1915-01-31-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 20178
Zentraljournal: 1915-A-04670
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 02/11/1915 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 53
Zustand: A
Letzte Änderung: 10/23/2017


Der Gesandte in Athen (Quadt zu Wikradt und Isny) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 53.

Athen, den 31. Januar 1915

Euerer Exzellenz hatte ich die Ehre, mit letzter Post den Bericht Nr. 2 vom 29. d.Mts {A 4670} des Militär-Attachés der hiesigen Gesandtschaft, Herrn Hauptmann von Falkenhausen, im Anschluss an anderweitige Meldungen von ihm zu überreichen. Um den Abgang des wichtigen Berichts nicht zu verzögern, habe ich mich enthalten, einen Kommentar dazu zu geben. Ich halte es aber für meine Pflicht, ausdrücklich davor zu warnen, dass man nicht bei uns die in dem Bericht niedergelegten Ansichern, sei es Seiner Majestät des Königs oder der Generalstabsoffiziere als eine unverrückbare Richtlinie der hiesigen Politik ansehen möge. Ich höre übrigens, dass schon bei der von Herrn Hauptmann von Falkenhausen erwähnten Besprechung, die bei Seiner Majestät dem König stattfand, der Minister-Präsident und Kriegsminister Venizelos heftig gegen besonders von Oberstleutnant Metaxas zum Ausdruck gebrachten Ansichten polemisiert hat, aber schliesslich anscheinend überzeugt worden ist. Herr Venizelos, dies darf nicht übersehen werden, steht trotzdem, wie er mir oft selbst zu verstehen gegeben hat, mit ganzer Seele und mit allen seinen Sympathien auf der Seite unserer Gegner. Wo immer dies geschehen kann, ohne dass ihm direkt ein Neutralitätsbruch von unserer Seite nachgewiesen werden kann, leistet er unseren Gegnern, soweit dies irgendwie im Bereich der Möglichkeit liegt, jeden nur denkbaren Vorschub. Dies ist oft erwiesen worden. Ich erinnere z.B. an den griechischen Hafenkapitän, der zu Anfang des Krieges, als unsere Kriegsschiffe sich noch im Mittelmeer befanden, geäussert hat, er habe den Auftrag, die Anwesenheit unserer Kriegsschiffe sofort zu melden, uns feindliche Kriegsschiffe aber erst nach Ablauf von 24 Stunden. Wiederholt habe ich dagegen protestieren müssen, dass unsere Feinde die griechischen Häfen und Inseln als Stützpunkte benutzen. Noch kürzlich haben, wie mir mein türkischer Kollege sagt, die gefangenen Matrosen des französischen Unterseeboots Saphir ausgesagt, dass sie ständig sich mit ihren Schiffen in griechischen Häfen befänden. Seine Majestät der König hat mir in den allerletzten Tagen gesagt, Venizelos sei von England völlig fasziniert und wie ihm von England aus die kleinste Aufmerksamt erwiesen werde, liege er, wie Seine Majestät bemerkte, platt vor England auf dem Bauch. Seine Majestät der König steht ganz unzweifelhaft mit Seinen Sympathien in Loyalster Weise auf unserer Seite, aber gerade die letzte und schwerste Krise, die wir soeben durch das Drängen der Entente hier durchgemacht haben, hat gezeigt, daß auch Seine Majestät Sich dem Willen von Venizelos unter Umständen, wenn dieser die nötigen Argumente ins Feld führt, fügen wird. Man darf nicht übersehen, Venizelos hat die grosse Majorität im Parlament und im Land hinter sich und er - nicht der König - wird, wenn es sich um die ernstesten Fragen handelt, die Griechenlands Lebensinteressen berühren, das letzte und entscheidende Wort sprechen

