1913-07-15-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 14080
Zentraljournal: 1913-A-14456
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 07/17/1913 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Staatssekretär des Auswärtigen Amts (Jagow)

Privatschreiben


Therapia, den 15. Juli 1913

Lieber Herr von Jagow.

Ihre freundlichen Zeilen vom 8. d. Mts.1 erhöhen mein Bedauern, nicht zu einer Rücksprache nach Berlin haben kommen zu dürfen. Es ist kaum möglich, während eines längeren Zeitraums die verwickelten hiesigen Verhältnisse schriftlich oder telegraphisch in einer Weise zu behandeln, die jede Unklarheit und jedes Mißverständnis ausschließt. Vieles, was hier natürlich und selbstverständlich ist, erscheint am anderen Ende des Kabels oder der Postverbindung seltsam und unerklärlich. Leider werden ja immer noch Wochen, wenn nicht Monate vergehen, bevor ich an einen Urlaub denken kann.

Quoad Armenien waren wir Dreibundkollegen der Meinung gewesen, daß diejenigen Mächte, welche das russische Projekt annähmen, damit gleichzeitig ihren Entschluß, das Ende der Türkei herbeizuführen, bekunden würden, und daß, wenn England dem Projekte zustimmte, jeder Versuch der übrigen Mächte, den Zusammenbruch aufzuhalten, vergeblich sein würde. Nachdem England die zwei Generalinspekteure für den Osten und Norden zugesagt hatte, hegten wir die Hoffnung, daß die englische Botschaft das Projekt Mandelstam um so lebhafter bekämpfen würde, je größere Zurückhaltung wir selbst üben würden. Diese Voraussicht hat sich nicht erfüllt. Wie ich jetzt weiß, hatte Sir G. Lowther seiner Regierung schon vor Beginn der Beratungen telegraphiert, daß die Dreibundmächte Bedenken gegen den russischen Antrag äußern würden. Fitzmaurice dürfte danach in die Verhandlungen mit der Instruktion eingetreten sein, in allen von uns bekämpften Punkten für Rußland zu stimmen und damit die Verantwortung für das Scheitern des Projekts auf den Dreibund abzuwälzen. Vielleicht wäre es taktisch richtiger gewesen, England, Frankreich und Rußland, welche schon 1895 ohne uns den Reformplan ausgearbeitet hatten, zunächst à trois ein neues Projekt aufstellen zu lassen unter Vorbehalt unserer späteren Stellungnahme dazu. Dann hätte England wahrscheinlich Farbe bekennen müssen. Wie die Dinge sich entwickelt haben, konnte von einem Vorschieben Englands durch den Dreibund keine Rede sein. Da wir an den Verhandlungen teilnahmen, konnten wir nicht schweigen, sondern mussten unsere abweichenden Ansichten äußern, wodurch England entlastet wurde. Ob England nach dem Falle des Projekts Mandelstam aus seinem Fuchsbau herauskommen wird?

