1916-04-27-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 20068
Zentraljournal: 1916-A-11454
Erste Internetveröffentlichung: 2017 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1915.06-1916.12
Praesentatsdatum: 05/02/1916 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 198
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht


Pera, den 27.April 1916

Abschriftlich Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg ergebenst vorgelegt.

P. Metternich
Anlage

Kaiserlich Deutsches Konsulat Erserum.

Ersindjian, den 8. April 1916

Nr.E.3

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Grafen Wolff-Metternich, Pera

Die Entente hat über die Eroberung Erserums, dieser „erstklassigen“ Festung ein großes Siegesgeschrei erhoben, das gewiss unberechtigt ist. Die Stadt war allerdings der „stärkstbefestigte Platz Anatoliens“, wie das russische Communiqué schreibt, aber nur weil sonst überhaupt keine Festungen vorhanden sind. Erserum ist von einer alten verfallenen und ganz wertlosen enceinte umgeben und lange als Festung aufgegeben. Es lag lediglich hinter einer von Norden nach Süden verlaufenden befestigten Linie, die den Straßenzug Kars-Sarikamisch-Hassankalé-Erserum absperrte. Diese Linie, der sogenannte Dewe Boinu, war während des Krieges nach Möglichkeit ausgebaut worden, doch war sie trotzdem weit davon entfernt, eine moderne Befestigungsstellung zu bieten. Vor allem fehlte es an weittragender schwerer Artillerie. Die vorhandenen alten 15 cm Kruppgeschütze schossen nur 7500 m weit. Nachdem die Russen die türkischen Linien bei Köpriköi bezwungen hatten und dadurch in die Lage gekommen waren, Geschütze an die Festungswerke heranzubringen, konnten sie die Werke mit ihrer etwas moderneren Artillerie in aller Gemütsruhe zusammenschießen, ohne dass diese sich hätten wehren können. Trotz ihrer artilleristischen Überlegenheit haben es die Russen nicht gewagt, die von Natur aus sehr starke Dewe Boinu Linie von der Stirnseite anzugreifen. Sie haben es vorgezogen, die verhälnißmäßig niedrigen Pässe, die von Tortum und Id nach Erserum führen, zu bezwingen und die befestigte Linie von Norden her aufzurollen. Nachdem ihnen der Übergang über die Pässe gelungen und nachdem das Nordfort Kara Göbek gefallen war, ist der Rückzug der gesamten türkischen Armee bis an den Westrand der Ebene von Erserum befohlen worden. Die umgangene befestigte Linie war nicht mehr zu halten und damit auch die nach der Ebene zu unbeschützte Stadt verloren.

Es fragt sich, ob es möglich gewesen wäre, die türkischen Stellungen bei Köpriköi zu halten oder doch wenigstens die Aufrollung der Dewe Boinu-Linie zu verhindern. Mahmud Kjamil Pascha, mit dem ich hier vor seiner Abreise nach Constantinopel eine lange Unterredung gehabt habe, bei der er mir übrigens seine Abberufung verschwieg, erzählte mir, die Russen hätten drei ganz neue Divisionen herangezogen gehabt und Erserum mit über 80000 Mann angegriffen. Dem hätte er nur 20000 Mann entgegenzusetzen gehabt, [AA: ?] die alle äußerst schlecht ausgerüstet gewesen und von denen der größte Teil nur 14 Tage ausgebildet gewesen wäre. Unter diesen Umständen hätte ein Misserfolg nicht ausbleiben können. Der Pascha sprach sich sehr bitter dahin aus, an dem Rückschlage sei Konstantinopel viel mehr schuld als er, trotzdem werde der Verlust Erserums dauernd mit seinem Namen verbunden bleiben. Seine bereits vor Monaten nach Konstantinopel gerichtete Bitte, die im Herbste von hier nach Bagdad gesandten beiden Divisionen durch andere gut ausgerüstete und ausgebildete Truppen zu ersetzen, sei unerfüllt geblieben, obgleich vorauszusehen gewesen wäre, dass der Großfürst im Kaukasus nicht untätig bleiben würde und dass er noch immer Einfluss genug besäße, um seiner Armee einige Verstärkungen und genügende Munition für eine Angriffsbewegung zu verschaffen.