Wenn Griechenland also diesmal noch den Lockungen der Entente Widerstand geleistet hat, so ist dies nach meiner Auffassung ausschliesslich darauf zurückzuführen, dass die Versprechungen, die unsere Gegner hier gemacht haben, nicht verführerisch und praktisch genug waren. Der impulsive Ministerpräsident, der zuerst ganz begeistert war, für die Anerbietungen, die ihm von unseren Gegnern für ein Grossgriechenland gemacht wurden, hat bei näherer und ernsterer Prüfung, bei der ihm stets Sachverständige des Generalstabs an der Seite gestanden haben, entdeckt, dass diese Anerbietungen sich doch nicht so ganz einfach durchführen lassen würden. So klang es Herrn Venizelos zuerst wie lockende Musik, als man ihm grosse Teile Kleinasiens mit Smyrna versprach, als jedoch mehr nüchterne Praktiker Herrn Venizelos auseinandersetzten, dass, wenn die Türkei nach dem Innern Asiens zurückgeworfen würde, zum allermindestens Besatzungstruppen in Höhe von 100000 Mann in Kleinasien garnisoniert werden müssten, um dieses zu halten, dass aber die Abzweigung solcher bedeutender Kräfte von Seiten Griechenlands eine Schwächung Bulgarien gegenüber bedeuten würde, da sank auf einmal der Wert des Angebotenen sehr bedeutend. Damals war es, dass der Ministerpräsident mir sagte, die Anerbietungen, die ihm von Seiten unserer Gegner gemacht worden seien, seien doch nicht gar so verführerisch.

Sehr schön klingt es ja, wenn Oberstleutnant Metaxas Herrn Hauptmann von Falkenhausen gesagt hat, nach diesem Kriege würde sich die Politik Griechenlands nach unserer Richtung hin orientieren, jetzt sei dies unmöglich, da dies die Vernichtung Griechenlands bedeuten würde. Wenn uns aber Griechenland von Nutzen sein soll, so kann ich mir dies nur so denken, dass es uns in der Zukunft gegen unsere Feinde zur Seite steht. Es ist nun zwar wohl mit Sicherheit anzunehmen, dass unsere jetzigen Feinde bedeutend geschwächt aus dem gegenwärtigen Konflikt herauskommen werden. Aber wird die Schwächung eine so grosse sein, dass Griechenland für seine Küsten und seine Inseln nichts mehr von England wird zu fürchten haben? Es klingt ja sehr hübsch, wenn Oberstleutnant Metaxas sagt, Griechenland werde in Zukunft eine Armee von 400000 Mann aufstellen und dieser Faktor müsse berücksichtigt werden. Dies ist gewiss der Fall, aber wie wird eine Landarmee von 400000 Mann die Küsten und die Inseln Griechenlands gegen eine sehr bedeutende feindliche Flotte schützen können?

Venizelos wird, wenn er am Leben bleibt, - und er steht in den besten Jahren - ob er nun Ministerpräsident ist, oder ob er die Opposition leitet, voraussichtlich auf lange Zeit hinaus, immer der Ausschlag gebende Faktor in Griechenland sein. Auf ihn als Freund, scheint mir, werden wir nicht rechnen können. Wenn auch viele hohe Offiziere, viele Gelehrte mit ihren Sympathien auf unserer Seite stehen, so stimme ich doch mit dem Ministerpräsidenten in der Auffassung, die er mir gegenüber oft ausgesprochen hat, überein, dass der überwiegende Teil der öffentlichen Meinung in Griechenland in dem uns feindlichen Lager mit seinen Sympathien sich befindet. Nach siegreicher Beendigung des jetzigen Krieges wird gewiss die Achtung für uns ins Ungemessene steigen bei den Griechen, wirklich fürchten werden sie uns nie, da wir keinen Grund haben, etwas gegen sie zu unternehmen und auch ihre geographische Lage sie in dieser Beziehung vor uns sichert. Einschüchtern lassen werden sie sich deshalb in erster Linie nach wie vor nur von England.

Es wäre also meines Erachtens ein Fehler, wenn wir in Zukunft mit Bestimmtheit auf Griechenland als Freund zählen würden. Allerdings, wenn wir uns Rumäniens sicher sind, so würde das jedenfalls den Nutzen haben, dass Griechenland nie wagen wird, gegen uns beziehungsweise uns Verbündete etwas zu unternehmen.

Natürlich ist es im gegenwärtigen Augenblick in unserm Interesse gelegen, uns so gut wie möglich mit Griechenland zu stellen, schon aus dem Grunde, um uns seiner Neutralität so lange wie irgend möglich zu vergewissern. Von diesem Gesichtpunkte aus werden wir alle Sympathien, auch der geringsten Minorität, wo immer wir ihnen begegnen, hegen und pflegen müssen, und wir werden wo immer sich eine Gelegenheit bietet, Griechenland wohlwollend gegenübertreten und seine Aspirationen auf Vergrösserung, wo wir dies können, unterstützen müssen.


A Quadt



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