Wenn es sich dann wenigstens auf den Standpunkt stellen wollte, daß bei der Unmöglichkeit, den russischen Reformplan durchzusetzen, das nächst schlechtere Projekt zur Sanierung Armeniens, das heißt das türkische Programm durchgeführt werden müsse. Daß Sir E. Grey an so etwas denkt, ist vielleicht aus seinem Entgegenkommen in der Frage der Generalinspekteure zu entnehmen, die ja durch das Projekt Mandelstam in Wegfall kommen würden. Auf diesem Wege könnten wir England freudig folgen und selbst weites Entgegenkommen in betreff der Kontrolle beweisen. Vorläufig sehe ich allerdings noch nicht, wie England sich dann mit Rußland auseinandersetzen würde. Unter Rußland verstehe ich nicht Herrn Sassonoff, der mir ein verständiger und extremen Wendungen abgeneigter Mann zu sein scheint. Rußland im Sinne der Orientfrage ist die hiesige russische Botschaft. Diese betrachtet sich von jeher als ein Institut zur Verwirklichung des letzten Willens Peters des Großen und arbeitet als solches fast ganz unabhängig von St. Petersburg. Die Traditionen sind auf der russischen Botschaft immer stärker gewesen als die Einflüsse des jeweilig leitenden Botschafters. Die Traditionen verkörpern sich in der großen Anzahl der seit vielen Jahren hier tätigen Botschaftsbeamten und in den weltlichen und kirchlichen Organen, die von der Botschaft hier und in der übrigen Türkei ressortieren. So vollzieht sich das hiesige amtliche Treiben Rußlands in einer Atmosphäre von religiösem und politischem Fanatismus, über welchem eine Wolke von Mystizismus und gelegentlich auch von Alkohol schwebt. Es hat noch keinen russischen Botschafter - Sinoview vielleicht ausgenommen - gegeben, der in diesem Milieu nicht bald selbst zu einem Fanatiker geworden wäre. Jeder Botschafter fühlt sich nach einiger Zeit als Testamentsvollstrecker und betrachtet seine Mission als ein heiliges Kommissorium, in welches er sich nicht hineinreden läßt. Er macht also eigene Politik, deren Endzweck selbstverständlich nur der Sturz der türkischen Herrschaft sein kann. Auch Herr von Giers hat diese Wandlung durchgemacht. In Bukarest soll er noch ganz vernünftig gewesen sein. Jetzt geriert er sich als Apostel und wirkt auf Nichtrussen ebenso komisch wie die Petersburger Lebemänner, die während der Osternacht in der Isaakkirche verzückte Grimassen schneiden. Trotzdem ist er in seinem Wirken äußerst ernst zu nehmen. Kurz nach der Zeichnung des Londoner Präliminarfriedens hat er Markgraf Pallavicini halb ernst halb scherzend gesagt, daß nunmehr für Rußland der Weg nach Konstantinopel geöffnet sei. Das Projekt Mandelstam ist das Produkt dieser Überzeugung. Nach dem Bilde, welches mir von Herrn Sassonoff entworfen worden ist, bezweifle ich, daß er sich von der Tragweite der Giers'schen Pläne Rechenschaft ablegt. Ist er aber wie die meisten russischen Staatsmänner empfindlich, so wird er die Ablehnung des Projekts Mandelstam persönlich übelnehmen und sich vielleicht mit demselben identifizieren. Dann würde Giers Oberwasser bekommen und wahrscheinlich Massakers provozieren. Alles kommt daher darauf an, daß Sassonoff uns rechtzeitig die Hand zu einem Ausgleich - türkischer Reformplan und weitgehende europäische Kontrolle - bietet.

Schönberg hat nicht die Ausdehnung der Reformen auf Kilikien beantragt. Unter den Delegierten der Dreibundmächte war verabredet worden, Herrn Mandelstam recht gründlich ins Verhör zu nehmen und ihn auch zu fragen, welche Gründe ihn bewogen hätten, gewisse von Armeniern bewohnte Gebiete, darunter auch solche, welche zu den sechs Vilajets gehören, von den Reformen auszuschließen. Tatsächlich hat sich Mandelstam eine armenische Zone für spezifisch russische Zwecke zurechtgeschnitten. Nur Frankreich ist noch durch Einbegreifen von Kharput-Diarbekir mit Bezug auf seine Eisenbahnpläne bedacht. Da wir die Einheitsprovinz schon vorher bekämpft hatten, so konnte in der Konferenz niemand auf den Gedanken kommen, daß wir ein Großarmenien annehmen würden, wenn Kilikien dazu käme. Ausserdem ist vor Beginn der Verhandlungen ausdrücklich festgestellt worden, daß die Dragomans nur unverbindliche Unterhaltungen zur gegenseitigen Aufklärung führen sollten. Falls es zur Durchführung der türkischen Zonenpolitik kommt, so würde unsere Interessensphäre auf vier Zonen verteilt werden. Ohne fremde Instrukteure können diese Zonen nicht bleiben. Ich werde später bemüht sein zu erreichen, daß unserer öffentlichen Meinung durch Berufung einiger Deutschen Rechnung getragen wird. Eventuell können wir nach Adana einen deutschen Offizier als Kommandanten der dortigen Truppen schicken. Bleibt die jetzige Regierung, so wird kaum etwas ohne uns oder gegen uns geschehen.

Es wäre nützlich, wenn General Liman möglichst bald, zunächst inkognito auf Urlaub, hierher käme, damit er bei der Aufstellung der Reformpläne und seines Kontrakts mitwirken und sich außerdem orientieren könnte.

Mit besten Grüßen Ihr ergebener


Wangenheim

1 PA-AA/Wangenheim-Nachlaß/Jagow-Briefe.



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