch erkennen, dass die Bahnbauten im Kaukasusgebiet weniger der Erschliessung des Landes, als militärischen Rücksichten dienen. Schliesslich werden sie durch das von der russischen Regierung, besonders ihren Organen in Täbris, Choi und Urmia den Kurden gegenüber bewiesene Entgegenkommen misstrauisch gemacht, und der Kiewer Prozess mit seinen Begleiterscheinungen bestärkt in ihnen das Gefühl, dass weder die russischen Behörden noch die Bevölkerung Nichtrussen auf die Dauer als gleichberechtigt anerkennen werden. Auf einen Anschluss an Russland hinzielende Sympathien sind daher unter den Armeniern kaum zu finden.


D Bergfeld
[Mutius an Bethmann Hollweg 8.1.14 (Nr. 6)]

Urschriftlich Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg.



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