Die von Mahmud Kjamil über die Stärken der beiden Parteien gemachten Angaben dürften nach beiden Seiten hin übertrieben sein, im großen und ganzen ist seine Darstellung aber nicht unrichtig. Die Ausrüstung der hiesigen Armee war und ist geradezu kläglich. Die Soldaten laufen in Lumpen umher, mit allen möglichen Arten Gewehren bewaffnet, Schuhe fehlen vollkommen, ebenso alle warme Winterkleidung. Die Folge ist gewesen, dass in der kalten Jahreszeit jede der schwachen Divisionen 50 Tote täglich durch Erfrieren hatte und dass wichtige Hochgebirgsstellungen aufgegeben werden mussten, weil die Mannschaften dort oben alle umgekommen wären. Eine weitere Folge ist gewesen, dass der Krebsschaden der türkischen Truppen: die Desertionen ganz außerordentlich zunahmen, als es anfing kalt zu werden. Die Lücken, die durch die Wegsendung der beiden Divisionen entstanden waren, sind tatsächlich durch Rekruten ausgefüllt worden, die nach ganz kurzer Ausbildung in die Schützengräben gesteckt worden sind. Die hier verwandten russischen Truppen waren demgegenüber ganz vorzüglich ausgerüstet, wie ich an Gefangenen selbst zu beobachten Gelegenheit hatte.

Ob trotz der geschilderten misslichen Umstände der russische Ansturm hätte zurückgewiesen werden können, ist schwer zu beurteilen. Zweifellos haben mangelnde Voraussicht, Zaghaftigkeit und Feigheit den Mißerfolg mitverschuldet, allein verantwortlich sind diese aber nicht. Jedenfalls hätte die hiesige Front sofort nach der Befreiung der Dardanellen verstärkt werden müssen. Die jetzt erfolgende Entsendung neuer Truppen erinnert ein wenig an den Brunnen, der zugedeckt wird, nachdem das Kind hineingefallen ist.

Mahmud Kjamil Pascha selber war ohne Zweifel ein kluger Kopf, aber stinkend faul, in Folge dessen bar jeder Initiative und noch dazu ohne Interesse für seine Aufgabe. Er war am frohesten, wenn seine Morgenmeldungen von überall her “Nichts Neues“ lauteten. Er lag fast den ganzen Tag zu Bett; [AA: allein?] Besuche an der Front vermied er tunlichst. Seine Lieblingsbeschäftigung war das Einreißen von Häusern und die Verfolgung kleinlicher Komiteeinteressen. Eine besondere Eigentümlichkeit war seine manchmal geradezu lächerlich wirkende Furcht vor jedem „Nichttürken“, auf die ein großer Teil der Härten bei der Vertreibung der Armenier zurückzuführen ist. In türkischen Kreisen war Mahmud Kjamil nicht beliebt. Man warf ihm vor, dass er nur seinem Vergnügen nachgehe und sich um seine Armee nicht kümmere. Zum Armeeführer war er jedenfalls nicht geeignet. Als die ersten russischen Angriffe einsetzten, war der Pascha „auf Urlaub“ in Konstantinopel. Tatsächlich soll er gar keinen Urlaub gehabt haben und seine Reise ihm von Enver Pascha sehr verübelt worden sein. Jedenfalls hat Mahmud Kjamil sofort wieder hierher zurückkehren müssen. Auf diese escapade wird auch die Abberufung des Paschas zurückgeführt.

Im Augenblick der russischen Offensive befand sich bedauerlicher Weise auch der Chef des Stabes der Armee, Oberstleutnant Guse auf Krankheitsurlaub abwesend, wie sich damals überhaupt kein deutscher Offizier bei der hiesigen Armee befand. Oberstleutnant Guse hätte Erserum voraussichtlich ebenfalls nicht retten können, er hätte aber sicher manchen Verlust an Mannschaften und Material vermieden und vor allem dafür gesorgt, dass ruhiges Blut bewahrt worden wäre.

Erserum ist ein schmutziges Provinzialnest, das jetzt weder in der Stadt selbst noch in seiner Umgebung irgendwelche Hilfsquellen bietet. Der Markt, dem seit Kriegsbeginn keine Waren zugeführt werden konnten, war seit langem erschöpft; aus der gesamten Umgebung ist die Bevölkerung mit allem Vieh geflohen. Abgesehen von der politischen Bedeutung der Gebietsbesetzung haben die Russen im Wesentlichen nur eine Anzahl Quadratkilometer steiniger Berge mehr gewonnen, aus denen nichts herauszuholen ist. Der einzig sichtbare militärische Vorteil, nämlich der, dass einige höhere Stäbe in der Stadt besser untergebracht sein werden als vorher, dürfte durch den Nachteil der verlängerten russischen Etappenlinie reichlich aufgewogen werden.

