1914-03-25-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 7356
Zentraljournal: 1914-A-6146
Erste Internetveröffentlichung: 2012 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 03/28/1914 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 57
Zustand: A
Letzte Änderung: 06/17/2017


Der geschäftsführende Konsul in Saloniki (Schwörbel) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



J.Nr. 711./K.Nr. 57.

Salonik, den 25. März 1914
(In Abschrift nach Konstantinopel und Athen mitgeteilt).

Die griechisch-serbische Kommission zur Regelung des serbischen Transitverkehrs tritt heute nachmittag zur ersten Sitzung zusammen. Seitens der hiesigen halbamtlichen Presse wird gegenüber Erklärungen des serbischen Hauptdelegierten Stoyanowitsch über die administrative Abtretung eines Teils des Hafens darauf hingewiesen, dass es sich selbstverständlich nur darum handeln könne, einen gewissen Platz in der zu errichtenden Freizone für die serbische Ein- und Ausfuhr zu reservieren.

Die hiesige Bevölkerung ist durch die amtliche griechische Nachricht über die Auslassung Saloniks aus der direkten Bahnverbindung zwischen Athen-Piräus und Europa auf tiefste erregt. Selbst die griechischen Kreise werfen der Regierung offen vor, dass sie Salonik völlig zu Grunde richten und den ganzen europäischen Verkehr nach Athen-Piräus lenken wolle. Man hatte in Salonik immer darauf gehofft, dass nach Einrichtung des Schnellzugsverkehrs zwischen Salonik und Wien die indische Post ihren Weg anstatt über Brindisi über Salonik nehmen würde und sieht jetzt, dass die griechische Regierung die indische Post für den Piräus gewinnen will.

Durch die Auslassung Saloniks aus der direkten Bahnverbindung zwischen Athen und Europa werden 46 km Eisenbahnweg gewonnen. Die direkte Bahnlinie wird von dem 23 km nördlich Salonik liegenden Topsin nach Gida an der Bahnlinie Salonik-Monastir gehen um von dort nach Süden abzuzweigen.

Die hiesigen Zeitungen brachten gestern einen aus der halbamtlichen Zeitung „Estia“ in Athen entnommenen Artikel, in dem behauptet wird, dass geheime Agenten des jungtürkischen Komitees die muselmännische Bevölkerung Mazedoniens zur Auswanderung nach Thrazien zu verleiten suchen. Mazedonien sei durchwühlt von fremder Propaganda. Verdächtig der Teilnahme an den Wühlereien sei „ein gewisser religiöser Chef“ und „ein fremder Konsul, der in Salonik residiere.“

Aus meiner amtlichen Tätigkeit - besonders während der Zeit der Uebernahme des Schutzes der Türken - heraus kann ich demgegenüber auf das bestimmteste versichern, dass der mit dem „gewissen religiösen Chef“ unstreitig gemeinte Mufti von Salonik, wie übrigens alle türkischen Beamten und Zivilpersonen, die sich hier mit der Wegschaffung von türkischen Flüchtlingen befasst haben, immer gegen die Auswanderung angekämpft haben und die hierher aus dem Inneren kommenden Türken zu überreden suchten, wieder in ihre Dörfer zurückzukehren, was auch in vielen Fällen geglückt ist.

Mit dem „fremden Konsul“ ist scheinbar der neue türkische Generalskonsul Fuad Selim gemeint, der jedoch, wie er mir noch letzter Tage versicherte, und wie ich auch objektiv feststellen konnte, Gegner der Auswanderung ist.

Ich bin der festen Ueberzeugung, dass die griechische Regierung mit derart inspirierten Artikeln das Odium der andauernden Auswanderung von sich abzuwälzen sucht. Tatsache ist, dass die griechische Regierung, wie ich schon in meinem früheren Bericht vom 17. d.Mts {A 5602} schrieb, die Auswanderung der muselmännischen Bevölkerung in Verkennung des Wertes derselben für die Kultur des Landes begünstigt und sogar durch harte Steuern, Einquartierung christlicher Familien aus West- und Ostthrazien u.s.w. dazu zwingt.

Der deutsche Konsul, der bis zu Anfang des vorigen Monats die türkischen Interessen hier vertrat, kann unter dem „fremden Konsul“ nicht gemeint sein, da das Kaiserliche Konsulat sich schon seit 9 Monaten nicht mehr mit dem Abtransport von Mohadschirs beschäftigt hat. Nichtsdestoweniger ist es immerhin möglich, dass ein oder der andere auf Grund der Vertretung der türkischen Interessen seitens Deutschlands den „deutschen“ Konsul als den in dem Artikel des „Estia“ gemeinten ansieht.

Nach Nachrichten aus Epirus haben die epirotischen Autonomisten Corytza und Kolonia genommen. Die Kämpfe zwischen der albanesischen Gendarmerie und Anhängern eines türkischen Albanien sollen völlig aufgehört haben.


Dr. Schwörbel



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