1914-06-19-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 7356
Zentraljournal: 1914-A-12265
Erste Internetveröffentlichung: 2012 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 06/22/1914 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K.Nr. 115/J.Nr. 1338
Zustand: A
Letzte Änderung: 12/18/2017


Der Konsul in Saloniki (Walter) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 115.

Salonik, den 19. Juni 1914

Die gegenseitigen Beschuldigungen wegen Verfolgung und Mißhandlung ihrer Glaubensgenossen in Kleinasien und Mazedonien und die daraus entstandene Spannung zwischen Griechenland und der Türkei haben hier die Lage verschärft und einen fast völligen Geschäftsstillstand in den letzten Wochen verursacht, weil mit einem neuen Kriegsausbruch gerechnet wurde. Verschiedene Firmen sind in Liquidation getreten, da sie sich nicht länger halten konnten und befürchten mußten, für bankerutt erklärt zu werden, sobald gerichtliche Konkurseröffnungen zugelassen werden. Dieser Termin tritt am Ende Juni a.St., am 14. Juli n.St. ein. Jetzt kann die Liquidation außergerichtlich durchgeführt werden, was auch später in der Regel vorzuziehen sein wird.

Frische Truppen sind in der letzten Zeit hier durchgekommen, um die Grenzbesatzungen zu verstärken. In Xanthie und Petritsch sollen sich wieder Tausende von Komitadschis ansammeln und es ist auch schon zu Zusammenstößen mit ihnen an der Grenze gekommen. Auch Serbien verstärkt die Besatzung in Strumnitza, Geogeli und Doiran. Ein griechischer Dampfer brachte große Mengen von Gewehren, System Mannlicher, die an die griechischen Grenzbauern verteilt werden sollen. (Salonik ist nach der thrazischen Einwanderung jetzt von Flüchtlingen aus Kleinasien überschwemmt und es ist schwer, für sie Unterkunft und Unterhalt zu schaffen. Die öffentlichen Schulen müssen auf Anordnung des Generalgouverneurs Sonntag schließen, um Flüchtlinge darin unterzubringen. Auch die deutsche Schule hatte eine solche Verfügung bekommen, die aber Herr Sofoulis auf meine Verwendung zurückgenommen hat, da sie erst im Juli schließt und gegen 2500 fr. Schulgeld verlieren müßte. Der italienische Kollege, der heute bei mir war, wird ebenfalls gegen die vorzeitige Schließung der italienischen Schulen protestieren. Diese Maßregel wird jedenfalls nur Anwendung finden bei den griechischen und israelitischen Schulen, vielleicht auch den türkischen.) Die Flüchtlinge lagern in den Vorstädten, am Hafen zum Teil unter freiem Himmel und erhalten Brotrationen, über die in der Presse Klagen laut werden. Man erwartet Zelte und Lebensmittel aus Athen. Sie erzählen von ihren Leiden und Bedrängnissen in der Türkei, zeigen ihre Wunden und die Presse übertreibt, wie gewöhnlich, das Erzählte. So sollen die Wunden, die die Leute aus Phokea aufweisen, von ihrem Kampfe mit Gendarmen herrühren, die ihre nächtliche Entweichung aus dem Lande zu verhindern hatten, wogegen sich die Leute mit bewaffneter Hand gewehrt haben. Andrerseits wissen aber auch die Muselmanen in Mazedonien von Gewalttaten und Drangsalierungen durch die Griechen zu erzählen und der türkische Generalkonsul, der mit Galib bey Ostmazedonien besucht hat, nimmt offen Partei für sie und erklärt die griechischen Beschuldigungen von Komplotten unter ihnen für eitel Vorwände, um sie einzusperren, zu martern und Geständnisse von ihnen zu erpressen. Es ist mit Griechen schwer über diese Dinge zu sprechen, weil sie derartiges mit der größten Entrüstung ableugnen. Der französische Vizekonsul, der am Mittagstisch gesprächsweise zu bemerken sich erkühnte, daß auch bei den Griechen Excesse vorkämen, erhielt von dem früheren Leiter des Preßbüros dafür Ohrfeigen angeboten. Die Sache wurde dann geschlichtet.

Einen Artikel aus der Makedonia vom 3./16. Juni erlaube ich mir in Übersetzung beizufügen, er enthält Angriffe auf den türkischen Generalkonsul wegen seiner Parteinahme für seine Landsleute. Fuad Selim bey findet es überaus peinlich mit dem Generalgouverneur Sofoulis, der wegen früherer Vorkommnisse auf Samos in der Türkei zum Tode verurteilt ist, und dem Rechtsbeirat des Gouvernements Kosmides, einem früheren türkischen Deputierten, den es als Landesverräter betrachtet, sich in amtlichen Beziehungen befinden zu müssen. Im übrigen teilen auch meine hiesigen Kollegen die Ansicht, daß die Muhammedaner von den Griechen arg bedrückt werden. Nur den französischen Generalskonsul Léon, der mit einer Griechin aus Fanina verheiratet ist und den hiesigen Notabeln Bleon Hadji Lazzaro zum Schwager hat, habe ich darüber nicht gesprochen.

Abschrift des Berichtes wird dieser Tage nach Athen und Konstantinopel abgehen.


Walter
Anlage

„Makedonia“ vom 3./16. Juni 1914.
Böswillige Erklärungen des türkischen Konsuls


Im Kreise angesehener Landsleute und Fremden versuchte der hiesige türkische Generalkonsul Fuad Selim während der letzten Tage wiederholt, die gegen die Landsleute in Kleinasien von den wilden türkischen Horden unter Duldung der türkischen Regierung begangenen Vandalismen zu begründen.

So hörte man den Fuad Selim sagen: Die Ereignisse seien in Phokea wahr, doch betrachte er sie vollständig begründet, weil die Türken sich für Mazedonien rächen. Und ferner, fügte er hinzu, sind es auch Sicherheitsmaßregeln, denn die Lehrer und Priester haben den ganzen Hellenismus der Türkei vergiftet, sodass er dem türkischen Staate kein Vertrauen inspiriert.

Fuad Selim tritt mit solchen provokatorischen und böswilligen Erklärungen vor behauptend, dass auch in Mazedonien Massakers der Muselmanen durch die Griechen stattfinden und dass weder der Ministerpräsident - obwohl er ausdrückliche Versprechen gab - noch der Generalgouverneur nie eine Heilung haben verursachen wollen.

Nach diesen Erklärungen des türkischen Konsuls wurde in unsrigen Kreisen grosse Erregung beobachtet und wir erfahren, dass der Herr Generalgouverneur vom Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten die Zurückberufung des Konsuls verlangen wird, da er mit einem solchen Prahler und treulosen Diplomaten (?) nicht in amtlichen Beziehungen stehen kann.



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