Immerhin kann nicht geleugnet werden, dass die Russen einen sichtbaren Erfolg, die Türken eine Niederlage zu verzeichnen haben. Dass die Entente den Erfolg gehörig ausschlachten würde, war vorauszusehen, doch ändert das französische und englische Geschrei nichts an der tatsächlichen Lage. Schlimmer sind die Folgen der Niederlage.

Die russische Meldung, „dass die Trümmer der geschlagenen türkischen Armee in voller Auflösung nach Westen fliehen“, dürfte von der Wahrheit nicht sehr weit entfernt gewesen sein. Jeder Rückschlag und jede rückwärtige Bewegung hat hier zur Folge, dass ein heilloses Durcheinander entsteht und dass sich die Truppen fast völlig auflösen. Allerdings pflegt sich nach einiger Zeit doch wieder eine ganze Anzahl Leute zusammenzufinden. So ist es auch im vorliegenden Falle gewesen. Die Verwirrung war zunächst ganz ungeheuer und die Entmutigung so groß, dass ganze Infanterie-Regimenter sogar vor Kosakenattaquen ausgerissen sind. Es wäre damals den Russen ein Leichtes gewesen, bis über Ersindjian hinaus vorzustoßen und die türkische Armee vollends zu vernichten. Tatsächlich sind die Russen aber nicht gefolgt, und die Türken haben so Zeit gefunden, sich wenigstens etwas zu sammeln und zu ordnen. Wehib Pascha, der neue Armeekommandant, hat mir gegenüber ausgesprochen, seine Gefechtsstärken seien auf 10 % des ordentlichen Bestandes zusammengeschmolzen. Das ist sicher eine oratorische Übertreibung gewesen, aber ebenso sicher ist tatsächlich ein großer Teil der hiesigen Truppen nicht etwa von den Russen gefangen genommen oder getötet worden, sondern einfach von ihrem Regimente fortgelaufen. Viele von diesen Deserteuren werden sich nach einiger Zeit wieder anfinden, aber das wird an der Tatsache nichts ändern, dass die an und für sich geringe Widerstandskraft der hiesigen Armee durch den Rückzug und seine Begleiterscheinungen noch mehr erschüttert worden ist. Die vor Ersindjian stehenden Truppen dürften einem energischen Angriffe der Russen keines Falls Widerstand leisten können. Es wird abzuwarten sein, ob die langsam hier eintreffenden beiden Divisionen der 2. Armee im Stande sein werden, ihnen in dieser Beziehung den nötigen Halt zu geben.

Augenblicklich liegt hier in den umliegenden Dörfern die 34. Division, die bei den Kämpfen um Erserum ihre gesamte Artillerie verloren hat und die hier auch sonst ganz neu formiert werden soll und muss.

Die Russen stehen bereits seit beinahe 6 Wochen halbwegs zwischen Erserum und Ersindjian, ohne etwas Ernstliches zu unternehmen. Warum sie untätig bleiben, ist hier gänzlich unbekannt. Der Großfürst soll drei Tage in Erserum gewesen, dann aber nach dem Kaukasus zurückgekehrt sein.

Wie bei Erserum, dem Zentrum der türkischen Stellung in Ostanatolien, hat die Ottomanische Armee auch auf den Flügeln starke Rückschläge erlitten. An der Küste ist das sogenannte Lasistan-Detachement, das in den pontischen Bergen ziemlich selbständig operiert und früher von Oberstleutnant Stange befehligt wurde, bis hinter den Off-Fluss zurückgedrängt worden. Die russische Flotte hat die Angriffe des Landheeres unterstützt, indem sie zunächst den linken Flügel der Türken aus der Flanke beschoss und im weiteren Verlauf der Kämpfe kleine Abteilungen im Rücken der Türken landete. Diesem Eingreifen der Flotte, der die Türken nichts entgegenzusetzen hatten, haben die Russen im Küstengebiete ihre Erfolge wesentlich zu danken. Das Lasistan-Detachement war sehr schwach an Artillerie und Maschinengeweheren, auch bestand es zum großen Teile aus minderwertigen freiwilligen Formationen, trotzdem wäre ein so weites Zurückgehen kaum notwendig gewesen, da die pontischen Gebirge überall Verteidigungsstellungen bieten, die bei einiger Tatkraft gegen jede Übermacht zu halten sind. In dem ersten Teil der Kämpfe waren die Türken bis Atina zurückgegangen. Sobald aber die Landungen der Russen im Rücken den Türken bekannt wurden, scheint trotz der geringen Zahl der gelandeten Russen ein allgemeines Ausreißen und Auseinanderlaufen begonnen zu haben. Avni Pascha, der Militärkommandant in Lasistan hatte den Kopf vollkommen verloren und war außer Stande Ordnung in der entstandenen Verwirrung zu schaffen. Erst das aus Konstantinopel eintreffende Regiment Hunger, das einige Maschinengewehre und Kanonen mitbrachte, und das Anlangen eines Unterseebootes , das die russische Flotte sofort vertrieb, hat die Lage im Küstengebiet wieder ins Gleichgewicht gebracht, sodass wenigstens die wichtige Stadt Trapezunt bis jetzt gerettet worden ist.

Inzwischen ist Avni Pascha von Trapezunt abberufen und auf seinem Posten nicht ersetzt worden. Führer des Lasistan Detachements ist Hamdi Bey geworden, der als wenig bedeutend gilt. Ein paar Tage hat Halid Bey das Detachement geführt, der früher in Melo (Tschoroch-Tal) befehligte. Oberstleutnant Guse hatte die Absicht, den Major Hunger zum Kommandeur des Lasistan-Detachements zu machen, konnte dies aber beim Armeekommadanten nicht durchsetzen. Oberstleutnant Stange hat seiner Zeit das unbegrenzte Vertrauen und die begeisterte Liebe nicht nur seiner Truppen sondern auch der gesamten Bevölkerung in Lasistan besessen. Dergleichen soll offenbar in Zukunft vermieden werden. Ferner soll dem Lasistan-Detachement die georgische Legion angegliedert werden, auch deshalb scheint dort kein deutsches Kommando gewünscht zu werden.

Der Armeekommandant befindet sich augenblicklich auf einer Besichtigungsreise nach Trapezunt. Oberstleutnant Guse begleitet ihn.

Im Süden ist es den Russen gelungen, die Stadt Bitlis durch nächtlichen Überfall zu nehmen. Die Türken scheinen im höchsten Grade unaufmerksam und nachlässig gewesen zu sein. Die Überraschung war eine so vollkommene, dass angeblich nur ein Türke, der Etappenkommandant, aus der Stadt entkommen ist. Auch der Wali soll gefangen genommen sein.

In den letzten Wochen sind die südlich von Ersindjian, in der Landschaft Dersim sitzenden, fast unabhängigen Kurden etwas unruhig gewesen. Sie haben in der Schlucht von Kemach eine türkische Munitionskolonne angegriffen und einige andere Gewalttaten gegen Türken verübt. Bedeutung scheint die Bewegung nicht zu haben.

Als die Gefahr für Erserum dringend wurde, haben die türkischen Behörden der Bevölkerung den Rat gegeben zu fliehen. Viele Tausende sind dieser Weisung gefolgt. Seit Mitte Februar bewegte sich sechs Wochen lang ein ununterbrochener Zug von Menschen und Vieh durch Ersindjian. Mitte März sagte mir der Wali, dass bereits 50000 Menschen Ersindjian durchzogen hätten, eine Zahl, die sicher zu niedrig gegriffen ist. Von hier aus wurden die Leute nach Siwas weiter geschickt, da Ersindjian ebenfalls als gefährdet gilt und derartige Massen Volks – die Stadt hatte im Frieden etwa 25000 Einwohner – nicht aufzunehmen vermag.

Das Elend unter den Flüchtlingen war ganz außerordentlich groß. Die ganze Marschstraße ist noch jetzt mit Tausenden von Tierkadavern besät und überall sieht man Gräber, vor allem von Kindern [AA: wie in Polen]. Zwei Tagereisen von hier, nach Siwas zu, hat einer der deutschen Offiziere des Skibataillons an einer Stelle 20 Erfrorene im Schnee liegen sehen.

So traurig wie die Bilder des türkischen Rückzugs waren, so sollen sie nicht entfernt an die heranreichen, die im Vorjahre der Rückzug von Sarikamisch bis in die Gegend von Erserum bot. Auch diesmal sieht man die langen Züge der kranken und verwundeten Soldaten, die sich erdgrau im Gesicht, die abgefrorenen Glieder mit schmutzigen Lappen umwickelt ohne jede Hilfe von der Front bis Ersindjian ins Krankenhaus schleppen müssen. In diesem Jahr tritt aber der Flecktyphus nicht annähernd so stark auf, wie im Vorjahre, wo er anscheinend seine Hauptkraft ausgetobt hat. So liegen diesmal viel weniger unbegrabene Leichen an der Straße.

Seit einigen Wochen sind hier mehrere hundert Fälle von Cholera asiatica aufgetreten, vorzüglich unter den Soldaten. Da die warme Jahreszeit herannaht, ist das Auftreten dieser Seuche nicht unbedenklich.

Anscheinend ist die Flucht der Bevölkerung, die natürlich auch hier den Behörden eine unendliche Mühe und Arbeit aufladet, ganz unnötig gewesen. Sie war durch die Befürchtung veranlasst worden, die Russen würden unter der Zivilbevölkerung ein Blutbad anrichten. Gräueltaten im großen Stil werden aber hier regelmäßig nur von den armenischen Banden begangen, die anscheinend nur auf den Flügeln der russischen Armee kämpfen. So ist von diesen bei der Eroberung von Bitlis ein großes Blutbad angerichtet worden, dem 2-3000 Muhamedaner von der Landbevölkerung zum Opfer gefallen sind. Allerdings hatten dort während der Vertreibung der Armenier im vorigen Sommer Massakres stattgefunden, an denen aber, wie der hiesige Wali mir sagte, die Bevölkerung ganz unschuldig war. Sie waren – ich zitiere den Wali – „bedauerlicher Weise von unserem Komitee veranlasst“. Vor Erserum stand die reguläre russische Armee, die sich nach der Besetzung der Stadt, in der immerhin noch 25-30000 Menschen zurückgeblieben sind, anscheinend durchaus diszipliniert und anständig benommen hat. Der Wali hat denn auch mir gegenüber ausgesprochen, dass wenn Ersindjian ebenfalls aufgegeben werden müsse, die Bevölkerung an Ort und Stelle zurückgelassen werden solle; es sei einfach nicht mehr möglich, die Massen der Flüchtlinge auf dem langen und beschwerlichen Wege zu ernähren und weiter rückwärts unterzubringen. Außerdem muss der Abtransport der Flüchtlinge auf der einzigen vorhandenen Straße, der nach Siwas, erfolgen, wodurch der ebenfalls gezwungenermaßen auf ihr vor sich gehende Nachschub für die Armee stark erschwert wird. In der ersten Zeit nach dem Falle von Erserum war das enge Euphrattal zwischen Erserum und Ersindjian derartig mit zurückgehenden Truppen und Flüchtlingen verstopft, dass eine Katastrophe unvermeidlich gewesen wäre, wenn die Russen energisch nachgestoßen hätten.

In Ersindjian hat der Flüchtlingszug alle Lebens- und Futtermittel verzehrt. Eine ungeheure Teuerung ist die Folge gewesen. Der Militärverwaltung gelingt es langsam neue Vorräte heranzuschaffen, bis jetzt müssen wir trotzdem ausschließlich von Brot, Hammelfleisch und weißen Bohnen leben; die Pferde werden mit einer Mischung von Gerste und Weizen ernährt. Zucker fehlt vollkommen, Kaffee ist ungeheuer teuer.

Der von den Türken erlittene Rückschlag hat nicht verfehlt, wenigstens hier in Ostanatolien den Staatskredit in Mitleidenschaft zu ziehen. Ein Papierpfund gilt augenblicklich hier nur 65 Piaster Silber. In den letzten Tagen wurden hier regierungsseits die den Armeniern gehörig gewesenen Teppiche versteigert. Dabei wurden ganz verblüffende hohe Preise erzielt. Die Bevölkerung suchte auf diese Weise ihr Papiergeld los zu werden und dafür den realen Wert der Teppiche einzutauschen.


[Schulenburg]



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